Archiv für den Monat: August 2015

Auszug: Ibn Khaldun – Einleitende Bemerkungen zur menschlichen Kultur

Der folgende Auszug stammt aus der berühmten Muqaddima, der Einführung in das mehrbändige Geschichtswerk des muslimischen Universalgelehrten Ibn Khaldun (1332-1406). Diese einleitenden Bemerkungen zur menschlichen Kultur lassen jeden Leser aufhorchen, der sich für Soziologie und Volkswirtschaft begeistern kann. Besonders die Kenner von Adam Smith und seiner Darlegung der menschlichen Arbeitsteilung, werden hier überraschende Parallelen vorfinden.

Einleitende Bemerkungen zur menschlichen Kultur im allgemeinen

Zu allererst muß festgestellt werden, daß der menschliche Zusammenschluß notwendig ist. Die Philosophen geben dem mit ihrer Aussage, daß der Mensch von Natur aus gesellschaftlich sei, Ausdruck. Das heißt, daß für ihn der Zusammenschluß, den sie mit dem Terminus <Stadt> umreißen, unumgänglich ist. Das ist auch der Sinn des Wortes ‘umran – menschliche Kultur. Die Erklärung ist darin zu suchen, daß Allah – gepriesen sei er – den Menschen schuf und ihn so gestaltete, daß dieser ohne Lebensmittel nicht leben und existieren kann. Er führte ihn dazu, durch seinen natürlichen Trieb nach diesen Lebensmitteln zu suchen, und stattete ihn mit der Kraft aus, diese zu erlangen. Doch ist die Kraft eines einzelnen Menschen nicht imstande, seinen Bedarf an allem zu decken, und sie reicht für ihn als Lebenssubstanz nicht aus.

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Kurz gesagt: Viele Muslime sind leider handwarme Roboter geworden

von Yahya ibn Rainer

Viele Muslime sind leider dermaßen durch oberflächliche und kurz gefasste Propaganda konditioniert, dass sie sich anscheinend nicht mehr in der Lage sehen, zusammenhängende Texte inhaltlich zu erfassen und zu verarbeiten.

Die Tatsache, dass fast die gesamte muslimische Gemeinschaft aus Mitgliedern, Anhängern oder Sympathisanten bestimmter Parteien, Gruppen oder Schulen besteht, die untereinander zum Teil schwerste Auseinandersetzungen ausfechten, wirkt sich dramatisch auf ihre Fähigkeit aus, sich unvoreingenommen und objektiv mit Inhalten auseinander zu setzen.

Die teils grafisch und audiovisuell dominierte ideologische Konditionierung führt zu einer verkürzten Wahrnehmung und reduziert textliche Zusammenhänge oft nur noch auf bestimmte Reizwörter, auf die – oft vorhersehbar – nur noch reagiert wird.

Und somit wirkt sich dieses oberflächliche Verhalten nicht nur auf die textliche Erfassung aus. Auch in der sprachlichen Auseinandersetzung werden komplexe Zusammenhänge immer häufiger nur noch mit geläufigen Floskeln oder vorbereiteten Copy/Paste-Texten kommentiert.

Viele Muslime sind leider handwarme Roboter geworden.

Die Ritterlichkeit im Zeitalter des Sprengstoffs

von Yahya ibn Rainer
(dieser Beitrag erschien zuerst am 14.08.2015 auf ahlu-sunnah.com)

Es gab mal eine Zeit der Ritterlichkeit im Kampfe. Lange ist es her. Die Männer standen sich in der Schlacht gegenüber, Auge in Auge. Entweder tötete man sich gegenseitig bis zum bitteren Ende oder der unterlegene Gegner ergab sich und unterwarf sich der Willkür des Siegers, der ihn entweder kurz und schmerzlos hinrichtete, in Gefangenschaft nahm, in die Knechtschaft überführte oder ihm, im Akt der Barmherzigkeit, verzieh und ihn laufen ließ.

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Buchauszug: Yukawa Hideki – Die schöpferischen Kraft des Höchsten Wesens

Prof. Dr. Yukawa Hideki war 1949 der erste japanische Physiker der den Nobelpreis erhielt. Er bekam die Auszeichnung für seine Vorhersage der Existenz der Mesonen, die auf der Theorie der Kernkräfte beruhte. Hideki zu Ehren benannten die Macher von Star Trek: Deep Space Nine eine  cardassianische Raumschiffklasse nach ihm.   :)

»Die Relativität setzte  mathematische Beziehungen an die Stelle eines mechanischen Musters im Universum. Aber sie erhöhte Kontinuität und Einheit der Ursache und machte sie verständlicher: eine neue Art Determinismus und Prädestination.

Aber die Entdeckung der „Quantentheorie“ forderte eine ganz andere Erklärung. Sie zeigt „Mangel an Zusammenhang“ […]. Das Universum, vom Gesichtspunkt der Quantentheorie betrachtet, erwies  sich als unzusammenhängend und höchst aktiv, dynamisch, rastlos, unbeständig und ununterbrochen schöpferisch.

Ein Meson ändert die Planfolge seiner Energie binnen einer sehr kurzen Zeit und ohne eine außenstehende Tätigkeit. Hier scheint sich ein schöpferischer Prozeß auf eine spontane und nicht vorauszusehende Art zu offenbaren. So bin ich einerseits mehr denn je beeindruckt durch die Wucht eines Grundgesetzes und anderseits durch die dynamischen und schöpferischen Seiten der Natur.

Der Ursprung des Grundprinzips ist zweifelsohne etwas Unbekanntes, das die Reiche von Raum und Zeit übersteigt – ein Bestehen, das allumfassend und ewig ist.

In dem Mangel an Zusammenhang und in den spontanen Energieblitzen liegt meines Erachtens nach die der Natur eigene Garantie für den Glauben an einen freien Geist. Durch die Wissenschaft selbst gelangt man zum Allumfassenden, zur Ewigkeit, zur schöpferischen Kraft, welche die Alten das Höchste Wesen nannten.«

(Prof. Dr. Yukawa Hideki, im The American Magazine, 21.01.1951 / zitiert und übersetzt von Jean Pierre Hamilius in seinem Buch Die Amerikanische Revolution, ein Fanal der Freiheit, ©1984, Fußnote 3 auf Seite 22)

Buchauszug: Bertrand de Jouvenel – Der Preis der Freiheit

»Der Preis der Freiheit

Die Sprache besitzt die eigenartige Fähigkeit, mehr auszudrücken, als der Sprechende klar zu erkennen imstande ist. Wir sagen, die Freiheit sei das kostbarste Gut, ohne darauf zu achten, wieviele gesellschaftliche Gegebenheiten sich in dieser Formel widerspiegeln.

Ein Gut, dessen Preis hoch ist, braucht kein existenzielles Bedürfnis zu sein. Das Wasser hat keinen Preis, Brot keinen sehr hohen. Ein Gemälde von Rembrandt ist teuer, wird aber trotz seiner Kostbarkeit nur von wenigen erstrebt, und niemand würde sich das Geringste aus ihm machen, wenn ihm die Umstände Wasser und Brot verweigerten.

Die kostbarsten Dinge haben folglich die Doppeleigenschaft, nur von wenigen Menschen ernsthaft begehrt zu werden und es nur dann zu sein, wenn die Primärbedürfnisse in hohem Maße befriedigt sind. Unter diesem Aspekt muß auch die Freiheit betrachtet werden. Eine Metapher wird vielleicht helfen, sie besser zu kennen.

Ein Mensch irrt durch den Dschungel, für seine Nahrung ist er auf den unsicheren Jagderfolg angewiesen, sein Leben wird ständig von wilden Tieren bedroht. Eine Karawane kommt vorüber; er schließt sich ihr an und überläßt sich glücklich der Sicherheit der großen Zahl und dem Überfluß an Nahrungsmitteln. Als botsmäßiger Diener des Anführers erreicht er unter seinem Schutz die Stadt, genießt zunächst ihre Annehmlichkeit, erkennt aber eines Tages, rasch an die Sicherheit gewöhnt, daß er Sklave ist; er möchte frei sein. Er wird es schließlich auch. Plötzlich aber dringen nomadische Stämme in die Stadt ein; sie erobern, plündern, brennen und morden. Unser Mensch flieht auf das Land und findet in einer Burg Aufnahme, deren Herr Tiere und Menschen beschirmt: Er widmet seine ganze Arbeitskraft seinem Beschützer als Preis für das gerettete Leben. Ein starker Staat indes stellt die Ordnung wieder her, und unser Mensch beklagt sich bald über die grundherrliche Fron; er löst sie durch Tributzahlungen ab, die er schrittweise verringert, und möchte freier Grundeigentümer werden. Oder aber er wandert in eine Stadt, um seine Arbeitskraft dort nach eigenem Willen zu verkaufen oder um ein Handwerk auszuüben. Eine ökonomische Krise tritt auf.  Er vermag – sei es als Bauer, sei es als Unternehmer – nicht zu dem kalkulierten Preis zu verkaufen. Ist er Arbeiter, setzt man ihn auf die Straße. Er wird sich nunmehr einen Chef suchen, der ihm die Regelmäßigkeit seines Unterhalts garantiert, sei es, daß man ihm eine bestimmte Menge seines Produktes zu bestimmten Preisen abnimmt, sei es, daß man ihm Sicherheit seines Arbeitsplatzes und seines Lohnes garantiert.

So erlischt der Wille frei zu sein bei der Person unseres Beispiels immer dann, wenn sie selbst in Gefahr gerät, um neu zu entstehen, sobald das Sicherheitsbedürfnis befriedigt ist. Die Freiheit ist nur ein sekundäres Bedürfnis im Verhältnis zum Primärbedürfnis der Sicherheit.«

(Bertrand de Jouvenel, Über die Staatsgewalt – Die Naturgeschichte ihres Wachstums, Seite 403-404)

Buchauszug: Andreas Abu Bakr Rieger – Riba An-Nasi’ah

Riba An-Nasi’ah ist die Nutzung von Dain (Schuldversprechen) als Zahlungsmittel. Dieses Vorgehen ist, wie wir im Zeitalter der Derivate wissen, ein aktuelles Phänomen, das Imam Malik in seinem berühmten Rechtsbuch „Al-Muwatta“ beschrieb:

»Er überliefert, dass den Leuten in der Zeit [des Gouverneurs] Marwan ibn Al-Hakim Belege (Sukukun) für die Produkte des Marktes Al-Dschar ausgegeben wurden. Die Leute kaufen und verkaufen diese Belege [oder Schuldscheine] unter sich, bevor sie sich diese Waren liefern ließen. Zaid ibn Thabit, einer der Gefährten des Propheten, kam zu Marwan ibn Al-Hakim und warf ihm vor: „Marwan, machst du Wucher halal (zulässig)?“ Dieser entgegnete: „Ich suche Zuflucht bei Allah, was hat das zu bedeuten?“ Der Prophetengefährte erklärte ihm: „Diese Belege, die die Leute kaufen und verkaufen, bevor sie sich die Waren aushändigen lassen.“ Darauf wies Marwan seine Wachen an, ihm zu folgen, nahm die Belege den Leuten weg und händigte sie ihren ursprünglichen Besitzern aus. Zaid ibn Thabit benannte diese Belege, „die die Leute kauften und verkauften, bevor sie Waren in Händen hielten“, gezielt als Riba.«

Fassen wir noch einmal kurz das grundlegende Prinzip im islamischen Recht zusammen: Es ist erlaubt, Gold und Silber oder Lebensmittel als Zahlungsmittel zu verwenden, aber man kann dies nicht mit einem Zahlungsversprechen (Dain) tun. Darin gibt es einen ungerechtfertigten Überschuss, der nicht erlaubt ist. Wenn man in Besitz von Dain ist, muss man zuerst ‘Ain (fassbare Güter), welches es vertritt, in Händen halten und kann dann einen Austausch vollziehen. Dain kann nicht als Geld verwendet werden.Diese Handlungsweise wird Rama‘ genannt und gehört zu den verbotenen Kategorien von Riba. […]

Erst jetzt, in Zeiten der Finanzkrisen, erkennen Muslime wieder den tiefen Sinn dieser Überlieferungen, aber auch dass Rama‘ auf den Märkten der Welt heute zu einer anerkannten Praxis gehört. Das ursprüngliche islamische Geldwesen ist beinahe verschwunden. Dain-Währung (Papiergeld, Schuldscheine) hat die Verwendung von ‘Ain-Währung (Gold und Silber) ersetzt. Die islamische Welt hat sich für die Praxis entschieden, über die ‘Umar ibn Al-Khattab zu seiner Zeit sagte: »Ich fürchte mich vor Rama‘ um eures willen.«

(Weg mit dem Zins – Soziale Wirtschaft im Dialog der Religionen, von Andreas Rieger, © 2011, Seite 62-64)

3 mal Nicolás Gómez Dávila (LXIII)

»Weil er den Einwand, der ihn widerlegt, nicht versteht, glaubt der Schwachkopf sich bestätigt.«

»Die moderne Industrie strotzt von Artikeln, die weder, wie offensichtlich, zur geistigen Perfektionierung des Menschen, noch zur materiellen Vervollkommnung der Zivilisation taugen.«

»Der pädagogische Eifer war Ratgeber der schlimmsten Dummheiten der Geschichte und seiner schrecklichsten Verbrechen.«