Schlagwort-Archive: Buchauszug

Buchauszug: Ibn Khaldun – Das Knechtische an der Landwirtschaft sind die Abgaben

«Als Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – eine Pflugschar in einem der Häuser seiner Anhänger (in Medina) sah, sprach er:

„Nie kam ein solches Gerät in jemandes Haus, ohne dass mit ihm (zugleich) Unterwürfigkeit einzog.“

Al-Bukhari bezog dies auf eine übertriebene Landwirtschaft und überschrieb dementsprechend das Kapitel mit „Warnungen vor den Folgen bei der (übertriebenen) Betätigung landwirtschaftlicher Gerätschaften bzw. der Überschreitung der vorgeschriebenen Grenzen“.

Der Grund – Allah weiß es am besten – ist wohl der, dass hieraus (der Landwirtschaft) Abgaben (an den Herrscher) resultieren, die (wiederum) dazu führen, dass man beherrscht wird und sich in der Gewalt (anderer) befindet. Derjenige, der Abgaben leisten muss, ist unterwürfig und in elender Lage, da er sich der Gewalt und Macht (eines anderen) beugen muss.

Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – sprach:

„Die (letzte) Stunde (der Welt) kommt nicht eher, bevor die Almosensteuer (Zakah) zu einer (willkürlichen) Abgabe geworden ist.“

Damit wies er auf einen (möglichen) tyrannischen Herrscher hin, der Gewalt gegen die Leute anwendet, der beherrschend und ungerecht ist, der die Rechte Allahs, des Erhabenen, die dieser gegenüber erworbenen Geldmengen besitzt, vergisst und der (schließlich) der Ansicht ist, dass alle (religiösen) Verpflichtungen (auch) Abgaben an die Herrscher und ihren Staat mit einschließen.»

(Ibn Khaldun / gest. 808 n.H., in al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Übersetzung leicht redigiert)

Buchauszug: Al-Turtushi -Besserer militärischer Schutz ohne staatlichen Sold

«Ich hörte einige andalusische Shuyukh, die teils aus der Armee [arab.: jund] stammten, teils nicht, sagen: Die Muslime blieben ihren Feinden überlegen und die Stellung ihrer Feinde war schwach und miserabel, solange man das Land den Soldaten als Iqṭāʿ [deutsch: Lehnsgut] überließ. Diese zogen Nutzen daraus und behandelten die Bauern rücksichtsvoll, wie ein Kaufmann seine Ware.

So gedieh das Land, die Einkünfte flossen reichlich, es gab einen Überfluss an Soldaten, und an Verpflegung und Waffen war mehr als nötig vorhanden. Das ging so, bis Ibn Abi ‘Amir in seinen letzten Tagen den monatlichen Heeressold wieder einführte, das Geld mit Gewalt einzog und Steuerbeamte auf das Land schickte, um die Steuern einzutreiben.

Doch diese (Steuerbeamten) fraßen die Untertanen auf, unterschlugen ihr Geld und führten sich anmaßend gegen sie auf. Da flohen die Untertanen und konnten das Land nicht länger bebauen, worauf die Steuern, die der Sultan erhielt, sich verminderten, das Heer schwach wurde und der Druck der Feinde gegen das Land der Muslime sich verstärkte; schließlich eroberten die Feinde sogar einen Großteil des Landes.

So blieben die Muslime schwach und ihre Feinde überlegen, bis die „Verschleierten“ [Almoraviden /al-Murābiṭūn] nach Spanien kamen und das Iqṭāʿ wieder einführten, wie es früher gewesen war.»

(Abu Bakr Muhammad at-Turtushi, gest. 520 n.H., in Siraj al-Muluk fi Suluk al-Muluk / Übersetzung von Bernhard Lewis/Hartmut Fähndrich in Der Islam in Originalzeugnissen – Religion und Gesellschaft, Verlag Edition Erdmann, 2005, Seite 142f / leicht von mir redigiert)

Buchauszug: Prof. Johann Jakob Bachofen – Weil ich die Freiheit liebe, so hasse ich die Demokratie

«Seit dem Siege von  Luzern hat sich die Lehre von der Volkssouveränität und der Allgewalt der Demokratie zur praktischen Grundlage unserer  öffentlichen Zustände ausgebildet. Ich zweifle nicht, daß sie zu allen, auch zu ihren äußersten Consequenzen fortschreiten wird, wenn es die Gestaltung der Europäischen Zustände erlaubt, und nicht große Unglücksfälle das Volk wieder zu den wahren Grundlagen eines gesunden Staatslebens zurückführen.

Aber vollendete Demokratie ist der Untergang alles Guten. Republiken haben von ihr am meisten zu fürchten. Ich zittre vor ihrer Ausbildung, nicht um Hab und Guts willen, sondern weil sie uns in die Barbarei zurückwirft. Die Lehre von der Volkssouveränität steht meinen tiefsten geschichtlichen und religiösen Überzeugungen entgegen. Nicht daß ich das Volk verachtete oder gar vor der Berührung mit ihm aus Ekel zurücktretete, — all das Elend, dem es unterliegt, würde ihm eher mein Herz gewinnen. Nein, weil ich eine höhere Weltordnung anerkenne, der allein die Souveränität und Majestät zukommen kann.

Aus dieser höhern Weltordnung stammt die obrigkeitliche Gewalt. Sie ist das Amt Gottes, so lautet die römisch-heidnische sowohl als die christliche Lehre. Auch Richteramt ist von Gott, und der es übt, übt ein Recht höhern Ursprungs. Das Amt habe ich von Gott, nur die Berufung dazu stammt mir vom Volke. In dem ersten Punkte stimmen alle Verfassungen überein, in dem zweiten, der Berufung, mag unter ihnen die größte Verschiedenheit herrschen, das ist das weniger Wesentliche.

Darin nun findet die heutige Demokratie ihre Verdammung, daß sie den göttlichen Charakter der Obrigkeit vernichtet, und die göttliche Staatsordnung in allen Stücken verweltlicht. Schon oft habe ich über das wahre Wesen der Demokratie nachgedacht. Nun, lassen sich nicht alle ihre Erscheinungen darauf zurückführen, daß sie die Auflösung jener Bande, welche des Menschen Seele an ein Höheres knüpfen, darstellen, und jene Scheu gebrochen ist, welche allein vermag, die wilden Leidenschaften, die auf dem Grund der Seele lauern, darniederzuhalten. Denn das ist der Fluch der Demokratie, daß sie ihre Verwüstungen in alle Gebiete des Lebens hineinträgt, Kirche, Haus und Familie gerade am schwersten ergreift, und für jede, auch die kleinste Frage den wahren Standpunkt verrückt. Weil ich die Freiheit liebe, so hasse ich die Demokratie.

Ja. die auf Selbstregierung ruhende Freiheit eines tapfern, frommen, gottesfürchtigen, arbeitsamen Volkes, das seine Vorfahren höher stellt als sich, mit der Vergangenheit nie bricht, und seiner Nachkommen mehr gedenkt als seines augenblicklichen Genusses, — ja der Genuß einer solchen Freiheit scheint mir reicher Ersatz für manche Entbehrung.»

 – Johann Jakob Bachofen (gest. 1887 n. Chr.),
Schweizer Rechtshistoriker, Altertumsforscher und Anthropologe,
(in «Autobiographische Aufzeichnungen» (an F. K. Savigny gerichtet), Herausg. H. Blocher, im Basler Jahrbuch (1917), S. 328-329)

Buchauszug: Oswald Spengler – Die bolschewistischen Kreuzzüge in die arabische Zivilisation

«Der Islam hat dieser Welt endlich und viel zu spät das Bewußtsein der Einheit verliehen, und darauf beruht das Selbstverständliche seines Sieges, das ihm Christen, Juden und Perser fast willenlos zuführte.

Aus dem Islam hat sich dann die arabische Zivilisation entwickelt, die in ihrer höchsten geistigen Vollendung stand, als vorübergehend die Barbaren des Abendlandes hereinbrachen und nach Jerusalem zogen. Wie mag sich dies Schauspiel in den Augen vornehmer Araber ausgenommen haben? Etwas bolschewistisch vielleicht?

Für die Politik der arabischen Welt waren die Verhältnisse in „Frankistan“ etwas, auf das man herabsah.»

(Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, Seite 606)

Buchauszug: Oswald Spengler – Die Seele der magischen Kultur fand im Islam ihren wahren Ausdruck

«Der Islam ist eine neue Religion fast nur in dem Sinne, wie das Luthertum eine solche war. In Wirklichkeit setzt er die großen Frühreligionen fort. Und ebensowenig ist seine Ausbreitung, wie immer noch geglaubt wird, eine Völkerwanderung, die von der arabischen Halbinsel ausgeht, sondern vielmehr ein Ansturm begeisterter Bekenner, der lawinengleich die Christen, Juden und Mazdaisten mit sich reißt und als fanatische Moslime alsbald an der Spitze führt.

Es waren Berber aus der Heimat Augustins, die Spanien eroberten, und Perser aus dem Irak, die zum Oxus vordrangen. Die Feinde von gestern wurden die Vorkämpfer von morgen. Die meisten »Araber«, die 717 zum ersten Male Byzanz angriffen, sind als Christen geboren worden. Um 650 erlischt mit einem Schlage die byzantinische Literatur, ohne daß der tiefere Sinn davon bis jetzt bemerkt worden wäre: diese Literatur setzt sich in der arabischen fort; die Seele der magischen Kultur fand endlich im Islam ihren wahren Ausdruck. Damit ist diese Kultur wirklich »arabisch« und endgültig von der Pseudomorphose erlöst worden. […]

Die großen Gestalten der Umgebung Mohammeds wie Abu Bekr und Omar sind durchaus den puritanischen Führern der englischen Revolution wie John Pym und Hampdon verwandt, und diese Ähnlichkeit der Gesinnung und Haltung würde noch größer sein, wüßten wir mehr von den Hanifen, den arabischen Puritanern vor und neben Mohammed.»

(Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, Seite 933 f.)

Buchauszug: Oswald Spengler – Die Befreiung des magischen Menschentums durch den Islam

«Dies allein erklärt die ungeheure Vehemenz, mit welcher die durch den Islam auch künstlerisch endlich befreite und entfesselte arabische Kultur sich auf alle Länder warf, die ihr seit Jahrhunderten innerlich zugehörten, das Zeichen einer Seele, die fühlt, daß sie keine Zeit zu verlieren hat, die voller Angst die ersten Spuren des Alters bemerkt, bevor sie eine Jugend hatte.

Diese Befreiung des magischen Menschentums ist ohnegleichen. Syrien wird 634 erobert, man möchte sagen erlöst; Damaskus fällt 635, Ktesiphon 637. 641 wird Ägypten und Indien erreicht, 647 Karthago, 676 Samarkand, 710 Spanien; 732 stehen die Araber vor Paris.

So drängt sich hier in der Hast weniger Jahre die ganze Summe ausgesparter Leidenschaft, verspäteter Schöpfungen, zurückgehaltener Taten zusammen, mit denen andre Kulturen, langsam aufsteigend, die Geschichte von Jahrhunderten füllen konnten.

Die Kreuzfahrer vor Jerusalem, die Hohenstaufen in Sizilien, die Hansa in der Ostsee, die Ordensritter im slawischen Osten, die Spanier in Amerika, die Portugiesen in Ostindien, das Reich Karls V., in dem die Sonne nicht unterging, die Anfänge der englischen Kolonialmacht unter Cromwell – das alles sammelt sich in der einen Entladung, welche die Araber nach Spanien, Frankreich, Indien und Turkestan führte.»

(Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, Seite 276)

Buchauszug: Karlheinz Deschner – Schwertmission und Heiliger Krieg der Kirche

„In diesen Zusammenhang gehören die Kriege, die auf Drängen, mit Beteiligung oder unter dem Kommando der Kirche geführt worden sind: die Vernichtung ganzer Völker, der Wandalen, der Goten, im Osten die unentwegte Niedermetzelung der Slawen – für die christlichen Chronisten der Karolinger und Ottonen bloß in heidnischer Finsternis befangene Verbrecher, die mit allen Mittelm, des Verrats, Betrugs, der Grausamkeit bekehrt werden mußten.

Im Hochmittelalter ist jede Glaubensbelehrung vor allem auf Streit und Kampf für Christus ausgerichtet, die Schwertmission, der «Heilige Krieg», die «nova religio», die Garantie für alles Gute, Große, Ewige, Christus, schon in den frühmittelalterlichen Hymnen als Kämpfer besungen, wird nun Heerführer , der König, der Sieger überhaupt.“

(Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums – 1. Band: Die Frühzeit, Seite 18)

Karlheinz Deschners Kriminalgeschichte des Christentums ist eine empfehlenswerte Lektüre für jeden, der sich ebenso unvoreigenommen mit dem Christentum auseinandersetzen möchte, wie es PImaten, Pegidasten und AfD'ler mit dem Islam tun.

Ibn Khaldun über schiitische Einflüsse im späten Sufismus

«Die frühen Sufis kümmerten sich nicht um solcherei Ideen (z.B. über den Mahdi). Alles was sie diskutierten, waren ihre mystischen Aktivitäten und Anstrengungen und die daraus resultierenden ekstatischen Erfahrungen und Zustände. Es waren (zuerst) die Imamiten und die anderen extremen Schiiten, die den bevorzugten Status Alis diskutierten, die Sache seines Imamats, die Behauptung, dass er das Imamat durch den letzten Willen (des Propheten) empfangen haben soll, und die Ablehnung der beiden Sheikhs (Abu Bakr und Umar), wie wir im Zusammenhang mit der schiitischen Dogmatik bereits erwähnt haben. Danach entstand unter ihnen das Dogma des unfehlbaren Imams. Vieles wurde über diese Dogmatik (der Schiiten) bereits geschrieben.

Dann erschienen die ismailitischen Schiiten. Sie lehrten die Göttlichkeit des Imams durch Inkarnation. Andere behaupteten, dass die (toten) Imame entweder durch Metempsychose (Reinkarnation/Seelenwanderung) oder (in ihrer wahren Form) zurückkehren. Wieder andere erwarteten das Kommen von Imamen, die ihnen durch den Tod wieder entrissen würden. Andere erwarteten schließlich, dass die Familie von Muhammad an die Macht zurückkehren würde. Dies haben sie aus bereits erwähnten Überlieferungen über den Mahdi abgeleitet, und aus anderen Überlieferungen.

Unter den späteren Sufis wurde auch über kashf (die Beseitigung des Schleiers) diskutiert und über die Dinge, die hinter dem Schleier der sinnlichen Wahrnehmung verborgen sind. Sehr viele Sufis begannen über Inkarnation und die Einheit (allen Seins mit Allah) zu sprechen. Dies führte zu einigen Übereinstimmungen mit den Imamiten und den anderen extremen Schiiten, welche an die Göttlichkeit der Imame und an die Inkarnation der Göttlichkeit in ihnen glaubten. Die Sufis begannen fortan auch an einen „Pol“ (qutb) und spezielle „Heilige“ (abdal) zu glauben. Dieser (Glaube) wirkte geradezu wie eine Nachahmung der Meinung der extremen Schiiten über ihren Imam und die alidischen Führer (an-Nugabd‚ / sing, nagib = edel).

Auf diese Weise wurden die Sufis mit schiitischen Theorien geradezu gesättigt. (Schiitische) Theorien drangen so tief in ihre religiösen Vorstellungen ein, dass sie ihre Praxis – einen Umhang (khirgah) zu benutzen – auf die (angebliche) Tatsache fußen ließen, dass Ali selbst (den Tabi’i) al-Hasan al-Basri in solch einen Umhang kleidete, und ihn veranlasste feierlich zu erklären, dass er sich dem mystischen Pfad verpflichten würden. (Diese von Ali eingeführte Tradition) wurde, so berichten diese Sufis, durch al-Junayd, einem Sufi-Sheikh, fortgeführt.

Wie auch immer, es ist nicht authentisch überliefert, dass Ali so etwas jemals getan hat. Der (mystische) Pfad war nicht allein Ali vorbehalten, sondern alle Männer die Muhammad (direkt) umgaben (und begleiteten) waren Vorbilder der (verschiedenen) Pfade der Religion. Die Tatsache, dass (diese Sufis den Vorrang der Mystik) auf Ali beschränken, klingt sehr stark nach pro-schiitischen Meinungen. Diese und andere (u.a. oben) erwähnte Sufi-Ideen zeigen, dass diese Sufis pro-schiitische Sentimentalitäten angenommen haben und sich in sie verstrickt haben.»

[Aus der englischsprachigen (Rosenthal-)Übersetzung der Muqaddima, übertragen in die Deutsche Sprache von Yahya ibn Rainer]

Buchauszug: Murad Wilfried Hofmann – Der Untergang des Morgenlands war Grund und nicht Resultat der Kolonisierung

«Die meisten Muslime glauben noch immer, ihre heutige materielle Unterentwicklung sei eine Folge der Kolonisierung im Zeitalter des westlichen Imperialismus. Es ist umgekehrt: Die islamische Welt wurde kolonisiert, weil sie wegen ihres Prinzips der blinden Nachfolge und Akzeptanz von Autorität (taqlid) schon zuvor dekadent geworden war.

Es schont natürlich das Selbstbewußtsein, wenn man anderen und anderem eigenes Versagen anlasten kann.

Dies ist ein überall wirksamer psychologischer Entlastungsmechanismus, der mit der häßlichen Wirklichkeit versöhnen hilft. In der muslimischen Welt ist dieses eher harmlose Phänomen jedoch bei manchen in einen Verfolgungswahn mit Verschwörungsphantasien ausgeartet. Von der Kolonisierung angefangen über die heutige wirtschaftlich-soziale Malaise und die politische Lage in den muslimischen Ländern bis hin zur Technik-»Offensive« des westlichen »kulturellen Imperialismus« wird alles und jedes gerne auf westliche Verschwörungen gegen den Islam zurückgeführt.

Die CIA, der Mossad, zionistische Organisationen und Freimaurer und sogar die NATO spielen in der großen conspiracy theory von Muslimen eine erstaunliche Rolle. Man vermutet allen Ernstes, daß es irgendwo einen master plan für die Unterminierung und Zerstörung des Islam gebe, und ordnet alles dafür Dienliche in sein Weltbild ein. Das westliche Versagen während der ersten drei blutigen Jahre des Bosnien-Konflikts, die amerikanische Nibelungentreue gegenüber Israel und die Prominenz jüdischer Mitarbeiter in der Clinton-Administration haben dem Verschwörungsdenken neue Nahrung (und keine schlechten Argumente) gegeben. Dabei wäre es doch viel einfacher zu verstehen, daß Staaten Interessenpolitik betreiben und daß Erfindungen wie die eines Bill Gates die Welt zwangsläufig überfluten: weil eben Spitzentechnologie wie Wasser von oben nach unten fließt.

Diese psychischen Verwerfungen sind im muslimischen Fall nicht harmlos, weil sie die Diagnose des Selbstversagens hemmen und Eigeninitiative lähmen, sich letztlich also fatalistisch auswirken.»

(Murad Wilfried Hofmann. Der Islam im 3. Jahrtausend Eine Religion im Aufbruch, Seite 51-52 )

Buchauszug: Habermann / de Jouvenel – Der Mensch ohne Gott, ohne Vorfahren, ohne Glaubenshaltungen und ohne Bräuche (V)

Es gibt keinen anderen nichtmuslimischen Autor, dessen Werke ich ausgiebiger und mit solcher Hingabe studierte, wie diejenigen des Wissenschaftlers und Philosophen Prof. Bertrand de Jouvenel. Sicherlich könnte ich nun versuchen in Worte zu fassen, was die Faszination für diesen großen Denker ausmacht. Viel besser jedoch als ich, kann dies die Eminenz des klassischen Liberalismus in Deutschland, Prof. Dr. Gerd Habermann, der für seine de Jouvenel-Publikation „Die Ethik der Umverteilung“ (2012) eine umfassende Würdigung de Jouvenels verfasste. Das Folgende ist ein Auszug aus dieser Würdigung:

VIII. Die totalitäre Demokratie

Unter den Voraussetzungen einer faktisch nicht mehr beschränkten Volkssouveränität in der Form des Mehrheitswillens, wird de Jouvenels Bewertung moderner Demokratie als einer „totalitären“ verständlich. Dies gilt auch und gerade für die repräsentative Demokratie, die eher eine Herrschaft über das Volk als des Volkes darstelle und dies umso mehr, als sie sich auf die „Nabelschnur der allgemeinen Wahlen“ berufen könne (1972, S. 315). Parteien und Interessengruppen böten keinen Schutz gegen diese totalitäre Ausweitung. Sie bestimmen nur – im Kampf miteinander – die Richtung, in welche diese voranschreitet.

Der Staat werde zur „permanenten Revolution“ in der Verteilung oder Umverteilung von Rechten und in dem Streben nach einer „bestmöglichen Sozialordnung“. De Jouvenel spricht vom „Vampirismus“ der modernen Staatsgewalt.

Aber liegt nicht in der verfassungsmäßig verbürgten Gewaltenteilung eine Garantie der Freiheit? Nun, bei Montesquieu, auf den moderne Politikwissenschaftler oft ohne nähere Kenntnis seines Werkes beriefen, konnte eine Gewalt die andere in Schranken halten, weil jede der Institutionen das Organ einer in der Gesellschaft existierenden sozialen und politischen Macht war.

In modernen Demokratien beziehen aber zum Beispiel der Präsident (oder die Regierung, Gerd Habermann) und das Parlament dieselbe Art Legitimität durch das Volk, sodass diese nur formelle Gewaltenteilung „lediglich den Disput zwischen zwei Männern (oder Organen, Gerd Habermann) institutionalisiert, die ihre Macht aus derselben Quelle beziehen“ (1972, S. 354).

Dagegen vertrat das englische Oberhaus bis ins 19. Jahrhundert (und die Monarchie im Jahrhundert davor, Gerd Habermann) eine echte soziale Gegenmacht, „teilte“ nicht nur, sondern beschränkte die politische Macht.

Die Verteidigung der spontanen oder „natürlichen“ Rechtsordnung und Moral gegen das Vordringen der „gemachten“ Ordnung des Gesetzgebers sei immer schwächer geworden. Nur noch offene Gewalt motiviere die Bürger zu Widerstand, „während diese Ordnung der stillen und täglichen Unterwanderung gegenüber weder reagiert noch reagieren kann“ (1972, S. 367).

„Der Mensch ohne Gott, ohne Vorfahren, ohne Glaubenshaltungen und ohne Bräuche, der moderne Mensch, ist völlig waffenlos, wenn man ihn auf die Leistungen aufmerksam macht – erreichter Lebensstandard und realisierter Nutzen -, die mithilfe einer Gesetzgebung erreicht wurden, die ein obsoletes Recht nur deshalb verletzt, weil sie ein besseres an ihrer Seite hat“

(1972, S. 367)

So vollzieht sich im Namen der „Souveränität“ nach de Jouvenel die Zerstörung der weltoffenen „Grande Societé“ (1941b, S. 437) – jener „Welt von gestern“ der festgefügten bürgerlich-agrarisch-aristokratischen Ordnungen, als deren wortgewaltiger, aber auch etwas nostalgischer Anwalt de Jouvenel – wie sein Bruder im Geist: Friedrich August von Hayek – erscheint.

Der Nationalismus zerriss das internationale Netz, oligarchische Interessengruppen machten das „Gemeinwohl“ zur Farce, Rechtspositivismus und Volkssouveränität fegten die Herrschaft des Rechts, also den alten liberalen Rechtsstaat hinweg, eine atomistisch missverstandene Marktwirtschaft löste soziale Beziehungen auf und eine ignorante Politikerschicht, „deren Mittelmäßigkeit sie allein schon vor unserem Zorn bewahrt“ (1941a, S. 27) sah diesem Vorgang hilflos, wo nicht fördernd zu. De Jouvenel ist wie Wilhelm Röpke in seiner „Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart“ (1942/1979) ein Analytiker der Auflösung der liberal-marktwirtschaftlichen, bürgerlich geprägten Ordnung zwischen den beiden Kriegen.

Literatur:

Jouvenel, Bertrand de (1941a), La Décomposition de L´Europe Liberale, Paris
Jouvenel, Bertrand de (1941b), Nach der Niederlage, Berlin
Jouvenel, Bertrand de (1972), Über die Staatsgewalt - Die Naturgeschichte ihres Wachstums, Freiburg

Ein musl. Bericht über Geldentwertung & Inflation aus dem 8. Jh. (n. H.)

«Einen recht detaillierten Bericht über Geldentwertung und Inflation finden wir bei al-Maqrizi. Während er darlegt, dass seinerzeit durch eine unbeschränkte Versorgung mit (minderwertigen) Währungsmünzen die Gold- und Silbermünzen verdrängt/ersetzt wurden, weiß er es wie folgt zu begründen:

„Während der Herrschaft von al-Zahir Barquq (784-801 n.H / 1382-1399 n.Chr.), war der Lehrmeister Muhammad bin Ali mit der Aufsicht des königlichen Schatzes betraut. Er war gierig nach Profiten und der Vermehrung von Reichtum.

Eine seiner verachtenswerten Taten bestand darin, dass es (unter seiner Aufsicht) zu einer starken Mengenzunahme von fulus (Kupfermünzen) kam. Er schickte seine Männer nach Europa um Kupfer zu importieren und sicherte sich (das alleinige Recht für) die Prägung, um (diese Münzen) dann gegen (das sich im Umlauf befindliche) Geld zu tauschen.

Unter seiner Verwaltung wurden die fulus in der Kairoer Münzanstalt geprägt. Zusätzlich eröffnete er auch in Alexandria eine Münzanstalt, nur zum Zwecke der fulus-Prägung. Extrem große Mengen an fulus kamen in die Hände der Menschen und diese brachten sie dermaßen weitreichend in Umlauf, dass sie die vorherrschende Währung des Landes wurden. […] Dies führte zu einer Katastrophe, da das Geld unbrauchbar wurde und die Lebensmittel knapp wurden. […]“

(Muhammad Ali al-Maqrizi, Ighathat al-Ummah, übersetzt und editiert von Adel Allouche, publiziert als Mamluk Economics, Salt Lake City, University of Utah Press, 1994, S. 71-72, 77-79)

Eine ähnliche Beschreibung finden wir auch bei seinem Zeitgenossen al-Asadi.

(in: Muhammad bin Muhammad bin Khalil al-Asadi, al-Taysir wa’l-I`tibar wa’l-Tahrir wa’l-Ikhtibar fima Yajibu min Husn al-Tadbir wa’l-Tasarruf wa’l-Ihtikar, editiert von Abd al-Qadir al-Tulaymat, Cairo, Dar al-Fikr al-Arabi, 1967, S.134-135)

[Muhammad bin Khalil al-Asadi lebte im 9. Jahrhundert nach Hijra (15. Jahrhundert n. Chr.). Über sein Leben ist nichts bekannt, außer dass er in Syrien geboren wurde und dort auch starb. Er beendete sein Werk ‘al-Taysir wa’l-I’tibar wa’l-Tahrir wa’l-Ikhtibar fima yajib min Husn al-Tadbir wa’l-Tasarruf wa’l-Ikhtiyar im Jahre 855 nach Hijra. Das Buch wurde 1967 von Abd al-Qadir Tulaymat in Kairo/Ägypten editiert und neu publiziert.]»

(Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Contributions of Muslim Scholars to Economic Thought and Analysis, Seite 76 / übertragen in die deutsche Sprache und editiert von Yahya ibn Rainer)

Buchauszug: Habermann / de Jouvenel – Kleingruppenideal und Großgesellschaft (III)

Es gibt keinen anderen nichtmuslimischen Autor, dessen Werke ich ausgiebiger und mit solcher Hingabe studierte, wie diejenigen des Wissenschaftlers und Philosophen Prof. Bertrand de Jouvenel. Sicherlich könnte ich nun versuchen in Worte zu fassen, was die Faszination für diesen großen Denker ausmacht. Viel besser jedoch als ich, kann dies die Eminenz des klassischen Liberalismus in Deutschland, Prof. Dr. Gerd Habermann, der für seine de Jouvenel-Publikation „Die Ethik der Umverteilung“ (2012) eine umfassende Würdigung de Jouvenels verfasste. Das Folgende ist ein Auszug aus dieser Würdigung:

VI. Kleingruppenideal und Großgesellschaft

Der fortgeschrittene Sozialzustand – die Ausdehnung der sozialen Verknüpfungen über immer weitere Regionen, die immer weitergehende Arbeitsteilung – entlässt, so führt de Jouvenel an anderer Stelle aus, den Menschen immer mehr aus den Bindungen der kleinen Gruppe, der „sozialen Wärme“ der Face-to-face-Beziehungen. Diese Tendenz werde noch durch die Lehren der atomistisch-hedonistischen Mainstream-Ökonomie verstärkt (1941a, S. 180). Die Individuen sähen sich so mehr und mehr „vereinsamt“. Diese moderne Tendenz – wir würden heute von „Individualisierung“ sprechen – war auch eines der Leitthemen von Benjamin Constant und Toqueville.

Nichts anderes habe die kommunistischen und faschistischen Parteien zum Siege geführt als die Möglichkeit, den modernen Menschen aus dieser Vereinsamung wieder hervortreten zu lassen (1941a, S. 184). Der moderne Mensch vermisse die alte Geborgenheit der Kleingemeinschaften der Familie oder des Stammes und dieser Mangel versetze ihn in eine Art Heimweh, die zur Quelle totalitärer Utopien und der Macht kollektivistischer Parteienwerde.

Eine anonyme „Gesellschaft“ könne jedoch nicht Quelle der Geborgenheit werden; gegenseitige Liebe und Gemeinschaftsgeist ließe sich nicht durch Verwaltung organisieren; „die Gesellschaft“ sei nur die Summe aller unserer Beziehungen „nach Abzug derjenigen, die uns erfreuen“ (1963, S. 167).

Gewiss bleibe die kleinere Gemeinschaft, als der ursprünglichen Heimat des Menschen, für ihn wünschenswert und unentbehrlich. Aber jeder Versuch einer Großgesellschaft einen analogen Handlungs- und Gefühlsrahmen aufzuzwingen, führe unweigerlich in die Tyrannei – stelle sie sich nun in Form einer fiktiven „Großfamilie“ wie beim sentimentalen Sozialismus (Ideal der „City of brotherly love“, 1990, S. 11) oder in Form einer kollektivistischen Arbeitsgemeinschaft wie im positivistischen Sozialismus dar (1963, S. 86). „Primitivismus“ dieser Art sei die „Todeskrankheit“ aller entfalteten Zivilisationen. […]

Dies kann für de Jouvenel nicht bedeuten, dass die kleine Gemeinschaft antiquiert sei – im Gegenteil: nur auf den Verhaltungsregeln und Orientierungen, die in den ursprünglichen kleinen Gemeinschaften vermittelt werden, lässt sich das größere Sozialgebäude aufbauen. Auf den noch intakten Gemeinschaftsgeist der Deutschen führte er (1941a, S. 204-216) die militärische Überlegenheit Deutschlands gegenüber dem „atomisierten“ Frankreich zurück.

Literatur:

Jouvenel, Bertrand de (1941a), La Décomposition de L´Europe Liberale, Paris
Jouvenel, Bertrand de (1963), Über Souveränität, Neuwied
Gray, John (1990), Einführung zu de Jouvenel, S. XI bis XVIII.
Habermann, Gerd (1994), Der Wohlfahrtsstaat. Die Geschichte eines Irrwegs, Berlin

Buchauszug: Habermann / de Jouvenel – Über Pflicht, Schuld und Gesellschaftsvertrag (II)

Es gibt keinen anderen nichtmuslimischen Autor, dessen Werke ich ausgiebiger und mit solcher Hingabe studierte, wie diejenigen des Wissenschaftlers und Philosophen Prof. Bertrand de Jouvenel. Sicherlich könnte ich nun versuchen in Worte zu fassen, was die Faszination für diesen großen Denker ausmacht. Viel besser jedoch als ich, kann dies die Eminenz des klassischen Liberalismus in Deutschland, Prof. Dr. Gerd Habermann, der für seine de Jouvenel-Publikation „Die Ethik der Umverteilung“ (2012) eine umfassende Würdigung de Jouvenels verfasste. Das Folgende ist ein Auszug aus dieser Würdigung:

IV. Gegen die Metaphysik des sozialen Rationalismus

[…] Es sei eine Torheit unserer Zeit, dem Individuum eher die Forderung vor Augen zu führen, die es gegen die Gesellschaft besitze, als die Schuld, in der es ihr gegenüberstehe. Der bewusste Mensch erkennt sich als Schuldner und seine Handlungen werden ihm von einem tiefen Gefühl der Verpflichtung eingegeben (1963, S. 303). Der Mensch sei nur frei, insoweit er selber Richter über seine Verpflichtungen ist und sich selber zwinge, sie einzuhalten.

«Man ist frei, wenn man sponte sua handelt, in Vollziehung eines in foro interno erlassenen Befehls.»

(ebenda)

Von diesen Überlegungen her kommt de Jouvenel zur Kritik an rationalistischen Theorien vom „Gesellschaftsvertrag“. Diese Theorien verkörpern nach de Jouvenels Ansicht die Meinungen kinderloser Männer, die offenbar ihre eigenen Kindheit vergessen hätten. Ein Gemeinwesen werde nicht wie ein Club gegründet.

«Man kann fragen, wie sich die verwegenen, umherziehenden Erwachsenen dieser Theorie die Vorteile einer zukünftigen Solidarität vorstellen könnten, wenn sie nicht die Wohltaten einer wirklichen Solidarität während ihrer Jugend erfahren hätten, oder wie sie sich durch den bloßen Austausch von Versprechen verpflichtet fühlen könnten, wenn die Existenz der Gruppe nicht in ihnen den Begriff der Verpflichtung geschaffen hätten.»

(1967, S. 65/66)

Der Mensch werde als Abhängiger geboren und handle in einer schon struktuierten Umgebung – diese Sätze besitzen für de Jouvenel die Kraft und den Wert von Axiomen (1967, S. 67)

Der individualistische Freiheitsbegriff im Sinne der Hobbes oder Descartes führe zu einer Störung der sozialen Ordnung: Das Individuum befinde sich unter der Annahme dieser Theorie in einer künstlichen Opposition gegen alles, was ihn erst zum Sozialwesen bändige. Der soziale Rationalismus und „falsche Individualismus“ – um mit von Hayek (1976) zu sprechen – zerstöre die soziale Kohäsion und entfessele den Staat.

Man könne, so meint de Jouvenel, die totalitären Regime nicht verurteilen, ohne mit ihnen auch die „destruktive Metaphysik“ zu verurteilen, die ihr unausweichliches Erscheinen möglich gemacht habe:

«Sie wollen in der Geschichte nur den Staat und das Individuum sehen. Sie verkannte die Rolle moralischer Autoritäten und aller jener intermediären gesellschaftlichen Mächte, die den Menschen einrahmen, beschützen und lenken. Sie hat nicht vorausgesehen, dass die Zerstörung dieser Hindernisse und Bollwerke die Regellosigkeit egoistischer Interessen und blinder Leidenschaften verursachen würde, die eine unheilvolle Tyrannei unvermeidlich erscheinen lassen.»

(1972, S. 447)

An genau diese Überlegungen knüpfen auch die sozialen Integrationslehren von Alexander Rüstow oder Wilhelm Röpke an (vgl. Habermann, 1994, besonders S. 390).

Literatur:

Jouvenel, Bertrand de (1963), Über Souveränität, Neuwied
Jouvenel, Bertrand de (1967), Reine Theorie der Politik, Neuwied
Jouvenel, Bertrand de (1972), Über die Staatsgewalt - Die Naturgeschichte ihres Wachstums, Freiburg
Hayek, Friedrich August von (1976), Individualismus und wirtschaftliche Ordnung, 2. Aufl., Salzburg
Habermann, Gerd (1994), Der Wohlfahrtsstaat. Die Geschichte eines Irrwegs, Berlin

Buchauszug: Habermann / de Jouvenel – Eine zivilisierte freie Ordnung

Es gibt keinen anderen nichtmuslimischen Autor, dessen Werke ich ausgiebiger und mit solcher Hingabe studierte, wie diejenigen des Wissenschaftlers und Philosophen Prof. Bertrand de Jouvenel. Sicherlich könnte ich nun versuchen in Worte zu fassen, was die Faszination für diesen großen Denker ausmacht. Viel besser jedoch als ich, kann dies die Eminenz des klassischen Liberalismus in Deutschland, Prof. Dr. Gerd Habermann, der für seine de Jouvenel-Publikation „Die Ethik der Umverteilung“ (2012) eine umfassende Würdigung de Jouvenels verfasste. Das Folgende ist ein Auszug aus dieser Würdigung:

III. La Passion de l’ordre

De Jouvenel ist in erster Linie Ordnungstheoretiker und –politiker. Sein Denken kreist um die Frage, was die Gesellschaft „im innersten zusammenhält“. Für ihn ruht die innere Kohärenz einer Gesellschaft letztendlich darauf, dass „jeder nicht in den Bereich des anderen eindringt …, die geschworene Treue hält …, mit Gegenseitigkeit handelt („Do, ut des“, ausgleichende Gerechtigkeit) und sich ganz allgemein so verhält, wie die anderen es von ihm erwarten“ (de Jouvenel, 1963, S. 72/73). Je mehr die Menschen durch arbeitsteiligen Tausch voneinander abhängig werden, desto unerlässlicher ist für sie diese berechenbare Regelmäßigkeit des Verhaltens ihrer Tauschpartner.

„Der gesamte Tagesablauf eines Kulturmenschen beruht darauf, dass die anderen auf ihrem Posten in der Gesellschaft stehen“

(de Jouvenel, 1963, S. 74, vgl. auch 1967b).

Was ist es nun, was die „soziale Kohärenz“, den sozialen Kitt und Zusammenhalt einer Gesellschaft bildet? Es sind Regelmäßigkeiten des Handelns aufgrund gemeinsamer Verfahrens-, Handlungs- und Denkweisen im Sinne des comme il faut (de Jouvenel, 1971, S. 253), also Sitten, Bräuche. Glaubenshaltungen, moralische Regeln, Vorbilder und allgemein anerkannte Autoritäten. Nur in ihrem Rahmen kann das „soziale Wunder“, die korrekte Berechnung einer  großen Anzahl freiwilliger Handlungen bestehen – nur so ist eine „spontane“ Koordination möglich, auch und gerade in einer komplexen Gesellschaft.

Ebenso beruht der wissenschaftliche Fortschritt nach de Jouvenel darauf, dass im Rahmen der Arbeitsteilung der eine Spezialist auf die Autorität und Gewissenhaftigkeit des anderen vertrauen darf. Er kann nicht alles selber nachprüfen (de Jouvenel, 1967, S. 119).

Ohne die Erwartung einer berechenbaren Umwelt und zwar der natürlichen wie der sozialen sei menschliche Existenz schlechterdings nicht möglich (vgl. besonders 1967b). De Jouvenel wählt ein Beispiel: Wenn alle Straßen von Paris allwöchentlich ihren Namen änderten, würden alle wahnsinnig (1963, S. 74). Interessen, Wertschätzungen und damit auch die Preise im Tauschverkehr bewegen sich innerhalb dieses Rahmens.

Diese nicht „gemachte“ Ordnung ist aller Politik vorgegeben, eine Art „natürliches“ Recht vor allem positiv-gesetzem Recht, nicht als von einem einzelnen ausgedachtes Regelsystem, sondern als spontanes Ergebnis individuellen Zusammenhandelns und individueller Erfahrungen. Es ist jene Art spontanen Naturrechts, das frühere Herrscher vorfanden und nur zu bewahren und auszulegen, aber niemals konstruktivistisch zu „machen“ suchten (vgl. besonders die Betrachtungen über Rex und Dux in: de Jouvenel, 1963, S. 52-57).

„Es ist nicht so, dass die gesamte Gesellschaftsordnung von der Staatsgewalt allein gewährleistet wird. Glaubenshaltungen und Sitten machen ihren besten Teil aus. Und weder die einen noch die anderen dürfen ständig neu infrage gestellt werden, vielmehr ist ihre relative Stabilität eine für das Wohl notwendige Voraussetzung. Die erforderliche Kohäsion in der Gesellschaft kann nicht allein durch die Staatsgewalt geschaffen werden. Vielmehr bedarf der Staat einer fundamentalen Übereinstimmung der Gesellschaft, wie sie in einer unbestrittenen Moral zum Ausdruck kommt und ein unverletzliches Recht stützt. All das muss außerhalb der Reichweite der Staatsgewalt liegen. Sobald sich diese emotionale Übereinstimmung auflöst, sobald das Recht gesetzgeberischer Willkür überlassen ist, kann und muss die Staatsgewalt sich ausdehnen, um durch kontinuierliche und generelle Intervention den gestörten Zusammenhalt wiederherzustellen“

(de Jouvenel, 1972, S. 365)

Von dieser Analyse zur Hayek’schen wissenschaftlich begründeten Kritik des Konstruktivismus ist es nur ein kleiner Schritt, denn in der politischen Ordnung vorgelagerten „sozialen“ Ordnung ist ein Wissen gespeichert, das kein zentraler Planer wissen kann und das zwar Ergebnis individuellen Tuns, aber nicht Ergebnis eines individuellen Entwurfs ist.

Literatur:

Jouvenel, Bertrand de (1963), Über Souveränität, Neuwied
Jouvenel, Bertrand de (1967), Reine Theorie der Politik, Neuwied
Jouvenel, Bertrand de (1967b), Die Kunst der Vorausschau, Neuwied
Jouvenel, Bertrand de (1971), Jenseits der Leistungsgesellschaft, Elemente sozialer Vorausschau und Planung, Freiburg
Jouvenel, Bertrand de (1972), Über die Staatsgewalt - Die Naturgeschichte ihres Wachstums, Freiburg

#Erdogan #Todesstrafe #Aufklärung #Abendland

von Yahya ibn Rainer

Da sich momentan viele aufgeklärte Europäer (und mit der Aufklärung infizierte Orientale) über die Ankündigung Erdogans erregen, er wolle ggf. die Todesstrafe wieder einführen, möchte ich zum Thema gern einmal einen Vordenker der abendländischen Aufklärung zu Wort kommen lassen:

locke

*John Locke war ein einflussreicher englischer Philosoph und Vordenker der Aufklärung. Locke gilt allgemein als Vater des Liberalismus und als einer der bedeutendsten Vertragstheoretiker im frühen Zeitalter der Aufklärung.

«Unter politischer Gewalt also verstehe ich ein Recht, Gesetze zu geben mit Todesstrafe und folglich allen geringeren Strafen, zur Regelung und Erhaltung des Eigentums, und die Macht der Gemeinschaft zu gebrauchen, um diese Gesetze zu vollziehen und das Gemeinwesen gegen Schädigung von außen zu schützen, und alles dies allein für das öffentliche Wohl.»

(*John Locke, Zweite Abhandlung über die Regierung, 1. Kapitel, Punkt 3)

+++ +++ +++

«Der Mensch wird, wie nachgewiesen worden ist, mit einem Rechtsanspruch auf vollkommene Freiheit und unbeschränkten Genuß aller Rechte und Privilegien des Naturrechts, in gleichem Verhältnis wie jeder andere Mensch oder eine Menge von Menschen geboren.

Dadurch hat er von Natur eine Gewalt, nicht allein sein Eigentum, d. h. Leben, Freiheit und Besitz gegen die Schädigungen und Angriffe anderer zu schützen, sondern auch über jede Verletzung dieses Rechtes durch andere zu richten und sie so zu bestrafen, wie es nach seiner Überzeugung das Vergehen verdient, sogar mit dem Tod, wenn es sich um Verbrechen handelt, deren Abscheulichkeit nach seiner Meinung die Todesstrafe erfordert.»

(*John Locke, Zweite Abhandlung über die Regierung, 7. Kapitel, Punkt 87)