Schlagwort-Archive: Sufismus

Kurz gesagt: #Islam und #Aufklärung

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der große deutsche Geschichtsphilosoph und Kulturhistoriker Oswald Spengler (gest. 1936) in seinem opus magnum „Der Untergang des Abendlandes – Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte“ (1918) die Sendung des Gesandten Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – („622“ n. chr. Zeitr.) in den geistesgeschichtlichen „Sommer“ der „arabischen Kultur seit Chr.“ einordnete.

Die darauf folgende geistesgeschichtliche Epoche des „Herbstes“ beginnt mit der Aufklärung. Hier verortet Spengler die arabisch-muslimische Kultur bereits etwa 200 Jahre später, und zwar parallel mit dem Auftreten der „Mutazilisten“ und des „Sufismus“, sowie der Gelehrten an-Nazzâm und Alkindi.

Die abendländische Aufklärung hingegen findet laut Spengler erst mit dem Auftreten von Locke (gest. 1704), Voltaire (gest. 1778) und Rousseau (gest. 1778) statt.

Letztendlich bedeutet dies, dass die muslimische Aufklärung bereits 200 Jahre nach der Sendung des „Religionsstifters“ ihren Beginn nahm, während die christlich-abendländische Aufklärung nach der Sendung ihres „Religionsstifters“ über 1700 Jahre dafür brauchte.

Ibn Khaldun über schiitische Einflüsse im späten Sufismus

«Die frühen Sufis kümmerten sich nicht um solcherei Ideen (z.B. über den Mahdi). Alles was sie diskutierten, waren ihre mystischen Aktivitäten und Anstrengungen und die daraus resultierenden ekstatischen Erfahrungen und Zustände. Es waren (zuerst) die Imamiten und die anderen extremen Schiiten, die den bevorzugten Status Alis diskutierten, die Sache seines Imamats, die Behauptung, dass er das Imamat durch den letzten Willen (des Propheten) empfangen haben soll, und die Ablehnung der beiden Sheikhs (Abu Bakr und Umar), wie wir im Zusammenhang mit der schiitischen Dogmatik bereits erwähnt haben. Danach entstand unter ihnen das Dogma des unfehlbaren Imams. Vieles wurde über diese Dogmatik (der Schiiten) bereits geschrieben.

Dann erschienen die ismailitischen Schiiten. Sie lehrten die Göttlichkeit des Imams durch Inkarnation. Andere behaupteten, dass die (toten) Imame entweder durch Metempsychose (Reinkarnation/Seelenwanderung) oder (in ihrer wahren Form) zurückkehren. Wieder andere erwarteten das Kommen von Imamen, die ihnen durch den Tod wieder entrissen würden. Andere erwarteten schließlich, dass die Familie von Muhammad an die Macht zurückkehren würde. Dies haben sie aus bereits erwähnten Überlieferungen über den Mahdi abgeleitet, und aus anderen Überlieferungen.

Unter den späteren Sufis wurde auch über kashf (die Beseitigung des Schleiers) diskutiert und über die Dinge, die hinter dem Schleier der sinnlichen Wahrnehmung verborgen sind. Sehr viele Sufis begannen über Inkarnation und die Einheit (allen Seins mit Allah) zu sprechen. Dies führte zu einigen Übereinstimmungen mit den Imamiten und den anderen extremen Schiiten, welche an die Göttlichkeit der Imame und an die Inkarnation der Göttlichkeit in ihnen glaubten. Die Sufis begannen fortan auch an einen „Pol“ (qutb) und spezielle „Heilige“ (abdal) zu glauben. Dieser (Glaube) wirkte geradezu wie eine Nachahmung der Meinung der extremen Schiiten über ihren Imam und die alidischen Führer (an-Nugabd‚ / sing, nagib = edel).

Auf diese Weise wurden die Sufis mit schiitischen Theorien geradezu gesättigt. (Schiitische) Theorien drangen so tief in ihre religiösen Vorstellungen ein, dass sie ihre Praxis – einen Umhang (khirgah) zu benutzen – auf die (angebliche) Tatsache fußen ließen, dass Ali selbst (den Tabi’i) al-Hasan al-Basri in solch einen Umhang kleidete, und ihn veranlasste feierlich zu erklären, dass er sich dem mystischen Pfad verpflichten würden. (Diese von Ali eingeführte Tradition) wurde, so berichten diese Sufis, durch al-Junayd, einem Sufi-Sheikh, fortgeführt.

Wie auch immer, es ist nicht authentisch überliefert, dass Ali so etwas jemals getan hat. Der (mystische) Pfad war nicht allein Ali vorbehalten, sondern alle Männer die Muhammad (direkt) umgaben (und begleiteten) waren Vorbilder der (verschiedenen) Pfade der Religion. Die Tatsache, dass (diese Sufis den Vorrang der Mystik) auf Ali beschränken, klingt sehr stark nach pro-schiitischen Meinungen. Diese und andere (u.a. oben) erwähnte Sufi-Ideen zeigen, dass diese Sufis pro-schiitische Sentimentalitäten angenommen haben und sich in sie verstrickt haben.»

[Aus der englischsprachigen (Rosenthal-)Übersetzung der Muqaddima, übertragen in die Deutsche Sprache von Yahya ibn Rainer]

Zitat: Muhyi d-Din Ibn Arabi – Der Mahdi wird nach der durch das Ra’y ungetrübten Religion urteilen

Interessant, was der Mystiker Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī in seinem Werk Al-futuhat al-makkiyya über die Rechtsschule des Mahdis schrieb.

«Er wird nach der durch das Ra’y ungetrübten Religion urteilen, und somit im größten Teil seiner Urteile den etablierten Meinungen der Gelehrten widersprechen. […] Die Worte des Hadith

„Der Mahdi folgt meiner Spur, so dass er nicht irrt“,

beweisen, dass er der Sunnah folgen und nichts unüberliefertes tun wird […] und dass ihm die Anwendung der Analogie untersagt ist, […] so wie nach der Ansicht mancher Gelehrten die Anwendung der Analogie überhaupt allen Gläubigen verboten ist»

(Zitiert aus dem Buch Die Zahiriten – Ihr Lehrsystem Und Ihre Geschichte von Ignaz Goldziher)

Die zeitgenössischen Verteidiger des Tasawwuf im Internet

von Yahya ibn Rainer

Viele zeitgenössische Verteidiger des Tasawwuf (die wir fälschlicherweise bisher immer als „Sufis“ bezeichneten), nehmen mehr und mehr die Unsitten unerzogener „Jungsalafisten“ an, die sie eigentlich vorgeben, wegen eben dieser Unsitten und schlechten Charakterzüge, abzulehnen.

Die sozialen Netzwerke sind voll mit Muslimen, die mit ihren Turban-Profilbildern und Sufi-Sheikh-Zitaten den Eindruck erwecken, sie wären auf dem Weg des Tasawwuf, der ihre Herzen reinigt, ihr Nafs bändigt und ihre Zungen zügelt.

Was ich aber häufig an Beiträgen und Kommentaren lese, ist nichts anderes, als das Spiegelbild eines unerzogenen „Jungsalafisten“ im Sufigewandt. Ein Spiegelbild, welches sich in Beleidigungen und Schmähungen ebenso ergeht, wie in Belustigungen und Provokationen.

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Sind Selbstmordattentate bzw. Märtyrer-Operationen ein Resultat der „salafistischen Ideologie“?

von Yahya ibn Rainer

Anschließend an meinen gestrigen Beitrag zum „Salafismus“-Schreireflex unter manchen Sufis, Asch’aris und Maturidis, wenn auf dieser Welt Terroranschläge und Gewaltexzesse stattfinden, möchte ich noch auf einen weiteren Umstand hinweisen.

Märtyrer-Operationen bzw. Selbstmordattentate werden von diversen muslimischen Gruppen befürwortet und durchgeführt. Leider wird jedoch häufig der Eindruck erweckt, als würde es sich hierbei um eine Form der Kriegsführung handeln, die speziell von „Salafisten“ mit Zustimmung belobigt wird.

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Sind Terror und Gewalt ein Resultat der „salafistischen Ideologie“?

von Yahya ibn Rainer

Wenn der IS irgendwo medienwirksam seine Gegner enthauptet oder Al-Qaida in Paris Cartoonisten hinrichtet, dann sind sie alle fleißig dabei es dem sogenannten „Salafismus“ in die Schuhe zu schieben. Diese „Ideologie“ sei ja so gefährlich und vom Wesen her bereits gewaltaffin.

Wenn aber Palästinenser in al-Quds (Jerusalem) und Tall Abīb Yāfā (Tel Aviv) wahl- und zahllos jüdische Polizisten und Zivilisten messern, dann ist das Schweigen groß.

Liegt es vielleicht daran, dass Palästinenser, besonders solche bei Fatah und Hamas, Schafiiten und Hanafiten sind, die der Asch’ari- bzw. Maturidi-Glaubensschule zuneigen?

Genauso ist es bei den Qassam-Brigaden der Hamas, die sich nach dem hanefitischen Sufi Izz ad-Din al-Qassam benannt haben, der als Sheikh in einer Madrassa des Qadariyya-Ordens den mystische Weg der Sufi-Tariqa lehrte. Wenn diese Qassam-Brigaden bei ihren Märtyrer-Operationen Zivilisten mit in den Tod rissen, dann war es still im Milieu der Hippie-Sufis und Heuchel-Hanefiten, kein Ton von der Gewalt aus den eigenen Reihen.

Und die Taliban? Wer hätte es gedacht? Keine „Salafisten“, sondern Hanefiten und Maturidis sinds. Die Führungsriegen der Taliban stehen in der Lehrtradition der Deobandi-Schulen, welche bekannt sind für ihre hanefitische Lehre und den gelebten und gelehrten Sufismus. Die Taliban haben übrigens schon Köpfe abgeschnitten, da haben die meisten heutigen IS-Kämpfer noch als Speisequark im Schaufenster gestanden.

Aber auch hier … Stille.

H. H. Frank über den Sufismus (7. Teil)

„Diese wirtschaftlichen Fragen sind bereits international geworden, d. h. derselbe Zustand, dessen Bestehen in Europa zur Zeit weder geleugnet, noch durch die Staatsreligion geändert werden kann, erfährt eine Ausdehnung über den Erdball, weil die Kulturmittel, um sich wirtschaftlich halten zu können, vom ganzen Erdball getragen werden müssen.

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H. H. Frank über den Sufismus (6. Teil)

Nach längerer Zeit setze ich nun die Abschrift aus dem Buch «Das Abendland und das Morgenland – Eine Zwischenreichbetrachtung» von Herman Heinrich Frank fort, dass 1901 im Leipziger Hermann Seeman Nachfolger Verlag publiziert wurde.
Eine Linkliste mit allen bisher verschriftlichten Teilen der Abschrift findet ihr oben im Menü unter «Beitragsserien».

„Also sehen wir, daß die Sufi trotz größter Verschiedenheiten in der äußeren Form ihrer Lehre, innerlich eigentlich die Gebildeten im Orient sind. Indes hat natürlich das ausführlich geschilderte orientalische Wesen, hauptsächlich deswegen weil staatlich, wirtschaftlich, klimatisch der Orient seine besondere Form hat, der Sache ebenfalls ihre besondere Form gegeben, die selbstverständlich auf das Abendland nicht ohne weiteres anwendbar ist.

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Als Salafit zu Gast bei einem Sufi-Sheikh (Teil 3)

von Yahya ibn Rainer

Der Sohbet-Raum der Mevlevi-Tekke war ein sehr gemütlich eingerichtetes großes Zimmer, mit vielen orientalischen Sitzkissen, einigen europäischen Sitzmöbeln und reichhaltigem Wandschmuck. Die meisten Wandbilder zeigten arabische Kalligraphien und in der Sitzecke, wo der Sheikh mit Jamal saß, hangen und lehnten zahlreiche Zupfinstrumente.

„Wie Ihr seht,  beschäftigen Wir uns hier auch mit Verbotenem, der Musik.“ sagte Sheikh Abdullah Halis zu mir, als ich mich gerade in der europäischen Sitzecke niederließ. Ich hatte bei diesem Satz eine gewisse Häme in seiner Stimme erwartet, denn er meinte eindeutig mich und wollte mit dem Satz wohl zum Ausdruck bringen, dass er nun wüsste wer ich sei, und ein Salafist hält nun einmal strikt am muslimischen Muszierverbot fest.

Aber er sagte es scheinbar ganz ohne Nebengedanken und ohne besondere Mimik, er meinte es anscheinend ernst. Er verzichtete auch darauf sich eines der zahlreichen Instrumente zu nehmen und die illustre Runde zu beschallen. Es folgten weitere Anekdoten, ein paar Witze und die Übersetzung bzw. Erläuterung einiger Kalligraphien, von denen die eine oder andere wohl schon recht alt war.

Nun ließen sich auch die beiden sufischen Hausdamen des Öfteren blicken. Sie kamen rein, gingen durch oder fragten kurz etwas. Dabei fiel mir auf, dass sie nie das Zimmer vorwärts wieder verließen, sondern immer rückwärts, vorgebeugt und mit der rechten Hand auf dem Herzen. Ob diese Geste dem Sheikh galt, uns – den Gästen – oder Teil einer speziellen osmanischen oder sufischen Tradition waren, das fragte ich leider nicht, aber es wirkte ungewohnt, ebenfalls wie die Ansprache mit „Ihr“.

Das Essen war scheinbar fast fertig und man erkundigte sich, wie viele Gäste denn zum Speisen bleiben würden. Der Amerikaner war anscheinend sowieso schon eingerechnet, dazu noch eine syrische Flüchtlingsfamilie – ein Mann mit seiner Frau und 3 kleinen Kindern – die Unterkunft in einer Gästewohnung der Tekke gefunden hatten. Auch Jamal und ich hatten uns entschieden, entgegen unseren vorherigen Planungen, der freundlichen Einladung des Sheikhs zu folgen und ihm an seiner Tafel Gesellschaft zu leisten. Zuvor jedoch trat die Gebetszeit ein.

Der Sheikh stand kurz auf und rief eine seiner Hausdamen herbei. Ich befürchtete schon, dass wir nun einen Frauen-Adhan zu hören bekommen sollten, aber stattdessen ging sie wieder von dannen und einige Sekunden später hörte man ein leises Knistern und Knacksen. Hier, in der Mevlevi-Tekke, wurde der Adhan nicht selbst ausgerufen, sondern von einem Tonband abgespielt. Es sei eine schon recht alte Aufnahme aus Syrien, extra von einem Meister des Gebetsrufes für diese Tariqat in den 60er Jahren aufgenommen und abgeschlossen mit einer ganz besonderen Dua von einem ganz besonderen Sufi-Sheikh.

Nach der Beendigung des Gebetsrufes verließ uns der Sheikh kurz, um sich für das Gebet zu waschen und neu zu kleiden und beim Verlassen des Zimmers machte er es den Sufi-Schwestern gleich, indem er den Türrahmen rückwärts durchschritt, sich dabei in unsere Richtung vorbeugte und dabei seine rechte Hand aufs Herz legte.

„Du hast ihm von Pierre Vogel erzählt!“ sagte Jamal zugleich in meine Richtung, „Das hat er mir sofort erzählt. Jetzt weiß er Bescheid!“. Das sollte mir recht sein.

Als Sheikh Abdullah Halis wieder kam und wir gemeinsam die Musalla betraten, die ich zuvor bereits mit dem Amerikaner besichtigt hatte, da stach mir wieder die hintere rechte Ecke des Raumes ins Auge. Der Musikwissenschaftler konnte zwar recht gut deutsch sprechen, aber was dieses kastenförmige Gebilde – mit zwei Türen darin – zu bedeuten hatte und wieso wir bei der ersten Besichtigung der Musalla ruhig sein sollten, das konnte mir der junge Mann nicht so recht erläutern. Nun aber, als wir für das Gebet ein zweites Mal die Musalla betraten, kam mir aus der Richtung dieses Kastens, der etwa die Ausmaße einer winzigen Sauna hatte und komplett mit Holz verkleidet war, ein lautes und monotones Singsang entgegen.

Es saß anscheinend jemand in diesem Kasten und machte lautstark Dhikr. „Allah-Allah-Allah-Allah-Allah-Allah-Allah-…“ hörte ich über lange Zeit hinweg, auch während wir unsere Sunnah-Gebete verrichteten. Es irritierte ein wenig, aber zum Pflichtgebet – dachte ich – wird er wohl aus seinem Kasten raus kommen und mit uns beten.

Pustekuchen. Als wir mit den Sunnah-Gebeten fertig waren, wurde die Iqama gesprochen und wir reihten uns ein zum Dhuhr-Gebet, den Mann in der Box jedoch juckte das recht wenig. Während wir also das Gebet in der Gemeinschaft verrichteten, rief er mit Inbrunst weiterhin seine Litaneien aus. Manchmal glaubte ich mir bekannte Worte zu verstehen, aber meistens hörte ich nur einsilbige Laute (u.a. HuHuHu u.ä.)

Hinten links in der Musalla standen 2 grüne Särge, die waren mir erst nach dem Gebet aufgefallen, als ich nach der Beendigung der Gebetseinheiten ein wenig Distanz zwischen mich und die anderen brachte, da sie mir unbekannte Riten und Formeln an das Pflichtgebet anschlossen. Diese offensichtliche Nichtteilnahme wurde zwar wahrgenommen, aber anscheinend nicht als Affront aufgefasst. Die Särge irritierten mich jedoch und ich nahm mir vor Jamal darauf anzusprechen, ebenso wie auf den Mann in der Box.

Nun waren auch die anderen fertig und wir erhoben uns um gemeinsam in den Speisesaal zu gehen, der Mann aus der Box jedoch kam nicht mit.

Die Särge, so versicherte mir Jamal, waren leer. Sie dienten ausschließlich dazu, an die verstorbenen Großsheikhs der Tariqat zu erinnern. Und der Mann in der Box unterzog sich einer ganz speziellen Sufi-Therapie. Es gehört wohl zur Praxis dieser Tariqat, dass sich der Schüler des Sheikh für 18 Tage in diese Box zurückzieht. Während dieser Zeit fastet er und beschäftigt sich ausschließlich mit gottesdienstlichen Handlungen, von denen die meisten – wie z.B. dieses Dhikr – vorgegeben sind. Niemand darf in dieser Zeit zu ihm in die Box kommen, er darf die Box nicht verlassen und man darf auch nicht auf irgendeine Weise kommunizieren.

Am Essenstisch dann gab es zwei große Überraschungen, eine gute und eine böse. Die gute: Es gab traumhaft leckeres syrisches Essen. Die beiden Schwestern hatten anscheinend unter der Anleitung der syrischen Flüchtlingsfrau ein mehr als reichhaltiges Mahl gezaubert und uns dann zu Tische kredenzt. Die böse Überraschung: Frauen und Männer haben zusammen gespeist. Männer auf der einen Seite und die Frauen genau gegenüber auf der anderen Seite des Tisches. Das war ich schon lange nicht mehr gewohnt. Ich konnte praktisch nirgends hinschauen, außer auf meinen Teller oder nach ganz rechts oder links. Man unterhielt sich ungeniert, schaute und lächelte sich gegenseitig an und ich fühlte mich wirklich sehr unwohl.

Nun hatte ich, weil der Sheikh sowieso schon so ein großes Mitteilungsbedürfnis hatte, nur selten die Möglichkeit das Wort zu ergreifen, und dann setzte man noch zwei mir völlig fremde Frauen ähnlichen Alters mit an den Tisch, was mich letztendlich komplett zum Schweigen brachte.

Dafür kam Jamal zu Wort und er brachte Pierre Vogel wieder in Gespräch. Ob man ihn nicht einmal in die Tekke einladen wolle. Man könnte mit ihm diskutieren, ihn auf einige bestimmte Themen ansprechen. Der Sheikh war ob dieser Idee doch ein wenig aus der Fassung. „Wir haben mit der Person Pierre Vogel ein kleines Problem“, sagte der Sheikh nur kurz und knapp, führte den Gedanken aber nicht weiter aus. Auch die beiden Damen fanden die Idee anscheinend gut. Man könne ihn ja dieses oder jenes fragen oder ihm die Chance geben einiges richtig zu stellen. Doch diese Vorstellung war dem Hausherrn anscheinend nicht ganz geheuer. Das Thema wurde totgeschwiegen.

Als dann alle emsig ihr Tellerchen gelehrt hatten und nichts mehr nachlegen wollten, da kam es zur nächsten sonderbaren Praxis dieses Ordens, es gab eine Art Tischgebet. Alle Tischgäste – außer dem pösen Salafisten – ballten nun, gemeinsam mit dem Tischherrn, ihre beiden Fäuste und drückten die Vorderseiten selbiger mit der Handfläche nach unten zeigend gegen die Tischkante, senkten den Kopf und sprachen im Chor irgendetwas, was sich nach einer Dua und anschließendem HuHuHuHaHa (oder so ähnlich) anhörte. Nun musste ich ein wenig schmunzeln und auch die syrischen Gäste, die das Ritual anscheinend kannten, schauten nach dem Vollzug ein wenig verschmitzt zu Boden.

Solcherlei Besonderheiten kamen etwas häufiger vor und jedes Mal nahm ich an diesen Ritualen bewusst nicht teil. Vor allem, weil ich die Rituale gar nicht kenne, aber als Salafit natürlich auch, weil ich auf die Schnelle nicht beurteilen konnte, ob es sich bei den Handlungen ggf. um Neuerungen in der Religion handelte. Ich bin weiß Gott kein Pedant in dieserlei Hinsicht und ich schelte gewiss nicht jede Handlung sofort als Bi’da, nur weil ich sie nicht kenne. Doch Vorsicht ist geboten und wenn es einen Grund gibt um den Sufismus zu tadeln, dann ist es das teils häufige Auftreten von Neuerungen, die sich in den letzten Jahrhunderten speziell im Tasawwuf herausgebildet haben.

Ich bin aber ebenfalls der festen Ansicht, dass die negative Klassifizierung einer Handlung mitunter auch vorschnell geschieht, besonders wenn die Handlung von Sufis ausgeht und die Klassifizierung von einem zeitgenössischen Salafi getätigt wird. Sicherlich finden wir hier Übertreibung auf beiden Seiten, ebenso wie ich auf beiden Seiten im Grundsatz auch eine gute Absicht unterstelle.

Ich hatte, als ich meinen Besuch in der Mevlevi-Tekke plante, mir zwei Szenarien ausgemalt: Ein Worst-Case-Szenario, in dem mich der Sheikh mit Zeter und Mordio und im hohen Bogen von seinem Hofe werfen und mir noch Flüche gegen mich und meine Glaubensgenossen nachrufen  würde. Und ein Best-Case-Szenario, in dem mich der Sheikh tief beeindrucken und meine kritische Haltung gegenüber dem zeitgenössischen Sufismus korrigieren würde.

Beides ist nicht eingetreten. Der Sheikh war sicherlich freundlich, gebildet und lebenserfahren, aber er zeugte in meiner Gegenwart nicht von einer speziellen Güte, die ihn als Meister und Lehrer einer wie auch immer gearteten Askese oder charakterlichen Vorbildlichkeit ausgezeichnet hätte. Wäre mir sein Titel – als Sufi-Sheikh mit besonderen Lehrbefugnissen – im voraus nicht bekannt gewesen, hätte ich ihn als einen ganz normalen deutschen Muslimbruder erlebt, wie Jamal und viele andere Muslimkonvertiten der ersten Generation, die zwar häufig einen anderen Weg als wir beschritten – allein schon weil sie andere Umstände hatten – aber trotzdem unsere Brüder sind und von denen wir auch profitieren können, weil sie Lebenserfahrung haben und natürliche Weisheit besitzen.

Das der zeitgenössische Sufismus in einer Krise steckt, das musste sogar der Sheikh mir gegenüber zugeben. Er hat vor kurzem seine Tariqat auflösen müssen, zwar nicht endgültig, aber vorübergehend. Er hatte das Gefühl, dass viele heutzutage den Tasawwuf für „eine spirituelle Hängematte“ hielten. Ernsthaft das Ziel erreichen, nämlich die Erlangung von Ikhlas (Aufrichtigkeit) in den gottesdienstlichen Handlungen, wollen anscheinend nur die Wenigsten. Der Spaßfaktor, das Verkleiden, das Singen, das Tanzen, die Meditation, das wirkt bei den Meisten eher als Ablenkung vom Alltagsstress oder von anderen psychischen Problemen. Aber hart arbeiten möchte längst keiner mehr, in diesem Jihaad an-Nafs, der der schwerste aller Kämpfe sein soll.

Ich würde den Sheikh wieder besuchen. Allein die Tatsache, dass er mir meine distanzierte Art nicht übel nahm und mich als Gast unvoreingenommen und freundlich behandelte, rechne ich ihm hoch an. Obwohl er wusste, dass ich ein „Salafist“ bin, hat er mich weder getadelt noch zurecht gewiesen. Sein Gerede vom „Krebsgeschwür“ des Salafismus – in einem Interview mit der Ortspresse – fand im Umgang mit mir keinen Nachhall.

Ich entschuldige mich an dieser Stelle dafür, dass ich nicht mehr Lob für ihn habe aufbringen können und hoffe ihn mit meinem Text nicht allzu sehr verletzt zu haben.

Als Salafit zu Gast bei einem Sufi-Sheikh (Teil 2)

von Yahya ibn Rainer

Es ist mir etwas aufgefallen, in den letzten knapp 8 Jahren als sogenannter Salafist. Alle reden über uns. Journalisten, Politiker, Islamwissenschaftler, PImaten, aber auch Funktionäre von Muslim- und Islamverbänden, Religionsbehörden oder Moscheevereinen. Speziell diese „Muslime“, die auf Anfrage der Presse oder Anraten örtlicher Politiker bzw. Behörden über den bösen Salafismus schwafeln, dass er nichts mit dem wahren Islam zu tun habe und seine Anhänger unwissend seien, diese „Muslime“, die sich für alles mögliche einsetzen, für die freiheitlich-demokratische Grundordnung, für das Grundgesetz, für den Wohlfahrtsstaat, für den interreligiösen Dialog, aber nicht für den Islam und die Muslime, alle Muslime.

Sie bilden Räte, organisieren Konferenzen, kooperieren mit staatlichen Einrichtungen, geben Expertisen, nur um Politik und Staat zufrieden zu stellen, um in Ruhe gelassen zu werden, aus Angst vor Repression, um den Aufenthaltsstatus zu behalten oder einfach nur um gelobt zu werden, von Ministern, Bürgermeistern und Behördenvorstehern. Doch was passiert, wenn diese Funktionäre in ihrer Moschee einem solchen Salafisten begegnen? Lassen sie ihren Worten Taten folgen? Nehmen sie sich den Bruder zur Seite? Geben sie Nasiha (einen Ratschlag)? Versuchen sie dieses angeblich falsche Islamverständnis zu korrigieren?

NEIN !!!

In all den 8 Jahren als irrgeleiteter, gefährlicher, bösartiger und unislamischer Salafist, ist noch kein Hodscha, kein Imam, kein Moscheevorstand, kein Muslimfunktionär und auch kein Sufi-Sheikh an mich herangetreten und hat versucht mich aus meinem angeblichen Irrtum zu erretten. Besonders hier in Hamburg, wo man mich vielerorts bestens kennt, als engagiertes Gemeindemitglied der ehemaligen Taiba-Moschee (bzw Al-Quds-Moschee), die nach vertraulichen Beratungen zwischen eben diesen Funktionären und der Staatsmacht einvernehmlich geschlossen und verboten wurde.

Ich komme in ihre Moscheen – und ich gehe in fast jede Moschee in Hamburg -, sie sehen mich, erkennen mich und grüßen mich (oder auch nicht), aber darüber hinaus kommt kein Sterbenswörtchen.

Warum ist das so? Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich: Der Sufi-Sheikh aus Trebbus sah ebenfalls keinerlei Veranlassung mich eines Besseren zu belehren. Der Bruder Jamal, den ich eigentlich in Trebbus besucht hatte, kündigte meinen Besuch im Mevlevi-Orden bereits einen Tag zuvor an, aber er verschwieg, dass ich ein sogenannter Salafist war. Das sollte ich dem Sheikh – wenn möglich – doch bitte selber irgendwie beibringen. Und so brachte mich Jamal in die Tekke, die nur etwa 1-2 km von seinem Hof entfernt lag, stellte mich dem Sheikh vor, trank noch einen Tee mit uns und fuhr dann allein wieder nach Hause.

Nun lag es also an mir, einen geeigneten Weg zu finden um dem Sheikh die Ankunft des Bösen, des Krebsgeschwürs, in seinem Hause zu offenbaren. Natürlich hatte ich mir zuvor einige Gedanken darüber gemacht wie ich auftreten möchte. Ich entschloss mich für meine natürliche und somit freundliche und respektvolle Art, wie ich jedem Muslim begegne, besonders wenn er das gesegnete Alter von 70 Jahren erreicht hat – wie Scheich Abdullah Halis al Mevlevi–Efendi -, das gehört sich einfach.

Ich war allerdings nicht der einzige Gast im Hause. Bei meiner Ankunft saß bereits ein anderer Mann beim Sheikh zu Tisch. Es war ein us-amerikanischer Musikwissenschaftler, der in Deutschland für ein Buch recherchierte. Sein Forschungsgebiet war orientalische Musik, speziell schiitische und sufische Stile. Sein Buch sollte vom Islam in Berlin handeln und hierzu gehörte auch ein Aufenthalt im Mevlevi-Orden zu Trebbus, das ja nur 125km südlich von Berlin liegt. Er hatte eine professionelle Videokamera dabei und sein Notizheftchen immer parat, denn der Sheikh hatte viel zu erzählen.

Ich habe hin und her überlegt, ob und inwieweit ich meine negativen Eindrücke vom Sheikh hier schildern soll. Ich kam während meines Aufenthaltes dort nicht wirklich oft zu Wort und konnte somit auch nicht darüber aufklären dass ich einen Blog betreibe und vorhabe dort über meinen Besuch zu berichten. Ich werde also an mich halten und meinen persönlichen Eindruck von der Person des Sheikhs nicht sonderlich ausführen, nur so viel sei gesagt: Nicht alles, was ich mir in positiver Erwartung von einem Meister des Tasawwuf erhofft habe, hat sich beim Treffen mit dem Sheikh erfüllt.

Aber es gab auch sehr viel Gutes was ich sah und hörte. Die Gegenwart des Wissenschaftlers war für den Sheikh ein Anlass viele Anekdoten aus seinem langen Leben zu berichten, osmanische Überlieferungen zu erzählen, Weisheiten aufzuzählen und zahlreiche Koranstellen zu rezitieren. Der Sheikh konnte fließend türkisch und – soweit ich das beurteilen konnte – auch sehr gut arabisch sprechen. Viele seiner Weisheiten und allgemeinen Ratschläge belegte er mit koranischen Beweisen, aus dem Kopf, erst auf arabisch, dann in gepflegter deutscher Übersetzung.

Etwas gewöhnungsbedürftig war für mich seine Angewohnheit, von sich selbst immer als „Wir“ zu sprechen und andere Personen mit „Ihr“ anzureden. Diese Angewohnheit teilte er auch mit den zwei Sufi-Schwestern, die in der Küche fleißig am Kochen waren und nur selten mal in den großen Speiseraum kamen. Und so fragte er mich nach einiger Zeit: „Und wie seid Ihr zum Islam gekommen?“

Nun sah ich meine Möglichkeit gekommen. Schnell erklärte ich, dass ich schon sehr jung mit dem Islam in Verbindung kam, jedoch die Praxis der Religion, für mich als Jugendlicher, zu streng wirkte, und da auch meine zahlreichen türkischen Freunde den Islam nicht ganz so streng nahmen und meinten, dass der Islam im Herzen ausreiche, da – so sagte ich – fand ich zwar den Islam ganz toll, bevorzugte jedoch eine normale deutsche Jugend, mit den üblichen kleinen und großen Sünden. Den Islam ernsthaft als Lebenskorrektiv in Erwägung – führte ich weiter aus – zog ich erst kurz nach meinem 30. Geburtstag, und dann im wahren Vollzug auch erst nach einem ausführlichem Telefongespräch mit Pierre Vogel.

Baaam! Da war es also raus. Ich versuchte ganz locker zu bleiben und tat so als würde ich den schrägen und leicht verdutzten Blick des Sheikhs nicht bemerken. Es gab einen kurzen Moment der Stille, worauf der Sheikh dann nach einiger Zeit den Amerikaner auf einmal bat, mich doch bitte mal über das Gelände zu führen, um mir die Stallungen, den Innenhof, den Hofladen, die Musalla und den Sohbet-Raum zu zeigen. Der Amerikaner wirkte ein wenig irritiert, immerhin war er selbst ein Gast im Haus, und als solcher wurde er jetzt auf einmal aufgefordert einem anderen Gast das Gehöft zu zeigen.

Der Musikwissenschaftler kam der Aufforderung trotzdem ohne Murren nach. Wir gingen also nach draußen und er zeigte mir alles, was er von seiner eigenen Besichtigung, wahrscheinlich nur wenige Stunden zuvor, selbst noch wusste.  Als letzte Station des Rundgangs kamen wir etwa 20 Minuten später im Sohbet-Raum an, wo auch Jamal wieder da war und mit dem Sheikh zusammen im Gespräch versunken saß.

Fortsetzung folgt …

Als Salafit zu Gast bei einem Sufi-Sheikh (Teil 1)

von Yahya ibn Rainer

Ich machte mich am Samstag auf eine recht mühsame Reise in den Osten der Republik. Ziel dieser Reise war Trebbus, ein ehemaliges Dorf, das heute als Ortsteil zur Gemeinde Doberlug-Kirchhain gehört. In dieser brandenburgischen Idylle, etwa 30 km westlich von Finsterwalde und 125 km südlich von Berlin, lebt ein mir sehr nahestehender Bruder im Islam, der dort einen kleinen heruntergekommenen Bauernhof ersteigerte und diesen mühe- und liebevoll renovierte.

Jamal, so sein Name, ist wie ich ein deutscher Islamkonvertit, allerdings mit dem Unterschied, dass er bereits im Jahre 1975 konvertierte, also im gleichen Jahr als der kleine Jens das Licht der Welt erblickte. Damit gehört Jamal einer ganz anderen Generation von Konvertiten an als ich und viele andere in Deutschland.

Zu seiner Zeit gab es längst nicht so viele Muslime hierzulande und deutsche Konvertiten konnte man wohl an 3-4 Händen abzählen. Somit rückte man zusammen und organisierte sich. Viele heute bekannte Namen, wie Abdullah Bubenheim, Muhammad Siddiq, Abdul Karim und Fatima Grimm, Ahmad von Denffer usw. haben aus dieser frühen Zeit partizipiert und kennen sich von daher. Auch der Bruder Jamal erlebte diese frühe Phase der deutsch-muslimischen Gemeinde und kennt fast alle bekannten Namensträger dieser Zeit persönlich.

Ebenfalls ein Muslim aus dieser frühen Generation ist Abdullah Halis Dornbrach, der bereits in den 60er Jahren konvertierte und heute ein Sufi-Sheikh des Mevlevi-Ordens ist. Seine Sufi-Tekke befindet sich auch in Trebbus, ein ebenfalls renovierter, aber weitaus größerer Hofkomplex, mit Musalla, Sohbet-Raum, Laden und zahlreichen Gästewohnungen.

Jamal, der sich selbst als „Salafit“ (ohne s) versteht, lebte und arbeitete die meiste Zeit seines Lebens in arabischen und afrikanischen Ländern und erfüllte sich mit diesem Hof in der brandenburgischen Pampa einen kleinen Traum. Die Nähe zu einer muslimischen Gemeinde wollte er jedoch nicht missen, was auf dem Lande im Osten der Republik jedoch fast unvermeidbar ist. So kam ihm dieses größere muslimische Zentrum ganz recht, vor allem auch, weil es von einem Volksgenossen aus alten Tagen geführt und auch von vielen deutschen Muslimen frequentiert wurde. Vom Sufismus allerdings hatte er, nach eigenem Bekunden, zuvor noch nicht so viel gehört.

Nun gab dieser Sufi-Sheikh vor etwa 2 Jahren einmal ein Interview für die Lausitzer Rundschau, in dessen Rahmen er äußerte, dass Salafisten „ein Krebsgeschwür“ seien, die keine Ahnung vom Koran hätten usw.. Eine harte Äußerung, die einen Muslim, der von außen als „Salafist“ wahrgenommen und betitelt wird, natürlich nicht unberührt lässt. Also wollte ich meinen Besuch bei Jamal mit einem Besuch beim Mevlevi-Orden verbinden und diesen Sheikh einmal persönlich kennenlernen.

Nun muss ich einiges im vornherein unbedingt klarstellen. Heutzutage wissen ja alle möglichen Subjekte etwas über den sogenannten „Salafismus“ oder den „Wahhabismus“ zu erzählen. Journalisten – kurzerhand zu Islamexperten erklärt – , staatsalimentierte Vereine und behördliche Experten bilden die Deutungshoheit für diese Begrifflichkeiten. Sie alle wissen ganz genau was in den Köpfen dieser Muslime vor sich geht und kennen die Motive und Ziele eines jeden Individuums, das sie in dieses begriffliche Korsett einschnüren. Dabei wird natürlich fleißig dafür gesorgt, dass diese menschlichen Wesen (ja, wir haben Körper und Seele und haben Gefühle) nicht in die Lage versetzt werden öffentlich selbst Kunde darüber abzulegen, wie sie ihre Religion und deren Praxis auslegen und praktizieren (wollen).

Ein – besonders unter Muslimen – verbreitetes Vorurteil ist die kategorische Ablehnung des Sufismus unter allen „Salafisten/Wahhabiten“. Das ist freilich absoluter Humbug. Wie mich, gibt es zahlreiche andere Salafiten, die als grundlegend wichtige Wissenschaft im Islam, neben der ‚Aqida (Glaubenslehre) und dem Fiqh (Rechtslehre), auch die Wissenschaft der Herzen (Ulum al-Qulub) anerkennen und für notwendig halten. Denn der Glauben im Islam (Iman) wird bestätigt durch die Handlungen (‚Amal), welche durch die Rechtslehre (Fiqh) festgelegt werden, jedoch ist ein unabdingbarer Bestandteil einer jeden Handlung, neben der korrekten Ausführung, auch die Absicht (Niyya), und diese sollte dringend von Aufrichtigkeit (Ikhlas) begleitet werden.

So wie wir Muslime die ‚Aqida von unseren ‚Aqida-Gelehrten erlernen und den Fiqh von unseren Fiqh-Gelehrten, so werden wir von anderen Gelehrten an die Aufrichtigkeit herangeführt, quasi dazu erzogen. Und diese Wissenschaft, diese Wissenschaft der Herzen, welche maßgeblich für unsere Aufrichtigkeit ursächlich sind, nannte man schon relativ früh in der Islamischen Geschichte al-Tasawwuf (Sufismus).

Gleich den anderen Wissenschaften, bildeten sich auch hier verschiedene Schulen bzw. Wege, die jeweils versuchten, den Schülern eine spirituelle Tiefe angedeihen zu lassen, die es ihnen ermöglichen sollte ihrem HERRN (rabb) möglichst nahe zu sein, Ihn womöglich immer gegenwärtig zu spüren und somit den Handlungen die nötige Aufrichtigkeit zu verleihen.

Weder Imam Ahmad ibn Taymiyya, der als Inspirator und Grundleger des zeitgenössischen Salafi-Bewegung geltend gemacht wird, noch Imam Muhammad ibn ‚Abd al-Wahhab, der als Begründer des sogenannten „Wahhabismus“ gilt, haben den Sufismus kategorisch abgelehnt, vielmehr haben sie ihn hoch geschätzt und in ihren Rechtsgutachten seinen Nutzen gepriesen. (Hierzu zwei englischsprachige Beiträge: Shaykh Muhammad bin ‘Abd al-Wahhab and Sufism & Sufism and the Imams of the Salafi Movement: Introduction)

Ich bin also nicht in diese Sufi-Tekke gegangen, um mit dem dortigen Sheikh über Sinn und Unsinn des Sufismus zu streiten, sondern u.a. um zu schauen, welche Medizin dieser Führer und Meister einer Sufi-Tariqat aufzubringen in der Lage ist, wenn ein vom ihm sogenanntes „Krebsgeschwür“ bei ihm zu Gast am Tische sitzt. Wird er es als bösartig diagnostizieren, gar als invasiv, und wird es sofort und radikal operativ entfernen. Oder wird er durch Bestrahlung oder andere alternative Therapeutik versuchen es zurückzubilden? Oder wird er gar letztendlich erkennen, dass dieses „Geschwür“ gar nicht bösartig ist, sondern gutartig oder vielleicht sogar doch ein fester und normaler Bestandteil des Körpers?

Fortsetzung folgt …

Video: Ein kleine Erwiderung auf Herrn Riegers „Salafistenschelte“

Mit diesem Beitrag beziehe ich mich auf den Libertär-muslimischen Dialog des vorherigen Blogbeitrages.

Als Herr Andreas Abu Bakr Rieger 1993 diese Rede auf einer Veranstaltung der (heute in Deutschland verbotenen) türkischen Kalifatstaat-Organisation hielt (interessant vor allem von 0:58-1:22), da kam er nicht etwa von einer saudi-finanzierten Glaubensindoktrination, einem salafistischen Seminar oder einer wahhabitischen Gehirnwäsche – davon redete damals nämlich keine Sau -, sondern war, wie heute, angetan vom (seiner Ansicht nach) klassischen Islam und seiner mystischen Schule (Sufismus).

https://www.youtube.com/watch?v=n7H8fvnjOiU

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H. H. Frank über den Sufismus (5. Teil)

Dieser Teil wirkt noch ein wenig behäbig, aber ab dem nächsten Teil wird es endlich faktisch und interessant ... zumindest für Leute wie mich.

„Da heißt es nun, daß besondere Zustände den künftigen Adepten auf seinen Beruf aufmerksam machen. Er bekommt „Zustände“ so ist die einfache Übersetzung des hierfür gebrauchten Kunstausdruckes Hâl. Natürlich findet er sie in seinem Innern, aber er macht sie nicht. Diese Zustände und das Verhalten des Individuums zu denselben, also der Akt des Gewahrwerdens bildet den Gegenstand der mannigfaltigsten Erklärungsversuche; und es fehlt so sehr an allen begrifflichen Anknüpfungspunkten und Handhaben zur Bezeichnung eines Zustandes, den man erst verstehen will, daß sich die meisten unwillig von solcher (ihnen leeren) Lektüre wenden und deren Gegenstand als Mystik bezeichnen.

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H. H. Frank über den Sufismus (4. Teil)

„Der Verbreitung, scheint es, leistete in Persien wenigstens die Einführung der einfachen, einheitlichen Grundlehren und die politische Bedeutung des Islams eine gute Vorbereitung, so wie einst griechische Sprache und das imperium romanum dem Christentum! Die orientalischen Autoren sind erstaunt, wie die Derwischlehren um die ersten Zeiten des Islam auf einmal da waren, plötzlich überall gleichsam aus dem Boden sproßten und geben den Versuch nicht auf, jene Lehren aus dem Islam ableiten zu wollen.

Weit gefehlt; ebensowenig wie das Christentum aus dem römischen Staatsgedanken abzuleiten ist. Wohl aber fand es darin den Nährboden der Universalität.

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H. H. Frank über den Sufismus (3. Teil)

Bevor hier nun der 3. Teil der Abschrift folgt, möchte ich den Leser um ein wenig Geduld bitten. Ich hätte den Auszug durchaus kürzer ausfallen lassen können, denn H. H. Frank holt wirklich weit aus und verliert sich z.T. in kleinlichen Abschweifungen. Jedoch möchte ich mir nicht anmaßen zu wissen, welche Teile seiner Erwägungen denn nun für den Rotstift taugen und welche nicht. Und so nehme ich ausnahmslos und zusammenhängend den ganzen Teil mit und möchte an dieser Stelle schon darauf hinweisen, dass der anfänglichen negativen Wahrnehmung durch H. H. Frank mit der Zeit eine durchaus positive Sichtweise auf den Sufismus folgen wird.

„Aus der großen Menge schriftlicher Zeugnisse und verschiedener Systeme nehmen wir mit Bedacht einiges heraus und übernehmen die Gewähr der Richtigkeit auf die Gefahr einer kontrollierenden Nachprüfung der einheimischen Quellen, die ja keinem verwehrt ist.

Der Derwisch stellt für sich den Grundsatz auf; derwisch asiát némikunéd „Der Derwisch tut keinem Leid an, stiftet keinen Schaden“. Und das muß wahr sein, kein Derwisch konspiriert. Das Volk läßt sie gewähren. Obrigkeit, Geistlichkeit, bürgerliche Gesellschaft hält sie für völlig harmlos.

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