Archiv für den Monat: März 2018

Buchauszug: Hermann Vámbéry – Armut und Reichtum im islamischen Asien (1875)

«Nun offen gesprochen, muss ich es zugestehen, dass mir im ganzen islamischen Asien zusammengenommen nicht so viel Elend und Armuth unter die Augen kam als z. B. in Whitechapel in London, und dass das übliche Visum repertum — death by starvation (Hungertod), mit Ausnahme der Zeit einer Hungersnoth, im islamischen Osten zu den unerhörten Dingen gehört, denn die Armuth, obwol allgemein, ist doch nirgends so drückend und so schrecklich wie bei uns.

Auch muss ferner anerkannt werden, dass das tolle Treiben der leider nicht unbedeutenden Anzahl von Dandies und Lebemännern in unsern Grossstädten, deren höchstes Ideal nur Zeit- und Geldverschwendung ist, keinen besonders günstigen Beleg für das hohe Ziel unserer Culturwelt liefert.

Die Civilisation des moslimischen Asiens hat zu keiner Zeit, selbst nicht in ihrem Blütenalter, diese Species der parfumirten Nachkommen des Gorilla aufgezeigt, da man unter Bildung nicht nur den Sinn für geistiges liegen und Streben, sondern auch die Betheiligung an demselben versteht; und zweitens kann der auf Bildung Anspruch habende Muselman schon infolge seiner Religion, Erziehung und schwärmerischen Naturanlagen nicht jener crasse Genussmensch werden, zu welchen gewisse Europäer inmitten unserer vergnügungssüchtigen Hauptstädte sich herausbilden.»

(Hermann Vámbéry, Der Islam im 19. Jahrhundert, Leipzig 1875, Seite 12f.)

Buchauszug: Gustave le Bon – Araber als grundlegende Mitbegründer der Chemie

«Die Chemiekenntnisse, die ihnen die Griechen hinterlassen hatten, waren sehr spärlich. Wichtige Substanzen, wie Alkohol, Schwefelsäure, Salpetersäure, Scheidewasser u .a, die den Griechen völlig unbekannt gewesen waren, wurden bald von den Arabern entdeckt.

Sie entdeckten auch grundlegende chemische Prozesse, wie die Destillation. Wenn in manchen Büchern behauptet wird, die Chemie sei von Lavoisier begründet worden, so wird damit übersehen, daß keine Wissenschaft, die Chemie noch weniger als irgendeine andere, je auf einen Schlag entstanden ist.

Die Araber haben vor tausend Jahren über Laboratorien verfügt und Entdeckungen gemacht, ohne die Lavoisier die seinen nicht hätte machen können.»

(Gustave le Bon, La civilisation arabe, 1884 / aus dem Französischen von Peter Aschner, Die mittelalterliche Welt der Araber, F.A. Herbig Verlagsbuchhaltung, München – Berlin ©1974, Seite 75)

Buchauszug: Gustave le Bon – Arabische Werke der „Ursprung unserer optischen Kenntnisse“

«Die Hauptwerke der Araber über Physik sind verlorengegangen. Wir kennen nur die Titel der wichtigsten, so beispielsweise den des Werkes von Hassan ben Haithem über direkte, reflektierte und gebrochene Lichtstrahlung und über Brennspiegel.

Wir können jedoch aus den wenigen erhalten gebliebenen Arbeiten auf die Bedeutung der anderen schließen. Eine der bemerkenswertesten ist Alhazens Abhandlung über Optik, die ins Lateinische und ins Italienische übersetzt wurde und für Kepler bei seinem Werk über Optik eine große Hilfe war.

Sie enthält äußerst kluge Kapitel über den Brennpunkt von Hohlspiegeln, über den scheinbaren Ort der Spiegelbilder, die Lichtbrechung, die scheinbare Größe der Gegenstände u. a. m..

Namentlich findet sich dort die geometrische Lösung des folgenden Problems, die in einer Gleichung vierten Grades besteht: den Reflexionspunkt auf einem sphärischen Spiegel zu finden, wenn der Ort des Gegenstandes  und der des Auges gegeben sind.

Der Gelehrte Chasles bezeichnet dieses Werk „als den Ursprung unserer optischen Kenntnisse“.»

(Gustave le Bon, La civilisation arabe, 1884 / aus dem Französischen von Peter Aschner, Die mittelalterliche Welt der Araber, F.A. Herbig Verlagsbuchhaltung, München – Berlin ©1974, Seite 75)

Buchauszug: Gustave le Bon – Der beträchtliche Einfluss der Araber auf das Abendland

«Auch auf das Abendland übten die Araber einen beträchtlichen Einfluß aus. Er war nicht geringer als im Orient, aber anderer Art. […] der Einfluß ihrer Wissenschaft, ihre Literatur und ihrer Moral war ungeheuer.

Betrachtet man das neunte und zehnte Jahrhundert unserer Zeitrechnung, als die maurische Kultur Spaniens in voller Blüte stand, so findet man im übrigen Europa als einzige Kulturzentren massige Zwingburgen, bewohnt von halbwilden Rittern, die stolz darauf waren, nicht lesen und schreiben zu können. Die gebildetsten Menschen der Christenheit waren arme, unwissende Mönche, die ihre Zeit damit verbrachten, in der Abgeschiedenheit ihrer Klöster Abschriften von Meisterwerken der Antike sorgfältig abzukratzen, um das zum Kopieren frommer Schriften benötigte Pergament zu erhalten.

Europa war lange Zeit zu barbarisch, um sich seiner eigenen Barbarei bewußt zu werden. Erst im elften und vor allem im zwölften Jahrhundert zeigten sich Ansätze wissenschaftlicher Bestrebungen. Als einige etwas hellere Geister das Bedürfnis empfanden, das schwer auf ihnen lastende Leichentuch der Unwissenheit zu zerreißen, wandten sie sich an die Araber, die einzigen Lehrer, die sie damals finden konnten.

Nicht durch die Kreuzzüge, wie man häufig behauptet, sondern über Spanien, Sizilien und Italien gelangte die Wissenschaft in das übrige Europa. 1130 begann in Toledo ein Kollegium von Übersetzern unter dem Patronat des Erzbischofs Raymond die Werke der berühmtesten arabischen Autoren ins Lateinische zu übertragen. Die Wirkung dieser Übersetzungen war groß; dem Westen erschloß sich eine neue Welt. Bis zum vierzehnten Jahrhundert nahm die Flut der Übersetzungen nicht ab.

Nicht nur arabische Autoren, wie Rhazes, Albukassis, Avicenna, Averroes usw. wurden ins Lateinische übertragen, sondern auch griechische, wie Galenus, Hippokrates, Plato, Aristoteles, Euklid, Archimendes, Ptolemäus, die von den Moslems ins Arabische übersetzt worden waren.

Das Mittelalter lernte das griechische Altertum erst über die Sprache der Jünger Mohammeds kennen. […] Einzig den Arabern, nicht den mittelalterlichen Mönchen, verdanken wir die Kenntnis der Antike, und die Welt schuldet ihnen ewige Anerkennung für die Rettung dieses Kulturschatzes. […] Bis zum fünfzehnten Jahrhundert wird man keinen Autoren finden, der anderes getan hätte, als von den Arabern abzuschreiben.

Fünf- bis sechshundert Jahre lang dienten fast ausschließlich Übersetzungen arabischer Werke, vor allem der Naturwissenschaften, als Grundlage für den Unterricht an den Universitäten Europas.»

(Gustave le Bon, La civilisation arabe, 1884 / aus dem Französischen von Peter Aschner, Die mittelalterliche Welt der Araber, F.A. Herbig Verlagsbuchhaltung, München – Berlin ©1974, Seite 139ff)