Archiv für den Monat: September 2016

Die gefährliche Egozentrik sozial engagierter Muslime

von Yahya ibn Rainer

Es gibt, Allah sei es gedankt, unter uns viele aktive Geschwister, die gemeinnützige, wohltätige und mildtätige Projekte planen, gestalten und aus der Traufe heben. Allein im Bereich der spendenbasierten Wohl- & Mildtätigkeit haben sich in den letzten Jahren dutzende kleine und größere Vereine und Organisationen gebildet.

Es gibt Brunnenbauprojekte, Armenspeisungsprojekte, Infrastrukturprojekte, Waisenhausprojekte, Schulprojekte, Gefangenenhilfeprojekte, Halal-Partnervermittlungsprojekte uvm.

Natürlich hält jeder Initiator/Mitarbeiter sein eigenes Projekt für besonders wichtig, sonst würde er dafür nicht seine kostbare Zeit investieren. Aber leider bedeutet eine immer weitere Zunahme von Projekten, dass auch der Pool an Spenden- und Hilfsbereitschaft pro Projekt kleiner wird, weil mit der Zunahme der Projekte nicht automatisch auch die Zahl der Muslime steigt, die diese unterstützen können/wollen.

Solche Projekte stehen also in einem gewissen Wettbewerb miteinander. Um in diesem Wettbewerb zu bestehen, setzen viele muslimische Projekte auf die Mithilfe von Gelehrten und Predigern. Die Beteiligung solcher Persönlichkeiten verschafft dem Projekt eine gewisse Seriosität und Vertrauenswürdigkeit. Aus diesem Grunde bekommen Gelehrte und Prediger nicht wenige Anfragen von gemeinnützigen, wohltätigen, mildtätigen, aber auch zahlreichen kommerziellen Unternehmungen.

Leider ist die Seriosität und Vertrauenswürdigkeit einer solchen Unternehmung im vornherein nicht klar zu beurteilen. Auch wenn die Beteiligten an sich nicht zu tadeln sind, können Projekte durch andere Einflüsse zu einem Reinfall werden oder gar Verbotenes bewirken. Aus diesem Grund sind viele Gelehrte, Prediger und andere öffentliche Persönlichkeiten vorsichtig geworden. Besonders wenn man sich bereits für 1 oder 2 Projekte engagiert, möchte man ungern in zahlreiche andere involviert sein, um nicht den Überblick zu verlieren, denn schnell kann die Glaubwürdigkeit in der Dawa verloren gehen, wenn man mit gescheiterten Projekten in Verbindung gebracht wird, auch wenn man selbst am Scheitern keinen Anteil hatte.

Für Initiatoren und Mitarbeiter an solchen Projekten ist diese Situation sicherlich nicht leicht. Sein eigenes Projekt (in das man Herzblut gesteckt hat und das man natürlich persönlich als besonders wichtig erachtet) scheitern zu sehen, weil es nicht von ausreichend Spendern oder den gewünschten Persönlichkeiten unterstützt wird, ist kein schönes Erlebnis.

Leider reagieren nicht wenige Menschen sehr emotional auf diese Erfahrung und beginnen den Muslimen allgemein oder bestimmten Persönlichkeiten die Schuld für das Scheitern zu geben. Schnell hantiert man mit der moralischen Keule und bemerkt im Eifer des Gefechtes gar nicht, dass man den Muslimen allgemein oder bestimmten Personen damit Unrecht tut.

Man muss bei der Betrachtung eigener Projekte unbedingt aus der egozentrischen Betrachtungsweise ausscheren und dem Gesamtkontext mehr Beachtung schenken.

Man befindet sich …

  1.  … in einem umkämpften Markt, mit vielen anderen, ähnlichen und gleichen Ideen.
  2. … in einem Wettbewerb der guten Taten. Hier gilt in erster Linie die aufrichtige Absicht und nicht der Erfolg (zumindest wenn man die Belohnung bei Allah beabsichtigt).
  3.  … in einem Bereich der freien individuellen Entscheidungskraft. Als Initiator sucht man sich nach eigenem Gutdünken die geeignetsten Partner aus, muss diesen aber die gleiche freie Entscheidungskraft zusprechen; was im Resultat auch eine Absage sein darf.

Bitte beachtet das, wenn ihr aktiv seid oder werden wollt. So wie ihr euch freiwillig für euer Projekt engagiert (und dafür andere Projekte vernachlässigt oder komplett ignoriert), müsst ihr selbiges auch für eure anderen Geschwister zugutehalten. Jeder hat das Recht EUER Projekt zugunsten anderer Projekte zu ignorieren.

Örtliches Brauchtum als Orientierungspunkt für den eigenen Kleidungsstil

von Yahya ibn Rainer

Themen wie Brauchtum, Sitte, Namensgebung, Ernährung und auch Kleidungsstil, sind besonders für Konvertiten, aber auch für in der Diaspora lebende Muslime ein wichtiges Thema mit teils großen Wissensdefiziten oder Vorurteilen.

Was ist erlaubt, anempfohlen oder sogar eine Pflicht? Und was ist verpönt oder verboten? Muss ich meine Kultur ablegen, mein Brauchtum und meine Sitte, wenn ich Muslim werde? Und inwiefern und inwieweit muss man sich von den Nichtmuslimen unterscheiden, wenn man unter ihnen als religiöse Minderheit lebt?

Bereits im April 2014 publizierte ich zu diesem Thema einen Beitrag mit dem Namen „Arabischer Name, arabisches Essen und arabische Kleidung – Ist das Islam?“; hier auf diesem Blog erschien er unter dem Titel „Ist die Namensänderung bei Islamkonvertiten eine Unsitte?“.

Nun möchte ich noch einige kurze Gelehrtenaussprüche zum Gegenstand kredenzen, die mir freundlicherweise von den Brüdern Behzad Zibari, Ibn Jalil und Taariq ibn Lahsan zur Verfügung gestellt bzw. übersetzt wurden.

Der Hanbali-Gelehrte Imam Mansur Ibn Yunus al Buhuti [Gest. 1015 n.H.] schrieb:

«Es ist verpönt, sich entgegen dem Brauch der Leute eines Landes oder in etwas zu kleiden, worüber sich lustig gemacht wird, da dies eine Art der Zurschaustellung ist.»

Entnommen aus [كشاف القناع عن متن الإقناع]

Der Hanbali-Gelehrte Imam Abu al Wafa‘ Ibn ‚Aqil al Hanbali [Gest. 513 n.H.] schrieb:

«Es ziemt sich nicht, den Bräuchen der Menschen zuwider zu handeln, aus Rücksichtnahme ihnen gegenüber und für die Vereinigung ihrer Herzen, außer hinsichtlich verbotenen Handlungen, deren Umsetzung zu einem Brauch geworden ist […]»

Entnommen aus [مطالب أولي النهى]

Und Imam Ibn Hajar al ‚Asqalani [Gest. 852 n.H.] schrieb:

«Die Rücksichtnahme auf den Kleidungsbrauch einer Zeit gehört zur Ritterlichkeit, solange es sich nicht um etwas Sündhaftes handelt. Das Zuwiderhandeln gegen den Kleidungsbrauch ist eine Art der Zurschaustellung [الشهرة].»

Entnommen aus Fath Al Bari

Imam Ibn Taymiyyah sagte über die Gefährten:

«Als sie die Länder erobert hatten, verzehrte jeder von ihnen die Nahrung seiner Heimat und trug die Kleidung seiner Heimat, ohne jedoch die Nahrung und Kleidung von Medinah zu meinen.»

Entnommen aus [غذاء الألباب في شرح منظومة الآداب]

 und des Weiteren schrieb Imam Ibn Taymiyyah:

«Wenn der Muslim sich in einem Kriegsgebiet befindet oder in einem anderen Land des Unglaubens, das kein Kriegsgebiet ist, wird ihm nicht anbefohlen, sich vom äußerem Erscheinungsbild (der dortigen Bevölkerung) zu unterscheiden, wegen den Nachteilen, die sich daraus ergeben könnten. Vielmehr könnte es [sogar] für eine Person empfohlen oder eine Pflicht sein, sich ihrem äußerlichen Erscheinungsbild anzugleichen, falls darin ein religiöser Vorteil liegt, wie z.B. die Einladung zum Glauben.»

Ein herzlicher Dank - für Übersetzung und Unterstützung - geht raus an die Brüder der avantgardistischen Telegram-Gruppe "Denkfabrik RÖG" (Religion, Ökonomie & Gesellschaft).

At-Tibi: Zeit und Timing sind wie das Kapital eines Geschäftsmannes

Der Universal-Gelehrte Sharaf ad-Din at-Tibi (auch: at-Tayyibi / gest. 743 n.H.) sagte:

«Zeit und Timing sind wie das Kapital eines Geschäftsmannes: Je mehr Kapital er hat, umso höher kann der Profit werden. Wenn also jemand seine Lebenszeit nutzt um seine Taten zu verbessern, wird er Erfolg haben. Wenn er allerdings sein Kapital vergeudet, wird er nie irgendeinen Profit erzielen.»

(Quelle: Facebookseite von Sheikh Muhammad Al-Munajjid, übersetzt von Yahya ibn Rainer)

Yahya ibn Mu´adh: In der Sprache der Ökonomie, aber mit Bezug zum Jenseits

Yahya ibn Mu´adh (gest. 258 n.H.) sagte:

«Anbetung ist wie ein Gewerbe; sein Geschäft befindet sich in der Abgeschiedenheit (der Anbetung), sein Kapital liegt im Bestreben die Sunnah zu erfüllen und der Profit liegt in der Erlangung des Paradieses.»

(Quelle: Facebookseite von Sheikh Muhammad Al-Munajjid, übersetzt von Yahya Ibn Rainer)