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Ein Blick auf die Konzepte von Staat und Daula

von Prof. Dr. Tamim Al-Barghouti

Dieser Artikel befasst sich mit dem Konzept der daula, was meist als „Staat“ übersetzt wird – eine ebenso irreführende Übersetzung wie die des Wortes ʾumma als „Nation“.

Der Begriff „Staat“ leitet sich vom lateinischen stare ‚stehen‘ ab. Das Wort beinhaltet hauptsächlich die Bedeutung der Festigkeit und Beständigkeit. «Der Duden definiert den Staat als „Gesamtheit der Institutionen, deren Zusammenleben das dauerhafte und geordnete Zusammenleben der in einem bestimmten abgegrenzten Territorium lebenden Menschen gewährleisten soll“.»¹ Dieser „statische Zustand des Staates“ ist einer der Hauptunterschiede zwischen dem Staat und dem Konzept der daula, in dessen Bedeutung hauptsächlich Dinge wie zeitlich begrenzte Dauer, Wandel und Rotation mitschwingen.

[¹ Im englischsprachigen Originaltext wird an dieser Stelle das Oxford English Dictionary  zitiert]

Daula bedeutet wörtlich so viel wie ‚Ablösung‘, ‚Wechsel‘, ‚Umschwung‘. Der Begriff leitet sich ab von dem Verb dāla, das sowohl in Bezug auf seine Buchstaben als auch in Bezug auf seine Bedeutung zwischen den Verben dāra (rotieren) und zāla (verschwinden/aufhören) anzusiedeln ist. Zeitliche Begrenzung und Sukzession sind somit wesentliche Nebenbedeutungen von daula. Alles, was von einem zum anderen weitergegeben wird, ist eine daula; auch der Begriff tadāwul ‚Geldumlauf‘ stammt von der gleichen Wortwurzel ab. Anders als beim europäischen Konzept des Staates, dessen Hauptmerkmal seine Beständigkeit ist, sind die zeitliche Begrenztheit und der Mangel an Beständigkeit die wesentlichen Kennzeichen der daula.

Die daula ist nichtterritorial; sie hängt in erster Linie zusammen mit der herrschenden Klasse, nicht so sehr mit dem Land, über das diese herrscht. Während es zwar eine umayyadische und eine abbasidische daula gab – deren Name sich auf das jeweilige Herrscherhaus bezog –, gab es im vorkolonialen arabischen Sprachgebrauch keine Begriffe wie Daulat aš-Šām (Staat Großsyrien) oder Daulat Miṣr (Staat Ägypten). Bis ins späte neunzehnte und frühe zwanzigste Jahrhundert war die wichtigste daula im Nahen Osten ad-Daula al-ʿUṯmāniya, also das Osmanische Reich.

Des Weiteren war die daula nicht notwendigerweise der Souverän. Jeder Statthalter, der über relativ große Autonomie gegenüber der Zentralregierung des Kalifats verfügte, konnte für sich beanspruchen, eine daula zu leiten. So gab es zum Beispiel innerhalb des abbasidischen und des osmanischen Reiches, die ihrerseits jeweils als daula bezeichnet werden, kleinere, nichtsouveräne politische Einheiten, wie etwa ad-Daula al-Ḥamdāniya – die Fürstentümer der Nachkommen Ḥamdāns in Aleppo und Mossul – oder die Daula aṭ-Ṭūlūniya, womit die Fürstentümer der Nachkommen von ʾAḥmad ibn Ṭūlūn in Ägypten gemeint waren.

Auch die Autorität eines Ministers und seiner Anhänger, die im Dienst eines übergeordneten Sultans oder Kalifen stehen, kann als daula bezeichnet werden, wie es der Fall bei Daulat Banī Barmāk war. Damit ist eine Periode gemeint, während derer die Nachkommen Barmāks, die dem Abbasiden-Kalifen Hārūn ar-Rašīd als Berater und Minister dienten, beträchtliche Autorität innehatten.

In gewisser Weise ist eine daula vor allem ein Mittel zum Zweck. Da die übergeordnete daula üblicherweise vom Imam (womit in diesem Fall der oberste Führer gemeint ist) geleitet wird, der nur dann Imam sein kann, wenn er sich dem Koran und dem darin von der ʾumma gezeichneten Bild unterordnet, bedeutet das Wort ʾumma, wie bereits erwähnt, auch ‚das Ziel‘, ‚der Sinn‘ und ‚der Zweck‘.

Anders als der Nationalstaat, der danach strebt, eine Gruppe von Menschen zu einer Nation zu machen, ist die daula im vorkolonialen arabisch-islamischen Sprachgebrauch eine Einrichtung, deren Legitimität sich daraus ableitet, dass sie der gesamten ʾumma dient.

Jeder, gegenüber dem der Staat rechenschaftspflichtig ist, untersteht der staatlichen Autorität. Dieses Monopol ermöglicht es modernen Staaten, die Souveränität, die ihnen von der Nation gewährt wird, gegen eben diese Nation einzusetzen. Dies soll durch Gewaltenteilung verhindert werden. Der Staatsapparat ist in Exekutive und Legislative aufgeteilt, die jeweils nur einen Teil der gewährten Souveränität innehaben. Bei der daula hingegen ist die Souveränität nicht auf das Staatsgebiet beschränkt. Die daula ist auch verantwortlich für Menschen, die außerhalb ihrer Grenzen leben und kann daher nicht behaupten, dass diese Leute ihr ihre souveränen Rechte überantwortet haben. Theoretisch schuldet die daula ihre Existenz der ʾumma, während die ʾumma der daula nichts schuldet.

Dies zu wissen mag hilfreich sein, um zu verstehen, warum in der arabischen Welt eher der ʾumma Loyalität entgegengebracht wird als den einzelnen Staaten der letzten zwei Jahrhunderte.

Auch lässt sich damit – zumindest teilweise – das Scheitern vieler arabischer Denker und Politiker erklären, einen kohärenten nationalistischen Diskurs zu entwickeln, mit den während des Kolonialismus gegründeten Staaten als Fokus der Loyalität. Solche Diskurse kollidierten stets mit der in der politischen Kultur der Region fest verwurzelten Vorstellung von der ʾumma.

Es bleibt die Frage: Warum wurden nicht mehr Anstrengungen unternommen, um das politische Potenzial solch einer politischen Kultur zu erforschen? Warum die Annahme akzeptieren, dass Verschiedenheit Minderwertigkeit bedeutet und danach streben, zu beweisen, wie ähnlich unsere Konzepte denen des anderen sind? In einer Welt voller Dinosaurier wird es unseren Vögeln nicht gut tun, wenn wir unser Leben damit verbringen, ihnen das Krabbeln beizubringen.

Dieser Artikel wurde erstmals am 27.09.2003 auf der Website TheDailyStar Lebanon in englischer Sprache publiziert. Der Autor ist Prof. Dr. Tamim al-Barghouti, ein palästinensischer Politikwissenschaftler, der vor allem als Kolumnist und arabischer Poet Bekanntheit erlangte.

Die Übersetzung wurde von Al-Adala.de finanziert und erfolgte durch Korrekturlesen-HH.

Buchauszug: Schmitz du Moulin – Zum Konflikt zwischen Armeniern und dem Osmanischen Reich (1894–1896)

In Ehrlichkeit hätte der Herr Hammerstein bekennen müssen, daß hier von einer Christenverfolgung absolut nicht die Rede sein kann, sondern dass es sich hier um eine durch englische und amerikanische Missionare unter dem Deckmantel des Christentums hervorgerufene Verhetzung unreifer Knaben und Mädchen handelte. Der Fanatismus, die Verfolgungssucht war ganz auf Seiten der Christen. Obschon die große Mehrzahl der Armenier gute Leute sind, so findet man darunter auch viele wirkliche Scheusale, die kein anderes Volk so lange ertragen hätte, wie das türkische.

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Zeitaufnahmen zu Staat und Freiheit von B. Bandulet und M. A. Schmitz du Moulin

von Yahya ibn Rainer

Ein äußerst wichtiges Thema für jeden ordnungs- und gesellschaftspolitisch interessierten Menschen ist die geschichtliche Betrachtung der expandierenden Staatsgewalt, also der stetigen Ausweitung staatlicher Befugnisse und willkürlicher Eingriffe in die zwischenmenschlichen Beziehungen und in das private Eigentum der Bürger.

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Türken in Berlin 1871-1945

Türken in Berlin 1871-1945 – Eine Metropole in den Erinnerungen osmanischer und türkischer Zeitzeugen
von Ingeborg Böer, Ruth Haerkötter und Petra Kappert
©2002 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG Berlin, 374 Seiten
ISBN 3-11-017465-0

von Yahya ibn Rainer

Lesen? Das machte mir schon in der Grundschule keinen Spaß. Kaum hatte ich gelernt wie es geht, da fand ich es auch schon blöd und langweilig. Das zog sich so durch meine komplette Jugendzeit. Nichts ödete mich mehr an, als ruhig irgendwo zu sitzen und auf ein Blatt Papier zu starren. Lesen war für mich eine suspekte Handlung. Alle guten Bücher wurden sowieso irgendwann verfilmt, und einen Film anzuschauen war einfach gemütlicher.

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Auszüge aus „Für die Türkei“ von Prof. Dr. Robert Rieder (1861–1913)

„Die Sauberkeit, die dem Körper des türkischen Kranken in der Regel anhaftet, ist für den Krankenhausarzt eine sehr willkommene Beigabe. Auf Grund meiner Erfahrung sage ich mit Überzeugung, dass der arme Türke im Durchschnitt sauberer ist, denn der Deutsche. Ich kann diese Sauberkeit nicht besser illustrieren — und die Schwestern haben mir die Richtigkeit dieser Beobachtung bestätigt, — als damit, dass viele unserer deutschen Kranken äusserlich ganz sauber und manierlich gekleidet sind, je tiefer man aber an das Entkleiden geht, um so mehr — laxiate ognie speranza.

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Auszüge aus „Constantinopoli“ von Edmondo De Amicis (1878)

Der italienische Schriftsteller Edmondo De Amicis (1846 – 1908) über die osmanischen Türken seiner Zeit:

„Sie scheinen alle Philosophen zu sein, die über einer fixen Idee nachgrübeln, Auge und Mund deuten auf ein in sich selbst verschlossenes, inneres Leben hin. Und alle haben dieselbe Gravität, denselben Ernst des Auftretens, dieselbe Zurückhaltung in Sprache, Blick, Geberden. Man könnte sie alle für grosse Herren (Signori) halten, vom Pascha bis zum Krämer, in derselben Schule erzogen und von derselben aristokratischen Würde umgeben. […]

Dem Anschein nach zu urteilen, muss einem die türkische Bevölkerung Konstantinopels als die zivilisierteste, ehrlichste der Welt vorkommen. Nirgends, nicht einmal in den einsamsten Gassen Stambuls, wird ein Fremder beleidigt. Man kann die Moscheen auch während des Gottesdienstes mit weit grösserer Sicherheit vor einer Kränkung besuchen, als ein Türke eine unserer Kirchen. In der Menge begegnet man nie einem, ich sage nicht insolenten, nicht einmal einem neugierigen Blicke; in den Strassen ist kein Streit, kein herumlümmelndes Pack, keine keifenden Weiber, kein öffentliches Schaustellen der Prostitution , kein schamloser Akt. Fast dieselbe würdevolle Ruhe, wie in der Moschee, findet man auf dem Markte; allenthalben wenig Gesten und Worte; kein Gesang, kein lärmendes Gelächter, kein plebejisches Geschrei, keine störenden Menschenansammlungen. Gesicht, Hände und Füsse sind rein; zerlumpte Gewänder selten und dann nie schmutzig; kein Gesindel, und überall das Zeichen einer allgemeinen gegenseitigen Achtung der verschiedenen Klassen.“

(Edmondo De Amicis, Constantinopoli, 1878)

Auszüge aus „Türke, wehre dich !“ von Dr. Hans Barth (1898)

„Gibt es irgend in der Welt, nicht bloss im Orient, ein Volk von Gentlemen, so ist dies das türkische. Jeder Kenner dieser braven, liebenswürdigen, grundehrlichen und dafür von aller Welt verlästerten und verleumdeten Nation, wird dies unterschreiben, auch wenn der Chorus der internationalen Langohren sein angelerntes Anathema schreit. Tatsächlich gibt es kaum eine Staats- und gesellschafterhaltende Tugend, die dem Türken — insbesondere dem anatolischen — nicht eigen wäre: Herzensgüte und Ehrlichkeit, Toleranz und Nächstenliebe, demokratischer Gleichheitssinn und unbedingte Loyalität gegen die Regierung, so drückend die staatliche Notwendigkeit auch auf ihm lasten möge, endlich natürlicher Anstand und Mässigkeit und eine von der Religiosität nicht in Banden gehaltenen Intelligenz. Welch hohe Lebensweisheit, welch sittlicher Ernst, welches Gemüt spricht nicht schon aus den teilweise sogar aus vorislamscher Zeit stammenden türkischen Sprüchwörtern: „Wer von der Lüge sich entfernt, der nähert sich Gott.“ — „Mann ist, wer sein Wort hält.“ — »Tue das Gute, und wirf es ins Meer; sieht es der Fisch nicht, so sieht es der Herr.“ — „Tue Gutes denen, die dir Böses antun, so wirst du bei Gott Gnaden finden“ u. s. w, Maximen, denen der gute Moslim in seinem Wandel weit eifriger nachzuleben pflegt, als der Christ den ähnlich lautenden Befehlen Jesu. […]

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Auszüge aus „Harmlose Skizzen aus Konstantinopel“ von Helene Böhlau (1888)

„Ich habe beobachtet, auch auf dem Dampfschiff, mit dem ich oftmals den Bosporus entlang fuhr, dass die Begrüssung zwischen Erwachsenen und Kindern etwas ganz besonders Herzliches an sich trägt, von Seiten der Kinder zutunlich-ehrfurchtsvoll und von seiten der Erwachsenen liebenswürdig-besorglich. Hauptsächlich liebenswürdig sind die Männer zu den Kindern. Da sieht man allerliebste Szenen und Gruppen. Beinahe täglich begegne ich unter den ulten Zypressen vor der Asmali-Mesdjid einem stattlichen Türken in weitem Kaftan, weißem Turban, mit schwarzen blitzenden Augen, Adlernase und schwarzem langem Bart.

Dieser Mensch, der aussieht, als stecke sein Kopf voll aufrührerischer Ideen, und als wäre bei ihm alles auf Gewalt und Kampf gerichtet, trägt immer in zärtlicher und rührender Weise, wenn ich ihm begegne, an sein Ohr gedrückt ein winzig kleines Kindchen, ein wahres Wachspräparätchen von einem Kind, weiss, durchsichtig, fast nicht grösser als der braune dunkle Kopf, an den es angeschmiegt ist. Und der Türke trägt es so würdig, so hingebend und so unbeschreiblich behutsam. Aber nie habe ich ihn anders gesehen als mit dem Kind an der bärtigen Wange. Der Anblick wird mir unvergesslich sein. Dies Übermass von Kraft, Vorsicht und rührender Zärtlichkeit ! […]

In der ersten Klasse auf dem Dampfschiffe sieht man oftmals würdige Väter mit ganz kleinen Kindern auf dem Arme. Sie finden ihre Bekannten, und augenblicklich ist das Kindchen dem Vater von dem Arm genommen und irgend ein anderer ehrenwerter Efendi hat es auf dem seinen, wandelt mit ihm auf und nieder, bemüht sich, es zum Lächeln zu bringen, liest ihm aus einer Zeitung etwas vor, kauft ihm vom Schekerdschi einen kleinen guten Bissen, schaukelt es, wiegt es und treibt das so lange, bis wieder ein anderer ihn bittet, ihm das Eandchen ein wenig zu geben. Dabei sind diese ernsten Männer von solch einer anmutigen Heiterkeit und Liebenswürdigkeit und scheinen sich wirklich an dem kleinen Ding von Herzen zu erfreuen. […]

Wenn ein Türke seinen Sohn auf der Strasse an der Hand führt, so tut er es mit der grössten Hingabe, und man sieht seinem Benehmen an, dass er einen äusserst wertvollen und geliebten Gegenstand zu beaufsichtigen hat. Hier fällt mir ein : die militärische Vorbereitungsschule eröffnete eben ihre Ferien, eine Unzahl halbwegs europäisch gekleideter Kadetten strömte heraus, jeder das erlangte Zeugnis in der Hand. Draussen stehen die würdigen Väter. Jeder empfängt den erwarteten Liebling mit auffallender Rührung und Zärtlichkeit, lässt sich von ihm ehrerbietig begrüssen, wirft einen Blick in das Zeugnis und ruft freudig erstaunt: „Masch Allah! Masch Allah!“ („Du hast es brav gemacht, mein Sohn!“) Dann herzt und küsst er sein Söhnchen, seinen künftigen Pascha, und zieht triumphierend mit ihm ab. […]

Muhammad hat sein Volk auch reinlich haben wollen; und man sollte sich einmal nach einem schmutzigen Türken umsehen! Die Lumpen des armseligsten Bettlers, an dem keine Handbreit ehrlich festes, ungeflicktes Zeug zu finden ist, strahlen von Weisse und Sauberkeit. […]

Muhammad hat sein Volk erbarmungsvoll, auch erbarmungsvoll gegen die Mitgeschöpfe, die Tiere, sehen wollen — und die Türken folgen auch hierin ihrem Propheten. […]

Nie wird man ein Tier auf den Strassen Konstantinopels von türkischen Händen gequält sehen. Im Gegenteil findet man überall steinerne Näpfe und Tröge, mit Wasser gefüllt, für Hunde und Vögel. […]

Nicht nur diese bedenken sie mit Wasser und allerlei Wohltat, auch für die Kinder und Armen wird an heissen und kalten Tagen auf der Strasse gesorgt. So stehen z. B. im Winter Kohlenbecken für die Bettler auf der Brücke. An heissen Tagen schicken die Moscheen Männer aus, die, ganz in Leder gekleidet, den grossen Wasserschlauch auf dem Rücken, jedermann unentgeltlich, besonders aber den Kindern, gutes Quellwasser aus metallenen, mit Koraansprüchen verzierten Schalen reichen. Wir haben oftmals solch einen alten Wasserträger beobachtet, wie er von kleinen durstigen Türklein umgeben war und sie wahrhaft liebevoll bediente. […]

Alles geht hier unscheinbar, ohne Prahlerei vor sich, mit wenig Wichtigtun, dass man sich verwundert, wie es ohne unsere vielgerühmte Christenliebe zu stände kommt. […]

Ein wunderliches Kapitel geben die Bettler hier ab. Den tief ergreifenden Gesang der blinden Bettler hört man oft auf den Strassen. Und wenn in der Dunkelheit solch ein armer Blinder durch die engen Gassen Peras schleicht und man den klagenden Gesang vom Zimmer aus erst ganz entfernt, dann immer näher kommen hört, gehen diese schmerzlichen, wahrhaft ergreifenden Töne durch Mark und Bein. Es ist, als schliche das Elend der Menschheit an den Fenstern vorüber. Anfangs überwältigt jedesmal dieser Eindruck, später wird man es gewöhnt und hört kaum mehr darauf. An unseres Herzens Härtigkeit ist allein die Gewohnheit schuld. […]

Rätselhaft und unbegreifüch ist es, wie die Blinden in dem ungeheuren Treiben hier sich sicher bewegen. Einem Sehenden wird es schwer, sich hier ungefährdet durchzuwinden. Wie oft aber habe ich gesehen, dass ein Blinder in der Pferdebahn, die durch Stambul fährt, unentgeltlich mitgenommen wurde. […]

Einmal erlebte ich, dass der Kondukteur so einem Armen, der sich mühsam die schmale Treppe herauf- und in den Wagen hereingetastet hatte, Geld zu dem Fahrbillet abforderte. Der Blinde schüttelte mit dem Kopfe, zum Zeichen, dass er kein Geld habe. Er tat dies einfach und ohne jede Befürchtung, dass man ihn von seinem Platze weisen würde; wie es ungefähr bei uns jemand tun würde, der wohlbekannt und reich ist und nur durch Zufall kein Geld bei sich hat, und dem der Kondukteur süss lächelnd versichert : „Schadet nichts, Herr Baron — ein andermal.“ — Wehe aber dem Armen, und wenn es ein Blinder wäre, der dasselbe bei uns wagen würde, wie er es hier wagen kann! Der Kondukteur, der dem Blinden das Geld abforderte, wurde von einigen Insassen des Wagens gehörig angelassen: „Nun, was ist denn der? Bist du denn richtig bei Verstand, dass du Geld von ihm nehmen willst? Schämst du dich denn nicht ?“ Ein anderer wieder frug: „Bist du denn kein Mensch, — was bist du denn? Wir werden dich bei deinem Brotherrn verklagen! Wir werden ihm sagen, was für einer du bist! […]

Ich habe in der Pferdebahn ausserdem auch bemerkt, dass ein armer Schlucker zu seinem Nachbar sagt, wenn dieser die Börse zieht, um sein Fahrgeld zu entrichten : „Du, bezahl auch für mich!“ und es geschieht darauf wie etwas Selbstverständliches, nicht etwa mit der Miene, als gebe der Wohlhabende dem Armen ein Almosen. Es ist der Rede und des Dankes nicht wert, was zwischen den beiden vorgeht. […]

Es liegt hier oft eine grosse Vornehmheit und Liebenswürdigkeit im Geben sowohl wie im Verlangen. […]

Da sah ich einmal einen in Lumpen gehüllten prächtigen Alten; der bettelte bei den Gästen eines Kawedschis, die unter einer jener schönen Plantanen salsen und Kaffee tranken; auf jeden, von dem er eine kleine Gabe erhielt, träufelte er aus einem schlanken, langhalsigen Fläschchen als Dank ein paar Tropfen Rosenwasser. […]

Was ich hier erzählte, ist einfach und wahr, jedermanns Augen zugänglich, das, was man auf Strassen und Gassen sieht. Aber wahrhaftig, danach zu urteilen, muss man sagen, dass die Türken das Andenken ihres Propheten ehren und seine Gesetze befolgen. Kein Betrunkener ist zu sehen, keiner, der in Schmutz und Widerwärtigkeit anderen zum Ekel einherläuft, kein unehrbares, unwürdiges Benehmen, kein aufgeputztes, herausforderndes Frauenzimmer, kein empörender Anblick, den ein gequältes Tier veranlasst, alles ruhig, würdig und einfach. […]

Zum Schluss noch etwas über ein sonderbares Rechtsverfahren, das aber einen tiefen Blick in die Verhältnisse dieses Landes tun lälst. Es handelt sich darum: Wem wird vor Gericht recht gegeben, dem armen Schuldner oder dem reichen Gläubiger, der sein gutes Recht hat, zu fordern? Die Frage scheint sich selbst zu beantworten: Dem natürlich, dem das Recht gebührt. Hier aber ist ihre Beantwortung, für unsere Begriffe, unbedingt eine überraschende. […]

„Dem Armen, der nicht zahlen kann, dem gehört hier Schutz und Beistand und günstiger Rechtsspruch. Da heilst es folgendermalsen: Der Richter fragt einen Hausbesitzer, welcher seinen Mieter, der Ihm nicht gezahlt, aus dem Hause gewiesen und ihn verklagt hat: „Weshalb hast du ihm verweigert, weiter bei Dir zu wohnen?“ — „Weil er mir den Mietzins schuldig blieb.“ — „Nun, tat er es aus bösem Willen? Ist er ein Räuber, ein Betrüger ? Ist er denn einer, der dich betrügen und um dein Hab und Gut bringen will? Wenn er das ist, so tatest du recht ; wenn er das aber nicht ist, sondern ein Armer, den Allah dir sendete, so hast du unrecht getan, ihn zu verstossen und zu verklagen; und wenn es sich erweist, dass er wahrhaftig ein Armer ist, wirst du ihn wieder bei dir aufnehmen. Was bist du für einer, dass du gegen die göttlichen Gebote zu handeln wagst!“ Und dem Hausbesitzer bleibt nichts übrig, als seinen schlechten Zahler, wenn es sich als gewiss herausstellt, dass er unfähig ist, seinen Gläubiger zu befriedigen, wieder bei sich aufzunehmen. […]

Dass ein Moslim ausgepfändet wird, so etwas kennt man hier nicht. […]

Und den Türken will es gar nicht zu Kopfe, dass das, was bei ihnen nicht geduldet, was als Schmach angesehen wird, wenn ein Wohlhabender gegen einen Armen, der ihm schuldig ist und nicht zahlen kann, klagbar wird, dass dasselbe bei einem anderen Volke vortrefflich und in Ordnung ist und kein Mensch Schlimmes darin sieht. […]

Es wäre ganz interessant, von dem Standpunkt eines gut unterrichteten Moslim aus unsere europäischen Verhältnisse zu betrachten. Ich glaube, dass diese Betrachtung einigermassen Verwunderung erregen würde. Ich habe hier oft Gelegenheit gehabt, durch türkische Anschauung auf unsere Verhältnisse zu bücken.“

(Helene Böhlau, Harmlose Skizzen aus Konstantinopel / 1888, Westermann’s illustrirte deutsche Monats-Hefte, Band 63)

Ein deutsch-französischer Islamkonvertit beschreibt im Jahre 1904 die Gegensätze zwischen Europa und dem Orient

„Noch viele andere Gegensätze bestehen zwischen dem Orient und Europa.

Bei den Orientalen ist der Bart ein Zeichen der Würde, in Europa ein Merkmal der Vernachlässigung.

Im Orient schneidet man Brot u. s. w. von sich ab, in Europa zu sich her.

Im Orient winkt man mit der Hand nach unten, in Europa nach oben.

Im Orient ist es Gebrauch, den Kopf zu rasieren; in Europa gilt das als Strafe.

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Buchauszug: Emil von Laveleye – Die Bosnier (1886)

„Die besten und tiefsten Einblicke in das innerste Wesen des Mohammedanismus lassen sich aber nirgends besser als in Bosnien gewinnen, weil hier Bekehrer und Bekehrte nichts von den Eigenthümlichkeiten der Rasse mit einander ausgetauscht und in einander verwoben haben, so dass man von einem reinen, unverfälschten Einflüsse des Korans sprechen kann. Die mohammedanischen Bosnier sind vollständig Slawen geblieben, die weder vom Türkischen noch Arabischen Kenntniss haben, und welche die vorgeschriebenen Gebete und Koranverse auswendig lernen und hersagen, aber ebenso wenig verstehen wie die italienischen Bauern das lateinische Ave Maria.

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Buchauszug: Erik von Kühnelt-Leddihn – Der Reichscharakter des Osmanischen Reiches

„All dies deutet aber darauf hin, daß Demokratie und Nationalismus nicht sakralen Charakter haben, sondern rein humane, horizontal ausgerichtete ‚geozentrische‘ Populismen sind. Ein Reich hat zwar eine geographische Ausdehnung, einen Bereich, aber es ist trotzdem vertikal, also letztendig religiös ausgerichtet und hat durch das übersinnliche Element eine universale Aufgabe. Das zeigt sich selbst im außerchristlichen Raum, so z. B. im ottomanischen Kaiserreich, dessen Sultan der Nachfahre der byzantinischen (‚oströmischen‘) Kaiser war und zudem cäsaropapistisch das Amt des Kalifen innehatte. Die alte Türkei war ein echter Vielvölkerstaat, liberal und tolerant in so mancher Hinsicht.

Doch mit der jungtürkischen Bewegung kamen die ersten nationaldemokratischen Einflüsse und damit auch unter ihrem schönen Motto ‚Einheit und Fortschritt‘ (Ittihat ve Terakki) das größte aller Armeniermassaker. Als meine Großeltern geboren wurden, gehörten zur Türkei zumindestens theoretisch Länder wie Tunis, Libyen, Ägypten, der Sudan, der Yemen, der Irak, Rumänien, Bulgarien, Albanien, Nordgriechenland und Kreta. Heute ist die Türkei eine typische Nationaldemokratie (mit militäischen Zwischenspielen), laizistisch, aber aus nationalen Gründen ohne Platz für den Nichtmoslem. Konstantinopel war eine kosmopolitische Weltstadt, Kapitale eines Reiches, heute aber ist Istanbul eine große türkische Provinzstadt am Rande einer Republik.“

(Erik von Kühnelt-Leddihn, Konservative Weltsicht als Chance – Entlarvung von Mythen und Klischees, Seite 248-249)