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Yahya ibn Mu´adh: In der Sprache der Ökonomie, aber mit Bezug zum Jenseits

Yahya ibn Mu´adh (gest. 258 n.H.) sagte:

«Anbetung ist wie ein Gewerbe; sein Geschäft befindet sich in der Abgeschiedenheit (der Anbetung), sein Kapital liegt im Bestreben die Sunnah zu erfüllen und der Profit liegt in der Erlangung des Paradieses.»

(Quelle: Facebookseite von Sheikh Muhammad Al-Munajjid, übersetzt von Yahya Ibn Rainer)

Wirtschaftslehre/Ökonomie: Beziehungen und Einflüsse zwischen den ökonomischen Denkschulen

Wirtschaftslehre/Ökonomie: Beziehungen und Einflüsse zwischen den Ideen muslimischer Gelehrter, der christlichen Scholastik und der griechischen Philosophie

Insgesamt lassen sich verschiedene Beziehungen zwischen den Ideen muslimischer Gelehrter, denen der griechischen Philosophie und der christlichen Scholastik mit Hilfe des folgenden Diagramms erklären.

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Die Kategorien 1, 2 und 3 stehen für die konkreten Vorstellungen jeder Identität, die einander widersprechen.

Die Kategorie 4 zeigt solche Ideen, die Muslime und Griechen gemeinsam haben, die aber dem Christentum fremd oder entgegengesetzt sind.

Die Kategorie 5 zeigt Ideen, welche Muslime mit dem Christentum gemeinsam haben, während Kategorie 6 Vorstellungen aufzeigt, welche das Christentum und die griechische Philosophie gemeinsam haben, die aber der islamischen Tradition fremd sind.

Die Kategorie 7 vereint solche Ideen, die allen 3 Systemen gemeinsam sind.

Im Fall der Kategorien 1, 2 und 3 versuchten muslimische Gelehrte die griechischen Ideen zu interpretieren, um – wo es möglich war – eine Synthese zur muslimischen Lehre herzustellen. Wo eine Synthese nicht möglich war, haben sie die griechischen Ideen einer Kritik unterzogen und sie widerlegt.

Da das Christentum mit den selben Problemen konfrontiert war, bedienten sich die Scholastiker an diesen (muslimischen) Argumenten (wenn es ihnen zum Vorteil gereichte), zumeist jedoch ohne die Quellen zu würdigen. In diesen Bereichen sind allgemeinhin philosophische und metaphysische Ideen vorzufinden. Wenn jedoch die Interpretation eines muslimischen Gelehrten in Konflikt mit dem christlichen Dogma geriet, wurde die Quelle von ihnen genannt und explizit auf den Fehler hingewiesen.

Gleiches ist der Fall in den Kategorien 4 und 6. Die Scholastiker wiesen auf (aus ihrer Sicht) dogmatische Irrtümer hin und muslimische Gelehrte wurden namentlich (dafür) verurteilt.

Ein Beispiel: Im Jahre 1277 n. Chr. publizierte Stephan Tampier, der Bischof von Paris, eine Liste von Ideen des muslimischen Gelehrten Averroës (Abū l-Walīd Muḥammad bin Rušd), die von ihm allesamt verurteilt wurden (Durrant, Will, The Story of Civilization: The Age of Faith, New York: Simon & Schuster, 1950, Vol. 4., pp.57-58). Thomas von Aquins Antrieb, seine Summa Theologiae zu schreiben, lag u.a. darin, die drohende Liquidierung der christlichen Theologie aufzuhalten, die durch die arabischen Interpretationen von Aristoteles drohte. (ibid., p. 913). Tatsächlich trieb Thomas von Aquin also nicht die Liebe zu Aristoteles an, sondern vielmehr die Angst vor dem muslimischen Gelehrten Averroës. (ibid., p. 954) Im Grunde war dies eine Anerkennung, mit einer schlechten Absicht allerdings.

Solcherlei Bezugnahmen sind nicht selten, auch in zeitgenössischen Texten die die Beiträge muslimischer Gelehrter zur Wirtschaftslehre vollkommen außer Acht lassen.

Ein Beispiel: Während er muslimische Beiträge zum Wirtschaftlehre vollständig ignoriert, erwähnt Roll die Muslime lediglich als „Beutekrieger“ (‘….. Moslems who had begun as raiding warriors ….’) (Roll, Eric, A History of Economic Thought, Homewood/Illinois, Richard D. Irwin In., 1974, p. 42). Selbst die kategorische Würdigung der Araber für das individuelle Eigentumsrecht, wird von Ashly als eine „Selbstsucht der Heiden“ dargestellt (Ashly, William J., An Introduction to English Economic History and Theory, New York: G.P. Putnam and Sons, 2 Vols., 1893-1906, p. 128) – eine gängige Anspielung auf die Muslime, die möglicherweise von den Scholastikern entlehnt wurde.

Auch Whittaker machte sich nicht die Mühe die Beiträge muslimischer Gelehrter zur Wirtschaftstheorie zu erwähnen, jedoch vergas er nicht daran zu erinnern, dass „die Machtausbreitung der Mohammedaner nicht nur die Existenz des Ostens oder Byzanz‘ bedrohte, mit Fokus auf Konstantinopel, sondern dass die Mohammedaner nach der Eroberung Nordafrikas sich auch in Spanien und Sizilien ausbreiteten“. (Whittaker, Edmund, Schools and Streams of Economic Thought, London, John Murray, 1960, p. 21) Er sagt weiter: „Der schikanöse und riskante Überland-Handel mit Asien wurde durch einen relativ einfachen Seeweg ersetzt, der bei alledem auch noch frei war von der Bedrohung durch die Mohammedaner“ (ibid., p. 22). Was hier als „Bedrohung“ bezeichnet wird, war übrigens die Handelskonkurrenz, die von solchen Muslimen ausging die selber Händler waren.

Die Kategorie 5 kennzeichnet dogmatische Harmonien zwischen dem Islam und dem Christentum. Hier bediente man sich vonseiten der Christen im vollen Umfang an den Ideen muslimischer Gelehrter, jedoch auch hier zumeist ohne Würdigung der Quellen. Zum Beispiel der spanische Dominikanermönch Raymond Martini, der sich sehr ausgiebig bei den Ideen von Algazel  (Abū Hāmid Muhammad al-Ghazālī) bediente, welche er aus den Werken Tahafut al-Falasifah, al-Maqasid, al-Munqidh, Mishkat al-Anwar und Ihya Ulum ad-Din entnahm, wiederum ohne Bezug auf die Quelle nehmen. (Sharif, M.M., A History of Muslim Philosophy, Weisbaden: Otto Harrassowitz, 2 Vols., 1966, p. 1361)

Die Kategorie 7 ist als dogmatisch neutral zu bezeichnen. Auch in diesem Bereich, wie oben bereits erwähnt, zögerten die Scholastiker nicht, sich ausgiebig an den Ideen der anderen Denkschulen zu bedienen, wobei sie, sofern sie das Bedürfnis hatten auf die Quelle zu verweisen, sich vornehmlich auf griechische Gelehrte bezogen. In den Worten Daniels (Daniel, Norman, The Culture Barrier: Problems in the Exchange of Ideas, Edinburgh, Edinburgh University Press., 1975, pp. 76-77): „Es gab eine spontane und allgemein anerkannte Übereinstimmung darüber, was annehmbar und was abzulehnen sei; was übernommen wurde, entsprach entweder einer kulturellen Gemeinsamkeit oder war kulturell neutral. Der Großteil d(ies)er wissenschaftlichen Erkenntnis war kulturell neutral. Diese kulturelle Neutralität wurde lediglich in einem gewissen Umfang dadurch absorbiert, dass diese Erkenntnisse ein gemeinsames Erbe der arabischen Welt als auch Europas darstellten.“

Es sei darauf hingewiesen, dass die meisten ökonomischen Ideen zu den Kategorien 6 und 7 gehören, also zu denjenigen, die ohne weitere Würdigung der Quelle von den Scholastikern übernommen wurden. Und auch wenn diese Tatsachen heute geleugnet werden oder einfach in Vergessenheit geraten sind, so ändert dies nichts daran, dass es ein Faktum ist, das zumindest heute einer nachträglichen Anerkennung würdig sein sollte.

[Basierend auf der Arbeit von Prof. Dr. Abdul Azim Islahi in seiner Publikation Contributions of Muslim Scholars to Economic Thought and Analysis]

Die allgemeine Ungleichheit der Menschen als Segen für Arbeit, Wert und Handel

von Yahya ibn Rainer

Ich hatte schon eine riesige Einleitung zu diesem Beitrag geschrieben, weil ich vermutete, dass die Wichtigkeit des Themas nach einer ausführlichen Darlegung verlangt. Letztendlich jedoch war dieses Textkonvolut auch mir zu aufgeblasen und ich trug die Befürchtung in mir, mit einer solch umfassenden Erläuterung den Leser eher abzuschrecken, als ihn zu gewinnen. Also versuche ich mich sehr kurz zu fassen …

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Auszug: Abdul Azim Islahi – Die Formen wirtschaftlichen Handelns und wirtschaftlicher Beziehungen

„Es sollte ein für alle Mal klargestellt werden, dass der Islam nicht offenbart wurde um die Formen wirtschaftlichen Handelns oder wirtschaftlicher Beziehungen zu erneuern – dies bleibt der Sitte, dem menschlichen Einfallsreichtum und seiner Fähigkeit überlassen, aus Erfahrungen zu lernen. Genau in diesem Kontext ist vom Propheten – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – überliefert, dass er zu seinen Gefährten sagte:

«Ihr wisst über eure eigenen weltlichen Angelegenheiten am besten Bescheid, aber was eure religiösen Fragen angeht, so wurden sie an mich delegiert.»“

(Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Economic Concepts of Ibn Taimiyah, Seite 180 / übertragen in die deutsche Sprache von Yahya ibn Rainer )

H. H. Frank über den Sufismus (6. Teil)

Nach längerer Zeit setze ich nun die Abschrift aus dem Buch «Das Abendland und das Morgenland – Eine Zwischenreichbetrachtung» von Herman Heinrich Frank fort, dass 1901 im Leipziger Hermann Seeman Nachfolger Verlag publiziert wurde.
Eine Linkliste mit allen bisher verschriftlichten Teilen der Abschrift findet ihr oben im Menü unter «Beitragsserien».

„Also sehen wir, daß die Sufi trotz größter Verschiedenheiten in der äußeren Form ihrer Lehre, innerlich eigentlich die Gebildeten im Orient sind. Indes hat natürlich das ausführlich geschilderte orientalische Wesen, hauptsächlich deswegen weil staatlich, wirtschaftlich, klimatisch der Orient seine besondere Form hat, der Sache ebenfalls ihre besondere Form gegeben, die selbstverständlich auf das Abendland nicht ohne weiteres anwendbar ist.

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Video: Podiumsdiskussion mit Oliver Janich & Andreas Rieger – Islam & Kapitalismus, Freunde oder Feinde?

Es wird zwar nicht richtig diskutiert, aber trotzdem ist dieses Podiumsgeplauder hörenswert. Was Herr Rieger in Minute 58:44 bis 59:35 sagt, ist sehr verkürzt genau das, was ich auch immer wieder gewillt bin meinen muslimischen Geschwistern zu vermitteln.

https://www.youtube.com/watch?v=BC6fJcALrMg

[Von der im Video geradezu unwidersprochen gebliebenen Kritik am islamischen Zinsverbot distanziere ich mich natürlich ausdrücklich. Janich ist und bleibt ein aufgeklärter Atheist, dem damit sämtliches Verständnis für göttliche Dogmen abgeht. Das jedoch ist nicht Usus im liberalen/libertären Milieu. Roland Baader schrieb z.B. in seinem Buch "Das Kapital am Pranger" folgendes über den Agnostiker v. Hayek:
"In unzähligen Schriften hat er dargelegt, daß die persönliche Freiheit nur in einer Gesellschaft bewahrt werden kann, in welcher die wichtigsten Werte [...] fraglos gelten. Der Schlüssel hierbei ist das Wort fraglos. Nur wenn die Prinzipien des rechten und gerechten Verhaltens, die «man tut …» und «man tut nicht …»-Regeln in einer Gesellschaft in Form von religiösen Glaubensinhalten oder als tradierte Tabus gelten – und somit nicht rational “hinterfragt” werden, können sie bei einer hinreichend großen Zahl von Bürgern verbindliche Leitlinien für das persönliche Verhalten bleiben. Sobald nur noch solche moralischen Werte und Verhaltensregeln anerkannt werden, die sich rational (“vernünftig”) erklären und rechtfertigen lassen, gehen diese Werte verloren, weil die wenigsten von ihnen einer rationalen Begründung zugänglich sind. Sobald man hinter die Zehn Gebote der Bibel ein Warum? setzt, ist ihre – das menschliche Zusammenleben stabilisierende – Kraft dahin. Sie müssen dann durch den strafbewehrten Befehl ersetzt werden.”]

Buchauszug: Bertrand de Jouvenel – Das muselmanische Wassergesetz

„Wenn der Überfluß eines Gutes für seine Unentgeltlichkeit verantwortlich ist, so folgt daraus, daß es unter Umständen sehr wohl in die Kategorie der ökonomischen Güter eintreten kann. Der Satz „Ich verkaufe Ihnen ein Pfund Eis“ würde einen Eskimo zum Lachen bringen – für einen Menschen am Äquator würde er ein akzeptables Anliegen ausdrücken.

Während der Geschichte unserer westlichen Gesellschaften sind die Bäume aus der Klasse der „unentgeltlichen Güter“ in die der „ökonomischen Güter“ übergetreten. Ein Stück Bauholz erhielt einst einen Preis ausschließlich aus der Arbeit, die in es eingegangen war: die Bäume konnten umsonst gefällt werden. Die Gewohnheit, daß Bäume schon verkauft werden, bevor sie geschlagen sind, hat sich nicht ohne Schwierigkeiten durchgesetzt.

Nicht nur die Tatsache, daß ein natürliches Gut im Überfluß vorhanden ist, steht seinem Verkauf entgegen. Es wird auch das Gefühl wirksam, daß es zwar legitim ist, für seine Arbeit und seinen Schweiß eine Belohnung zu erhalten, daß dies aber bei einer „Gabe Gottes“ weniger angebracht sei. Dieses Gefühl tritt deutlich im muselmanischen Wassergesetz zutage, das auch im Falle äußerster Wassernot entsprechend dem Koran den Verkauf von Wasser untersagt.“

(Prof. Bertrand de Jouvenel, Über Souveränität – Auf der Suche nach dem Gemeinwohl, Seite 17-18)

 

Islam und Marktwirtschaft: Die weise Kapitalistin und der Kaufmann

Der folgende Beitrag erschien zuerst in der Jan./Feb.-Printausgabe (Nr.149) des Magazins eigentümlich frei. Ein recht herzlicher Dank geht an dieser Stelle raus an den Herausgeber und Chefredakteur dieses freien und mutigen Blattes.

Wenn Muslime Roland Baader lesen

Es war einmal, vor etwa 1.420 Jahren, da lebte eine sehr wohlhabende Witwe inmitten der arabischen Wüste, in einer kleinen Handelsstadt. Den Wohlstand verdankte sie ihrem ersten Ehemann, der, als er verstarb, ihr sein gesamtes Vermögen vererbte.

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PDF: Abdel Azim Islahi – An analytical study of al-Ghazali’s thought on money and interest

Lang ist es her. Heute endlich mal wieder eine Publikation des Ökonomie-Professors Dr. Abdul Azim Islahi.

An analytical study of al-Ghazali’s thought on money and interest
Prof. Dr. Abdul Azim Islahi
Department of Economics, Aligarh Muslim University,
Aligarh, India ©2001

Eine analytische Studie über al-Ghazalis Gedanken zu Geld und Zinsen
Prof. Dr. Abdel Azim Islahi
Am Wirtschaftsinstitut der Aligarh Muslim Universitätin Aligarh/Indien

[PDF] An analytical study of al-Ghazali’s thought on money and interest

Auszug: Dr. Jerry Hionis Jr. – Die Sunnah, ein frühkapitalistisches Kriterium

Aus dem englischsprachigen Text An Introduction to Marxism for Non-Marxists by a Former Marxist – Part 3 des muslimischen Ökonomen und Wissenschaftlers Dr. Jerry Hionis Jr., übertragen in die deutsche Sprache von Yahya ibn Rainer.

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Buchauszug: Abdul Azim Islahi: Elemente der Werttheorie und muslimische Gelehrte

Der folgende Text stammt – als englischsprachiges Original – aus der Publikation Contributions of Muslim Scholars to Economic Thought and Analysis von Prof. Dr. Abdul Azim Islahi und wurde von mir, so gut es nur ging, in die deutsche Sprache übersetzt.

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