Archiv für den Monat: Mai 2018

Ibn Taymiyyahs Konzept des Marktmechanismus (Teil 3)

Preisbildung aus der Sicht anderer muslimischer Denker

Die früheste mir bekannte Aufzeichnung zu Produktionssteigerungen und ‑rückgängen in Bezug auf Preisänderungen findet sich bei Abu Yusuf (731–798 n. Chr./113–182 n. H.). Doch statt eine theoretische Darstellung von Angebot und Nachfrage und deren Auswirkungen auf die Preise zu liefern, stellt er fest:

„Es lässt sich keine bestimmte Grenze von Billigkeit und Teuerung feststellen. Es ist eine Frage, über die vom Himmel aus bestimmt wird, ohne dass wir wissen, wie. Billigkeit kommt nicht dadurch zustande, dass Nahrung reichlich vorhanden ist, und Teuerung kommt nicht durch Knappheit zustande. Sie unterliegen den Befehlen und Entscheidungen Allahs. Manchmal sind reichlich Lebensmittel verfügbar, und dennoch sind sie teuer, und manchmal gibt es zu wenig, aber trotzdem sind sie billig“ (Abu Yusuf, S. 48)

In der zitierten Passage negiert Abu Yusuf die verbreitete Meinung, dass Angebot und Preis in einem negativen Verhältnis zueinander stehen. Es trifft zu, dass der Preis nicht nur vom Angebot abhängt. Genauso wichtig ist die Stärke der Nachfrage. Insofern hängen Preissteigerungen oder –senkungen nicht notwendigerweise mit steigender oder sinkender Produktion zusammen. Abu Yusuf verfolgt diesen Punkt weiter und schreibt, dass es weitere Gründe gibt, die er jedoch „der Kürze halber“ nicht erwähnt (Abu Yusuf, S. 48). Welche Faktoren sind dies? Woran dachte er dabei? Veränderungen in der Nachfrage, Veränderungen der Geldmenge des jeweiligen Landes, das Horten und Verstecken von Ware oder alles zusammen? Es bleibt zu untersuchen, ob er oder seine Zeitgenossen auf diese Punkte eingingen.

Siddiqis Ansicht nach machte der Kontext, in dem Abu Yusuf über Preise schrieb – nämlich dass proportionale Landwirtschaftssteuern (nizam al-muqasamah) besser und gerechtfertigter seien als feste Landsteuern (nizam al-misahah) – keine explizite und detaillierte Beschreibung aller beteiligten Faktoren notwendig (Siddiqi, 1964, S. 79 f. und S. 85–87).

Auch Ibn Khaldun (1332–1404 n. Chr./732–806 n. H.) äußert sich in seinen Schriften zum Thema Angebot und Nachfrage mit Blick auf Preissteigerungen und ‑senkungen. In seinem berühmten Werk al-Muqqadimah unterscheidet er unter der Überschrift „Die Preise in Städten“ zwischen notwenigen und Luxusgütern. Wenn eine Stadt sich ausdehnt und ihre Bevölkerung zunimmt, sinken Ibn Khaldun zufolge die Preise notwendiger Dinge, während die Preise von Luxusgütern steigen. Als Grund dafür gibt er an, dass jedermann sein Hauptaugenmerk auf Lebensmittel und andere lebensnotwendige Güter richtet, so dass das Angebot an diesen Dingen zunimmt und die Preise sinken. Auf der anderen Seite interessiert sich nicht jeder für die Produktion von Luxus- und Komfortartikeln, während die Nachfrage hiernach entsprechend von Veränderungen im Lebensstil steigt und die Preise demzufolge ebenfalls steigen. Ibn Khalduns Darstellung von Angebot und Nachfrage und deren Auswirkungen auf die Preise ist durchaus sinnvoll und vernünftig. Außerdem erwähnt er die Rolle des Wettbewerbs zwischen den Nachfragenden und eine Kostensteigerung beim Angebot aufgrund von Besteuerung und anderer Verpflichtungen in der Stadt (Ibn Khaldun, S. 288 f.).

An anderer Stelle beschreibt Ibn Khaldun die Auswirkungen von steigender oder sinkender Nachfrage auf die Preise. Er schreibt:

„[…] Wenn es von Waren (die von auswärts herbeigeschafft werden) nur wenig gibt und sie selten sind, steigt ihr Preis. Wenn das Land jedoch nah ist und die Straßen sicher sind, wird es viele geben, die Waren transportieren. So werden diese Waren in größerer Menge verfügbar sein und ihr Preis sinken“ (Ibn Khaldun, S. 314).

Die angeführten Zitate zeigen, dass Ibn Khaldun ebenso wie Ibn Taymiyyah sowohl das Angebot als auch die Nachfrage für ausschlaggebend bei der Festlegung von Preisen erachtet. Im weiteren Verlauf führt Ibn Khaldun aus, dass ein moderater Profit den Handel fördert, wohingegen sehr niedrige Profite Händler und Handwerker entmutigen und sehr hohe Profite zu einer sinkenden Nachfrage führen (Ibn Khaldun, S. 315 f.).

Ibn Khaldun geht sogar noch weiter als Ibn Taymiyyah, indem er die Wettbewerbselemente und die unterschiedlichen Lieferkosten klar benennt, über die sich Ibn Taymiyyah nicht sehr explizit äußert. Nach seiner Aussage zu Angebot und Nachfrage führt Ibn Khaldun Beispiele für verschiedene Waren und die Versorgung damit in verschiedenen Ländern sowie deren hohen oder niedrigen Preis, entsprechend der Verfügbarkeit, an. Er stellt lediglich Beobachtungen an, ohne irgendeine Art von Preiskontrolle vorzuschlagen. Anscheinend beschäftigt er sich vor allem mit den Fakten, während Ibn Taymiyyah eher an Regeln interessiert ist. Ibn Taymiyyah beschränkt seine Analyse nicht auf eine Diskussion der Auswirkungen eines Anstiegs oder Sinkens von Angebot und Nachfrage auf die Preise, sondern spricht sich auch gegen jegliche Preisfixierung aus, solange die Marktkräfte normal funktionieren. Im Fall von Marktschwächen oder Ungerechtigkeit auf Seiten der Versorger empfiehlt er eine Preiskontrolle (Ibn Taymiyyah, 1976, S. 25–51, Islahi, S. 79–90, Kahf und Mubarak, S. 107–125).

An einer Stelle in der Muqaddimah untersucht Ibn Khaldun die preisdrückende Wirkung von staatlichem Handel auf Güter, die von privaten Wettbewerbern und Versorgern verkauft werden (Ibn Khaldun, S. 223 f.), doch dies hat nichts mit einer Politik der Preiskontrolle zu tun.

(Quelle: Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Journal of Research in Islamic Economics, Vol. 2, No. 2 / übertragen in die deutsche Sprache für al-adala.de von korrekturlesen-hh, leicht redigiert)

Abu Yusuf: Kitab al-Kharai. Beirut: Dar al-Ma’rifah, 1979
Gordon, B.: Economic Analysis Before Adam Smith. London: Lewes Reprint Ltd., 1979.
Ibn Khaldun: Al-Muqaddimah. Beirut: Dar al-Fikr, o. J.
Ibn Taymiyyah: Majmu’ Fatawa Shaikh al-Islam Ahmad b. Taymiyyah. Riyadh: Al-Riyadh Press, Bd. 8, 1381, Bd. 29, 1383.
Al-Hisbah fi’l Islam, Ed. Azzam, S., Kairo: Dar al-Sha’b, 1976.
Islahi, A. A.: Economic Views of Ibn Taymiyah, Aligarh Muslim University, unveröffentlichte Dissertation, 1980.
Kahf, Monzer: „Economic Views of Ibn Taymeyah“, in: Universal Message, Karachi, Ausg. 4, Nr. 2, Juli 1982; Ausg. 4, Nr. 3, erstmals veröffentlicht in al-Itthihad, Plainfield, Indiana, 1977.
al-Maqrizi, Taqiuddin, Ahmad b. Ali: Kitab al-Sulak li Ma’rifat al Duwal Wal Muluk. Ed. Ziadeh, M. M., Kairo: Lajnah, al-Ta’lif Wa’l-Tarjamah, 1956.
al-Mubarak, Muhammad: Ara’ Ibn Taymiyah fi’l Dawlah wa mada Tadakhkhulliha fi’l Majal al-Iqtisadi. Beirut: Dar al-Fikr, 1970.
al-Qalaqshandi, Abul Abbas Ahmad b. Ali: Subh al-A’sha. Kairo: Dar al-Kutub al-Khudaiwiyah, 1913.
Schumpeter, J. A.: History of Economic Analysis. London: George Allen and Unwin Ltd., 1972.
Siddiqi, M. N.: „Abu Yusuf ka Ma’ashi Fikr“ (Urdu), in: Fikr-o-Nazar, Aligarh, Ausg. 5, Nr. 1, Januar 1964, S. 79 f. und 85–87.
Speigel, H. W.: The Growth of Economic Thought. New Jersey: Prentice Hall Inc., 1971.

Kurz gesagt: Das beschädigte Ansehen frommer Muslime innerhalb der muslimischen Gemeinde Deutschlands

Das Ansehen der Muslime, die äußerlich Merkmale religiöser Frömmigkeit aufweisen, hat innerhalb der muslimischen Gemeinde Deutschlands in den letzten 10-15 Jahren drastisch Schaden genommen.

Während (auch wenig religiöse) Muslime vor 15 Jahren noch großen Respekt vor dem Mann mit Vollbart, akkurat gekürzter Pluderhose und religiöser Kopfbedeckung hatten und sich vertrauensvoll in Fragen der Religion an einen solchen Muslim wandten, schaut man heute vielerorts eher misstrauisch und mitunter auch ablehnend auf solche Muslime.

Der Grund?

Früher waren die meisten Frommen nicht nur äußerlich tadellos, sondern auch innerlich wirkte der Islam, so dass sie einen vorzüglichen Charakter an den Tag legten, wenn sich ein weniger frommer Muslim an sie wandte.

Heute lassen sich die größten Rüpel den Vollbart wachsen und kleiden sich in fromme Tracht, aber die Umgangsformen sind die der Straße geblieben und ihr Umgang mit (äußerlich) weniger Frommen ist geprägt von unverhüllter Erhabenheit und selbstzufriedenem Hochmut.

Ich erinnere mich noch, dass mich 2007/2008 irgendwann ein türkischer Bruder mit zu sich nach Hause nahm. Ich war nicht einmal ein Jahr Muslim, aber hatte schon einen recht beeindruckenden Vollbart erlangt (da ich bereits vor der Konversion begann ihn wachsen zu lassen), und natürlich hatte ich ein akkurat gekürztes und weites Beinkleid sowie eine religiöse Kopfbedeckung auf.

Als er mich dann seinem Vater vorstellte (der vom Alter her auch mein Vater hätte sein können), nannte dieser mich tatsächlich „Yahya Effendi“ und senkte sein Haupt ein wenig, als er meine Hand schüttelte.

Mir wurde von diesem Muslim eine Art von Respekterweisung zuteil, die mir geradezu peinlich war, und das nur, weil ich für ihn den Anschein machte, ein sehr frommer Muslim zu sein.

Heute ernte ich (auch bei mir im Stadtteil mit sehr vielen Muslimen) häufig sehr vorsichtige Blicke und bekomme teils auch Gesten der Abneigung zu spüren.

Liebe Geschwister, was sich in den letzten 10 Jahren in Deutschland als eine neue frömmelnde Bewegung etabliert hat, diese Resultate der massenhaften Laien-Dawa auf den Straßen der Republik, hat dem Ansehen des Islams und der praktizierenden Muslimen (in Teilen) mehr geschadet als mancher von uns Salafis es wahrhaben möchte.

Es braucht mehr Selbstreflexion bei Predigern und Anhängern, und wir müssen selbstkritisch die letzten 10-15 Jahre Revue passieren lassen. Wir haben eine Verantwortung.

Die Dawa der letzten 10 Jahre hat die Gemeinschaft in strenge und moderate/moderne Muslime gespalten. Diese Spaltung jedoch ist tragisch.

Wir können nur wie ein Körper sein, wenn wir uns gegenseitig Ermahnen lassen, so dass wir wieder die Mitte finden. Nicht die Spaltung in Sekten ist das Problem, sondern dass sich die Schwachen gegen die Frommen verbunden und andersherum.

Das nur als kurzes Wort zum Freitag.