Schlagwort-Archive: Armut

Eine gewagte Meinung im Angesicht der Tragödie

von Yahya ibn Rainer

Es dürfte in der gegenwärtigen (emotional überwältigenden) Situation für einige von uns eine unerträgliche Ansicht sein, die ich hier einmal in Worte zu fassen versuche. Bitte nehmt es mir nicht übel.

Nicht erst jetzt, wo Aleppo zu fallen droht und zahlreiche Menschen von Vertreibung, Folter und Hinrichtung bedroht sind, liest man das Wehklagen vieler Muslime im Westen und andernorts auf der Welt.

Fassungslos und hilflos müssen wir erleben, wie Glaubensgeschwister qualvoll sterben müssen. Dies führt leider dazu, dass wir beginnen uns selbst und allen anderen Muslimen die Schuld und Verantwortung an den Vorkommnissen in Aleppo zu geben.

Ich jedoch halte diese Sichtweise für falsch. Seien wir doch mal ehrlich:

Auf der gesamten Welt gibt es Orte der Gewalt und des Massakers. Was Syrien/Aleppo in unseren Fokus rückt, ist das Vorhandensein von Medieninteresse, zahlreicher audiovisueller Aufzeichnungen und die Anbindung an das weltweite Netz. Während Aleppo jedoch fällt, werden Rohingya in Burma vertrieben, vergewaltigt und massakriert, in Afrika gibt es zahlreiche Orte, an denen Muslime niedergemetzelt werden. Nicht zu vergessen die unzähligen Gebiete, in denen Muslime Hunger und Durst leiden und daran elendig verrecken.

Diese Menschen haben keine Smartphones, keine Lobby, kein Internet. Deshalb erfahren wir nur sporadisch davon … wenn überhaupt.

Die Tatsache, dass wir hier im Westen zu den am besten informierten Menschen der Welt gehören und tagtäglich von beinah allen Tragödien dieser Welt erfahren, bringt uns in die unfassbare Situation zuschauen zu müssen. Denn wir können nicht die ganze Welt retten, nicht die Kriege, den Hunger und die Armut beenden.

Sicherlich kann man spenden, aber das ändert nicht die Zustände vor Ort, sondern kann lediglich das Leid ein wenig verringern, das durch diese Zustände erzeugt wird. Allah ändert nicht den Zustand eines Volkes, bevor es sich nicht selbst ändert. Krieg und Frieden, Freiheit und Tyrannei sowie Armut und Reichtum sind und bleiben die Prüfungen Allahs für Seine Diener.

Unser Platz, unsere Verantwortung jedoch liegt vor allem dort wo wir leben. Es fängt mit uns selbst an, von dort steht uns die eigene Familie in Verantwortung am nächsten, dann die nächsten Nachbarn usw. usf..

Wir dürfen uns nicht einreden (lassen), dass wir uns für unsere guten Umstände schämen müssen. Was wir hier erleben, ist auch das Resultat unserer eigenen Handlungen. Die Tendenz ist hierzulande sicherlich eher absteigend, aber genau hier liegt wirklich unsere Verantwortung, im HIER und JETZT.

Schaut mal wie viele Geschwister weltweit nach Syrien ausgewandert sind. Hat es etwas zum Guten verändert? Nein.

Keinem Muslim darf eingeredet werden, er habe Verantwortung für die gesamte Welt und die gesamte Ummah. Das führt schnurstracks in die Depression. Das ist einfach unmöglich.

Wa Allahu 3alem.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf die Fatwa des türkischen Gelehrten Nureddin Yildiz hinweisen, der das Thema in ähnlicher Weise angeht. http://fatwazentrum.de/was-kann-ich-fuer-die-notleidenden-muslimischen-voelker-machen/

Zitat: Ibn al-Qayyim – Geld in der Hand oder im Herzen

«Wann immer das Vermögen bzw. Geld in deiner Hand und nicht in deinem Herzen ist, wird es dir nicht schaden, auch wenn es viel ist. Doch wenn es in deinem Herzen ist, wird es dir schaden, auch wenn du davon nichts in deiner Hand hast.»

 – Ibn Qaiyim al-Jawzīya (gest. 751 n.H.)

Ein herzlicher Dank - für Übersetzung/Unterstützung - geht raus an die "Stimme der Gelehrten".
[Quelle: Facebook]
facebook.com/StimmeDerGelehrten
telegram.me/StimmederGelehrten
youtube.com/user/StimmeDerGelehrten1

Zitat: Ibn al-Qayyim – Reichtum und Armut sind eine Prüfung Allahs

«Allah, der Allmächtige, ist der Schöpfer von Überfluss und Not, ebenso wie Er der Schöpfer aller anderer Dinge ist. Reichtum und Armut wurden von Ihm erschaffen, um seine Knechte darauf zu prüfen, wer die besseren Taten vollbringt. Er liefert beide einer Prüfung von Gehorsam und Ungehorsam aus, um zu belohnen oder zu bestrafen.

Deshalb sagt Er: „Und Wir prüfen euch mit Schlechtem und Gutem als Versuchung. Und zu Uns werdet ihr zurückgebracht.“ (Quran 21:35). Manchmal prüft Er einen Mann, indem Er ihm reichlich Wohlstand beschert und manchmal indem Er ihm die Mittel zum Lebensunterhalt schmälert.»

(Ibn al-Qayyim – `Uddat al-Sabirin, Beirut: Dar al-Afaq al-Jadidah, 1978, Seite 162, zitiert aus Economic Thought of Ibn al-Qayyim von Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, übersetzt von Yahya ibn Rainer)

Anstatt Partei zu ergreifen: Das Thema „Flüchtlinge“ mal ehrlich angehen

von Yahya ibn Rainer

Vor kurzem machte mich ein Bekannter auf ein sehr interessantes Interview aufmerksam, das auf der Website des unabhängigen Wirtschaftsmagazins enorm publiziert wurde.  Der Titel des Interviews lautet „Arroganz des Helfens“ und wurde mit Kilian Kleinschmidt geführt, der eines der weltweit größten Flüchtlingslager an der syrisch-jordanischen Grenze (mit mehr als 100 000 Bewohnern) leitete.

Ich kann das Interview (Link) jedem nur wärmstens zur Lektüre empfehlen, denn es nimmt eine Ausnahmestellung ein, im derzeit äußerst überhitzten Meinungsklima hierzulande. Was wir hier in Deutschland und auch in einigen anderen Ländern Europas erleben, ist leider eine sehr bemitleidenswerte politische und gesellschaftliche Situation. Es scheint, als gäbe es nur zwei akzeptable Positionen in der „Flüchtlingsfrage“ (auch wenn es offiziell manchmal ein wenig differenzierter klingt), nämlich, dass entweder alle Flüchtlinge arme, vertriebene und traumatisierte Menschen seien, die mittellos und nur mit besten Absichten und unter Aufbringung größter Anstrengungen nach Deutschland geflüchtet sind, oder, dass Flüchtlinge allesamt unzivilisierte, ungepflegte und zu kriminellen Handlungen neigende Schmarotzer seien, die es sich hier, in der sozialen Hängematte des deutschen Wohlfahrtstaates, gut gehen lassen wollen.

Anstatt Partei zu ergreifen: Das Thema „Flüchtlinge“ mal ehrlich angehen weiterlesen

Zitat: Abu Hamid al-Ghazali – Besitz, eine Ablenkung für den Menschen, so oder so

„Manch eine Person könnte sich vom Vorhandensein des Besitzes ablenken lassen und manch eine [andere] Person könnte sich von dessen Nichtvorhandensein ablenken lassen und die Gefahr liegt in dem, was von Allah ablenkt.“

 (Abu Hamid  al-Ghazali, in Ihya Ulum ad-Din, übersetzt von Weisheitsperlen)

3 mal Roland Baader (I)

»Man hilft den Armen nicht, wenn man dafür sorgt, dass sich Armut lohnt.«

»Das Höchstmaß an „sozialer Gerechtigkeit“ ist erreicht, wenn wir alle als Penner durch die Straßen irren.«

»Versklavung kann man definieren als die Enteignung von Lebenszeit und Arbeitsleistung. Nichts anderes sind Steuern und Abgaben.«

Kurz gesagt: Eine schöne Sitte aus dem Morgenland

Eine schöne Sitte, die ich aus einigen muslimischen Ländern kenne und die hier in Deutschland vielleicht Eingang finden sollte:

In Ländern wie Ägypten gibt es bekannterweise recht viele arme Menschen. Was ich besonders bei armen Müttern dort sah und erlebte, war, dass sie nicht unnütz irgendwo am Straßenrand bettelten, sondern stattdessen eine kleine Gegenleistung boten.

So kaufen sie z.B. kleine Mengen an Süßigkeiten oder anderen Produkten (wie Taschentücher, Kugelschreiber usw) und bieten es an Bushaltestellen und Bahnhöfen den Fahrgästen an. Wenn sich jemand erbarmt und ihr etwas abkauft, dann erwirtschaftet die Frau einen kleinen Gewinn, den sie dann wieder reinvestiert.

Wenn sie den ganzen Tag so verfährt und genug Menschen ihr etwas abkaufen (was sie für gewöhnlich tun, da sie wissen, dass diese Form des Handels aus einer Notlage heraus passiert), dann kann sie mit einem winzigen Startkapital mitunter auch für mehrere Tage ihre Versorgung erwirtschaften und behält nebenbei auch ihren Stolz.

Die Mutter, die mir in Ägypten oder Deutschland einen Schokoriegel oder Tempotaschentücher verkauft und damit ein wenig Gewinn erwirtschaftet, ist mir tausendmal lieber als der zerlotterte westliche Punker, der mich halbtrunken nach ’nem Euro anschnorrt.

Zudem hat der Gesandte Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – den Handel gepriesen und seiner Ummah anempfohlen ihm nachzugehen.

Buchauszug: Herman Heinrich Frank – Der Orient in seinem beneidenswerten Behagen (1901)

„Da wir hier indes vom Erwerbsleben sprechen, hatten wir jene Bemerkung nur voraus geschickt, um klar zu machen, daß das ungeheure, wirtschaftliche Übergewicht der Europäer, auf welches wir den Anspruch der Unterjochung des Orients gründen, zwar faktisch besteht, und daß wir sogleich auf eine unstreitig ganz traurige Wirtschaft zu sprechen kommen werden; daß der Abendländer aber über die tieferen Gründe der Sache in einer noch traurigeren Urteilsverdunkelung lebt.

Buchauszug: Herman Heinrich Frank – Der Orient in seinem beneidenswerten Behagen (1901) weiterlesen

Auszüge aus „Harmlose Skizzen aus Konstantinopel“ von Helene Böhlau (1888)

„Ich habe beobachtet, auch auf dem Dampfschiff, mit dem ich oftmals den Bosporus entlang fuhr, dass die Begrüssung zwischen Erwachsenen und Kindern etwas ganz besonders Herzliches an sich trägt, von Seiten der Kinder zutunlich-ehrfurchtsvoll und von seiten der Erwachsenen liebenswürdig-besorglich. Hauptsächlich liebenswürdig sind die Männer zu den Kindern. Da sieht man allerliebste Szenen und Gruppen. Beinahe täglich begegne ich unter den ulten Zypressen vor der Asmali-Mesdjid einem stattlichen Türken in weitem Kaftan, weißem Turban, mit schwarzen blitzenden Augen, Adlernase und schwarzem langem Bart.

Dieser Mensch, der aussieht, als stecke sein Kopf voll aufrührerischer Ideen, und als wäre bei ihm alles auf Gewalt und Kampf gerichtet, trägt immer in zärtlicher und rührender Weise, wenn ich ihm begegne, an sein Ohr gedrückt ein winzig kleines Kindchen, ein wahres Wachspräparätchen von einem Kind, weiss, durchsichtig, fast nicht grösser als der braune dunkle Kopf, an den es angeschmiegt ist. Und der Türke trägt es so würdig, so hingebend und so unbeschreiblich behutsam. Aber nie habe ich ihn anders gesehen als mit dem Kind an der bärtigen Wange. Der Anblick wird mir unvergesslich sein. Dies Übermass von Kraft, Vorsicht und rührender Zärtlichkeit ! […]

In der ersten Klasse auf dem Dampfschiffe sieht man oftmals würdige Väter mit ganz kleinen Kindern auf dem Arme. Sie finden ihre Bekannten, und augenblicklich ist das Kindchen dem Vater von dem Arm genommen und irgend ein anderer ehrenwerter Efendi hat es auf dem seinen, wandelt mit ihm auf und nieder, bemüht sich, es zum Lächeln zu bringen, liest ihm aus einer Zeitung etwas vor, kauft ihm vom Schekerdschi einen kleinen guten Bissen, schaukelt es, wiegt es und treibt das so lange, bis wieder ein anderer ihn bittet, ihm das Eandchen ein wenig zu geben. Dabei sind diese ernsten Männer von solch einer anmutigen Heiterkeit und Liebenswürdigkeit und scheinen sich wirklich an dem kleinen Ding von Herzen zu erfreuen. […]

Wenn ein Türke seinen Sohn auf der Strasse an der Hand führt, so tut er es mit der grössten Hingabe, und man sieht seinem Benehmen an, dass er einen äusserst wertvollen und geliebten Gegenstand zu beaufsichtigen hat. Hier fällt mir ein : die militärische Vorbereitungsschule eröffnete eben ihre Ferien, eine Unzahl halbwegs europäisch gekleideter Kadetten strömte heraus, jeder das erlangte Zeugnis in der Hand. Draussen stehen die würdigen Väter. Jeder empfängt den erwarteten Liebling mit auffallender Rührung und Zärtlichkeit, lässt sich von ihm ehrerbietig begrüssen, wirft einen Blick in das Zeugnis und ruft freudig erstaunt: „Masch Allah! Masch Allah!“ („Du hast es brav gemacht, mein Sohn!“) Dann herzt und küsst er sein Söhnchen, seinen künftigen Pascha, und zieht triumphierend mit ihm ab. […]

Muhammad hat sein Volk auch reinlich haben wollen; und man sollte sich einmal nach einem schmutzigen Türken umsehen! Die Lumpen des armseligsten Bettlers, an dem keine Handbreit ehrlich festes, ungeflicktes Zeug zu finden ist, strahlen von Weisse und Sauberkeit. […]

Muhammad hat sein Volk erbarmungsvoll, auch erbarmungsvoll gegen die Mitgeschöpfe, die Tiere, sehen wollen — und die Türken folgen auch hierin ihrem Propheten. […]

Nie wird man ein Tier auf den Strassen Konstantinopels von türkischen Händen gequält sehen. Im Gegenteil findet man überall steinerne Näpfe und Tröge, mit Wasser gefüllt, für Hunde und Vögel. […]

Nicht nur diese bedenken sie mit Wasser und allerlei Wohltat, auch für die Kinder und Armen wird an heissen und kalten Tagen auf der Strasse gesorgt. So stehen z. B. im Winter Kohlenbecken für die Bettler auf der Brücke. An heissen Tagen schicken die Moscheen Männer aus, die, ganz in Leder gekleidet, den grossen Wasserschlauch auf dem Rücken, jedermann unentgeltlich, besonders aber den Kindern, gutes Quellwasser aus metallenen, mit Koraansprüchen verzierten Schalen reichen. Wir haben oftmals solch einen alten Wasserträger beobachtet, wie er von kleinen durstigen Türklein umgeben war und sie wahrhaft liebevoll bediente. […]

Alles geht hier unscheinbar, ohne Prahlerei vor sich, mit wenig Wichtigtun, dass man sich verwundert, wie es ohne unsere vielgerühmte Christenliebe zu stände kommt. […]

Ein wunderliches Kapitel geben die Bettler hier ab. Den tief ergreifenden Gesang der blinden Bettler hört man oft auf den Strassen. Und wenn in der Dunkelheit solch ein armer Blinder durch die engen Gassen Peras schleicht und man den klagenden Gesang vom Zimmer aus erst ganz entfernt, dann immer näher kommen hört, gehen diese schmerzlichen, wahrhaft ergreifenden Töne durch Mark und Bein. Es ist, als schliche das Elend der Menschheit an den Fenstern vorüber. Anfangs überwältigt jedesmal dieser Eindruck, später wird man es gewöhnt und hört kaum mehr darauf. An unseres Herzens Härtigkeit ist allein die Gewohnheit schuld. […]

Rätselhaft und unbegreifüch ist es, wie die Blinden in dem ungeheuren Treiben hier sich sicher bewegen. Einem Sehenden wird es schwer, sich hier ungefährdet durchzuwinden. Wie oft aber habe ich gesehen, dass ein Blinder in der Pferdebahn, die durch Stambul fährt, unentgeltlich mitgenommen wurde. […]

Einmal erlebte ich, dass der Kondukteur so einem Armen, der sich mühsam die schmale Treppe herauf- und in den Wagen hereingetastet hatte, Geld zu dem Fahrbillet abforderte. Der Blinde schüttelte mit dem Kopfe, zum Zeichen, dass er kein Geld habe. Er tat dies einfach und ohne jede Befürchtung, dass man ihn von seinem Platze weisen würde; wie es ungefähr bei uns jemand tun würde, der wohlbekannt und reich ist und nur durch Zufall kein Geld bei sich hat, und dem der Kondukteur süss lächelnd versichert : „Schadet nichts, Herr Baron — ein andermal.“ — Wehe aber dem Armen, und wenn es ein Blinder wäre, der dasselbe bei uns wagen würde, wie er es hier wagen kann! Der Kondukteur, der dem Blinden das Geld abforderte, wurde von einigen Insassen des Wagens gehörig angelassen: „Nun, was ist denn der? Bist du denn richtig bei Verstand, dass du Geld von ihm nehmen willst? Schämst du dich denn nicht ?“ Ein anderer wieder frug: „Bist du denn kein Mensch, — was bist du denn? Wir werden dich bei deinem Brotherrn verklagen! Wir werden ihm sagen, was für einer du bist! […]

Ich habe in der Pferdebahn ausserdem auch bemerkt, dass ein armer Schlucker zu seinem Nachbar sagt, wenn dieser die Börse zieht, um sein Fahrgeld zu entrichten : „Du, bezahl auch für mich!“ und es geschieht darauf wie etwas Selbstverständliches, nicht etwa mit der Miene, als gebe der Wohlhabende dem Armen ein Almosen. Es ist der Rede und des Dankes nicht wert, was zwischen den beiden vorgeht. […]

Es liegt hier oft eine grosse Vornehmheit und Liebenswürdigkeit im Geben sowohl wie im Verlangen. […]

Da sah ich einmal einen in Lumpen gehüllten prächtigen Alten; der bettelte bei den Gästen eines Kawedschis, die unter einer jener schönen Plantanen salsen und Kaffee tranken; auf jeden, von dem er eine kleine Gabe erhielt, träufelte er aus einem schlanken, langhalsigen Fläschchen als Dank ein paar Tropfen Rosenwasser. […]

Was ich hier erzählte, ist einfach und wahr, jedermanns Augen zugänglich, das, was man auf Strassen und Gassen sieht. Aber wahrhaftig, danach zu urteilen, muss man sagen, dass die Türken das Andenken ihres Propheten ehren und seine Gesetze befolgen. Kein Betrunkener ist zu sehen, keiner, der in Schmutz und Widerwärtigkeit anderen zum Ekel einherläuft, kein unehrbares, unwürdiges Benehmen, kein aufgeputztes, herausforderndes Frauenzimmer, kein empörender Anblick, den ein gequältes Tier veranlasst, alles ruhig, würdig und einfach. […]

Zum Schluss noch etwas über ein sonderbares Rechtsverfahren, das aber einen tiefen Blick in die Verhältnisse dieses Landes tun lälst. Es handelt sich darum: Wem wird vor Gericht recht gegeben, dem armen Schuldner oder dem reichen Gläubiger, der sein gutes Recht hat, zu fordern? Die Frage scheint sich selbst zu beantworten: Dem natürlich, dem das Recht gebührt. Hier aber ist ihre Beantwortung, für unsere Begriffe, unbedingt eine überraschende. […]

„Dem Armen, der nicht zahlen kann, dem gehört hier Schutz und Beistand und günstiger Rechtsspruch. Da heilst es folgendermalsen: Der Richter fragt einen Hausbesitzer, welcher seinen Mieter, der Ihm nicht gezahlt, aus dem Hause gewiesen und ihn verklagt hat: „Weshalb hast du ihm verweigert, weiter bei Dir zu wohnen?“ — „Weil er mir den Mietzins schuldig blieb.“ — „Nun, tat er es aus bösem Willen? Ist er ein Räuber, ein Betrüger ? Ist er denn einer, der dich betrügen und um dein Hab und Gut bringen will? Wenn er das ist, so tatest du recht ; wenn er das aber nicht ist, sondern ein Armer, den Allah dir sendete, so hast du unrecht getan, ihn zu verstossen und zu verklagen; und wenn es sich erweist, dass er wahrhaftig ein Armer ist, wirst du ihn wieder bei dir aufnehmen. Was bist du für einer, dass du gegen die göttlichen Gebote zu handeln wagst!“ Und dem Hausbesitzer bleibt nichts übrig, als seinen schlechten Zahler, wenn es sich als gewiss herausstellt, dass er unfähig ist, seinen Gläubiger zu befriedigen, wieder bei sich aufzunehmen. […]

Dass ein Moslim ausgepfändet wird, so etwas kennt man hier nicht. […]

Und den Türken will es gar nicht zu Kopfe, dass das, was bei ihnen nicht geduldet, was als Schmach angesehen wird, wenn ein Wohlhabender gegen einen Armen, der ihm schuldig ist und nicht zahlen kann, klagbar wird, dass dasselbe bei einem anderen Volke vortrefflich und in Ordnung ist und kein Mensch Schlimmes darin sieht. […]

Es wäre ganz interessant, von dem Standpunkt eines gut unterrichteten Moslim aus unsere europäischen Verhältnisse zu betrachten. Ich glaube, dass diese Betrachtung einigermassen Verwunderung erregen würde. Ich habe hier oft Gelegenheit gehabt, durch türkische Anschauung auf unsere Verhältnisse zu bücken.“

(Helene Böhlau, Harmlose Skizzen aus Konstantinopel / 1888, Westermann’s illustrirte deutsche Monats-Hefte, Band 63)

Buchauszug: Muhammad Nejatullah Siddiqi – Freies Unternehmer- und Eigentum

„Wir brauchen eine gut versorgte Gesellschaft, aus der Armut verbannt und Wohlergehen für alle gewährleistet wird. Der Weg zur Verwirklichung dieses Ziels ist die Freiheit des Unternehmer- und Eigentums, (lediglich) begrenzt durch (beständige) moralische Gesetze und beaufsichtigt von einem gerechten Staat, der diesen göttlichen Gesetzen – der Scharia – Geltung verschafft.“

(Prof. Dr. Muhammad Nejatullah Siddiqi, in der Einleitung zum Buch „Economic Concepts of Ibn Taimiyah“ von Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Seite 15 )

Buchauszug: Islahi – Ibn al-Qayyim über Reichtum, Armut und Zuhd

Abu Abdullah Schams ad-Din Muhammad ibn Abi Bakr ibn Ayyub – Allah sei ihm gnädig –, vor allem bekannt als Ibn al-Qayyim al-Dschauziya, war ein großer Gelehrter des 14. Jahrhunderts (christlicher Zeitrechnung). Prof. Dr. Abdul Azim Islahi ist ein zeitgenössischer Gelehrter des Fachbereichs Islamische Ökonomie. Aus seiner Publikation stammt das folgende Zitat, welches von mir aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurde.

Buchauszug: Islahi – Ibn al-Qayyim über Reichtum, Armut und Zuhd weiterlesen

Buchauszug: Ghazanfar & Islahi – Al-Ghazali über Reichtum, Armut, Profit, Wohlfahrt und Voluntarismus

Imam Abu Hamid Muhammad ibn Muhammad al-Ghazali – Allah sei ihm gnädig – war ein großer und anerkannter islamischer Gelehrter des 11. Jahrhunderts (christlicher Zeitrechnung). Prof. Dr. S. Mohammad Ghazanfar und Prof. Dr. Abdul Azim Islahi sind zeitgenössische Gelehrte des Fachbereichs Islamische Ökonomie. Aus ihrem Buch stammt das folgende Zitat, welches von mir aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurde.

4. Reichtum und Armut

[…] Laut al-Ghazali ist das nach Profit strebende Verhalten der Menschen nicht grundsätzlich als verwerflich zu betrachten, denn der Wunsch Reichtum und Eigentum zu erwerben ist Teil der menschlichen Natur und ein Mittel um ein höheres Maß an materiellem Wohlergehen zu erreichen. Al-Ghazali erkennt diese Form der „Maximierung“ als menschliche Wesensart an, indem er sagt,

„Ein Mann liebt es den Wohlstand zu vermehren und seinen Besitz aller Arten von Eigentum zu vergrößern. Wenn er zwei Täler von Gold hätte, würde er gern auch ein drittes haben.“

Dann erwähnt er einen klaren Grund für dieses Verhalten; er sagt,

„Ein Mann hat hohe Ambitionen. Er denkt immer daran, dass der momentan vorhandene Reichtum nicht ausreichen oder vernichtet werden könnte, und für diesen Fall benötigt er deshalb mehr. Er versucht also diese Ängste durch weitere Anhäufung zu überwinden. Jedoch werden diese Befürchtungen niemals enden – auch wenn er alle Besitztümer der Welt hat.“

Al-Ghazali scheint damit (allgemein) menschlich-materialistische Tendenzen zu beschreiben, wie sie in jeder Gesellschaft vorhanden sind, ob nun in seiner (damalig) eigenen oder jeder zeitgenössischen Industriegesellschaft. Er erkennt somit nicht nur das Begehren des Menschen an, Reichtum und Besitztum zu vermehren, sondern auch sein Bedürfnis sich achtsam auf die unbekannte Zukunft einzustellen.

5. (Ver-)Teilung und Gleichheit von Wohlstand

Al-Ghazali nimmt eine kritische Meinung zu allen Mitteln ein, die eine Gleichheit von Einkommen und Wohlstand in einer Gesellschaft erzwingen. Ebenso kritisiert er diejenigen die darauf bestehen, dass alle Menschen allgemein ein bestimmtes Existenzminimum zum Leben brauchen – ein solcher Ansatz wäre lediglich für jene Menschen geeignet, die fromm sind und ausschließlich das Jenseits begehren; es kann aber kein Rezept für eine Gesellschaft als Ganzes sein. Wäre dies ein allgemeingültiges Konzept, dann bietet es den Herrschern nämlich einen guten Grund zu Tyrannen und Dieben zu werden und den Menschen unter Zwang all jenes Abzunehmen, was ihrer Ansicht nach übrig und über den Bedürfnissen der Menschen ist. Darüber hinaus wird es zu einem Problem für den Staat, nicht nur in Bezug auf die Einziehung (Eintreibung) dieses „Überschusses“, sondern auch bezüglich der angemessenen Verteilung an diejenigen, über deren Bedürftigkeit ja auch noch geurteilt werden müsste.

Als Alternative, meint al-Ghazali, muss der Geist der islamischen Brüderlichkeit zu einem voluntaristischen (freiwilligen) Teilen des Reichtums leiten. Auch hier spricht al-Ghazali von drei Arten des Teilens und er ordnet sie im Hinblick auf ihre Erwünschtheit entsprechend der Scharia. Die unterste Stufe ist, wenn eine Person ihren Bruder als Helfer oder Diener betrachten kann und sie macht es sich ebenfalls zur Aufgabe, ihrem Not leidenden Bruder zu helfen, ohne zu erwarten um Hilfe gebeten zu werden.

Eine höhere Ebene ist, seinen Bruder wie sich selbst zu betrachten und es ihm zu erlauben Anteil am (eigenen) Eigentum zu haben, als ob auch er der Besitzer des selbigen sei.

Der höchste Rang ist es, den Bedürfnissen des Bruders einen größeren Vorzug einzuräumen als den eigenen. Laut al-Ghazali ist diese höchste Stufe des voluntaristischen (freiwilligen) Teilens und Gebens ein Kennzeichen des wahren islamischen Verhaltens.

Und er zitiert den quranischen Vers 42:38

„[…] und diejenigen, die […], ihre Angelegenheiten durch Beratung untereinander regeln und von dem ausgeben, womit Wir sie versorgt haben, […]“

, den er als Verweis auf die frühen Muslime interpretiert, die ihr Eigentum untereinander und miteinander teilten, manchmal sogar ohne zu unterscheiden was wem gehört, wie beim Reiten auf Tieren. Somit ist also klar, dass, soweit es das (Auf-)Teilen von Reichtum angeht, al-Ghazali es bevorzugt diese Handlung auf voluntaristischer (freiwilliger) Basis beruhen zu lassen, als Teil einer schariabedingten moralischen Verpflichtung und Neigung, anstatt durch autoritäre Vorschriften des Staates – obwohl diese letztere Vorgehensweise nicht vollkommen ausgeschlossen wird, für den Fall das es die Umstände erfordern, wie wir später entdecken werden.

(Prof. Dr. S. Mohammad Ghazanfar & Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Economic Thought of Al-Ghazali (Ökonomische Lehre des Al-Ghazali), Seite 11-12)