Archiv für den Monat: Dezember 2017

Buchauszug: Wael B. Hallaq – Die Unabhängigkeit der Justiz in einer schariarechtlichen Ordnung

Ich habe vor einiger Zeit einen weiteren Auszug aus dem Buch „The Impossible State – Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament“ von Prof. Dr. Wael B. Hallaq übersetzen lassen. Dieser Auszug war eigentlich für einen Artikel gedacht, den ich aber aus Zeitmangel bis heute nicht verfassen konnte.

Da ich aber gutes Geld für die Übersetzung ausgegeben habe und nicht weiß, wann ich mit den Artikel fertig werde, publiziere ich den Auszug hier einfach mal außerhalb den Kontextes. Vielleicht interessiert es jemanden.

Es geht um die Unabhängigkeit der Justiz (Judikative) in einer muslimischen Ordnung. Diese Unabhängigkeit ist anders gelagert als im modernen Staatsmodell, da ein Richter zwar auch von der Obrigkeit ernannt wird, jedoch nicht als Beamter (auf Lebenszeit), womit er sich auch nicht in eine finanzielle Abhängigkeit von der Obrigkeit begibt.

«Schließlich könnte das Konzept der Delegierung (des Richters durch die Obrigkeit) auch für die Kontrolle der Judikative durch die Exekutive herangezogen werden, da moderne Beobachter eine Amtsenthebung in der Regel als Unterminierung der juristischen Unabhängigkeit und so der Gewaltenteilung ansehen. Dies ist in modernen Rechtssystemen sicherlich der Fall, jedoch nicht in deren islamischem Gegenstück.

Die heutige, arbeitsplatzbasierte Wirtschaft und das Konzept der Fachkompetenz haben offensichtlich zu der Vorstellung geführt, dass eine sichere Karriere bzw. ein sicherer Arbeitsplatz für die wirtschaftliche Unabhängigkeit des Einzelnen unabdingbar sind. Ist der Job in Gefahr, ist es unweigerlich auch die eigene Unabhängigkeit. Diese Auffassung gab es vor dem neunzehnten Jahrhundert jedoch noch nicht, weder in der islamischen Welt noch anderswo.

So waren muslimische Juristen nicht spezialisiert in diesem Tätigkeitsfeld, da sie regelmäßig auch andere Aufgaben wahrnahmen, so dass das Einkommen aus ihrer Tätigkeit als qāḍī nur eine von mehreren Einnahmequellen war.

In den ersten Jahrhunderten des Islams hatten qāḍīs und andere Juristen noch weitere Berufe, hauptsächlich im handwerklichen Bereich. Später nahmen sie zahlreiche Aufgaben im Erziehungs- und Bildungsbereich wahr. So lehrten sie, gaben Privatunterricht oder schrieben Manuskripte ab – Tätigkeiten, die stets florierten. Manche arbeiteten als Schreiber, Sekretäre oder Protokollanten, während andere Kleinhändler und einige wenige sogar Großhändler waren.

Anders ausgedrückt: Der muslimische Richter war nicht nur von seinem Einkommen her von dieser Tätigkeit (als Richter) unabhängig, ja, sie war nicht einmal sehr bedeutend für ihn.

Doch damit ist noch nicht alles gesagt. In der Regel betrug die Amtszeit eines Richters zwei oder drei Jahre, oft wurde sie nach einer Pause erneuert. Amtsenthebungen gehörten zum Leben und waren etwas Selbstverständliches. Sie wurden erwartet und so oft durchgeführt, dass sie für niemanden eine Bedrohung darstellten.

Tatsächlich war es gerade diese Häufigkeit und deren Normalität – von der selbstverständlichen Bindung an die šarīʿa ganz zu schweigen –, die juristische Unabhängigkeit nicht nur möglich machte, sondern sie auch bestärkte.»

(Prof. Dr. Wael B. Hallaq, The Impossible State – Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament, übersetzt von Korrekturlesen-HH im Auftrag von Al-Adala.de)

Zitat: Wael B. Hallaq – Maßstab für Besteuerung unter schariarechtlicher Ordnung

«Gleichwohl wissen wir, dass der Maßstab für Besteuerung schariarechtlich vorgeschrieben und allgemein als außerordentlich niedrig anerkannt war, besonders im Vergleich mit moderne Standards. Mit anderen Worten, die Besteuerung konnte durch festgesetzte und objektive Kriterien bestimmt werden, und somit war eine zu hohe Besteuerung relativ einfach zu erkennen und vor einem Scharia-Gericht zu beklagen.

Sogar im staatsähnlichsten aller islamischen Imperien, dem Osmanischen Reich, war der Wirkungsbereich des Sultans zu jeder Zeit in den Rahmen eines [Scharia-]Gerechtigkeitsbegriffs beschränkt, der die Rechte der Eigentümer (an ihrem Eigentum) gewährleistete.»

(Prof. Dr. Wael B. Hallaq, The Impossible State – Islam, Politics, and Modernity’s Moral Predicament“, übersetzt von Jens Ranft)

Buchauszug: Prof. Dr. Gustav Kafka – Der Zusammenhang zwischen musikalischer Rhythmik und Faulheit

Als amtlich indoktrinierter Salafist wurde ich natürlich sorgfältig darauf geimpft, dass Musik verboten sei und dass hierin keine anerkannte Meinungsverschiedenheit unter den Gelehrten der Ahlus Sunnah wal Jama’a besteht.

Heute denke ich da ein wenig anders: Ich erkenne den Meinungsunterschied an, der aufgrund der Urteile einiger Gelehrter zustande kam, auch wenn es nur wenige unter den großen Autoritäten (wie Ibn Hazm & al-Ghazali) waren.

Trotz alledem bin ich noch immer der festen Überzeugung, dass der absichtliche Konsum von Musik (vor allem zum Zeitvertreib) verboten und schädlich ist. Mir hat der freiwillige Verzicht auf Musik – die bis zu meiner Konversion zum Islam ein überaus wichtiger und prägender Teil meines Lebens war – sehr dabei geholfen, mich dem Studium der Bücher zu widmen. Während ich als Musikkonsument nicht einmal ein Bücherregal besaß, kann ich heute, nach etwa 10 Jahren, eine beachtliche Bibliothek mein Eigen nennen.

Dies ist – und davon bin ich felsenfest überzeugt – vor allem auch meiner rhythmischen Abstinenz zu verdanken. Ich hatte das Gefühl, dass Musik nicht nur ablenkt, sondern auch Wesenszustände erzeugt, die einerseits animalisch anmuten, andererseits aber auch eine intellektuelle Faulheit förderten. Dieses Gefühl fand vor einigen Jahren eine überraschende Bestätigung, nämlich als ich das Buch „Freiheit und Anarchie“ (1949) des Psychologen Prof. Dr. Gustav Kafka las.

Hier der Auszug zum Gegenstand:

«Aber da der Mensch nun einmal kein rein vegetatives Dasein führt, verliert das far niente [das Nichtstun] für ihn sehr bald seine dolcezza [Süße] und er beginnt sich zu langweilen, nicht bloß, wenn er keinen Schmerz empfindet – wie Schopenhauer gelegentlich übertreibt -, sondern schon, wenn er wirklich „nichts zu tun hat“.

Was ist nun einer der einfachsten Kunstgriffe, die der Mensch anwendet, um sich die Langeweile zu vertreiben, wenn ihm kein anderes Mittel dafür zur Verfügung steht? Er beginnt mit den Fingern rhythmisch auf einer Unterlage zu trommeln und erreicht damit ein Doppeltes: einmal drückt er damit das biologische Niveau seiner Lebensäußerung herab, denn Rhythmik der Bewegung ist nicht nur ein Kennzeichen der niederen Organismen, sondern auch derjenigen Organe, die nicht unter der unmittelbaren Kontrolle des Zentralnervensystems stehen (wie etwa Herz und Darm), zum anderen gleicht er die körperliche Untätigkeit durch eine geistige, wenn auch sehr tiefstehende geistige Tätigkeit aus, nämlich durch die Formung des Zeitablaufes zu rhythmischen Gestalten.

Zu nichts anderem als zur Ausfüllung einer Tätigkeitspause dienen aber sämtliche Veranstaltungen, die als „Unterhaltung“ bezeichnet werden und die nur jenes Mindestmaß geistiger Tätigkeit voraussetzen, dessen es bedarf, um die durch völlige Untätigkeit erzeugte Langeweile zu bannen.»

(Gustav Kafka, Freiheit und Anarchie, ©1949, Seite 51)

Zitat: Ludwig Ferdinand Clauß – Ein Beamter mit einem selbständigen Gewissen ist so etwas wie ein rundes Viereck

«In den Staat gehören Leute, die nicht nur wissen, was gespielt wird, sondern demgemäß das Spiel auch rechtzeitig Mitmachen. Ein Beamter mit einem selbständigen Gewissen ist, von hier aus gesehen, so etwas wie ein rundes Viereck.»

– Ludwig Ferdinand Clauß (gest. 1974 / rahimahuAllah)

Buchauszug: Prof. Kenneth Minogue – Nur einer der Gründe, warum wir Immigranten aus allen Teilen der Welt anziehen

«Unser Reichtum ist […] nur einer der Gründe, warum wir Immigranten aus allen Teilen der Welt anziehen.

Aus der Perspektive traditioneller Gesellschaften in anderen Teilen der Welt betrachtet, scheinen wir bewundernswert frei zu sein. Richtet man sein Augenmerk auf die Besonderheiten unseres gegenwärtigen Zustands, so wird es einem unwahrscheinlich vorkommen, daß wir uns auf dem abschüssigen Pfad zur ‚Sklavenmentalität‘ befinden, wie ich es nenne.

Die Gesellschaft der Gegenwart hat uns zweifellos von vielen der Entbehrungen und Konventionen früherer Zeiten befreit. Sie fördert entschieden die Impulsivität, und wir erfreuen uns der ’negativen Freiheiten‘ gegenüber einer Vielzahl von zuvor eingeschränkten Aktivitäten.

Die Kehrseite dieses bewundernswerten Standes der Dinge ist jedoch der Anstieg der Kriminalität, des Drogenkonsums, unsozialen Verhaltens und die zunehmende Zerrüttung des Familienlebens.

Als demokratisch verfaßt reagiert die moderne Welt positiv auf das, was wir wollen, und was wir wollen, ist nicht immer gut für uns.»

(Kenneth Minogue, Die demokratische SklavenmentalitätWie der Überstaat die Alltagsmoral zerstört)