Schlagwort-Archive: Türken

Buchauszug: Schmitz du Moulin – Zum Konflikt zwischen Armeniern und dem Osmanischen Reich (1894–1896)

In Ehrlichkeit hätte der Herr Hammerstein bekennen müssen, daß hier von einer Christenverfolgung absolut nicht die Rede sein kann, sondern dass es sich hier um eine durch englische und amerikanische Missionare unter dem Deckmantel des Christentums hervorgerufene Verhetzung unreifer Knaben und Mädchen handelte. Der Fanatismus, die Verfolgungssucht war ganz auf Seiten der Christen. Obschon die große Mehrzahl der Armenier gute Leute sind, so findet man darunter auch viele wirkliche Scheusale, die kein anderes Volk so lange ertragen hätte, wie das türkische.

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Türken in Berlin 1871-1945

Türken in Berlin 1871-1945 – Eine Metropole in den Erinnerungen osmanischer und türkischer Zeitzeugen
von Ingeborg Böer, Ruth Haerkötter und Petra Kappert
©2002 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG Berlin, 374 Seiten
ISBN 3-11-017465-0

von Yahya ibn Rainer

Lesen? Das machte mir schon in der Grundschule keinen Spaß. Kaum hatte ich gelernt wie es geht, da fand ich es auch schon blöd und langweilig. Das zog sich so durch meine komplette Jugendzeit. Nichts ödete mich mehr an, als ruhig irgendwo zu sitzen und auf ein Blatt Papier zu starren. Lesen war für mich eine suspekte Handlung. Alle guten Bücher wurden sowieso irgendwann verfilmt, und einen Film anzuschauen war einfach gemütlicher.

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Auszüge aus „Für die Türkei“ von Prof. Dr. Robert Rieder (1861–1913)

„Die Sauberkeit, die dem Körper des türkischen Kranken in der Regel anhaftet, ist für den Krankenhausarzt eine sehr willkommene Beigabe. Auf Grund meiner Erfahrung sage ich mit Überzeugung, dass der arme Türke im Durchschnitt sauberer ist, denn der Deutsche. Ich kann diese Sauberkeit nicht besser illustrieren — und die Schwestern haben mir die Richtigkeit dieser Beobachtung bestätigt, — als damit, dass viele unserer deutschen Kranken äusserlich ganz sauber und manierlich gekleidet sind, je tiefer man aber an das Entkleiden geht, um so mehr — laxiate ognie speranza.

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Auszüge aus „Constantinopoli“ von Edmondo De Amicis (1878)

Der italienische Schriftsteller Edmondo De Amicis (1846 – 1908) über die osmanischen Türken seiner Zeit:

„Sie scheinen alle Philosophen zu sein, die über einer fixen Idee nachgrübeln, Auge und Mund deuten auf ein in sich selbst verschlossenes, inneres Leben hin. Und alle haben dieselbe Gravität, denselben Ernst des Auftretens, dieselbe Zurückhaltung in Sprache, Blick, Geberden. Man könnte sie alle für grosse Herren (Signori) halten, vom Pascha bis zum Krämer, in derselben Schule erzogen und von derselben aristokratischen Würde umgeben. […]

Dem Anschein nach zu urteilen, muss einem die türkische Bevölkerung Konstantinopels als die zivilisierteste, ehrlichste der Welt vorkommen. Nirgends, nicht einmal in den einsamsten Gassen Stambuls, wird ein Fremder beleidigt. Man kann die Moscheen auch während des Gottesdienstes mit weit grösserer Sicherheit vor einer Kränkung besuchen, als ein Türke eine unserer Kirchen. In der Menge begegnet man nie einem, ich sage nicht insolenten, nicht einmal einem neugierigen Blicke; in den Strassen ist kein Streit, kein herumlümmelndes Pack, keine keifenden Weiber, kein öffentliches Schaustellen der Prostitution , kein schamloser Akt. Fast dieselbe würdevolle Ruhe, wie in der Moschee, findet man auf dem Markte; allenthalben wenig Gesten und Worte; kein Gesang, kein lärmendes Gelächter, kein plebejisches Geschrei, keine störenden Menschenansammlungen. Gesicht, Hände und Füsse sind rein; zerlumpte Gewänder selten und dann nie schmutzig; kein Gesindel, und überall das Zeichen einer allgemeinen gegenseitigen Achtung der verschiedenen Klassen.“

(Edmondo De Amicis, Constantinopoli, 1878)

Auszüge aus „Türke, wehre dich !“ von Dr. Hans Barth (1898)

„Gibt es irgend in der Welt, nicht bloss im Orient, ein Volk von Gentlemen, so ist dies das türkische. Jeder Kenner dieser braven, liebenswürdigen, grundehrlichen und dafür von aller Welt verlästerten und verleumdeten Nation, wird dies unterschreiben, auch wenn der Chorus der internationalen Langohren sein angelerntes Anathema schreit. Tatsächlich gibt es kaum eine Staats- und gesellschafterhaltende Tugend, die dem Türken — insbesondere dem anatolischen — nicht eigen wäre: Herzensgüte und Ehrlichkeit, Toleranz und Nächstenliebe, demokratischer Gleichheitssinn und unbedingte Loyalität gegen die Regierung, so drückend die staatliche Notwendigkeit auch auf ihm lasten möge, endlich natürlicher Anstand und Mässigkeit und eine von der Religiosität nicht in Banden gehaltenen Intelligenz. Welch hohe Lebensweisheit, welch sittlicher Ernst, welches Gemüt spricht nicht schon aus den teilweise sogar aus vorislamscher Zeit stammenden türkischen Sprüchwörtern: „Wer von der Lüge sich entfernt, der nähert sich Gott.“ — „Mann ist, wer sein Wort hält.“ — »Tue das Gute, und wirf es ins Meer; sieht es der Fisch nicht, so sieht es der Herr.“ — „Tue Gutes denen, die dir Böses antun, so wirst du bei Gott Gnaden finden“ u. s. w, Maximen, denen der gute Moslim in seinem Wandel weit eifriger nachzuleben pflegt, als der Christ den ähnlich lautenden Befehlen Jesu. […]

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Weitere Auszüge aus „Ein Ausflug nach Kleinasien und Entdeckungen in Lycien“ von Sir Charles Fellows (1853)

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„Wie ganz anders urteile ich jetzt über die Türken, die ich bei meiner ersten Ankunft hier mit so lieblosen Vorurteilen betrachtete ! Mit ihren Sitten, Gewohnheiten und ihrem Charakter bin ich jetzt, ebenso wie mit ihrer Tracht, nicht allein ausgesöhnt, sondern aufrichtig befreundet ; denn ich habe Wahrheitsliebe, Rechtschaffenheit und Freundlichkeit gefunden, die achtungswertesten und liebenswürdigsten Eigenschaften, bei einem Volke, wo ich sie noch wenig erwartet hatte. […]

Der allgemeine Charakter dieses Volks ist vollständige Ergebenheit in die Vorschriften ihrer Religion. Diese bildet ebensowohl das bürgerliche wie das sittliche Gesetz, und ist, anstatt durch weltliche Geschäfte und Interessen unterbrochen, unaufhörhch mit den täghchen und stündlichen Beschäftigungen, ja mit jeder Handlung des Lebens verknüpft. Das Gebet ist bei ihnen nicht auf einen bestimmten Ort beschränkt, — und wird ebensowohl auf dem Felde und in der Kammer gehalten, wie in der Moschee. Jeder verrichtet seine Andacht, unabhängig von einer Priesterschaft (die hier nicht existiert) in vollkommener Einfalt und ohne Ostentation. Charakter, Sitten und Gebräuche, körperliche Gesundheit und das ganze Leben des Volkes scheinen durch die Religion gebildet. Ich habe den Koraan nicht gelesen, und mein Urteil über die Religion ist daher nach ihren Lehrern gebildet, die in der Tat nicht blosse Lehren zu sein scheinen. […]

Dass die Religion alle bürgerlichen Verhältnisse und Pflichten regelt, habe ich stets an den Antworten auf meine Fragen, warum dies oder jenes geschehe, bemerkt, wo die beständige Antwort war, ihre Religion befehle es ihnen. Gesetz und Religion sind eines und werden den Kindern von Jugend auf zusammen gelehrt, und bei einer Verletzung der so eingeschärften Pflichten, hat der Sultan absolute Gewalt zu strafen, und die Ausübung derselben ist sicher. […]

Der Zug im Charakter des Volkes, welcher dem Fremden, der unter ihnen verweilt, zuerst auffällt, ist Gastfreundlichkeit. Diese wurde mir von allen Ständen erwiesen, vom Pascha bis zu dem Bauer in seinem Zelte im Gebirge, — und als etwas, das sich ganz von selbst versteht, ohne den Gedanken an eine Vergeltung. Keine Frage ward getan; an einen Unterschied der Nation oder Religion, von reich oder arm, wurde nicht gedacht; sondern „speise den Fremden“ war das allgemeine Gesetz. […]

Zunächst fällt dem Reisenden die Ehrlichkeit des Volkes auf. Ich liess stets Sättel, Riemenzeug, Kochgeräte und alles, was ich nicht im Zelte brauchte, wo ich und mein Diener schliefen, draussen vor demselben, ohne die geringste Furcht, dass wir etwas verlieren könnten, obgleich hin und wieder jemand vorbeiging und neugierig mein Eigentum untersuchte; aber auch nicht ein Stück Schnur ist mir weggekommen. […]

Als ich gegen meinen Diener, einen Griechen, darüber eine Bemerkung äusserte, entschuldigte er die Ehrlichkeit der Türken, in dem er meinte, ihre Religion erlaube ihnen nicht zu stehlen. An Versuchungen zur Übertretung fehlt es keineswegs, denn die gewöhnlichen Anzüge der Frauen und Kinder sind reich mit der kurrenten Goldmünze des Landes besetzt, aber das Gesetz „Du sollst nicht stehlen!“ scheint unbedingten Gehorsam zu finden. Wahrheitsliebe, die Zwillingsschwester der Ehrlichkeit, tritt ebenfalls scharf bei ihnen hervor, und hier verteidigt der Grieche sie wieder, — das moslimsche Gesetz erlaubt nicht zu lügen; ihre Religion verbietet es. […]

Die Nationalsitte, welche es zu einem besondern Vorrechte des Sohnes macht, dem Vater aufzuwarten, flösst dem Volke von Jugend auf die Pflicht ein, ihre Eltern zu ehren. In allen Lagen und Umständen wo ich sie sah, in ihren Familien und unter Fremden, schien Liebe und Zärtlichkeit gegen einander zu herrschen. Aufrichtigkeit verscheucht allen Verdacht, und Ehrbarkeit und Biederkeit erzeugen Offenheit in allen ihren Handlungen. […]

Ihrer Religion gehorsam, welche, eben so wie das jüdische Gesetz, für Geld Zinsen zu nehmen verbietet, enthalten sie sich vieler einträglicher Gewerbe, welche mit Darlehn verbunden sind; daher kommt es, dass andere Nationen, in der Regel die Armenier, die Bankiersgeschäfte betreiben. […]

Ihre religiöse Ergebenheit gibt ihnen eine solche Unterwerfung unter den göttlichen Willen, dass man sie sogar fälschlicher Weise als Fatalisten dargestellt hat. Allein sie sind ebenso bedacht, Übel zu vermeiden, wie andere. Ich habe gesehen, dass sie alle Kräfte anwandten, um eine Feuersbrunst zu löschen; oft bin ich von ihnen um Arznei gebeten worden, und sie nehmen gern Rat, um Krankheit zu verhüten; wenn aber dem Feuer nicht Einhalt getan werden kann, so unterwerfen sie sich und sagen : „Gott ist gross !“ und wenn die Krankheit mit dem Tode endet, sei es bei einem Kinde oder den Eltern, so zeigt das kräftige Auge allein, was im Herzen vorgeht, und der Leichnam wird dem Grabe überliefert, mit der unterwürfigen Betrachtung „Gott ist gross und barmherzig. […]

Die Erlaubnis der Mehrehe, welche das muselmansche Gesetz gestattet, hat zu einer der strengsten Anklagen gegen den sittlichen Charakter ihrer Bekenner Grund gegeben. Aber obwohl das Gesetz erlaubt, mehrere Frauen zu haben, so macht doch das Volk selten Gebrauch von dieser Freiheit. In tausend Fällen habe ich den Türken in seinem Zelte mit einer Frau gesehen, der er mit eben solcher Zärtlichkeit anhing, wie ein Bauer seiner Frau in einem christlichen Lande, […]

Ehe ich dieses Volk besuchte, bildete ich mir ein, ein Zug seines Charakters sei Grausamkeit; ich habe aber sowohl in ihrer Behandlung der Tiere, als in ihrem Betragen gegen einander selbst gerade das Gegenteil gefunden. Instrumente zur Züchtigung der Lasttiere kennt man kaum. Über das Kameel erlangen sie allen Einfluss durch Freundlichkeit und Belohnungen, und der Gehorsam desselben ist vollkommen. Dem Europäer fällt es sehr auf, dass die Vögel durchaus keine Furcht haben, und dies allein reicht hin, die Osmanen von jeder Beschuldigung frei zu sprechen. […]

Dem Verbote des Weines (und aller berauschender Getränke), welches dem muselmanschen Gesetze eigentümhch ist, ist vielleicht zum grossen Teil die moralische und physische Gesundheit des Volkes zuzuschreiben. Der Unmässigkeit, welche alle jene guten Grundsätze zu Schanden machen würde, wird dadurch entgegengetreten. Die physischen Folgen dieses Gesetzes sieht man deutlich daran, dass es keine Krüppel gibt und die Türken fast keine Krankheit kennen; Zahnschmerz ist fast das einzige Übel, dem sie oft unterworfen sind. Eine der wohltätigen sittlichen Folgen der Mässigkeit zeigt sich darin, dass man bei dem Volke durchaus keine verworfene Armut findet. Ich habe keine Bettler gesehen, ausser Blinden, und einige wenige Personen, denen man die Armut ansah. Die Bedürfnisse des Volkes sind gering, und in der Regel leicht zu befriedigen, und in jedem Zelte findet man ein Mahl für den Fremden, welches Standes er auch sein mag. Ich habe nie einen Türken von Opium berauscht gesehen, und ich glaube, der Gebrauch dieses Reizmittels beschränkt sich auf die üppigen Bewohner der Hauptstadt. […]

Muss sich nicht das christliche Europa vor diesen Bekennern des falschen (?) Propheten schämen? Wären wir unserer Religion ebenso ergeben, wie die Muselmanen der ihrigen, — welch ein Himmel auf Erden würden unsere Länder sein! Der Aberglaube und gänzliche Mangel an Moralität bei den Bekennern der griechischen Kirche kann die Osmanen wohl von einem Wechsel ihrer Religion abschrecken. Die Bekenner der griechischen Kirche werden oft Anhänger des Propheten, wenn sie dabei für ihren Handel oder ihre bürgerliche Stellung Vorteile sehen; aber wohl nie kommt der Fall vor, dass ein Türke zu diesem sogenannten Christentum übertritt.“

(Sir Charles Fellows, Ein Ausflug nach Kleinasien und Entdeckungen in Lycien, 1853)

Auszug aus „Reisen in der Levante in den Jahren 1859-1865“ von Hermann Scherer (1866)

„Auf diesem Gebiete (dem Kleinhandel) begegnen wir auch in der Mehrzahl dem türkischen Handelsmanne, denn in allen anderen Branchen hat ihn der Grieche, Armenier und Jude verdrängt. Dort ist es noch eine Freude, zu kaufen, da Ehrlichkeit und Solidität treu geübt werden, nach alter, guter Sitte. Da ist kein Handeln und Zerren um den Preis, keine Betörung und Hinterlist von seiten des Verkäufers. Durch Schwindel reich zu werden, ist für den Türken noch nicht das Ideal des Lebens geworden, Ehre und Manneswort sind da Begriffe von Existenz und Geltung, und nicht genug kann ich den Abstand schildern, worin der türkische Kaufmann gegen alle seine Genossen christlichen Glaubens erscheint.“

(Herrman Scherer, Reisen in der Levante in den Jahren 1859-1865, Frankfurt-Main, 1866)

Auszug aus „Ein Ausflug nach Kleinasien und Entdeckungen in Lycien“ von Sir Charles Fellows (1853)

„Folgenden Vorfall erzähle ich, weil er den Charakter des Volkes (des türkischen) besonders in’s Licht stellt. Etwa drei Meilen von der Stadt bemerkte mein Diener, dass ihm sein Überrock vom Pferde gefallen war. Er ritt zwei Meilen zurück und sah einen armen Mann, der Holz und Kohlen auf Eseln von den Hügeln herabbrachte.

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Auszüge aus „Harmlose Skizzen aus Konstantinopel“ von Helene Böhlau (1888)

„Ich habe beobachtet, auch auf dem Dampfschiff, mit dem ich oftmals den Bosporus entlang fuhr, dass die Begrüssung zwischen Erwachsenen und Kindern etwas ganz besonders Herzliches an sich trägt, von Seiten der Kinder zutunlich-ehrfurchtsvoll und von seiten der Erwachsenen liebenswürdig-besorglich. Hauptsächlich liebenswürdig sind die Männer zu den Kindern. Da sieht man allerliebste Szenen und Gruppen. Beinahe täglich begegne ich unter den ulten Zypressen vor der Asmali-Mesdjid einem stattlichen Türken in weitem Kaftan, weißem Turban, mit schwarzen blitzenden Augen, Adlernase und schwarzem langem Bart.

Dieser Mensch, der aussieht, als stecke sein Kopf voll aufrührerischer Ideen, und als wäre bei ihm alles auf Gewalt und Kampf gerichtet, trägt immer in zärtlicher und rührender Weise, wenn ich ihm begegne, an sein Ohr gedrückt ein winzig kleines Kindchen, ein wahres Wachspräparätchen von einem Kind, weiss, durchsichtig, fast nicht grösser als der braune dunkle Kopf, an den es angeschmiegt ist. Und der Türke trägt es so würdig, so hingebend und so unbeschreiblich behutsam. Aber nie habe ich ihn anders gesehen als mit dem Kind an der bärtigen Wange. Der Anblick wird mir unvergesslich sein. Dies Übermass von Kraft, Vorsicht und rührender Zärtlichkeit ! […]

In der ersten Klasse auf dem Dampfschiffe sieht man oftmals würdige Väter mit ganz kleinen Kindern auf dem Arme. Sie finden ihre Bekannten, und augenblicklich ist das Kindchen dem Vater von dem Arm genommen und irgend ein anderer ehrenwerter Efendi hat es auf dem seinen, wandelt mit ihm auf und nieder, bemüht sich, es zum Lächeln zu bringen, liest ihm aus einer Zeitung etwas vor, kauft ihm vom Schekerdschi einen kleinen guten Bissen, schaukelt es, wiegt es und treibt das so lange, bis wieder ein anderer ihn bittet, ihm das Eandchen ein wenig zu geben. Dabei sind diese ernsten Männer von solch einer anmutigen Heiterkeit und Liebenswürdigkeit und scheinen sich wirklich an dem kleinen Ding von Herzen zu erfreuen. […]

Wenn ein Türke seinen Sohn auf der Strasse an der Hand führt, so tut er es mit der grössten Hingabe, und man sieht seinem Benehmen an, dass er einen äusserst wertvollen und geliebten Gegenstand zu beaufsichtigen hat. Hier fällt mir ein : die militärische Vorbereitungsschule eröffnete eben ihre Ferien, eine Unzahl halbwegs europäisch gekleideter Kadetten strömte heraus, jeder das erlangte Zeugnis in der Hand. Draussen stehen die würdigen Väter. Jeder empfängt den erwarteten Liebling mit auffallender Rührung und Zärtlichkeit, lässt sich von ihm ehrerbietig begrüssen, wirft einen Blick in das Zeugnis und ruft freudig erstaunt: „Masch Allah! Masch Allah!“ („Du hast es brav gemacht, mein Sohn!“) Dann herzt und küsst er sein Söhnchen, seinen künftigen Pascha, und zieht triumphierend mit ihm ab. […]

Muhammad hat sein Volk auch reinlich haben wollen; und man sollte sich einmal nach einem schmutzigen Türken umsehen! Die Lumpen des armseligsten Bettlers, an dem keine Handbreit ehrlich festes, ungeflicktes Zeug zu finden ist, strahlen von Weisse und Sauberkeit. […]

Muhammad hat sein Volk erbarmungsvoll, auch erbarmungsvoll gegen die Mitgeschöpfe, die Tiere, sehen wollen — und die Türken folgen auch hierin ihrem Propheten. […]

Nie wird man ein Tier auf den Strassen Konstantinopels von türkischen Händen gequält sehen. Im Gegenteil findet man überall steinerne Näpfe und Tröge, mit Wasser gefüllt, für Hunde und Vögel. […]

Nicht nur diese bedenken sie mit Wasser und allerlei Wohltat, auch für die Kinder und Armen wird an heissen und kalten Tagen auf der Strasse gesorgt. So stehen z. B. im Winter Kohlenbecken für die Bettler auf der Brücke. An heissen Tagen schicken die Moscheen Männer aus, die, ganz in Leder gekleidet, den grossen Wasserschlauch auf dem Rücken, jedermann unentgeltlich, besonders aber den Kindern, gutes Quellwasser aus metallenen, mit Koraansprüchen verzierten Schalen reichen. Wir haben oftmals solch einen alten Wasserträger beobachtet, wie er von kleinen durstigen Türklein umgeben war und sie wahrhaft liebevoll bediente. […]

Alles geht hier unscheinbar, ohne Prahlerei vor sich, mit wenig Wichtigtun, dass man sich verwundert, wie es ohne unsere vielgerühmte Christenliebe zu stände kommt. […]

Ein wunderliches Kapitel geben die Bettler hier ab. Den tief ergreifenden Gesang der blinden Bettler hört man oft auf den Strassen. Und wenn in der Dunkelheit solch ein armer Blinder durch die engen Gassen Peras schleicht und man den klagenden Gesang vom Zimmer aus erst ganz entfernt, dann immer näher kommen hört, gehen diese schmerzlichen, wahrhaft ergreifenden Töne durch Mark und Bein. Es ist, als schliche das Elend der Menschheit an den Fenstern vorüber. Anfangs überwältigt jedesmal dieser Eindruck, später wird man es gewöhnt und hört kaum mehr darauf. An unseres Herzens Härtigkeit ist allein die Gewohnheit schuld. […]

Rätselhaft und unbegreifüch ist es, wie die Blinden in dem ungeheuren Treiben hier sich sicher bewegen. Einem Sehenden wird es schwer, sich hier ungefährdet durchzuwinden. Wie oft aber habe ich gesehen, dass ein Blinder in der Pferdebahn, die durch Stambul fährt, unentgeltlich mitgenommen wurde. […]

Einmal erlebte ich, dass der Kondukteur so einem Armen, der sich mühsam die schmale Treppe herauf- und in den Wagen hereingetastet hatte, Geld zu dem Fahrbillet abforderte. Der Blinde schüttelte mit dem Kopfe, zum Zeichen, dass er kein Geld habe. Er tat dies einfach und ohne jede Befürchtung, dass man ihn von seinem Platze weisen würde; wie es ungefähr bei uns jemand tun würde, der wohlbekannt und reich ist und nur durch Zufall kein Geld bei sich hat, und dem der Kondukteur süss lächelnd versichert : „Schadet nichts, Herr Baron — ein andermal.“ — Wehe aber dem Armen, und wenn es ein Blinder wäre, der dasselbe bei uns wagen würde, wie er es hier wagen kann! Der Kondukteur, der dem Blinden das Geld abforderte, wurde von einigen Insassen des Wagens gehörig angelassen: „Nun, was ist denn der? Bist du denn richtig bei Verstand, dass du Geld von ihm nehmen willst? Schämst du dich denn nicht ?“ Ein anderer wieder frug: „Bist du denn kein Mensch, — was bist du denn? Wir werden dich bei deinem Brotherrn verklagen! Wir werden ihm sagen, was für einer du bist! […]

Ich habe in der Pferdebahn ausserdem auch bemerkt, dass ein armer Schlucker zu seinem Nachbar sagt, wenn dieser die Börse zieht, um sein Fahrgeld zu entrichten : „Du, bezahl auch für mich!“ und es geschieht darauf wie etwas Selbstverständliches, nicht etwa mit der Miene, als gebe der Wohlhabende dem Armen ein Almosen. Es ist der Rede und des Dankes nicht wert, was zwischen den beiden vorgeht. […]

Es liegt hier oft eine grosse Vornehmheit und Liebenswürdigkeit im Geben sowohl wie im Verlangen. […]

Da sah ich einmal einen in Lumpen gehüllten prächtigen Alten; der bettelte bei den Gästen eines Kawedschis, die unter einer jener schönen Plantanen salsen und Kaffee tranken; auf jeden, von dem er eine kleine Gabe erhielt, träufelte er aus einem schlanken, langhalsigen Fläschchen als Dank ein paar Tropfen Rosenwasser. […]

Was ich hier erzählte, ist einfach und wahr, jedermanns Augen zugänglich, das, was man auf Strassen und Gassen sieht. Aber wahrhaftig, danach zu urteilen, muss man sagen, dass die Türken das Andenken ihres Propheten ehren und seine Gesetze befolgen. Kein Betrunkener ist zu sehen, keiner, der in Schmutz und Widerwärtigkeit anderen zum Ekel einherläuft, kein unehrbares, unwürdiges Benehmen, kein aufgeputztes, herausforderndes Frauenzimmer, kein empörender Anblick, den ein gequältes Tier veranlasst, alles ruhig, würdig und einfach. […]

Zum Schluss noch etwas über ein sonderbares Rechtsverfahren, das aber einen tiefen Blick in die Verhältnisse dieses Landes tun lälst. Es handelt sich darum: Wem wird vor Gericht recht gegeben, dem armen Schuldner oder dem reichen Gläubiger, der sein gutes Recht hat, zu fordern? Die Frage scheint sich selbst zu beantworten: Dem natürlich, dem das Recht gebührt. Hier aber ist ihre Beantwortung, für unsere Begriffe, unbedingt eine überraschende. […]

„Dem Armen, der nicht zahlen kann, dem gehört hier Schutz und Beistand und günstiger Rechtsspruch. Da heilst es folgendermalsen: Der Richter fragt einen Hausbesitzer, welcher seinen Mieter, der Ihm nicht gezahlt, aus dem Hause gewiesen und ihn verklagt hat: „Weshalb hast du ihm verweigert, weiter bei Dir zu wohnen?“ — „Weil er mir den Mietzins schuldig blieb.“ — „Nun, tat er es aus bösem Willen? Ist er ein Räuber, ein Betrüger ? Ist er denn einer, der dich betrügen und um dein Hab und Gut bringen will? Wenn er das ist, so tatest du recht ; wenn er das aber nicht ist, sondern ein Armer, den Allah dir sendete, so hast du unrecht getan, ihn zu verstossen und zu verklagen; und wenn es sich erweist, dass er wahrhaftig ein Armer ist, wirst du ihn wieder bei dir aufnehmen. Was bist du für einer, dass du gegen die göttlichen Gebote zu handeln wagst!“ Und dem Hausbesitzer bleibt nichts übrig, als seinen schlechten Zahler, wenn es sich als gewiss herausstellt, dass er unfähig ist, seinen Gläubiger zu befriedigen, wieder bei sich aufzunehmen. […]

Dass ein Moslim ausgepfändet wird, so etwas kennt man hier nicht. […]

Und den Türken will es gar nicht zu Kopfe, dass das, was bei ihnen nicht geduldet, was als Schmach angesehen wird, wenn ein Wohlhabender gegen einen Armen, der ihm schuldig ist und nicht zahlen kann, klagbar wird, dass dasselbe bei einem anderen Volke vortrefflich und in Ordnung ist und kein Mensch Schlimmes darin sieht. […]

Es wäre ganz interessant, von dem Standpunkt eines gut unterrichteten Moslim aus unsere europäischen Verhältnisse zu betrachten. Ich glaube, dass diese Betrachtung einigermassen Verwunderung erregen würde. Ich habe hier oft Gelegenheit gehabt, durch türkische Anschauung auf unsere Verhältnisse zu bücken.“

(Helene Böhlau, Harmlose Skizzen aus Konstantinopel / 1888, Westermann’s illustrirte deutsche Monats-Hefte, Band 63)

Mitschrift: Pierre Vogel spricht Tacheles über Migrantengewalt

Heute, ausnahmsweise, mal kein Auszug aus einem Buch, sondern aus einem Video, das ich vor etwa einem Jahr hier auf meinem Blog gepostet hatte. Pierre Vogel spricht über Migrantengewalt war damals der Titel und es ging inhaltlich um die Vorkommnisse in Kirchweye, wo eine türkische Schlägerbande den damals 25jährigen Daniel S. dermaßen zusammengetreten hatte, dass er im Krankenhaus einige Zeit später sterben musste.

Da aus bestimmten Milieus immer wieder der Vorwurf zu hören ist, dass Migrantengewalt totgeschwiegen wird, habe ich damals dieses Video gepostet, denn Pierre Vogel redet hier wirklich Tacheles und berichtet aus eigenen Erfahrungen.

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Buchauszug: Emile von Laveleye – Welchem Volke die Muselmanen auch angehören mögen … (1886)

„Welchem Volke die Muselmanen auch angehören mögen, ob sie Türken, Albanesen, Slawen, Kaukasier, Araber, Kabilen, Hindus oder Malaien sind, so gleichen sie sich doch immer und überall. Die Religion durchdringt jede Ader ihres geistigen Lebens und drückt ihnen allen den selbigen Stempel auf. Sie sind gut, lieben Kinder, Hunde und Pferde und werden dieselben nie misshandeln; ja, sie bringen es kaum fertig, eine Fliege tot zu schlagen. So lange sie von den Einflüssen des Abendlandes unberührt bleiben, sind sie durch und durch ehrlich. In Smyrna, so hörte ich, übergibt man einem armen türkischen Kommissionär bedeutende Summen, und nie kommt eine Unterschlagung vor. Auf einen Christen könnte man sich unter den gleichen Verhältnissen viel weniger verlassen. Der Moslim vom alten Schrot und Korn ist fromm, und seine Bedürfnisse haben nur einen sehr bescheidenen Umfang. Vom Eigentum anderer Leute hält ihn also zunächst seine Religion zurück; es stacheln ihn auch keine Begierden, weil er fast nichts gebraucht. Nimmt man ihm aber seinen Glauben und gibt ihm dafür die Genüsse, welche der Luxus unter dem Namen „Zivilisation“ umherstreut, so ist er unrettbar verloren.“

(Prof. Emile Louis Victor von Laveleye, Die Balkanländer, Band 1, ©1886, Seite 226)