Archiv für den Monat: November 2016

Buchauszug: Murad Wilfried Hofmann – Der Untergang des Morgenlands war Grund und nicht Resultat der Kolonisierung

«Die meisten Muslime glauben noch immer, ihre heutige materielle Unterentwicklung sei eine Folge der Kolonisierung im Zeitalter des westlichen Imperialismus. Es ist umgekehrt: Die islamische Welt wurde kolonisiert, weil sie wegen ihres Prinzips der blinden Nachfolge und Akzeptanz von Autorität (taqlid) schon zuvor dekadent geworden war.

Es schont natürlich das Selbstbewußtsein, wenn man anderen und anderem eigenes Versagen anlasten kann.

Dies ist ein überall wirksamer psychologischer Entlastungsmechanismus, der mit der häßlichen Wirklichkeit versöhnen hilft. In der muslimischen Welt ist dieses eher harmlose Phänomen jedoch bei manchen in einen Verfolgungswahn mit Verschwörungsphantasien ausgeartet. Von der Kolonisierung angefangen über die heutige wirtschaftlich-soziale Malaise und die politische Lage in den muslimischen Ländern bis hin zur Technik-»Offensive« des westlichen »kulturellen Imperialismus« wird alles und jedes gerne auf westliche Verschwörungen gegen den Islam zurückgeführt.

Die CIA, der Mossad, zionistische Organisationen und Freimaurer und sogar die NATO spielen in der großen conspiracy theory von Muslimen eine erstaunliche Rolle. Man vermutet allen Ernstes, daß es irgendwo einen master plan für die Unterminierung und Zerstörung des Islam gebe, und ordnet alles dafür Dienliche in sein Weltbild ein. Das westliche Versagen während der ersten drei blutigen Jahre des Bosnien-Konflikts, die amerikanische Nibelungentreue gegenüber Israel und die Prominenz jüdischer Mitarbeiter in der Clinton-Administration haben dem Verschwörungsdenken neue Nahrung (und keine schlechten Argumente) gegeben. Dabei wäre es doch viel einfacher zu verstehen, daß Staaten Interessenpolitik betreiben und daß Erfindungen wie die eines Bill Gates die Welt zwangsläufig überfluten: weil eben Spitzentechnologie wie Wasser von oben nach unten fließt.

Diese psychischen Verwerfungen sind im muslimischen Fall nicht harmlos, weil sie die Diagnose des Selbstversagens hemmen und Eigeninitiative lähmen, sich letztlich also fatalistisch auswirken.»

(Murad Wilfried Hofmann. Der Islam im 3. Jahrtausend Eine Religion im Aufbruch, Seite 51-52 )

Zitat: Ibn Hazm – Der Gehorsam gegenüber den Gelehrten und Befehlshabenden

«Richtig ist, dass der Gehorsam gegenüber den Gelehrten und Befehlshabenden für uns nur allein in den Sachen Pflicht ist, in denen sie uns etwas befehlen, was Allah und sein Gesandter befohlen haben.»

– Abū Muhammad `Alī Ibn Hazm (gest. 456 n.H.)
in seinem Grundlagenwerk Al-Ihkam fi Usul al-Ahkam

Ein herzlicher Dank - für Übersetzung/Unterstützung - geht raus an Taariq bin Lahsan.

Zitat: Murad Wilfried Hofmann – Die natürliche „Pflichtversicherung“

«In der Tat: In der muslimischen Welt – ob reich oder arm – ist die Familie noch das soziale Netz, das sie im Okzident einmal gewesen war, bevor der Staat sie dieser Funktion durch Kranken-, Arbeitslosen-, Unfall-, Renten- und Pflegeversicherung praktisch enthob. In der muslimischen Familie wird weiterhin gemeinsam gelebt, gegessen, gebetet, gefeiert, getrauert und gestorben – und das ohne kollektivistische Unterdrückung von Individualität. Bunte Vögel haben ihre Familiennische, und der muslimische Familienverband fördert gezielt individuelle Begabungen, zum Beispiel durch Finanzierung von Studien im Ausland.»

 – Murad Wilfried Hofmann
in Der Islam im 3. Jahrtausend  Eine Religion im Aufbruch

Buchauszug: Murad Wilfried Hofmann – Die tatsächliche westliche Geschichte seit der Aufklärung

«Die tatsächliche westliche Geschichte seit der Aufklärung war mitnichten die Verwirklichung der Vernunft, sondern eine Serie von Unmenschlichkeiten allergrößten Ausmaßes:

Verproletatisierung ganzer Landstriche und Kinderarbeit; Sklavenhaltung und Apartheid; zwei mörderische Weltkriege; Einsatz chemischer und nuklearer Waffen; systematische, ja im Falle von Nazi-Deutschland industrielle Vernichtung von Kulaken, Juden, Roma und Sinti, Homosexuellen und Geistesschwachen; bolschewistischer Staatsterror; faschistischer Chauvinismus; »ethnische Säuberungen« in Mitteleuropa, Kroatien, Bosnien und Serbien.

Für dieses singuläre Scheitern einer großen Idee, der Herrschaft der Vernunft über autonome Individuen, waren die Väter der Aufklärung nicht unmittelbar verantwortlich, etwa David Hume (1711-1776), Immanuel Kant (1727-1804), Frangois Marie Voltaire (1694-1778), Friedrich der Große (1712-1786), Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) oder Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832).

Erst recht ist den Hauptanregern der Aufklärung dieser Vorwurf zu ersparen, einem Michel Montaigne (1533-1592), René Descartes (1596-1650), John Locke (1632-1704) oder Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), denn sie alle waren keine die Existenz einer Gottheit leugnenden Atheisten, sondern Deisten, die an einen einzigen, weit abwesenden Gott (deus absconditus) glaubten, wenngleich nicht an das kirchlich vermittelte Christentum und sein trinitäres Gottesbild.

Ihre eigene Gottesvorstellung beruhte nicht auf Offenbarung, sondern Naturbeobachtung und Nachdenken. Sie wollten nicht Religion als solche abschaffen, wohl aber den erstickenden Dogmatismus der Kirchen und den Obskurantismus des (aus ihrer Sicht) ungebildeten, unduldsamen, herrschsüchtigen und schmarotzenden Klerus.

In der Tat benutzten einzelne Aufklärer den Islam, um auf diesem Umweg die Befreiung von dem als unerträglich empfundenen kirchlichen Joch zu beflügeln.

Lessing tat dies 1779 auf anständige (und daher für ihn riskante) Weise mit Hilfe der Vorbildlichkeit der Muslime in seinem Theaterstück »Nathan der Weise«.2 Voltaire hingegen, dafür von Friedrich dem Großen durch die Blume gerügt, hatte dies zuvor mit seinem Drama von »Mahomet« (1742), dem »Lügenpropheten«, auf weniger anständige (und weniger riskante) Weise getan, wider besseres Wissen und zu Lasten des Islam. Er schlug den Sack (Islam) und meinte den Esel (die römische Kirche).

Schließlich hatten sich auch Kants Kritiken zunächst nicht anti-religiös, sondern nur anti-kirchlich ausgewirkt.

Mit seiner »Kritik der reinen Vernunft« (1781) hatte er nicht etwa die Nichtexistenz Gottes bewiesen (noch beweisen wollen), sondern nur die Unzuverlässigkeit jeder Metaphysik, die über Erkenntniskritik hinausgeht und damit notwendigerweise spekulativ oder – wie Ludwig Wittgenstein gesagt hätte – zum Sprachspiel wird. Ganz im Gegenteil: In seiner folgenden »Kritik der praktischen Vernunft« (1788) arbeitete Kant mit dem (für das Funktionieren der Gesellschaft notwendigen) Postulat Gottes, d.h. mit Gott als nützlicher Arbeitshypothese.

Dennoch führte die von der Aufklärung bewirkte Befreiung des Menschen von kirchlicher Bevormundung zur Marginalisierung der Religion. Das anstelle Gottes zum Maßstab aller Dinge aufsteigende und während der Französischen Revolution inthronisierte »autonome« (!) Individuum wurde in grandioser Selbstüberschätzung zum neuen Idol, da die Autonomie des Menschen als prinzipiell universell und grenzenlos gedacht war.»

(Murad Wilfried Hofmann. Der Islam im 3. Jahrtausend  Eine Religion im Aufbruch, Seite 20-21 )

Wisst ihr was ich bedenklich finde? #Trump #Medien

von Yahya ibn Rainer

Wisst ihr was ich bedenklich finde?

Muslime, die sich regelmäßig über die Medien echauffieren, weil diese falsch und einseitig über den Islam und die Muslime berichten, wenn sie beispielsweise Negatives als Usus darstellen oder Aussagen von Gelehrten/Predigern/Imamen aus dem Zusammenhang reißen, damit sie gefährlich und rückständig klingen; und wenn der betroffene Gelehrte/Prediger/Imam sich öffentlich dazu erklärt, die Aussage zurück nimmt, relativiert oder in den richtigen Zusammenhang bringt, dann wird dem keine Beachtung mehr geschenkt.

Die gleichen Muslime wiederum nehmen ALLES was ebendiese Medien über Trump, AfD und andere imaginäre und wahre Feindbilder berichten, für bare Münze, ohne auch nur in Betracht zu ziehen, dass die Medien hier mit den selben Mitteln arbeiten könnten.

Versteht mich bitte nicht falsch. Das Gros der Trumpianer, AfDler, Pegidasten und PI-maten macht genau das Gleiche. Sie schwadronieren einerseits von der Lügenpresse, wenn sie sie ins Visier nimmt, teilt aber wie berauscht ihre Beiträge, wenn darin ein Muslim als Täter auftaucht oder der Islam als gefährlich dargestellt wird.

Dies ist ein äußerst unehrlicher, ja geradezu verlogener Medienkonsum. Sicher könnte man anbringen, den Feind mit seinen eigenen Waffen schlagen zu wollen, aber letztendlich sind wir dadurch kein Stück besser als sie.

Speziell was Trump angeht, gibt es zahlreiche Beiträge von ihm, in denen er (von den Medien verkürzt dargestellte) Ausschnitte wieder relativierte oder in den richtigen Zusammenhang bringt. Dies wurde von den parteiischen Medien absichtlich ignoriert. Im Zeitalter des Internets jedoch, wo man durch wenige Suchbegriffe oder vordefinierte Filterblasen (und unabhängig von Presse, TV und Radio) solche Informationen kredenzt bekommt, wirkt sich diese journalistische Ignoranz genau umgekehrt aus.

Immer wenn der Gegner etwas zu verschweigen versucht, ist dies ein zusätzlicher Ansporn es als Wahrheit anzuerkennen. Trump hat auch deshalb gewonnen, weil die Leute gesehen haben, wie er über alle Gebühr dämonisiert wurde (was nicht bedeuten soll, dass er ein Engel ist).

Ich bin kein Fan der Lügenpresse-Rhetorik von Pegida, AfD & Co, aber unsere Kritik an den Medien sollte sich nicht nur an Lügen gegen Muslime & Islam festmachen. Kein gesellschaftliches Feindbild wird von den Leitstrommedien objektiv und fair behandelt, weder wir orthodoxen Muslime noch die Erzkatholiken, Evangelikalen, Nationalisten usw.

Eine Teilschuld am Hass gegen uns müssen wir uns selber geben, weil wir uns vom politischen Kulturmarxismus, Werterelativismus und Sittenverfall instrumentalisieren lassen, im Kampf gegen den wachsenden Bevölkerungsanteil, der (bis auf die Liebe zum Islam) weitaus mehr mit uns gemeinsam hat, als ihm und uns wirklich bewusst ist.

Kurz gesagt: #Demokratie #USWahl2016 #Trump

von Yahya ibn Rainer

Der Muslim, der im Zusammenhang mit Demokratie und dem derzeitigen politischen und staatlichen System des Westens lediglich gelernt hat Begriffe wie Taghut, Kuffr und Shirk zu benutzen, anstatt sich auch wissenschaftlich mit der Materie auseinanderzusetzen, ist in diesem politischen System häufig ebenso gefangen wie das Wahlvieh, das sich alle Jahre wieder durch emotionale Debatten, offensichtliche Lügen und hysterische Untergangsszenarien an die Urnen locken lässt.

Jedwede große Hoffnung, wie auch jede große Angst, ist im hiesigen demokratischen System nicht nur unnötig, sondern der Demokratie an sich auch dienlich, denn mit jeder negativ oder positiv wertenden Äußerung trägt man zur demokratischen Mobilisierung bei.

Fakt ist jedoch, dass es in einer Demokratie momentaner westlicher Fassung keinerlei Möglichkeit gibt, wirklich tiefgreifende Änderungen vorzunehmen, zumindest nicht, wenn man vor hat die demokratische Verfassung selbst unangetastet zu lassen.

Letztendlich ist es also so, dass man auch als erklärter Nichtwähler zur Mobilisierung der Wählerschaft beiträgt, wenn man den (zutiefst verlogenen) Verlautbarungen des Wahlkampfes Glauben schenkt und sich hierzu wertend äußert. Was ein überzeugter Nichtwähler (wie ich) jedoch erreichen will, ist nicht der Wahlsieg eines bestimmten Kandidaten, sondern er wünscht sich eher eine Delegitimierung der Demokratie, und die ist nur zu haben, wenn die Mehrheit nicht wählt.

Es ist schon etwas verwunderlich, wie sich z.B. einige Mujahedin- und IS-Anhänger als insgeheime Clinton-Anhänger erweisen, indem sie äußerst empfindlich reagieren, wenn andere Muslime öffentlich bekunden, in Trump keine sonderlich größere Gefahr zu erkennen. Das sollte einigen von uns zu denken geben, besonders denjenigen, die in Bezug auf Demokratie nur Schlagworte wie Taghut, Kuffr und Shirk zum Besten geben können.

Wa Allahu a3lam.