Archiv für den Monat: Dezember 2014

Weihnachten: Mitfeiern oder nicht?

von Yahya ibn Rainer

“Alle Jahre wieder, kommt das Christuskind.” Die sogenannte Weihnachtszeit der Christen ist für manche von uns hier in Deutschland eine Prüfung. Speziell zu dieser Zeit lese ich vermehrt über Meinungsverschiedenheiten zwischen den hiesigen Muslimen. Darf man Weihnachten (mit-)feiern? Darf man den Christen zu diesem ihrem Feste gratulieren oder zumindest den “Frohe Weihnacht”-Wunsch erwidern?

Was machen wir Muslime an diesen 3 Tagen? Muslime als Minderheit unter Christen, das war im Laufe der muslimischen Geschichte eher die Ausnahme als die Regel, und so ist es für hier lebende Türken, Araber, Afghanen, Pakistaner usw eine neue Situation, die sich ähnlich schwer gestaltet wie für uns konvertierte Muslime. Man sucht also den richtigen Weg zwischen Ablehnung auf der einen Seite und dem Güteerweisen und redlichem Umgang auf der anderen Seite, denn beides ist uns im Umgang mit den Nichtmuslimen auferlegt.

Im Wissen darüber, dass es vor uns Muslimen – hier in Deutschland – bereits ein anderes Schriftvolk gab, das als Minderheit unter den Christen lebte und das die christliche Lehre ebenso ablehnte wie wir, veranlasste mich dazu, ein wenig zu recherchieren. Die Juden, die in Deutschland und ganz Europa schon seit knapp 2000 Jahren als Minderheit angesiedelt sind und die die Dreifaltigkeitlehre, Gottessohnschaft und Vergöttlichung von Jesus dem Messias -Allah segne ihn und schenke ihm Heil- mit aller Entschiedenheit ablehnen, haben extra einen Brauch eingeführt, den sie speziell zum Zeitpunkt der christlichen “Heiligen Nacht” praktizier(t)en.

Sie nennen ihn die Nitl-Nacht (vom lat. natalis “zur Geburt gehörig”), in der sie sich mit Absicht vom Studium ihrer Schrift (der Thora) fernhalten, um sich zu ermahnen wie es wäre, wenn sie der christlichen Lehre folgen würden. Denn ein maßgeblicher Teil der christlichen Lehre ist ja, dass die Verbindlichkeit vieler Gebote und Verbote der Thora durch den angeblichen Kreuztod Jesu -Allah segne ihn und schenke ihm Heil- aufgehoben wurde, da er die Sünden, die durch die Übertretung dieser Gesetze entstehen würden, auf sich genommen hat.

Zu diesem jüdischen Brauch möchte ich gern aus dem Brief eines bekannten deutschen Rabbiners zitieren, den er irgendwann zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasste:

Es dämmert … die Weihnachtsglocken tönen durch die christliche Welt. Es sind die einzigen Signale des christlichen Kultus, die auch in jüdische Häuser dringen. Denn in der Nitlnacht ruht das Studium des Gesetzes.

Für ein paar Abendstunden vergegenwärtigt sich das jüdische Volk, wie arm es ohne Thora wäre. Wie bettelarm und hilflos, wenn jene Anschauung im Rechte wäre, die im Christentum die Überwindung der jüdischen Gesetzlehre sieht und nicht die fragmentarische Weltansicht einer tausend-jährigen Übergangszeit, die auf Umwegen – langsam aber sicher – an den Fuß des Moriaberges führt.

Darum – wenn die Weihnachtsglocken tönen – horcht Jissroél nachdenklich auf – legt sein Kostbarstes bei Seite und wartet, bis sie ausgeklungen. Gäbe es Gott, daß sie nicht umsonst über die Erde klingen, und mögen sie mit mächtigem Schall das Gewissen der Völker wecken!

Selig sind, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie sollen gesättigt werden. So heißt es in der Bergpredigt. Das Recht und die Liebe – es ist endlich Zeit, das aus den toten Worten, lebendige Taten werden. Was nützt es, wenn für nichtigen Zweck die nationale Ehre geschützt, die nationale Wehrkraft vermehrt, der nationale Wohlstand gefördert wird – wenn Millionen ungesättigt nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, wenn das Alphabet jeder Menschengesittung, das Recht und die Liebe, noch immer gelehrt – vergeblich gelehrt werden muß. Hat man denn schon vergessen, daß der feierliche Schall der Weihnachtsglocken dem Geburtstag eines jüdischen Kindes gilt! – In der Nitlnacht ruht das Studium der Thora. Ausnahmsweise, nach althergebrachtem Brauch.

Dieser Brauch ist ein sinniger Brauch. Wenn sich die Enthaltsamkeit vom Lernen nur auf die Stunden einer – dieser erstreckt.
Jedoch dieser Brauch verliert jeden vernünftigen Grund, wenn die Enthaltsamkeit vom Lernen, bereits in der vorhergehenden Nacht geübt, in der folgenden Nacht fortgesetzt werden sollte – wenn auch in den übrigen Nächten des Jahres das Studium des Gesetzes ruht.

Zu den Perlen, um die uns die Vernachlässigung der Thora bringt, zählt auch die sinnige Muße der Nitlnacht. Darum klingen die Weihnachtsglocken vorwurfsvoll in so manches jüdisches Haus. O, daß sie auch uns zur Besinnung brächten!

(Aus Rabbiner Dr. Raphael BREUER „Unter seinem Banner” (1908) S.186-187 >>)

Wer diesen Brief aufmerksam liest und versteht, der erkennt die feinsinnige Mahnung, die der Rabbiner an seine Glaubensgenossen richtet. Eine Mahnung, die so ähnlich auch bei vielen Muslimen heute angebracht ist. Der Aufruf, in der Nitlnacht nicht die Thora zu studieren, ist bei genauerer Betrachtung eher eine Ermahnung, es an den anderen Tagen des Jahres (wieder) vermehrt zu tun. Und auch die Kritik an der christlichen Lehre ist höflich verpackt und mit Weisheit geschrieben.

Und vor allen Dingen: Es gibt eine klare Aussage, nämlich dass das Einzige vom “christlichen Ritus”, was “auch in jüdische Häuser” dringt, die Töne der “Weihnachtsglocken” sind. Und so ist es auch eine Mahnung an uns Muslime, denn die Juden leben bereits seit vielen Jahrhunderten als Minderheit unter den Christen und erdachten sich einzig aus dem Grunde einen Brauch, um den christlichen Ritus und die Besinnung darauf aus den jüdischen Häusern fern zu halten und eine eigene Besinnung und Ermahnung daraus zu ziehen.

Die muslimische Minderheit in diesem Lande ist gerade einmal 2-3 Generationen – sprich 50 Jahre – hier daheim und verspürt zum Teil anscheinend schon jetzt ein unbändiges Bedürfnis am christlichen Ritus, anstatt sich selbst am eigenen Ritus zu ermahnen.

Wenn es hierzulande tatsächlich eine christlich-jüdische Tradition gibt, dann nur, weil beide Seiten die ihrigen pflegten, und zum Pflegen gehört auch das Reinhalten. Der institutionelle (und somit auch politische) Antisemitismus kam, mit seiner volkszornigen und tödlichen Wucht, erst mit der sogenannten jüdischen Emanzipation und dem damit verbundenen Versuch auf, das Judentum in die christliche Mehrheitsgesellschaft zu integrieren, was einerseits zur Verwässerung der jüdischen Lehre führte und anderseits zu erkennbaren Einflüssen jüdischen Lebens in der christlichen Alltagskultur. Früher nannte man das in gewissen Kreisen “Verjudung”.

Und auch heute werden die ersten kritischen Stimmen laut, die einerseits von einer “Islamisierung” sprechen und anderseits die Befürchtung hegen, dass durch sogenannte “Integrationsbemühungen” die Islamische Lehre verwässert wird. Beide Seiten haben Recht. Die Gesellschaft muss sich vom Ideal der Gleichheit und Verschmelzung seiner Gruppen verabschieden. Man muss Fremdes wieder ablehnen und diskriminieren dürfen, wenn auch nicht (staats-)politisch, sondern privat. Vielfalt definiert sich durch Unterschiedlichkeit und Religion ist fundamental. Multikulti ist das falsche Konzept in dieser Sphäre.

#PEGIDA und die Tragik demokratischer Verhältnisse

von Yahya ibn Rainer

Ist es nicht tragisch? Da fühlt sich eine Minderheit in Deutschland bedroht von „Glaubenskriegen auf deutschem Boden“, von einer „Islamisierung des Abendlandes“ und von „Parallelgesellschaften“, geht dafür in nicht unbeträchtlicher Zahl und vollkommen friedlich auf die Straße und wird trotzdem vom politischen und medialen Mainstream niedergemacht und als Bedrohung wahrgenommen.

Wie ärgerlich muss das für die Demonstranten sein, dass sie kurzum zu Nazis, Islamhassern und Rechtspopulisten abgestempelt und zum Objekt von Jux und Häme degradiert werden? Gesellschaftlich nicht ernst genommen und gehört zu werden, das ist ein Zustand den auch wir sogenannte „Islamisten“ und „Salafisten“ kennen. Auch wir werden vom politischen und medialen Mainstream kollektiv und im voraus verurteilt und vom Dialog ausgeschlossen.

#PEGIDA und die Tragik demokratischer Verhältnisse weiterlesen

Buchauszug: Ludwig Ferdinand Clauß – Über Staat, Wissenschaft, Beamte und Ideologien (1958)

Der Autor des folgenden Textes war kein Liberaler, Libertärer oder Anarchist, sondern ein erzkonservativer Deutscher (und Muslim), der während des Nationalsozialismus als beamteter Hochschulprofessor tätig war, dann jedoch durch seinen Ungehorsam und seine kritische Haltung beim Regime in Ungnade fiel. Seine aus Selbsterfahrung resultierende Meinung zu  „Staat und Beamtentum“ ist also äußerst beachtenswert.

Buchauszug: Ludwig Ferdinand Clauß – Über Staat, Wissenschaft, Beamte und Ideologien (1958) weiterlesen

Türken in Berlin 1871-1945

Türken in Berlin 1871-1945 – Eine Metropole in den Erinnerungen osmanischer und türkischer Zeitzeugen
von Ingeborg Böer, Ruth Haerkötter und Petra Kappert
©2002 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG Berlin, 374 Seiten
ISBN 3-11-017465-0

von Yahya ibn Rainer

Lesen? Das machte mir schon in der Grundschule keinen Spaß. Kaum hatte ich gelernt wie es geht, da fand ich es auch schon blöd und langweilig. Das zog sich so durch meine komplette Jugendzeit. Nichts ödete mich mehr an, als ruhig irgendwo zu sitzen und auf ein Blatt Papier zu starren. Lesen war für mich eine suspekte Handlung. Alle guten Bücher wurden sowieso irgendwann verfilmt, und einen Film anzuschauen war einfach gemütlicher.

Türken in Berlin 1871-1945 weiterlesen

Salafismus: Außenwahrnehmung, Anspruch und Realität – Eine nüchterne Annährung

Der folgende Beitrag erschien zuerst in der Dezember-Printausgabe (Nr.148) des Magazins eigentümlich frei. Ein recht herzlicher Dank geht an dieser Stelle raus an Herausgeber und Chefredakteur dieses freien und mutigen Blattes.

Eine nüchterne Annäherung

Salafismus: Außenwahrnehmung, Anspruch und Realität – Eine nüchterne Annährung weiterlesen

Buchauszug: Ludwig Ferdinand Clauß – Die Vergötterung des Eigenen

„Die Vergötterung des Eigenen, wie sie in jüngstvergangener Zeit sogar zur Staatsdoktrin erhoben worden ist, hat eine Vorgeschichte, die bis zum Beginn der Neuzeit im Entdeckungsalter zurückreicht. Als der Mensch des Abendlandes (wohlgemerkt: nur dieser und nicht der Mensch überhaupt) aufzuhören begann, sich mikrokosmisch zu fühlen und nun aus der Mitte dessen, was ihm als „die Welt“ bewußt war, ausgreifend abtrat, fing Gott, um mit Nietzsche zu reden, zu „sterben“ an; anders gesagt: die Gotteserfahrung trat in eine fiebernde Krise, die als Befreiung galt und doch nichts anderes war, als ein „Menschlichwerden“ durch die Entfremdung von Gott.

Buchauszug: Ludwig Ferdinand Clauß – Die Vergötterung des Eigenen weiterlesen