Alle Beiträge von Jens Yahya Ranft

Der Meinungswandel des Prof. Dr. de Laveleye (gest. 1892) über den Islam und die Muslime

Ich lese derzeit das 2-bändige Reisetagebuch „Die Balkanländer“ (1886) von Prof. Dr. Émile Louis Victor de Laveleye (gest. 1892 n. Chr.), einem äußerst renommierten belgischen Nationalökonomen und Universalgelehrten seiner Zeit.

Einer der Gründe, weshalb ich diese Lektüre auf mich nehme, ist mein erster Eindruck dieser Persönlichkeit, den ich in der Bandreihe (1903) des deutsch-französischen Islamkonvertiten Muhammad Adil Schmitz du Moulin gewinnen konnte.

Prof. Dr. de Laveleye begab sich auf seiner Balkanreise erstmals persönlich in Gefilde, in denen Muslime heimisch waren. Man merkt anfänglich, dass der Professor mit reichlich Vorurteilen im Gepäck sich auf diese Reise begab, Vorurteile, die sich aus zahlreichen abendländischen Pamphleten nährten, die (ähnlich wie heute) die Schuld am damals schon beginnenden Niedergang der muslimischen Zivilisation (Kranker Mann am Bosporus) eindeutig dem Islam (als Religion und Ordnungsprinzip) andichteten.

So schreibt de Laveleye, als er sich allmählich den bosnisch-muslimischen Siedlungsgebieten näherte:

Sind das vielleicht schon die Vorläufer der einstigen türkischen Provinzen, also der Barbarei, während doch der Weg nach Pest und Wien, das heißt nach der Zivilisation hin, in entgegengesetzter Richtung läuft?

Man wird im Verlaufe der weiteren Lektüre jedoch immer deutlicher der Tatsache gewahr, dass de Laveleye anscheinend mit absolut falschen Erwartungen in diese „muslimische Barbarei“ der ehemaligen türkischen Provinzen des Balkans zog. Sehr schnell, nämlich bereits bei Ankunft in der (zwischen Christen und Muslimen durch den Fluss Save) geteilten Grenzstadt Brod, sieht er sich gemüßigt, als bekennender Christ folgendes über den muslimischen Muezzinruf zu Papier zu bringen:

Das bosnische Brod besteht aus einer einzigen großen Straße, deren Häuser zum Schutze gegen die Überschwemmungen der Save auf Pfählen oder Dämmen ruhen.

Die ganz aus Holz erbaute Moschee wird von einigen Pappeln umgeben, und zu dem in roten, gelben und grünen Farbentönen schimmernden Minarett steigt eben der Muezzin oder Ausrufer hinauf, um aufzufordern zum Gebete des »Aksham« oder der Abenddämmerung, dem letzten des Tages.

Der Metallklang seiner Stimme dringt bis in die umliegenden Fluren, und es sind schöne Worte, die man da vernimmt; selbst bei dem Gedanken an Schillers »Glocke« ziehe ich diese Art der Verkündigung dem gleichförmigen Geläute der Glocken vor.

»Gott ist erhaben und allmächtig«, ruft der Muezzin. »Es gibt keinen anderen Gott als ihn und keinen anderen Propheten als Mohammed. Versammelt Euch im Reiche Gottes, an dem Orte der Gerechtigkeit. Kommt in die Wohnung der Glückseligkeit«.

Dies sollte nicht der erste positive Eindruck gewesen sein, den de Laveleye im weiteren Verlauf seines Reisetagebuches über den Islam und die Muslime auf dem Balkan zu Papier brachte.

In schaa Allah werde ich einen umfangreichen Beitrag verfassen, der all diese Äußerungen des Professors in Auszügen zur Verfügung stellt.

Ich freue mich schon.

Ibn Khaldun geht hart mit seinen Volksgenossen, den Arabern, ins Gericht

Der Universalgelehrte  Ibn Khaldūn (gest. 808 n.H.) geht in der legendären Muqaddimah zu seinem Geschichtswerk sehr hart mit seinen Volksgenossen, den Arabern, ins Gericht.

Hier nur einige wenige Auszüge, beginnend mit dem 25. Abschnitt des 2. Kapitels:

«Die Araber vermögen nur über flaches Land Obmacht zu erlangen. Das ist deshalb so, weil die Araber aufgrund ihrer wilden und ungebundenen Natur ein Menschenschlag von Räubern und Zerstörern sind, die alles plündern, was sie ohne Kampf und ohne sich einer Gefahr auszusetzen, bekommen können, […]

Länder, die von Arabern erobert wurden, ereilt alsbald der Ruin. Die Ursache hierfür ist darin zu suchen, dass die Araber ein wild und ungebunden lebendes Volk sind, bei dem die Gewohnheiten und Gebräuche dieser Lebensform fest verwurzelt sind. Sie ist für die Araber zur Wesensart und zweiten Natur geworden. Sie empfinden dies als sehr angenehm, da sie auf diese Weise dem Joch der Herrschaft entgehen und sich nicht politischer Autorität unterzuordnen brauchen. Eine solche Veranlagung ist das Gegenteil des zivilisierten Lebens und mit diesem unverträglich. […]

Ebenso liegt es in der Natur der Araber, andere ihres Besitzes zu berauben. Ihren Lebensunterhalt erwerben sie mit Hilfe ihrer Lanzen. Wenn es darum geht, Menschen ihr Eigentum fortzunehmen, gibt es für sie keine Schranke, vor der sie halt machen würden. Vielmehr rauben sie alles, was ihr Blick an Geld, Gütern und Geräten erspäht. […]

Des weiteren beauftragen sie die Handwerker und Gewerbetreibenden mit Arbeiten, für die diese keinen Gegenwert und weder Lohn noch Preis sehen. Die Arbeit aber ist, wie wir später ausführen werden, die Quelle und das eigentliche Wesen des Gewinns. Wenn nun die Arbeit entwertet wird und unentgeltlich erfolgt, schwinden die Hoffnungen auf Gewinn und ziehen sich die Hände von der Arbeit zurück. Die Bevölkerung flieht (aus der Stadt), und die Zivilisation geht schließlich zugrunde.

Auch kümmern sich die Araber nicht um gesetzliche Vorschriften oder fühlen sich veranlasst, die Menschen von Untaten abzuhalten und die einen vor den anderen zu schützen. Sie begehren lediglich das Eigentum der Menschen, das sie durch Raub und Schutzgeld an sich bringen. […]

Des weiteren rivalisieren die Araber untereinander um die Führerschaft. Kaum jemand wird die Macht einem anderen überlassen, es sei selbst der Vater, der Bruder oder ein bedeutender Mann der eigenen Sippe, und wenn, dann nur selten und widerwillig. Emire und (andere) Befehlshaber gibt es viele bei den Arabern. Für die Untertanen wechseln (nur) die Hände, die die Steuern einnehmen und die Gesetze schreiben. Die Zivilisation aber verfällt und geht zugrunde. […].»

Das ist längst nicht alles. Ibn Khaldun lässt beinah kein gutes Haar an seinen Volksgenossen. Doch es ist nicht aller Tage Abend, denn Ibn Khaldun schreibt bereits im 27. Abschnitt folgendes:

«[…] die Araber [sind] aufgrund ihres wilden und ungestümen Naturells unter allen Völkern am wenigsten bereit […], sich einander unterzuordnen, da sie roh, stolz und ehrgeizig sind und um die Führerschaft wetteifern. Nur selten kommen sie in ihren Wünschen überein. Doch wenn sie die Religion durch einen Propheten oder Heiligen erfahren, wirkt der Einfluß, der sie zu zügeln vermag, in ihnen selbst. Hochmut und Rivalität fallen dann von ihnen ab, und es wird für sie leicht, sich unterzuordnen und zueinander zu finden. Dies rührt von der sie umfangenden Religion her, die Grobheit und Stolz bei ihnen schwinden läßt und ihre Mißgunst und Rivalität in Schranken zwingt. […]»

Gewiss reichen hierzu nicht allein das Bekenntnis zum Islam, die äußerlichen Merkmale und die Verrichtungen der rituellen Pflichthandlungen. Der Islam muss allumfänglich verinnerlicht werden und sich durchweg im Handeln des Muslims zeigen, besonders im Umgang mit anderen Menschen.

Kurz gesagt: Keine oder zu wenige Muslime auf Friedens- und Anti-Terror-Demonstrationen

Es gibt hierzulande den weit verbreiteten Vorwurf gegen uns Muslime, dass wir uns nie oder nur selten (und dann mit geringer Beteiligung) an hiesigen Friedens- und Anti-Terror-Demonstrationen beteiligen würden.

Nun ja, bei mir ist es so: Bevor ich zum Islam konvertierte, war ich Mitglied in der DKP und nahm treu ergeben alljährlich am 1-Mai-Demontrationszug teil, für den Kommunismus.

Gott sei Dank, muss ich heute sagen, hat meine Teilnahme an diesen Demonstrationen der Sache keinerlei Erfolg beschert.

Das ist nun auch der Grund, warum ich nicht mehr an Demonstrationen teilnehme.

Weder bringen sie Frieden, noch besiegen sie den Terrorismus.

Zitat: Ali Pasha Mubarak über den Trickle-Down-Effekt

«Denn so wie die Reichen sich sehr anstrengen um viel Gewinn zu erzielen, so haben auch die Armen ihre Manieren ihr Brot zu verdienen und ihren Vergnügungen nachzugehen, je nach ihrer Situation.

Die Armen entsprechen in jeder Stadt ja immer den Reichen. Je größer die Stadt wird und je reicher die Reichen, nehmen auch die Existenzmöglichkeiten der Armen zu, denn indem sie überall Stellen haben und Dienste leisten, können sie mehrere Sachen zu gleicher Zeit verfolgen, was man nur sieht wenn man gut darauf acht gibt.»

– Ali Pasha Mubarak (gest. 1310 n.H.),
in seinem Buch ‚Alam ad-Dīn

Quelle: https://lesewerkarabisch.wordpress.com/2017/12/14/ali-mubarak-und-das-trickle-down-effekt

Zitat: Prof. Dr. Gustav Kafka über die negative Auswirkung einer finanziellen Arbeitslosenunterstützung (1949)

„Es ist hier natürlich nicht der Ort, konkrete Vorschläge zur Arbeitsbeschaffung zu machen; nur darauf muß hingewiesen werden, daß Arbeitslosenunterstützung ein sehr mangelhafter Ersatz für Arbeitsbeschaffung ist, weil sie in dem Unterstützungsempfänger eine geistige Einstellung erzeugt, die sich zum Bezug von Geld oder Gütern ohne eigene Gegenleistung für berechtigt hält.

Mit bedenklichen Folgen dieser Einstellung auf die Arbeitsmoral sind durch die Erfahrungen aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zur Genüge bestätigt worden.“

(Gustav Kafka, Freiheit und Anarchie, ©1949, Seite 35)

Zitat: Murad Wilfried Hofmann – Islamische Emanzipation der Frau

«Es trifft zu, daß islamische Kleidung ihren Trägerinnen eine Würde verleihen kann, wie man sie im Westen mit langem Abendkleid verbindet. Dies – und die starke Position der Muslima in der Familie – bedeutet jedoch noch nicht, daß die Frau in muslimischen Ländern die Rolle einnimmt, die Koran und Sunna für sie vorgesehen haben. Man müßte blind sein zu übersehen, daß viele Frauen in der muslimischen Welt ihre islamische Emanzipation noch vor sich haben. Diese Welt ist mehr als ihr guttut Männerwelt geblieben.»

– Murad Wilfried Hofmann (geb. 1931),
ehemaliger Informationsdirektor der NATO und ehemaliger Deutscher Botschafter in Algerien und Marokko, Muslim seit 1980

Buchauszug: Wael B. Hallaq – Die Unabhängigkeit der Justiz in einer schariarechtlichen Ordnung

Ich habe vor einiger Zeit einen weiteren Auszug aus dem Buch „The Impossible State – Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament“ von Prof. Dr. Wael B. Hallaq übersetzen lassen. Dieser Auszug war eigentlich für einen Artikel gedacht, den ich aber aus Zeitmangel bis heute nicht verfassen konnte.

Da ich aber gutes Geld für die Übersetzung ausgegeben habe und nicht weiß, wann ich mit den Artikel fertig werde, publiziere ich den Auszug hier einfach mal außerhalb den Kontextes. Vielleicht interessiert es jemanden.

Es geht um die Unabhängigkeit der Justiz (Judikative) in einer muslimischen Ordnung. Diese Unabhängigkeit ist anders gelagert als im modernen Staatsmodell, da ein Richter zwar auch von der Obrigkeit ernannt wird, jedoch nicht als Beamter (auf Lebenszeit), womit er sich auch nicht in eine finanzielle Abhängigkeit von der Obrigkeit begibt.

«Schließlich könnte das Konzept der Delegierung (des Richters durch die Obrigkeit) auch für die Kontrolle der Judikative durch die Exekutive herangezogen werden, da moderne Beobachter eine Amtsenthebung in der Regel als Unterminierung der juristischen Unabhängigkeit und so der Gewaltenteilung ansehen. Dies ist in modernen Rechtssystemen sicherlich der Fall, jedoch nicht in deren islamischem Gegenstück.

Die heutige, arbeitsplatzbasierte Wirtschaft und das Konzept der Fachkompetenz haben offensichtlich zu der Vorstellung geführt, dass eine sichere Karriere bzw. ein sicherer Arbeitsplatz für die wirtschaftliche Unabhängigkeit des Einzelnen unabdingbar sind. Ist der Job in Gefahr, ist es unweigerlich auch die eigene Unabhängigkeit. Diese Auffassung gab es vor dem neunzehnten Jahrhundert jedoch noch nicht, weder in der islamischen Welt noch anderswo.

So waren muslimische Juristen nicht spezialisiert in diesem Tätigkeitsfeld, da sie regelmäßig auch andere Aufgaben wahrnahmen, so dass das Einkommen aus ihrer Tätigkeit als qāḍī nur eine von mehreren Einnahmequellen war.

In den ersten Jahrhunderten des Islams hatten qāḍīs und andere Juristen noch weitere Berufe, hauptsächlich im handwerklichen Bereich. Später nahmen sie zahlreiche Aufgaben im Erziehungs- und Bildungsbereich wahr. So lehrten sie, gaben Privatunterricht oder schrieben Manuskripte ab – Tätigkeiten, die stets florierten. Manche arbeiteten als Schreiber, Sekretäre oder Protokollanten, während andere Kleinhändler und einige wenige sogar Großhändler waren.

Anders ausgedrückt: Der muslimische Richter war nicht nur von seinem Einkommen her von dieser Tätigkeit (als Richter) unabhängig, ja, sie war nicht einmal sehr bedeutend für ihn.

Doch damit ist noch nicht alles gesagt. In der Regel betrug die Amtszeit eines Richters zwei oder drei Jahre, oft wurde sie nach einer Pause erneuert. Amtsenthebungen gehörten zum Leben und waren etwas Selbstverständliches. Sie wurden erwartet und so oft durchgeführt, dass sie für niemanden eine Bedrohung darstellten.

Tatsächlich war es gerade diese Häufigkeit und deren Normalität – von der selbstverständlichen Bindung an die šarīʿa ganz zu schweigen –, die juristische Unabhängigkeit nicht nur möglich machte, sondern sie auch bestärkte.»

(Prof. Dr. Wael B. Hallaq, The Impossible State – Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament, übersetzt von Korrekturlesen-HH im Auftrag von Al-Adala.de)

Zitat: Wael B. Hallaq – Maßstab für Besteuerung unter schariarechtlicher Ordnung

«Gleichwohl wissen wir, dass der Maßstab für Besteuerung schariarechtlich vorgeschrieben und allgemein als außerordentlich niedrig anerkannt war, besonders im Vergleich mit moderne Standards. Mit anderen Worten, die Besteuerung konnte durch festgesetzte und objektive Kriterien bestimmt werden, und somit war eine zu hohe Besteuerung relativ einfach zu erkennen und vor einem Scharia-Gericht zu beklagen.

Sogar im staatsähnlichsten aller islamischen Imperien, dem Osmanischen Reich, war der Wirkungsbereich des Sultans zu jeder Zeit in den Rahmen eines [Scharia-]Gerechtigkeitsbegriffs beschränkt, der die Rechte der Eigentümer (an ihrem Eigentum) gewährleistete.»

(Prof. Dr. Wael B. Hallaq, The Impossible State – Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament“, übersetzt von Jens Ranft)

Buchauszug: Prof. Dr. Gustav Kafka – Der Zusammenhang zwischen musikalischer Rhythmik und Faulheit

Als amtlich indoktrinierter Salafist wurde ich natürlich sorgfältig darauf geimpft, dass Musik verboten sei und dass hierin keine anerkannte Meinungsverschiedenheit unter den Gelehrten der Ahlus Sunnah wal Jama’a besteht.

Heute denke ich da ein wenig anders: Ich erkenne den Meinungsunterschied an, der aufgrund der Urteile einiger Gelehrter zustande kam, auch wenn es nur wenige unter den großen Autoritäten (wie Ibn Hazm & al-Ghazali) waren.

Trotz alledem bin ich noch immer der festen Überzeugung, dass der absichtliche Konsum von Musik (vor allem zum Zeitvertreib) verboten und schädlich ist. Mir hat der freiwillige Verzicht auf Musik – die bis zu meiner Konversion zum Islam ein überaus wichtiger und prägender Teil meines Lebens war – sehr dabei geholfen, mich dem Studium der Bücher zu widmen. Während ich als Musikkonsument nicht einmal ein Bücherregal besaß, kann ich heute, nach etwa 10 Jahren, eine beachtliche Bibliothek mein Eigen nennen.

Dies ist – und davon bin ich felsenfest überzeugt – vor allem auch meiner rhythmischen Abstinenz zu verdanken. Ich hatte das Gefühl, dass Musik nicht nur ablenkt, sondern auch Wesenszustände erzeugt, die einerseits animalisch anmuten, andererseits aber auch eine intellektuelle Faulheit förderten. Dieses Gefühl fand vor einigen Jahren eine überraschende Bestätigung, nämlich als ich das Buch „Freiheit und Anarchie“ (1949) des Psychologen Prof. Dr. Gustav Kafka las.

Hier der Auszug zum Gegenstand:

«Aber da der Mensch nun einmal kein rein vegetatives Dasein führt, verliert das far niente [das Nichtstun] für ihn sehr bald seine dolcezza [Süße] und er beginnt sich zu langweilen, nicht bloß, wenn er keinen Schmerz empfindet – wie Schopenhauer gelegentlich übertreibt -, sondern schon, wenn er wirklich „nichts zu tun hat“.

Was ist nun einer der einfachsten Kunstgriffe, die der Mensch anwendet, um sich die Langeweile zu vertreiben, wenn ihm kein anderes Mittel dafür zur Verfügung steht? Er beginnt mit den Fingern rhythmisch auf einer Unterlage zu trommeln und erreicht damit ein Doppeltes: einmal drückt er damit das biologische Niveau seiner Lebensäußerung herab, denn Rhythmik der Bewegung ist nicht nur ein Kennzeichen der niederen Organismen, sondern auch derjenigen Organe, die nicht unter der unmittelbaren Kontrolle des Zentralnervensystems stehen (wie etwa Herz und Darm), zum anderen gleicht er die körperliche Untätigkeit durch eine geistige, wenn auch sehr tiefstehende geistige Tätigkeit aus, nämlich durch die Formung des Zeitablaufes zu rhythmischen Gestalten.

Zu nichts anderem als zur Ausfüllung einer Tätigkeitspause dienen aber sämtliche Veranstaltungen, die als „Unterhaltung“ bezeichnet werden und die nur jenes Mindestmaß geistiger Tätigkeit voraussetzen, dessen es bedarf, um die durch völlige Untätigkeit erzeugte Langeweile zu bannen.»

(Gustav Kafka, Freiheit und Anarchie, ©1949, Seite 51)

Zitat: Ludwig Ferdinand Clauß – Ein Beamter mit einem selbständigen Gewissen ist so etwas wie ein rundes Viereck

«In den Staat gehören Leute, die nicht nur wissen, was gespielt wird, sondern demgemäß das Spiel auch rechtzeitig Mitmachen. Ein Beamter mit einem selbständigen Gewissen ist, von hier aus gesehen, so etwas wie ein rundes Viereck.»

– Ludwig Ferdinand Clauß (gest. 1974 / rahimahuAllah)

Buchauszug: Prof. Kenneth Minogue – Nur einer der Gründe, warum wir Immigranten aus allen Teilen der Welt anziehen

«Unser Reichtum ist […] nur einer der Gründe, warum wir Immigranten aus allen Teilen der Welt anziehen.

Aus der Perspektive traditioneller Gesellschaften in anderen Teilen der Welt betrachtet, scheinen wir bewundernswert frei zu sein. Richtet man sein Augenmerk auf die Besonderheiten unseres gegenwärtigen Zustands, so wird es einem unwahrscheinlich vorkommen, daß wir uns auf dem abschüssigen Pfad zur ‚Sklavenmentalität‘ befinden, wie ich es nenne.

Die Gesellschaft der Gegenwart hat uns zweifellos von vielen der Entbehrungen und Konventionen früherer Zeiten befreit. Sie fördert entschieden die Impulsivität, und wir erfreuen uns der ’negativen Freiheiten‘ gegenüber einer Vielzahl von zuvor eingeschränkten Aktivitäten.

Die Kehrseite dieses bewundernswerten Standes der Dinge ist jedoch der Anstieg der Kriminalität, des Drogenkonsums, unsozialen Verhaltens und die zunehmende Zerrüttung des Familienlebens.

Als demokratisch verfaßt reagiert die moderne Welt positiv auf das, was wir wollen, und was wir wollen, ist nicht immer gut für uns.»

(Kenneth Minogue, Die demokratische SklavenmentalitätWie der Überstaat die Alltagsmoral zerstört)

Kurz gesagt: #Islam und #Aufklärung

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der große deutsche Geschichtsphilosoph und Kulturhistoriker Oswald Spengler (gest. 1936) in seinem opus magnum „Der Untergang des Abendlandes – Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte“ (1918) die Sendung des Gesandten Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – („622“ n. chr. Zeitr.) in den geistesgeschichtlichen „Sommer“ der „arabischen Kultur seit Chr.“ einordnete.

Die darauf folgende geistesgeschichtliche Epoche des „Herbstes“ beginnt mit der Aufklärung. Hier verortet Spengler die arabisch-muslimische Kultur bereits etwa 200 Jahre später, und zwar parallel mit dem Auftreten der „Mutazilisten“ und des „Sufismus“, sowie der Gelehrten an-Nazzâm und Alkindi.

Die abendländische Aufklärung hingegen findet laut Spengler erst mit dem Auftreten von Locke (gest. 1704), Voltaire (gest. 1778) und Rousseau (gest. 1778) statt.

Letztendlich bedeutet dies, dass die muslimische Aufklärung bereits 200 Jahre nach der Sendung des „Religionsstifters“ ihren Beginn nahm, während die christlich-abendländische Aufklärung nach der Sendung ihres „Religionsstifters“ über 1700 Jahre dafür brauchte.

Zitat: Wael B. Hallaq – Es gab nie einen islamischen Staat …

«Es gab nie einen islamischen Staat. Der Staat ist modern und mit modern meine ich nicht eine besondere zeitliche Einheit an irgendeinen Punkt auf der Chronik der Menschheitsgeschichte. Das Moderne ist eine spezifische Struktur von Beziehungen, welche sich als ein einzigartiges Phänomen auszeichnet. Sie stellt eine besondere Qualität dar.

Aus diesem Grund stellt der Gebrauch des Begriffs “ Islamischer Staat“ – im Sinne einer Entität, die in der Geschichte bereits existierte – nicht nur ein Frönen in anachronistischem Denken dar, sondern verkennt auch die strukturellen und qualitativen Unterschiede zwischen dem modernen Staat und seinen „Vorgängern“, insbesondere im Vergleich mit dem, was ich als „islamische Herrschaftsform“ bezeichne.»

(Wael B. Hallaq, The Impossible State – Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament, Seite 48)

Buchauszug: John Gray – Der Humanismus ist eine Religion

«Der liberale Humanismus verfügt heute über eine so weitreichende Macht wie einst die Offenbarungsreligionen. Humanisten bilden sich gern ein, ihre Sicht der Welt sei rational. Doch ihre Grundüberzeugung, die Geschichte der Menschheit sei eine Fortschrittsgeschichte, beruht auf einem Aberglauben und ist weiter von der Wahrheit entfernt als jede Religion. […]

Der Humanismus ist keine Wissenschaft. Der Humanismus ist eine Religion. Er ist ein postchristlicher Glaube daran, dass wir eine Welt aufbauen können, die besser ist als jede, in der Menschen bislang gelebt haben. Im vorchristlichen Europa ging man ganz selbstverständlich davon aus, die Zukunft werde wie die Vergangenheit sein. Es mochte zwar neue Erkenntnisse und Erfindungen geben, aber an den Grundlagen ethischen Handelns würde sich im Wesentlichen nichts ändern. Die Geschichte des Menschen betrachtete man als eine Abfolge von Zyklen, der kein allumfassender Sinn innewohnt.

Die Christen dagegen fassten die Menschheitsgeschichte im Sinne einer Erzählung von Sünde und Erlösung auf. Der Humanismus überführt diese christliche Erlösungsdoktrin in das Projekt, die gesamte Menschheit zu emanzipieren. Die Idee des Fortschritts ist der ins Säkulare gewendete christliche Glaube an die Vorsehung.»

(John Gray, Von Menschen und anderen Tieren – Abschied vom Humanismus, Klett-Cotta Verlag)