Ibn Hazm – Das Prophetentum der Frauen

Ein Auszug aus „Al-Fiṣal fi al-Milal wa al-Ahwā' wa al-Niḥal“ von  Abū Muḥammad Ibn Ḥazm al-Andalusı̄. Aus dem Arabischen von Tariq Ibn Lahsan. Mit seiner freundlichen Genehmigung hier publiziert.

Abū Muḥammad sagte: Dies ist ein Kapitel, von dem uns nicht bekannt ist, dass es darüber je einen so großen Streit gegeben hätte, wie in unserer Zeit, hier bei uns in Córdoba. So vertritt eine Partei die Ansicht, es gäbe überhaupt kein Prophetentum unter den Frauen und erklärt jene, die dies sagen, zu Erneuerern. Eine andere Partei vertritt die Meinung, es habe Prophetentum unter den Frauen gegeben und eine Partei enthält sich von einer Festlegung.

Abū Muḥammad sagte: Uns ist von jenen, die es ausschließen, keinerlei Beleg bekannt, außer dass einige von ihnen mit der Aussage Allahs, des Erhabenen, argumentieren:

»Und wir entsandten vor dir nur Männer, denen wir Offenbarungen eingaben«
Al-Naḥl: 43

Abū Muḥammad sagte: Das ist etwas, worüber niemand mit ihnen streitet. Niemand hat behauptet, dass Allah eine Frau entsandt hätte, sondern es geht einzig und allein um das Prophetentum, nicht die Gesandtschaft. Es ist notwendig die Wahrheit in dieser Sache zu ergründen, indem wir die Bedeutung des Wortes „al-Nubūwah“ (Prophetentum) in der Sprache untersuchen, in welcher uns Allah, der Mächtige und Erhabene, angesprochen hat. So stellen wir fest, dass dieses Wort von „al-Inbā’“, dem Kundtun abgeleitet ist. Wem Allah, der Mächtige und Erhabene, also etwas kundtut, was passieren wird, bevor es passiert oder ihm durch Offenbarung Kunde von irgendeiner Sache gibt, der ist ohne Zweifel ein Prophet. Dies fällt dabei nicht unter die Eingebung, die gemäß der Worte Allahs, des Erhabenen, eine natürlich Erscheinung ist:

»Und dein Herr gab der Biene ein«
Al-Naḥl: 68

Auch fällt es nicht unter die Vermutung und Einbildung, von deren Wahrheit niemand überzeugt ist, außer ein Verrückter. Auch fällt es nicht unter die Wahrsagerei in Form des Belauschens des Himmels durch die Teufel, woraufhin sie mit durchdringenden Meteoren beschossen werden. Darüber sagt Allah, der Erhabene:

»Die Teufel der Menschen und der Jinn geben einander im Truge prunkende Worte ein«
Al-An’am: 112

Die Wahrsagerei wurde mit dem Kommen des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, beendet.

Auch fällt es nicht unter die Sterndeuterei, die durch Erfahrung erlernt wird und auch nicht unter den Traum, von dem man nicht weiß, ob er wahr oder falsch ist. Vielmehr ist die Offenbarung, die das Prophetentum darstellt, eine Absicht von Allah, dem Erhabenen, dem, der die Offenbarung empfängt, etwas kundzutun. Dabei stellt es bei dem Empfänger der Offenbarung eine Realität dar, die jenseits der erwähnten Gesichtspunkte ist. Allah, der Mächtige und Erhabene, lässt in dem, dem er eine Offenbarung eingibt, ein unumstößliches Wissen über die Richtigkeit dessen entstehen, was ihm offenbart wurde, was dem Wissen über das gleicht, was er mit den Sinnen und der unmittelbaren Einsicht seines Verstandes wahrnimmt. Es ist genau gleich und es lässt keinerlei Raum für Zweifel, sei es durch das Kommen eines Engels damit oder sei es dadurch, dass er in seiner Seele angesprochen wird, was eine Unterrichtung durch Allah, den Erhabenen, ist, die ohne einen Lehrer als Mittler stattfindet.

Wenn sie leugnen, dass dies die Bedeutung des Prophetentums ist, dann sollen sie uns seine Bedeutung definieren. Tatsächlich werden sie mit gar nichts kommen. Daher ist es also, wie es ist.

Der Qur’ān besagt, dass Allah, der Mächtige und Erhabene, Engel zu Frauen entsandte und sie ihnen wahre Offenbarungen von Allah, dem Erhabenen, übermittelten. So verkündeten sie der Mutter Isḥāqs (die Geburt von) Isḥāq von Allah, dem Erhabenen. Allah, der Mächtige und Erhabene, sagte:

»Seine Frau stand dabei. Sie lachte und da verkündeten wir ihr Isḥāq, und nach Isḥāq Yaʿqūb. Sie sagte: „O wehe mir, soll ich noch gebären, wo ich doch alt bin und dies ist doch mein Ehemann, schon ein Greis? Das ist fürwahr eine verwunderliche Sache.“ Sie sagten: „Wunderst du dich über den Befehl Allahs? Die Barmherzigkeit Allahs und seine Segnungen seien auf euch, Angehörige des Hauses!“«
Al-Hūd: 71 ff.

Dies ist eine Ansprache der Engel von Allah, dem Mächtigen und Erhabenen, an die Mutter Isḥāqs mit der Verkündung von Isḥāq und nach ihm Yaʿqūb, alsdann mit ihren Worten: „Wunderst du dich über den Befehl Allahs?“ Es ist vollkommen unmöglich, dass diese Ansprache von einem Engel in irgendeiner Weise an einen anderen, als einen Propheten gerichtet ist.

Wir stellen fest, dass der Erhabene Jibrīl zu Maryam, der Mutter ʿIsās, entsandte, Friede sei auf beiden, und er sie mit den Worten ansprach:

»Ich bin nur ein Gesandter deines Herren, dir einen reinen Jungen zu schenken«
Maryam: 19

Dies ist wahres Prophetentum durch wahre Offenbarung und eine Botschaft von Allah, dem Erhabenen, an sie. Zakarīyā, Friede sei auf ihm, pflegte bei ihr Versorgung von Allah vorzufinden, um deretwillen er sich einen zusätzlichen Sohn wünschte.

Wir stellen fest, dass Allah der Mutter Musās, Allahs Segen und Heil auf beiden, eingab, ihren Sohn in den Nil zu werfen und er sie wissen ließ, dass er ihn zu ihr zurückbringen und ihn zu einem Propheten und Gesandten machen würde. Dies ist ohne Zweifel und durch verstandsmäßige Notwendigkeit Prophetentum. Jeder, der ein gesundes Urteilsvermögen besitzt, weiß, dass wenn sie sich hierbei nicht auf das Prophetentum verlassen hätte, welches Allah ihr gegeben hat und sie ihren Sohn nur wegen eines Traumes in den Nil geworfen hätte oder wegen etwas, was in ihrem Geist vor sich ging oder was aus ihrer Sorge entsprang, dies der Gipfel des Irrsinns […] gewesen wäre. Würde einer von uns dies machen, so wäre es der Gipfel der Frevelei oder das Höchstmaß an Verrücktheit und sein Hirnleiden müsste in der Heilanstalt behandelt werden. Daran zweifelt niemand.

So steht mit Gewissheit fest, dass die Offenbarung, die sie empfing und wonach sie ihren Sohn in den Nil werfen sollte, genau so war, wie die Offenbarung, die Ibrāhīm bezüglich der Schlachtung seines Sohnes im Traum erhielt. Wäre Ibrāhīm, Friede sei auf ihm, kein Prophet gewesen, der auf die Richtigkeit der Offenbarung und seines Prophetentums bezüglich der Schlachtung seines Sohnes vertrauen konnte, sondern hätte er seinen Sohn nur aufgrund eines Traumgesichts geschlachtet oder wegen einer Vermutung, die sich in seiner Seele einstellte, so wäre jener, der dies tut und der kein Prophet ist, ohne Zweifel ein Frevler von äußerstem Frevel oder ein Verrückter mit dem Höchstmaß an Verrücktheit gewesen. Kein Mensch zweifelt daran.

So ist das Prophetentum dieser Frauen mit Gewissheit belegt. Wir stellen fest, dass Allah, der Erhabene, in Sure „Kā‘ Hā‘ Yā‘ ʿAyn Ṣād“ sagt und erwähnt, wer die Propheten sind und unter ihnen erwähnt er Maryam. Sodann sagt der Mächtige und Erhabene:

»Dies sind diejenigen, denen Allah Gunst erwiesen hat, von den Propheten aus der Nachkommenschaft Adams und denen, die wir mit Nūḥ trugen«
Maryam: 58

Dies ist allgemein und schließt sie unter ihnen ein und es ist nicht erlaubt, sie gesondert zu behandeln. Auch liegt in den Worten des Mächtigen und Erhabenen …

»Und seine Mutter ist eine Wahrhaftige«
Al-Mā’idah: 75

… kein Hindernis dafür, dass sie eine Prophetin war, sagte doch der Erhabene:

»Yūsuf, du Wahrhaftiger«
Yūsuf: 46

Dennoch war er ein Prophet und ein Gesandter Allahs, was offensichtlich ist. Und Allah verleiht den Erfolg.

Zu ihnen, Friede sei auf ihnen, zählt hierin des Weiteren die Frau Pharaos, da der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: „Viele von den Männern haben die Vollkommenheit erreicht, von den Frauen jedoch erreichten sie nur zwei: Maryam, die Tochter ʿImrāns und ‚Āsiyah, die Tochter Muzāḥims, die Frau Pharaos“, oder wie er, Friede sei auf ihm, es gesagt hat. Die Vollkommenheit bei den Männern gab es nur bei einigen Gesandten, Friede sei auf ihnen, da jene, die unter ihnen sind, ohne Zweifel hinter ihnen zurückbleiben. Dass er, Allahs Segen und Heil auf ihm, Maryam und die Frau Pharaos gesondert mit der Vollkommenheit auszeichnete war ohne Zweifel eine Bevorzugung dieser beiden gegenüber den übrigen Frauen, denen das Prophetentum gegeben wurde, denn wer auch immer hinter dem Rang eines anderen zurückbleibt, und sei es auch nur ein Wenig, der hat nicht die Vollkommenheit erreicht. So steht mit dieser Überlieferung fest, dass diese beiden Frauen eine Vollkommenheit erreicht haben, in der ihnen keine anderen Frauen gleichkamen, selbst wenn es sich bei ihnen gemäß Texten des Qur’āns um Prophetinnen handelte. Allah, der Erhabene, sagte:

»Dies sind die Gesandten. Einige von ihnen bevorzugten wir über die anderen.«
Al-Baqarah: 253

Der Vollkommene in seiner Gattung ist jener, den niemand von seiner eigenen Gattung erreicht. Von den Männern sind dies die Gesandten, welche Allah, der Erhabene, gegenüber den übrigen Gesandten bevorzugte. Zu ihnen zählen ohne Zweifel unser Prophet Muḥammad und Ibrāhīm, Allahs Segen und Heil auf ihnen beiden, da entsprechende Texte über beide hinsichtlich ihres Vorzugs über alle anderen und über alle Frauen, existieren, die er, Allahs Segen und Heil auf ihm, erwähnte.

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Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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