Archiv der Kategorie: Literatur

Hier findet man Buchauszüge, Zitate, Sentenzen, Aphorismen, Rezensionen uvm.

Zitat: José Antonio Primo de Rivera – Die moderne Liberalität

„Der liberale Staat, der Staat ohne Glaube, der Staat des Schulterzuckens- schrieb an den Giebel seines Tempels drei schöne Worte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Allerdings gedeiht keines der drei unter dem Bann dieses Staates. Die Freiheit ist lebensunfähig ohne den Schutz eines starken ewigen Prinzips.

Wenn die Prinzipien in den Wogen der Volksmeinungen schwanken, besteht Freiheit nur für die diejenigen, die mit der Mehrheit einer Meinung sind. Für die Minderheiten bleibt nur eines: leiden und schweigen. Unter den Tyrannen des Mittelalters blieb den Unterdrückten zumindest der Trost, sich tyrannisiert zu wissen. Der Tyrann konnte unterdrücken, die physisch Unterdrückten behielten nichts destoweniger Recht gegenüber dem Tyrannen. Über den Häuptern von Tyrann und Untertan standen ewige Worte geschrieben, die jedem einzelnen sein Recht gaben.

Im demokratischen Staat ist dies nicht der Fall; das Gesetz-nicht der Staat, sondern das Gesetz, mutmaßlicher Wille der Mehrheit- hat immer recht. Auf diese weise wird der Unterdrückte nicht nur unterdrückt, man kann ihn sogar, sollte er es wagen, das Gesetz dreist als ungerecht zu bezeichnen, als gefährlichen Unruhestifter brandmarken. Nicht einmal diese Freiheit bleibt ihm.“

-José Antonio Primo de Rivera (Der Troubadour der spanischen Falange, S.31)

Zitat: Jacob Burckardt – Wer geistig reich werden will

„Für den, welcher wirklich lernen, d.h. geistig reich werden will, kann nämlich eine einzige glücklich gewählte Quelle das unendlich Viele gewissermaßen ersetzen, indem er durch eine einfache Funktion seines Geistes das Allgemeine im einzelnen findet und empfindet.

Es schadet nichts, wenn der Anfänger das Allgemeine auch wohl für ein Besonderes, das sich von selbst Verstehende für etwas Charakteristisches, das Individuelle für ein Allgemeines hält; alles korrigiert sich bei weiterem Studium, ja schon das Hinzuziehen einer zweiten Quelle erlaubt ihm durch Vergleichung des Ähnlichen und des Kontrastierens bereits Schlüsse, die ihm zwanzig Folianten nicht reichlicher gewähren.

Aber man muss auch suchen und finden wollen, und bisogna saper leggere (De Boni). Man muss glauben, dass in allem Schutt Edelsteine der Erkenntnis vergraben liegen, sei es von allgemeinem Wert, sei es von individuellem für uns; eine einzelne Zeile in einem vielleicht sonst wertlosen Autor kann dazu bestimmt sein, dass uns ein Licht aufgehe, welches für unsere ganze Entwicklung bestimmend ist.“

 -Jacob Burckardt (Weltgeschichtliche Betrachtungen, S.20f.)

Zitat: Murad Wilfried Hofmann – Soziologie als moderne Ideologie

„Diese Soziologie gibt sich unideologisch, ja ideologiefeindlich. Dabei ist sie ein Glaube, der sich als Wissenschaft maskiert. Oder ist es nicht ideologisch, wenn ich die philosophisch-theologischen Grundfragen allen menschlichen Daseins, zu allen Zeiten, zustellen verbiete, indem ich sie lächerlich mache? Ist nicht diese von der Soziologie inspirierte amerikanische Pädagogik der Gleichmacherei auf dem niedrigsten gemeinsamen Nenner in hohem Maße Ausdruck einer Weltanschauung?“

-Murad Wilfried Hofmann (Tagebuch eines deutschen Muslims, S.21)

Zitat: Horkheimer & Adorno – Die Aufklärung verhält sich zu den Dingen wie der Diktator zu den Menschen

«Der Mythos geht in die Aufklärung über und die Natur in bloße Objektivität. Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie die Macht ausüben. Die Aufklärung verhält sich zu den Dingen wie der Diktator zu den Menschen. Er kennt sie, insofern er sie manipulieren kann.»

 – Max Horkheimer & Theodor W. Adorno (Dialektik der Aufklärung)

Zitat: Horkheimer & Adorno – Die Wut entlädt sich auf den, der auffällt ohne Schutz

«Erst die Blindheit des Antisemitismus, seine Intentionslosigkeit, verleiht der Erklärung, er sei ein Ventil, ihr Maß an Wahrheit. Die Wut entlädt sich auf den, der auffällt ohne Schutz. Und wie die Opfer untereinander auswechselbar sind, je nach der Konstellation: Vagabunden, Juden, Protestanten, Katholiken, kann jedes von ihnen anstelle der Mörder treten, in derselben blinden Lust des Totschlags, sobald es als die Norm sich mächtig fühlt. Es gibt keinen genuinen Antisemitismus, gewiß keine geborenen Antisemiten.»

– Max Horkheimer & Theodor W. Adorno (Dialektik der Aufklärung)

Zitat: Asfa-Wossen Asserate – Manieren (II)

„Gerade unter diesem Aspekt der Manieren ist Toleranz in religiösen Fragen niemals ein Recht, auf das der Nichtreligiöse pochen darf, sondern eine beträchtliche moralische Leistung, die mit Dankbarkeit quittiert zu werden verdient. Vielmehr hat die Hindu- oder Muslim- oder Sikh-Gemeinschaft, die Andersgläubigen den Zutritt zu ihren heiligen Stätten verbietet, ein Recht zu einem solchen Ausschluß, und keine kunsthistorischen Interessen und kein Bildungsbedürfnis des kamerabewehrten Weltreisenden können diesem Recht etwas abhandeln.[…] Wer Religion ernst nimmt, wird daran nichts auszusetzen finden, und wer es nicht tut, hat keine andere Behandlung verdient.“

– Asfa-Wossen Asserate (Manieren, S.112f.)

Zitat: Muhammad Asad – Der Weg nach Mekka

„Eines Freitags begleitete ich meinen Freund in die Umajjaden-Moschee. Die Marmorsäulen, die die gewölbte Decke trugen, erglänzten über den kostbaren roten und blauen Teppichen. Ein Geruch von Moschus und Ambra schwebte in der dämmrigen Luft. In langen, regelmäßigen Reihen standen viele Hunderte von Menschen hinter dem imam, der das Gebet leitete, verneigten sich, knieten nieder, berührten den Boden mit der Stirn und richteten sich wieder auf: und alle ihre Bewegungen waren gemeinsam, wie die von Soldaten.

Es war sehr still; wenn die Gemeinde aufrecht stand, tönte die Stimme des greisen Imams aus der Tiefe des riesigen Saales hervor, er trug Verse aus dem Koran vor; und wenn er mit dem Sprechen innehielt, sich verneigte und zu Boden warf, folgte ihm die ganze Gemeinde wie ein Mann, sich vor Gott verneigend und vor Ihm niederfallend, als stünde Er sichtbar vor ihren Augen …

In jenem Augenblick begriff ich, wie nahe Gott und Glaube diesen Menschen war. Ihr Gebet war nicht von ihrem Arbeitstag geschieden; es gehörte zu ihm; es war nicht dazu da, das tätige Leben zu vergessen, sondern ein Mittel, seiner besser und tiefer zu gedenken, indem man Gottes gedachte.

»Wie seltsam und wunderbar«, sprach ich zu meinem Freund, als wir die Moschee verließen, »daß Gott eurem Empfinden so nahe ist. Wäre ich doch imstande, Ähnliches zu empfinden! « »Wie sollte man Gott denn anders empfinden, mein Bruder? Ist Er denn nicht, wie unser Heiliges Buch sagt, dir näher als die Schlagader deines Halses?«

Angespornt von dieser neuen Wahrnehmung, verbrachte ich viele Stunden über Büchern, die vom Islam handelten. Einige davon ergatterte ich mir in einer Damaszener Bibliothek, andere beschaffte mir mein Freund. Wenngleich mein Arabisch für mein Alltagsbedürfnis vollauf genügte, war es doch noch zu mangelhaft, um den Koran frei im Original zu lesen, und so mußte ich mir zwei Übersetzungen – eine französische und eine deutsche – zu Hilfe nehmen und mich im Übrigen auf Werke europäischer Orientalisten sowie auch auf die Erklärungen meines Freundes verlassen.

So brockenhaft diese Studien und Gespräche auch waren, so gaben sie mir dennoch einen guten Einblick in den Islam. Ein Vorhang hob sich langsam über einer Gedankenwelt hoch, von der ich bis dahin keine Ahnung hatte. Der Islam schien nicht so sehr eine Religion im üblichen Sinne als ein Lebensgesetz zu sein; kein metaphysisches Suchen, sondern diesseitige Lehre – auch dann, wenn vom Jenseits die Rede war; nicht nur ein theologisches System, sondern auch Führung in allen persönlichen und gesellschaftlichen Belangen. Gottesbewusstsein schien das Ziel zu sein. Das menschliche Leben war positiv aufgefaßt und bejaht.

Nirgends im Koran konnte ich einen Hinweis auf die Notwendigkeit einer mystischen >Erlösung< finden; keine Erbsünde stand da zwischen dem Menschen und seinem Schicksal – denn, wie der Koran betonte, jeder Mensch ist nur für das verantwortlich, was er selbst tut und erstrebt. Keine Askese war da erforderlich, um eine geheime Pforte zur Reinheit aufzutun – denn Reinheit sei dem Menschen bei Geburt beschieden: und >Sünde< bedeutete demnach nichts anderes als ein Abfall von den eingeborenen positiven Eigenschaften, die Gott jedem Menschen zuteilwerden lässt.

Auch sah ich im Koran keine Spur von irgendeinem Dualismus in Bezug auf die Natur des Menschen: Seele und Körper erschienen in dieser Lehre als zwei Aspekte einer unverbrüchlichen Einheit.“

-Muhammad Asad (Der Weg nach Mekka, S.163f.)

 

Zitat: Asfa-Wossen Asserate – Manieren

„Wer einer Religion anhängt, tut dies im besten Fall, weil er von ihrer Wahrheit durchdrungen ist. Wer dieser Religion nicht folgt, muß sich also im Irrtum befinden. Wir machen es uns mit unserer inzwischen allgemeingültig gewordenen Auffassung des Begriffs der Toleranz etwas zu leicht, wenn wir diese Tugend als Konsequenz eines mild auf- und abgeklärten Indifferentismus pflegen. Ihre Stärke entfaltet die Duldsamkeit erst, wenn sie gegenüber dem als zutiefst irrig und falsch Erkannten geübt wird.“

 – Asfa-Wossen Asserate (Manieren, S.112)

Buchauszug: Horkheimer & Adorno – Wie der gestürzte Gott in einem härteren Götzen wiederkehrt

«Die Familie, zusammengehalten nicht durch die romantische Geschlechtsliebe, sondern durch die Mutterliebe, die den Grund aller Zärtlichkeit und sozialen Gefühle bildet[193], gerät mit der Gesellschaft selbst in Konflikt.

„Bildet euch nicht ein, gute Republikaner zu machen, so lange ihr die Kinder, die nur dem Gemeinwesen gehören sollen, in ihrer Familie isoliert… Wenn es den größten Nachteil mit sich bringt, die Kinder so in ihren Familien Interessen einsaugen zu lassen, die häufig von denen des Vaterlands stark verschieden sind, so hat es also den größten Vorteil, sie davon zu trennen.“[194]

Die »Bande des Hymen« sind aus gesellschaftlichen Gründen zu zerstören, den Kindern ist die Kenntnis des Vaters »absolument interdite«, sie sind »uniquement les enfants de la patrie«[195], und die Anarchie, der Individualismus, die Sade im Kampf gegen die Gesetze verkündigt hat[196], mündet in die absolute Herrschaft des Allgemeinen, der Republik.

Wie der gestürzte Gott in einem härteren Götzen wiederkehrt, so der alte bürgerliche Nachtwächterstaat in der Gewalt des faschistischen Kollektivs.»

[193] Sade, La Philosophie dans le Boudoir a. a. O. S. 238
[194] A. a. O. S. 238-49
[195] A. a. O.
[196] Sade, Juliette a. a. O. Band IV. S. 240-44

(Max Horkheimer & Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Fischer Taschenbuch Verlag, Seite 125)

Buchauszug: Horkheimer & Adorno – Die Leugnung Gottes […] negiert das Wissen

«Kants Prinzip, „alles aus der Maxime seines Willens als eines solchen zu tun, der zugleich sich selbst als allgemein gesetzgebenden zum Gegenstand haben könnte“, ist auch das Geheimnis des Übermenschen. Sein Wille ist nicht weniger despotisch als der kategorische Imperativ.

Beide Prinzipien zielen auf die Unabhängigkeit von äußeren Mächten, auf die als Wesen der Aufklärung bestimmte unbedingte Mündigkeit. Indem freilich die Furcht vor der Lüge, die Nietzsche in den hellsten Augenblicken selbst noch als „Don-Quixoterie“ verschrien hat, das Gesetz durch die Selbstgesetzgebung ablöst und alles so durchsichtig wird wie ein einziger großer aufgedeckter Aberglaube, wird Aufklärung selbst, ja Wahrheit in jeglicher Gestalt zum Götzen […].

Die Leugnung Gottes enthält in sich den unaufhebbaren Widerspruch, sie negiert das Wissen selbst.»

(Max Horkheimer & Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Fischer Taschenbuch Verlag, Seite 122f)

Ibn Taymiyyahs Konzept des Marktmechanismus (Teil 3)

Preisbildung aus der Sicht anderer muslimischer Denker

Die früheste mir bekannte Aufzeichnung zu Produktionssteigerungen und ‑rückgängen in Bezug auf Preisänderungen findet sich bei Abu Yusuf (731–798 n. Chr./113–182 n. H.). Doch statt eine theoretische Darstellung von Angebot und Nachfrage und deren Auswirkungen auf die Preise zu liefern, stellt er fest:

„Es lässt sich keine bestimmte Grenze von Billigkeit und Teuerung feststellen. Es ist eine Frage, über die vom Himmel aus bestimmt wird, ohne dass wir wissen, wie. Billigkeit kommt nicht dadurch zustande, dass Nahrung reichlich vorhanden ist, und Teuerung kommt nicht durch Knappheit zustande. Sie unterliegen den Befehlen und Entscheidungen Allahs. Manchmal sind reichlich Lebensmittel verfügbar, und dennoch sind sie teuer, und manchmal gibt es zu wenig, aber trotzdem sind sie billig“ (Abu Yusuf, S. 48)

In der zitierten Passage negiert Abu Yusuf die verbreitete Meinung, dass Angebot und Preis in einem negativen Verhältnis zueinander stehen. Es trifft zu, dass der Preis nicht nur vom Angebot abhängt. Genauso wichtig ist die Stärke der Nachfrage. Insofern hängen Preissteigerungen oder –senkungen nicht notwendigerweise mit steigender oder sinkender Produktion zusammen. Abu Yusuf verfolgt diesen Punkt weiter und schreibt, dass es weitere Gründe gibt, die er jedoch „der Kürze halber“ nicht erwähnt (Abu Yusuf, S. 48). Welche Faktoren sind dies? Woran dachte er dabei? Veränderungen in der Nachfrage, Veränderungen der Geldmenge des jeweiligen Landes, das Horten und Verstecken von Ware oder alles zusammen? Es bleibt zu untersuchen, ob er oder seine Zeitgenossen auf diese Punkte eingingen.

Siddiqis Ansicht nach machte der Kontext, in dem Abu Yusuf über Preise schrieb – nämlich dass proportionale Landwirtschaftssteuern (nizam al-muqasamah) besser und gerechtfertigter seien als feste Landsteuern (nizam al-misahah) – keine explizite und detaillierte Beschreibung aller beteiligten Faktoren notwendig (Siddiqi, 1964, S. 79 f. und S. 85–87).

Auch Ibn Khaldun (1332–1404 n. Chr./732–806 n. H.) äußert sich in seinen Schriften zum Thema Angebot und Nachfrage mit Blick auf Preissteigerungen und ‑senkungen. In seinem berühmten Werk al-Muqqadimah unterscheidet er unter der Überschrift „Die Preise in Städten“ zwischen notwenigen und Luxusgütern. Wenn eine Stadt sich ausdehnt und ihre Bevölkerung zunimmt, sinken Ibn Khaldun zufolge die Preise notwendiger Dinge, während die Preise von Luxusgütern steigen. Als Grund dafür gibt er an, dass jedermann sein Hauptaugenmerk auf Lebensmittel und andere lebensnotwendige Güter richtet, so dass das Angebot an diesen Dingen zunimmt und die Preise sinken. Auf der anderen Seite interessiert sich nicht jeder für die Produktion von Luxus- und Komfortartikeln, während die Nachfrage hiernach entsprechend von Veränderungen im Lebensstil steigt und die Preise demzufolge ebenfalls steigen. Ibn Khalduns Darstellung von Angebot und Nachfrage und deren Auswirkungen auf die Preise ist durchaus sinnvoll und vernünftig. Außerdem erwähnt er die Rolle des Wettbewerbs zwischen den Nachfragenden und eine Kostensteigerung beim Angebot aufgrund von Besteuerung und anderer Verpflichtungen in der Stadt (Ibn Khaldun, S. 288 f.).

An anderer Stelle beschreibt Ibn Khaldun die Auswirkungen von steigender oder sinkender Nachfrage auf die Preise. Er schreibt:

„[…] Wenn es von Waren (die von auswärts herbeigeschafft werden) nur wenig gibt und sie selten sind, steigt ihr Preis. Wenn das Land jedoch nah ist und die Straßen sicher sind, wird es viele geben, die Waren transportieren. So werden diese Waren in größerer Menge verfügbar sein und ihr Preis sinken“ (Ibn Khaldun, S. 314).

Die angeführten Zitate zeigen, dass Ibn Khaldun ebenso wie Ibn Taymiyyah sowohl das Angebot als auch die Nachfrage für ausschlaggebend bei der Festlegung von Preisen erachtet. Im weiteren Verlauf führt Ibn Khaldun aus, dass ein moderater Profit den Handel fördert, wohingegen sehr niedrige Profite Händler und Handwerker entmutigen und sehr hohe Profite zu einer sinkenden Nachfrage führen (Ibn Khaldun, S. 315 f.).

Ibn Khaldun geht sogar noch weiter als Ibn Taymiyyah, indem er die Wettbewerbselemente und die unterschiedlichen Lieferkosten klar benennt, über die sich Ibn Taymiyyah nicht sehr explizit äußert. Nach seiner Aussage zu Angebot und Nachfrage führt Ibn Khaldun Beispiele für verschiedene Waren und die Versorgung damit in verschiedenen Ländern sowie deren hohen oder niedrigen Preis, entsprechend der Verfügbarkeit, an. Er stellt lediglich Beobachtungen an, ohne irgendeine Art von Preiskontrolle vorzuschlagen. Anscheinend beschäftigt er sich vor allem mit den Fakten, während Ibn Taymiyyah eher an Regeln interessiert ist. Ibn Taymiyyah beschränkt seine Analyse nicht auf eine Diskussion der Auswirkungen eines Anstiegs oder Sinkens von Angebot und Nachfrage auf die Preise, sondern spricht sich auch gegen jegliche Preisfixierung aus, solange die Marktkräfte normal funktionieren. Im Fall von Marktschwächen oder Ungerechtigkeit auf Seiten der Versorger empfiehlt er eine Preiskontrolle (Ibn Taymiyyah, 1976, S. 25–51, Islahi, S. 79–90, Kahf und Mubarak, S. 107–125).

An einer Stelle in der Muqaddimah untersucht Ibn Khaldun die preisdrückende Wirkung von staatlichem Handel auf Güter, die von privaten Wettbewerbern und Versorgern verkauft werden (Ibn Khaldun, S. 223 f.), doch dies hat nichts mit einer Politik der Preiskontrolle zu tun.

(Quelle: Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Journal of Research in Islamic Economics, Vol. 2, No. 2 / übertragen in die deutsche Sprache für al-adala.de von korrekturlesen-hh, leicht redigiert)

Abu Yusuf: Kitab al-Kharai. Beirut: Dar al-Ma’rifah, 1979
Gordon, B.: Economic Analysis Before Adam Smith. London: Lewes Reprint Ltd., 1979.
Ibn Khaldun: Al-Muqaddimah. Beirut: Dar al-Fikr, o. J.
Ibn Taymiyyah: Majmu’ Fatawa Shaikh al-Islam Ahmad b. Taymiyyah. Riyadh: Al-Riyadh Press, Bd. 8, 1381, Bd. 29, 1383.
Al-Hisbah fi’l Islam, Ed. Azzam, S., Kairo: Dar al-Sha’b, 1976.
Islahi, A. A.: Economic Views of Ibn Taymiyah, Aligarh Muslim University, unveröffentlichte Dissertation, 1980.
Kahf, Monzer: „Economic Views of Ibn Taymeyah“, in: Universal Message, Karachi, Ausg. 4, Nr. 2, Juli 1982; Ausg. 4, Nr. 3, erstmals veröffentlicht in al-Itthihad, Plainfield, Indiana, 1977.
al-Maqrizi, Taqiuddin, Ahmad b. Ali: Kitab al-Sulak li Ma’rifat al Duwal Wal Muluk. Ed. Ziadeh, M. M., Kairo: Lajnah, al-Ta’lif Wa’l-Tarjamah, 1956.
al-Mubarak, Muhammad: Ara’ Ibn Taymiyah fi’l Dawlah wa mada Tadakhkhulliha fi’l Majal al-Iqtisadi. Beirut: Dar al-Fikr, 1970.
al-Qalaqshandi, Abul Abbas Ahmad b. Ali: Subh al-A’sha. Kairo: Dar al-Kutub al-Khudaiwiyah, 1913.
Schumpeter, J. A.: History of Economic Analysis. London: George Allen and Unwin Ltd., 1972.
Siddiqi, M. N.: „Abu Yusuf ka Ma’ashi Fikr“ (Urdu), in: Fikr-o-Nazar, Aligarh, Ausg. 5, Nr. 1, Januar 1964, S. 79 f. und 85–87.
Speigel, H. W.: The Growth of Economic Thought. New Jersey: Prentice Hall Inc., 1971.

Die Geschichte des mekkanischen Zuhälters

Der bekannte hanbalitische Gelehrte Ibn al-Jawzi (gest. 597 n. H.) schrieb in seiner Zusammenfassung Ahbar an-Nisa (Erzählungen über die Frauen) folgendes:

«Berichte über Kuppler [Zuhälter – Anm. d. Verf.] hat der Historiker al-Mada’ini [gest. 225 n. H. – Anm. d. Verf.] mitgeteilt. Er überlieferte beispielsweise folgende Geschichte:

In Mekka lebte vor einiger Zeit ein schamloser Kerl von niederer Gesinnung, der skrupellos und auf die unverschämteste Weise Frauen an Männer verkuppelte. Er gehörte zum Stamm Quraish, sein Name soll nicht erwähnt werden. Die Einwohner von Mekka beklagten sich bald über das Treiben dieses Mannes bei ihrem Statthalter, der ihn daraufhin … »

Hier stoppen wir vorerst die Erzählung und fragen uns: Was hat der Statthalter zu Mekka wohl mit diesem Zuhälter, seinen Dirnen und den Freiern machen lassen, die nahe der heiligsten Stätte des Islams gewerbsmäßig Unzucht bewerkstelligten und betrieben? Wie geht diese Geschichte wohl weiter?

Nicht wenige werden auf Anhieb wohl Vermutungen dahingehend anstellen, dass im damaligen (vermutlich umayyadischen) Kalifat die Dirnen und Freier erst einmal samt und sonders der schariarechtlichen Haddstrafe ausgeliefert und somit entweder der Auspeitschung oder Steinigung anheimfallen würden. Dem gewerbsmäßigen Zuhälter dürfte es wohl nicht viel besser ergehen.

Ahbar an nisa allerdings ist kein normatives Werk, dient also nicht dazu die Normen einer muslimischen Ordnung darzulegen, sondern es gibt in seinen historischen Berichten und Anekdoten vielmehr die Diskrepanz zwischen dem normativen Ideal und den tatsächlichen Realitäten wieder.

Während also zeitgenössische Romantiker „das Kalifat“ als scharia-perfekten Law-and-Order-Staat träumen, können wir in historischen Schilderungen und Anekdoten zahlreicher Historiker und Gelehrter nachlesen, wie ganz anders es im Kalifat sein konnte.

Nur ein kleines Beispiel ist hier der Ausgang dieser historischen Schilderung von al-Mada’ini, die Ibn al-Jawzi in seinem Werk zum Besten gibt. Ihr dürft euch wundern.

«Die Einwohner von Mekka beklagten sich bald  über das Treiben dieses Mannes bei ihrem Statthalter, der ihn daraufhin nach Arafat verbannte. In Arafat nahm sich der Kuppler eine Wohnung. Nach Mekka wagte er sich jedoch nur noch verkleidet, um seine zahlreichen Kunden – Männer und Frauen – zu treffen.

Bei solchen Treffen sagte er zu ihnen: „Warum kommt ihr nicht mehr zu mir, was hält euch fern?“ Sie antworteten: „Die weite Entfernung! Was nützt es uns denn, wenn du weit weg in Arafat wohnst?“ Er entgegnete darauf: „Nehmt euch doch für zwei Dirham einen Esel! Keinem Menschen kommt das verdächtig vor, ihr könnt euch ganz sicher fühlen! Macht euch einen schönen Spaziergang! Ihr erhaltet von mir die Gelegenheit zu einem Treffen und kommt so zu eurem Vergnügen!“ Da sprachen die Leute: „Das ist ein guter Gedanke! Wir müssen wahrlich bekennen, daß du da völlig im Recht ist!“

Bald zogen die Leute in Scharen hinaus nach Arafat. Der Zustrom der Menschen dorthin nahm bald überhand. Der schlechte Einfluß auf die Einwohner von Mekka, insbesondere auf die Jugendlichen, wurde immer sichtbarer, und erregte die moralischen Bedenken der ehrenhaften Bürger.

Aber auch die anderen Kuppler und gemeine Leute in Mekka sahen die Abwanderung ihrer Kunden nach Arafat mit dem größten Unbehagen. Sie führten deshalb erneut Klage bei ihrem Statthalter, der diesmal den Kuppler steckbrieflich suchen ließ. Sehr bald konnte man seiner habhaft werden.

Er wurde zum Statthalter gebracht, der ihn zur Rede stellte: „Du Feind Allahs! Da habe ich dich aus der Stadt Allahs – groß und erhaben ist Er! – ausgestoßen und dich bestraft. Trotzdem unterstehst du dich, an der erhabensten Kultstätte dein verruchtes Gewerbe weiter zu betreiben, ja es in noch größerem Ausmaß auszuüben! Ohne Scham und ohne ein mahnendes Gewissen machst du dir ein Geschäft, die Leute miteinander zu verkuppeln!“

Der Kuppler erwiderte darauf: „Allah möge dem Statthalter Glück verleihen! Aber die Leute, die mich beschuldigen, lügen und sagen überhaupt nicht die Wahrheit, weil sie mir nicht gut gesinnt sind und mich beneiden!“

Voller Empörung wiesen das die Mekkaner zurück und sprachen zum Statthalter: „Es ist ganz und gar deine Angelegenheit, wem du mehr Glauben schenkst: dem Kuppler oder uns ehrbaren Bürgern. Aber erlaube uns, daß wir einen Beweis für die Richtigkeit unserer Klage erbringen. Gestatte uns, daß wir eine Dirne auf einen Esel der Gauner und Spitzbuben setzen und ihn in Richtung Arafat in Trab bringen. Wenn dieser Esel, wie er es gewohnt ist, diese Dirne in das Haus des Kupplers in Arafat bringt, dann soll das der Beweis für die Richtigkeit unserer Aussagen sein! Wenn der Esel sich aber anders verhält, so soll der Kuppler sein Recht haben!“

„Sehr gut“, sagte der Statthalter, „darin liegt der Schlüssel der Wahrheit“

Ohne zu zögern befahl er, daß ihm ein Spitzbubenesel gebracht würde. Er ließ eine Dirne aufsitzen und brachte den Esel Richtung Arafat in Trab. Tatsächlich verhielt sich der Esel so, wie es die ehrbaren Mekkaner gesagt hatten, und lief direkt zum Haus des Kupplers.

Damit war der Beweis für die Berechtigung der Beschwerde gegen den Kuppler erbracht. Der Statthalter befahl, den Kuppler auf der Stelle auspeitschen zu lassen. Als dieser dann dem Auspeitscher übergeben wurde und ihm gegenüberstand, begann er laut zu weinen.

Da fragte ihn der Statthalter verwundert: „Was bringt dich denn, du Feind Allahs, zum Weinen?“ Da gab der Kuppler die folgende Antwort: „Bei Allah! Allah schenke dem Statthalter Glück! Ich habe überhaupt keine Angst vor den Schlägen. Angst habe ich nur davor, daß die Leute im Irak über uns lachen und spotten werden. Sie werden nämlich sagen, daß die Mekkaner dem Zeugnis eines Esels Glauben schenken und es als beweiskräftig ansahen!“

Da lachte der Statthalter und erließ dem gerissenen Kuppler die Strafe.»

(Ibn al-Jawzi, Über die Frauen / Ahbar an-Nisa, übersetzt von Dieter Bellmann, Verlag C.H. Beck, Seite 292ff.)

Ibn Taymiyyahs Konzept des Marktmechanismus (Teil 2)

In den vorangegangenen Abschnitten hat Ibn Taymiyyah unterschieden zwischen einem Preisanstieg aufgrund von Kräften des Marktes und einem durch menschliche Ungerechtigkeit (zulm) – z. B. Horten – verursachten Preisanstieg, eine Unterscheidung, die der Ordnungsmacht eine Grundlage für Preisregulierungen gibt. Ibn Taymiyyah war ein großer Befürworter von Preiskontrollen bei Marktschwächen, doch er war gegen solche Kontrollen, wenn Preiserhöhungen durch die Marktkräfte von Angebot und Nachfrage zustande kamen (Islahi, S. 79–90, Kahf und al-Mubarak, S. 107–125).

An dieser Stelle ist anzumerken, dass Ibn Taymiyyah die Auswirkungen von Schwankungen bei Angebot und Nachfrage analysiert, aber nicht auf den Effekt eingeht, den hohe oder niedrige Preise auf die angebotene und nachgefragte Menge haben (d. h., eine Bewegung auf der gleichen Kurve, von einem Punkt zu einem anderen). In al-Hisbah erwähnt er die Ansicht eines früheren Juristen – Abu-l-Walid (1013–1081 n. Chr./403–474 n. H.), dass …

„ … die Vorgabe von zu niedrigen Preisen durch die Ordnungsmacht, die keinen Profit übrig lassen, zu einer Verfälschung der Preise führt sowie dazu, dass (Verkäufer) ihre Ware verstecken, und dazu, dass das Vermögen der Leute ruiniert wird“.

Ibn Taymiyyah stimmt dieser Ansicht zu (Ibn Taymiyyah 1976, S. 41). Durch dieses Bewusstsein, dass das Angebot zurückgeht, wenn der Preis zu stark fällt, ist Ibn Taymiyyah nahe dran, auf eine direkte Beziehung zwischen der angebotenen Menge und dem Preis zu schließen.

In seinen Fatawa nennt er einige Faktoren, die die Nachfrage und somit auch die Preise beeinflussen. Er schreibt (Ibn Taymiyyah, 1383, Bd. 29, S. 523–525):

(a) „Die Wünsche der Menschen (ar-raghabah) sind unterschiedlich und verändern sich ständig. Sie verändern sich entsprechend dem reichlichen Vorhandensein oder der Knappheit der nachgefragten Ware (al-matlub). Wenn es nur wenig von einer bestimmten Ware gibt, wird sie stärker nachgefragt, als wenn sie reichlich verfügbar ist.“

(b) „Die Wünsche verändern sich auch in Abhängigkeit von der Zahl derjenigen, die das Produkt nachfragen (tullab). Wenn viele Personen das Produkt nachfragen, steigt dessen Preis. Im Gegensatz dazu sinkt er, wenn die Zahl der Nachfragenden gering ist.“

(c) „Auch die Stärke oder Schwäche des Bedürfnisses nach dem Produkt und das Ausmaß des Bedürfnisses beeinflussen die Wünsche – je nachdem, wie stark oder schwach das Verlangen danach ist. Wenn das Bedürfnis ausgeprägt und stark ist, wird der Preis stärker ansteigen, als wenn es gering ausgeprägt und schwach ist.“

(d) „(Der Preis unterscheidet sich auch) entsprechend (dem Kunden), mit dem der Handel getätigt wird (al-mu’awid). Wenn er reich und vertrauenswürdig hinsichtlich des Begleichens von Schulden ist, ist (für den Verkäufer) ein niedrigerer Preis akzeptabel als bei jemandem, der für Zahlungsunfähigkeit, verspätete Zahlungen oder Leugnung fälliger Zahlungen bekannt ist.“

(e) „Außerdem (wird der Preis beeinflusst) durch die Währung, in der er gezahlt wird. Wenn es eine gängige Währung ist (naqd ra’ij), sinkt der Preis, was bei einer weniger bekannten Währung nicht der Fall ist, wie es sich heutzutage in Damaskus mit Dirham und Dinar verhält, wobei es gängige Praxis ist, in Dirham zu zahlen.

(f) „Dies ist so, weil der Zweck des Vertrages (reziproker) Besitz beider Vertragsparteien ist. Wenn der Zahler in der Lage ist zu zahlen und man von ihm erwarten kann, dass er seine Zusage einhält, wird der Gegenstand des Vertrages mit ihm umgesetzt, anders als wenn er nicht vollkommen fähig oder nicht vollkommen vertrauenswürdig ist. Das Maß an Fähigkeit und Vertrauenswürdigkeit ist unterschiedlich. Dies gilt für Käufer und Verkäufer, Mieter und Vermieter, Braut und Bräutigam. Manchmal ist das Objekt des Verkaufes (physisch) verfügbar, manchmal nicht. Der Preis für etwas Verfügbares ist niedriger als der für etwas, das nicht (physisch verfügbar) ist. Das Gleiche gilt für den Käufer, der bisweilen in der Lage ist, auf einmal zu zahlen, weil er Geld hat, doch manchmal hat er kein (Bargeld) und möchte sich etwas leihen (um zahlen zu können) oder Waren verkaufen (um die Zahlung tätigen zu können). In ersterem Fall ist der Preis niedriger.

(g) „Das Gleiche gilt für jemanden, der (ein Objekt) vermieten möchte. Vielleicht ist er in der Lage, die Leistungen, die der Vertrag beinhaltet, in einer Weise zur Verfügung zu stellen, dass der Mieter ohne (weitere) Kosten davon Gebrauch machen kann. Es kann jedoch auch vorkommen, dass der Mieter die Leistungen nicht ohne (zusätzliche) Kosten in Anspruch nehmen kann. Dies kann zum Beispiel der Fall sein in Dörfern, die von tyrannischen Machthabern oder von Räubern heimgesucht werden, oder in Orten, an denen es Raubtiere gibt. Der (Miet-)Preis für solches Land entspricht natürlich nicht dem Nennwert von Land, in dem diese (zusätzlichen Kosten) nicht aufzubringen sind.

Wie wir bereits gesehen haben, verwendet Ibn Taymiyyah den Begriff ‚Wunsch‘ im Sinne von ‚Nachfrage‘. Später benutzt er al-matlub und at-talibun für die nachgefragten Güter beziehungsweise die Nachfragenden. In seiner Analyse von steigenden und fallenden Preisen werden ökonomische und nicht-ökonomische Faktoren sowie individuelle und kollektive Handlungen gleichzeitig erwähnt.

Davon auszugehen, dass ein knappes Gut deutlich stärker nachgefragt wird als eines, das zur Genüge vorhanden ist, bedeutet, dass man sich Angebot und Nachfrage als voneinander abhängig vorstellt. Dies ist jedoch im Allgemeinen nicht der Fall. Ibn Taymiyyah verzeichnet dies als von ihm beobachteten psychologischen Fakt: Manche Menschen fragen ein Gut umso stärker nach, wenn es nur in geringer Menge vorhanden ist, weil sie davon ausgehen, dass es künftig noch knapper werden wird.

Ein Anstieg der Zahl der Nachfragenden, der einen Preisanstieg verursacht, ist ein ökonomisches Phänomen und ein Fall von einer Veränderung der Funktionen der Marktnachfrage. Die geringe oder starke Ausprägung eines Bedürfnisses kann – anders als seine Intensität – auf dessen Position im Gesamtbetrag des Warenkorbs, der vom Verbraucher benötigt wird, hinweisen. Falls diese Interpretation korrekt ist, so assoziiert Ibn Taymiyyah die Stärke eines Bedürfnisses, verbunden mit seinem relativ großen Ausmaß, als Anteil der Gesamtheit seiner Konsumausgaben, mit hohen Preisen. Im Gegensatz dazu ist ein weniger intensiv empfundenes Bedürfnis nach einer Ware, die im Verhältnis zur Gesamtheit der Bedürfnisse nur in geringen Mengen benötigt wird, eine Ursache für niedrige Preise.

Der nächste Punkt (d) bezieht sich auf Kreditverkäufe. Er behandelt einen speziellen Fall, der nicht sehr relevant ist für eine Analyse der Marktpreise, außer wenn dies zum Normalfall wird, so dass Verkäufer die Unsicherheit hinsichtlich der Bezahlung mit berücksichtigen müssen.

Dass die Preise niedriger sind, wenn in Silbermünzen bezahlt wird (Punkt e) ist eine Anspielung auf die eigentümliche monetäre Lage im Damaskus jener Zeit. Der Grund hierfür war möglicherweise ein Anstieg von Legierungen bei den Goldmünzen oder die häufigen unvorteilhaften Veränderungen im Verhältnis von Dinar zu Dirham, wie aus der Geschichte jener Zeit hervorgeht (Qalaqshandi, Bd. 3, S. 438; Maqrizi, Bd. 1, S. 899). Anzumerken ist, dass Nasir Muhammad ibn Qalawun – der Sultan, der zu Ibn Taymiyyahs Zeit regierte – den Leuten verbot, Gold zu verkaufen oder anzukaufen. Alle waren gezwungen, ihr Gold der Münzprägeanstalt zu übergeben und Dirham dafür entgegenzunehmen (Maqrizi, Bd. 2, S. 393). Dies mag ein weiterer Grund für die – relativ gesehen – höheren Preise in Dinar gewesen sein.

Der spezielle Fall, dass für eine sofort verfügbare Ware ein niedrigerer Preis verlangt wird als für eine Ware, die zum entsprechenden Zeitpunkt nicht auf dem Markt verfügbar ist (Punkt f) kann als eine zusätzliche Zahlung betrachtet werden, die für die Beschaffung eines schwer erhältlichen Produktes geleistet wird. Ibn Taymiyyah erwähnt diesen Fall gemeinsam mit dem Fall, dass der Preis für eine Ware günstiger ist, wenn sofort gezahlt wird, als wenn die Zahlung zunächst gestundet wird. Dies hat er bereits angemerkt (unter Punkt d).

Das unter Punkt g angeführte Beispiel zielt darauf ab zu zeigen, dass sämtliche Kosten, die der Käufer übernehmen muss, um das gemietete Objekt nutzen zu können, vom Vermieter des Objektes berücksichtigt werden müssen. Ibn Taymiyyah zeigt auf, was die Punkte d, e, f und g gemeinsam haben: Unsicherheiten oder anfallende Kosten bewirken, dass der Preis anders ausfällt als er es ohne diese Faktoren getan hätte. Dies allein ist ein bedeutender Beitrag zur ökonomischen Analyse. Dem kann sein Bewusstsein für die Auswirkungen von Veränderungen in Bezug auf Angebot und Nachfrage hinzugefügt werden. Insofern ist es interessant, seine Gedanken hierzu mit denen anderer islamischer Denker und westlicher Autoren zu vergleichen, die vor dem Aufkommen der Ökonomie in der Mitte des 18. Jahrhunderts wirkten.

(Quelle: Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Journal of Research in Islamic Economics, Vol. 2, No. 2 / übertragen in die deutsche Sprache für al-adala.de von korrekturlesen-hh, leicht redigiert)

 

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Buchauszug: Gustave le Bon – Hygiene und Heilmittelkunde bei den Arabern

«Die Bedeutung der Hygiene war den Arabern nicht unbekannt. Sie wußten, daß man durch Hygiene Krankheiten vorzubeugen vermag, welche die Medizin nicht heilen kann. Sehr weise sind die Vorschriften im Koran: häufige Waschungen, Verbot des Weintrinkens, in heißen Ländern Bevorzugung der Pflanzenkost vor der Fleischkost. An den hygienischen Empfehlungen, die dem Propheten zugeschrieben werden, gibt es nichts auszusetzen. […]

Die Heilmittelkunde verdankt den Arabern viele Medikamente, wie Kassia, Sennes, Rhabarber, Tamarinde, Brechnuß, Kampfer, Alkohol u. a.. Sie waren die eigentlichen Begründer der Pharmazeutik, die Erfinder vieler noch heute verwendeter Mittel: Sirup, Pflaster, Tinkturen, Salben, destilliertes Wasser usw.. Sie erfanden sogar Heilmethoden, die später, nachdem sie lange Zeit vergessen waren, als Neuentdeckung hingestellt wurden. Dazu gehört die Methode, Medikamente mit Früchten zu versüßen: Avenzoar kurierte Verstopfungen mit Weintrauben, die mit einem Abführmittelgetränkt waren.»

(Gustave le Bon, La civilisation arabe, 1884 / aus dem Französischen von Peter Aschner, Die mittelalterliche Welt der Araber, F.A. Herbig Verlagsbuchhaltung, München – Berlin ©1974, Seite 93f.)