Schlagwort-Archive: Scharia

Schrecklich: Das modernistische muslimische Staats- und Schariaverständnis

von Yahya ibn Rainer

Was das moderne muslimische Staatsverständnis so schrecklich macht, ist der idealistische Perfektionsmus. Man möchte sich bei der öffentlichen Zwangsanwendung islamischer Urteile mittlerweile grundsätzlich an den strengsten Meinungen orientieren. Das allerdings führt zu einer Art Uniformierung und oberflächlicher Gleichförmigkeit, besonders was das äußere Erscheinungsbild und die Kleiderordnung angeht. Es wird kein Platz mehr gelassen für den Unterschied. Weder die Sünder, noch die Rechtschaffenden können noch durch Nuancen aus der Masse hervorstechen:

Die Schamlose und Unzüchtige trägt ebenso Niqab und wallenden Umhang wie die Rechtschaffende, und der sittenlose Räubersmann trägt einen großen Bart und tadelloses Beinkleid.

Der zeitgenössische islamische Perfektionist ernennt die Spanne an Rechtschaffenheit, die zwischen seiner eigenen Praxis und der Praxis der besten der Ummah (Sahaba, Salaf) besteht, zum strafbewährten Usus, dabei bilden die uns bekannten Berichte über die Besten der frühen Generationen mittlerweile eine Art Zwangskorsett, während die Berichte über ihre Schwächen und Verfehlungen nur wenig Verbreitung finden oder empört abgewiesen werden.

Dabei gab es unter den Zeitgenossen des Propheten auch solche die sündigten, nachlässig waren oder nicht in der Lage in allen Bereichen beispielhaft zu handeln.

Überlieferungen über diese Menschen haben jedoch keinen großen Nutzen für die Einladung zu einem vorbildlichen Lebenswandel, weshalb wir nur selten von ihnen hören. Aber es gibt sie. Es gereichte unseren Vorfahren zum Vorteil, dass sie auf den Straßen, in den Gassen und auf den Märkten die Menschen unterscheiden konnten.

Es gibt jedoch Muslime, die meinen, dass die Scharia erst etabliert sei, wenn vom Staat die Hadd-Strafen öffentlich vollzogen werden. Diese Sichtweise ist das Resultat einer latent etatistischen Gesinnung, denn sie impliziert, dass die Scharia ausschließlich einer »staatlichen« Etablierung bedarf.

Jedoch muss die Scharia zuallererst in den Köpfen der Menschen etabliert werden. Sie muss sich (unabhängig vom Staat) in den Gliedern der Gesellschaft als das manifestieren, was sie ist, nämlich ein Kompendium an Rechten und Pflichten für den Menschen und nicht ein staatlicher Zwangs- und Strafkatalog.

Wirklich „etabliert“ ist die Scharia also erst, wenn die Hadd-Strafen zwar existent sind, aber quasi keinerlei Anwendung mehr finden. Auf einem Staatsgebiet jedoch, in dem regelmäßig zahlreiche öffentliche Bestrafungen und Hinrichtungen stattfinden, kann irgendetwas nicht in Ordnung sein.

Man könnte vermuten, dass es sich um Gebiete handelt, in denen augenscheinlich nur der Staat „islamisch“ ist und er – samt Anhang – mit diesem Zustand so lange zufrieden ist, wie er die Delinquenten öffentlich entleiben kann.

Islam fängt beim Individuum an, nicht beim Staat

Nicht, dass man mich falsch versteht. Weder leugne ich, dass auch der Amir in all seinen Urteilen und Handlungen an die Scharia gebunden ist, noch dass die Hudud ein (wenn auch äußerst kleiner) Bestandteil dieser Scharia sind.

Ich möchte lediglich dem Gedanken dahingehend Ausdruck verleihen, dass allein der öffentliche Vollzug von Hudud-Strafen nicht als Indiz dafür anerkannt werden darf, dass die Scharia tatsächlich allumfassend etabliert wurde.

Es kann nämlich durchaus sein, dass ein Mensch durch eine Strafe entleibt wird, die im Kanon der islamischen Jurisprudenz eindeutig belegt ist, aber diese Anwendung von Gewalt muss nicht zwingend auf einem rechtmäßig erlangtem Gerichtsurteil beruhen.

In diesem Zusammenhang ist auch die folgende Aussage des Gesandten Allahs zu verstehen, Allah segne ihn und schenke ihm Heil, der sagte:

„Wehrt die Hadd-Strafen von den Muslimen ab, so gut ihr könnt. Wenn ihr für den Muslim einen Ausweg findet, lasst von ihm ab, denn dass sich der Richter bei einem Freispruch irrt, ist besser, als dass er sich hinsichtlich der Bestrafung irrt.“

(Al-Mustadrak ala al-Sahihayn, al-Hakim, sahih / übersetzt von Behzad Zibari und leicht redigiert von Yahya ibn Rainer)

Zudem kann doch kein aufrichtiger und objektiver Muslim einen Zweifel daran hegen, dass die Scharia auch (vor allem) außerhalb des Staatsapparates, also mitten in der Gesellschaft, eine Etablierung erfahren muss und dass diese Etablierung einen viel größeren gesellschaftlichen Nutzen hat, als die regelmäßige und zahlreiche Anwendung staatlicher Gewalt.

Ich bin manchmal erschrocken über die Härte und Gewaltaffinität mancher Muslime, die sich anscheinend freuen, wenn die Zahl öffentlicher Körper- und Todesstrafen steigt und sie womöglich sogar hochauflösend gefilmt werden.

Im Gegensatz dazu war der Gesandte Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – sogar geneigt die zweifache Selbstanzeige eines Unzüchtigen zu ignorieren, um die Hadd-Strafe nicht vollziehen zu müssen. Er – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – fand keinen Gefallen daran, wenn einem Dieb die Hand amputiert wurde, er wurde vielmehr blass und man sah Trauer in seinem Gesicht. Und als ihn die Sahaba fragten, weshalb er dann das Urteil fällte, da gab er zu verstehen, dass er als Richter keine andere Chance hätte das Urteil Allahs in Anwendung zu bringen, aber dass durchaus die Leute die Möglichkeit hätten, solche Vergehen nicht an einen hoheitlichen Richter zu delegieren; auch das ist Scharia.

Und Umar ibn al-Khattab – möge Allah mit ihm zufrieden sein – setzte den Vollzug der Hadd-Strafe für Diebstähle aus, weil er in einer Zeit der Dürre befürchtete, dass den Hungernden in großer Zahl die Hände amputiert werden müssten. Ich bin mir fast sicher, dass nicht wenige junge Hardliner unserer Epoche auf einen solchen weisen Führer umgehend den Takfir aussprechen würden, weil er angeblich nicht die Scharia vollständig implementiert hätte

Dabei gab es zahlreiche Gelehrte die auch solche Führer entschuldigten, die absichtlich (aber in guter Absicht) nicht vollständig mit Allahs Scharia richteten bzw. richten konnten. Wie z.B.  Imam Ibn Taymiyyah, den der ehrenwerte Bruder Behzad kürzlich für uns zitierte:

«Der abessinische König war nicht in der Lage, mit dem Gesetz des Quran zu urteilen, da dessen Volk dies nicht anerkennen und erlauben würde. Öfters möchte eine Person, die zwischen den Muslimen und Tataren als ein Richter oder Führer fungiert, gemäß ihrem Gerechtigkeitsinn handeln, doch sie ist nicht in der Lage, dies zu tun — vielmehr gibt es jemanden, der sie daran hindert.

Allah erlegt keiner Seele mehr auf, als sie tragen kann. ‚Umar Ibn ‚Abdulaziz wurde angefeindet und geschmäht aufgrund dem, was er an Gerechtigkeit walten ließ. Ferner wurde gesagt, dass dies der Grund war, warum er vergiftet worden ist.

Der abessinische König und seines Gleichen sind die Glücklichen im Paradies, selbst wenn sie das an Gesetzen des Islams nicht ausführten, wozu sie nicht in der Lage waren. Vielmehr urteilten sie nach den Urteilen, mit denen sie in der Lage waren, zu urteilen.»

— Imam Ibn Taymiyyah [Gest. 728 n.d.A.] رحمه الله.

Ein Scharia-Fetischismus, wie ihm heute (vor allem junge und unerfahrene) Perfektionisten frönen, war unseren weisen Vorfahren in dieser Form nicht bekannt. Sie beteten Allah an und nicht Seine Scharia.

Zwei muslimische Gelehrtenstimmen zu Steuern und zu ihrer Hinterziehung

«[…] Wenn der Staat jedoch andere Steuern als die Zakah (Almosenabgabe) von den Einwohnern nimmt und sie für Verschwendung, Unheil, Unterhaltung, Ablenkung und Verbotenes ausgibt und sie nicht zu den in der Scharia vorgesehenen Stellen leitet, wie z.B. den rechtmäßigen Empfängern der Zakah (den Bedürftigen), dann ist es erlaubt das Vermögen oder den Gewinn zu verbergen, damit man ihnen nicht unrechtmäßig Vermögen zahlt und ihnen so dabei hilft verbotene Taten zu begehen. Und Allah ta’ala sagte: „Und helft euch nicht gegenseitig in der Sünde und Feindseligkeit“»

 – Sheikh Abdullah Ibn Jibrin

«[…] Und der Grundsatz im Auferlegen von Steuern ist, dass es verboten ist, vielmehr ist es sogar von den großen Sünden. Und demjenigen, der Steuern erlässt, wurde angedroht, dass er das Paradies nicht betreten wird. Und in der prophetischen Sunnah wird darauf hingedeutet, dass die Steuer eine größere Sünde als Zina (Unzucht) ist.»

 – Sheikh Muhammad Salih al-Munajjid

(Quelle: https://islamqa.info/ar/130920)

WICHTIG: Dies ist kein Aufruf zur Steuerhinterziehung, sondern nur die Darstellung zweier Gelehrtenmeinungen im Islam. Ich vertrete vielmehr die Ansicht, dass man im Rahmen der hiesigen Gesetze als Muslim zwar Steuerzahlungen vermeiden sollte (wo es nur geht), aber jede Form des kategorischen Steuerhinterzugs halte ich für taktisch falsch, da es strafbar ist und somit dem Ruf der Muslime und des Islams schaden kann.

Ein herzlicher Dank - für Übersetzung und Unterstützung - geht raus an die Brüder der avantgardistischen Telegram-Gruppe "Ökonomie und Gesellschaft".

Einige Gedanken zur bösen Scharia

von Yahya ibn Rainer

Eine große Mitschuld am falschen Verständnis für den Begriff „Scharia“ – besonders unter Nichtmuslimen, aber auch unter vielen zeitgenössischen Muslimen – tragen die modernen muslimisch-etatistischen Gruppierungen und Parteien, die andauernd von einer „Implementierung der Scharia“ faseln, wenn sie einem „Staat“ unterstellen „islamisch“ sein zu können.

Wenn PImaten, Pegidasten und AfDler heute das Wort „Scharia“ benutzen, dann denken sie an nahezu das Selbe wie ungebildete muslimische Hizbiyun, nämlich vorrangig an Steinigungen, Enthauptungen und Amputationen.

Wenn Alexander Gauland (AfD) meint, „Der Islam muss sich von der Scharia trennen“ oder hiesige Muslime müssten bekennen „für uns alle gilt die Scharia nicht“, dann spricht dies von einer immensen Unkenntnis bezüglich des Begriffes „Scharia“, besonders weil Gauland andererseits (zumindest offiziell) ganz klar für die Glaubensfreiheit eintritt und den Muslimen die Religionsausübung zugesteht.

Doch wie soll ein Muslim die Religion ausüben? Wie soll er beten, fasten und den verpflichtenden Obolus entrichten? Wie soll der Muslim sämtlichen gottesdienstlichen Handlungen nachkommen, sein Benehmen, seine Ethik/Moral schulen und seine Glaubensinhalte determinieren, wenn die Methoden und Methodologien der gesamten Religion „Islam“ in der Scharia zu finden sind?

Sie sagen im Grunde, wir dürfen die Religion ausüben, aber uns dabei nicht nach unserer Religion richten. Sie wissen nicht, dass „Scharia“ der Oberbegriff für alles ist, was unsere kultischen, rituellen und zwischenmenschlichen Handlungen angeht. Ein Mensch, dem der Rückgriff auf die Scharia verboten wird, kann weder beten noch fasten, kann im Grunde genommen nicht einmal ein richtiger Muslim sein.

Schon wenn der Muslim den Quran öffnet, um darin nach Belegen dafür zu suchen, wann, wo und wie er das rituelle Gebet zu verrichten hat, hat er sich damit einer Methode der Scharia befleißigt, indem er ihrem Grundsatz folgte, dass Quran und Sunnah die Grundlage der Religion sind.

Dem Muslim die Scharia zu nehmen bedeutet, ihm die Religion zu nehmen.

Jeder Muslim, der in der Scharia ein „Staats- & Strafgesetzbuch“ sieht, das von einem „Staat“ zu implementieren sei, darf sich als mitschuldig betrachten an der derzeitigen Misere. Denn weder findet der Muslim im Quran (oder in der Sunnah) einen „Staat“, noch kann er belegen, dass die Scharia ein Gesetzbuch ist oder samt und sonders irgendwie implementiert werden muss.

Was Allah und Sein Gesandter von jedem von uns – sei er Bürger, Staatsdiener oder Oberhaupt – verlangen, ist, dass wir unsere Entscheidungen und Urteile mit der Scharia determinieren. Dabei ist die Scharia nicht starr. In ihr finden wir zahlreiche Methoden und Methodologien, die eine große Vielfalt an Urteilen zulassen.

Unter diesem Gesichtspunkt wäre es auch äußerst dumm zu meinen, man könnte „die Scharia implementieren“, wenn man eigentlich möchte, dass der Staat feste Regeln bzw Gesetze erlässt. Denn ein Urteil gemäß der Scharia setzt voraus, dass man sich für eine bestimmte Methode/Methodologie entscheidet und die anderen außen vor lässt. Wenn man also etwas implementieren möchte, dann ein Urteil, welches die Scharia als Basis hatte, aber niemals die gesamte Scharia, denn dies könnte bedeuten, dass man etwas explizit als verboten erklärt, während man es ausdrücklich erlaubt.

Buchauszug: Ibn Khaldun – Die Ernennung eines Imams ist unerläßlich

«Die Ernennung eines Imams ist unerläßlich. Seine Notwendigkeit wird im religiösen Gesetz durch den Konsensus der Prophetengefährten und der Nachfolgegeneration als rechtens anerkannt, denn die Gefährten des Gesandten Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – schickten sich bei seinem Tode alsbald an, Abü Bakr – Allah möge an ihm Wohlgefallen haben – den Treueid zu leisten und ihm die Aufsicht über ihre Angelegenheiten zu übertragen. So war es auch in allen Jahrhunderten danach, und zu keiner Zeit wurden die Menschen einem Chaos überlassen. Seine Grundlage hatte dies im Konsensus, der den Beweis für die Notwendigkeit eines Imams liefert.

Buchauszug: Ibn Khaldun – Die Ernennung eines Imams ist unerläßlich weiterlesen

Fundstück: BVerfG – Inzestverbot gilt in Deutschland nicht für Homosexuelle

Ja, tatsächlich. Das Bundesverfassungsgericht, Deutschlands höchste Verfassungsinstanz, beschreibt es in ihrem «L e i t s a t z  zum Beschluss des Zweiten Senats vom 26. Februar 2008» (Absatz 56) folgendermaßen:

„Der Umstand, dass beischlafähnliche Handlungen und sexueller Verkehr zwischen gleichgeschlechtlichen Geschwistern nicht mit Strafe bedroht sind, andererseits der Beischlaf zwischen leiblichen Geschwistern auch in den Fällen, in denen eine Empfängnis ausgeschlossen ist, den Straftatbestand erfüllt, stellt die grundsätzliche Erreichbarkeit der (Teil-)Ziele des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung und der Vorsorge vor genetisch bedingten Krankheiten nicht in Frage.“

Fundstück: BVerfG – Inzestverbot gilt in Deutschland nicht für Homosexuelle weiterlesen

Auszug: Abdul Azim Islahi – Die legalen Rechte des Individuums in einer islamischen Gesellschaft

Um die legalen Rechte des Individuums in einer islamischen Gesellschaft darzulegen, bemühte Ibn Taymiyyah ein Zitat von Imam Schafi’i (gest. 820 n. chr. Zeitr.):

“Die Menschen haben allumfassende Rechte auf ihr Eigentum; niemand hat das Recht es ihnen – ohne ihre Zustimmung – ganz oder teilweise zu nehmen, die einzige Ausnahme bilden hier lediglich außerordentliche Notlagen.“

Hierauf bezugnehmend erklärt er – sich streng an den islamischen Prinzipien haltend -, dass die Handlungsfreiheit des Individuums im Islam eine notwendige Bedingung ist, damit es vor Allah für all seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden kann. Aber neben seinem Recht auf Eigentum und die Freiheit seiner Handlungen, wird das Individuum ebenfalls eindringlich dazu ermahnt, bestimmte soziale Aufgaben zu erfüllen und sich (wenn nötig) am Wiederaufbau der Gesellschaft zu beteiligen, weil davon die allgemeine Wohlfahrt abhängt.

Ebenfalls sei es ihm verboten, die Handlungsfreiheit anderer Individuen einzuschränken oder sie in irgendeiner Weise zu verletzen. Für den Fall eines Verstoßes dagegen, muss der Staat eingreifen um derlei Verletzungen der individuellen Freiheit (in der Gesellschaft) in ihre Schranken zu weisen.

(Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Economic Concepts of Ibn Taimiyah, Seite 180 / übertragen in die deutsche Sprache von Yahya ibn Rainer )

Buchauszug: Bertrand de Jouvenel – Das muselmanische Wassergesetz

„Wenn der Überfluß eines Gutes für seine Unentgeltlichkeit verantwortlich ist, so folgt daraus, daß es unter Umständen sehr wohl in die Kategorie der ökonomischen Güter eintreten kann. Der Satz „Ich verkaufe Ihnen ein Pfund Eis“ würde einen Eskimo zum Lachen bringen – für einen Menschen am Äquator würde er ein akzeptables Anliegen ausdrücken.

Während der Geschichte unserer westlichen Gesellschaften sind die Bäume aus der Klasse der „unentgeltlichen Güter“ in die der „ökonomischen Güter“ übergetreten. Ein Stück Bauholz erhielt einst einen Preis ausschließlich aus der Arbeit, die in es eingegangen war: die Bäume konnten umsonst gefällt werden. Die Gewohnheit, daß Bäume schon verkauft werden, bevor sie geschlagen sind, hat sich nicht ohne Schwierigkeiten durchgesetzt.

Nicht nur die Tatsache, daß ein natürliches Gut im Überfluß vorhanden ist, steht seinem Verkauf entgegen. Es wird auch das Gefühl wirksam, daß es zwar legitim ist, für seine Arbeit und seinen Schweiß eine Belohnung zu erhalten, daß dies aber bei einer „Gabe Gottes“ weniger angebracht sei. Dieses Gefühl tritt deutlich im muselmanischen Wassergesetz zutage, das auch im Falle äußerster Wassernot entsprechend dem Koran den Verkauf von Wasser untersagt.“

(Prof. Bertrand de Jouvenel, Über Souveränität – Auf der Suche nach dem Gemeinwohl, Seite 17-18)

 

Auszug: Johann Ludwig Burckhardt – Wahhabitische Regierung (1814)

Johann Ludwig Burckhardt befand sich um 1814 im Rahmen seiner Pilgerfahrt auf der arabischen Halbinsel und erlebte dort hautnah das 1. Wahhabitenreich. In seiner Abhandlung Bemerkungen über die Beduinen und Wahaby, berichtet er ausführlich über den Charakter dieses Reiches und über die Kämpfe die zu seinem Untergang führten.

Im folgenden Auszug stellt er kurz dar, wie der wahhabitische Regent Saud seine Araber führte:

Auszug: Johann Ludwig Burckhardt – Wahhabitische Regierung (1814) weiterlesen

Zitat: Ludwig Ferdinand Clauß – … dann sägt er den Ast ab, auf den ihn Gott selber gesetzt hat

„Der Geist der Mechanei lacht über die Möglichkeit eines Gottesstaates, in dem Gott selber herrscht und der Mensch sich als Gottes Volk weiß. Zwar liegt dieser Plan auch im Judentume beschlossen, und über dieses lacht niemand. Nur eben: wer weiß das? Das Judentum spricht heute nicht mehr davon. Was aber wird der Islam tun? Wenn er den Willen zum Gottesstaat, der in ihm liegt, verleugnet, um so westlich wie der Westen zu sein, dann sägt er den Ast ab, auf den ihn – nach seinem eigenen Entwurfe – Gott selber gesetzt hat.“

(Prof. Dr. phil. Ludwig Ferdinand Clauß, Die Weltstunde des Islams, © 1963, Seite 94)

Buchauszug: Ibn Taymiyya – Illegale Steuern und Abgaben im Islam

Heute ein kleiner Auszug aus dem Buch Economic Concepts of Ibn Taimiyah von Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, der sich mit der Steuerpolitik unter Schariarecht beschäftigt. Der von Prof. Dr. Islahi zitierte Gelehrte heißt Ibn Taymiyyah (1263 – 1328) und war ein islamischer Gelehrter der besonders unter – heute sogenannten – Salafisten hohes Ansehen genießt und recht oft als Referenz herangezogen wird.

Buchauszug: Ibn Taymiyya – Illegale Steuern und Abgaben im Islam weiterlesen

Buchauszug: Muhammad Nejatullah Siddiqi – Freies Unternehmer- und Eigentum

„Wir brauchen eine gut versorgte Gesellschaft, aus der Armut verbannt und Wohlergehen für alle gewährleistet wird. Der Weg zur Verwirklichung dieses Ziels ist die Freiheit des Unternehmer- und Eigentums, (lediglich) begrenzt durch (beständige) moralische Gesetze und beaufsichtigt von einem gerechten Staat, der diesen göttlichen Gesetzen – der Scharia – Geltung verschafft.“

(Prof. Dr. Muhammad Nejatullah Siddiqi, in der Einleitung zum Buch „Economic Concepts of Ibn Taimiyah“ von Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Seite 15 )

Buchauszug: Ghazanfar & Islahi – Al-Ghazali über Reichtum, Armut, Profit, Wohlfahrt und Voluntarismus

Imam Abu Hamid Muhammad ibn Muhammad al-Ghazali – Allah sei ihm gnädig – war ein großer und anerkannter islamischer Gelehrter des 11. Jahrhunderts (christlicher Zeitrechnung). Prof. Dr. S. Mohammad Ghazanfar und Prof. Dr. Abdul Azim Islahi sind zeitgenössische Gelehrte des Fachbereichs Islamische Ökonomie. Aus ihrem Buch stammt das folgende Zitat, welches von mir aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurde.

4. Reichtum und Armut

[…] Laut al-Ghazali ist das nach Profit strebende Verhalten der Menschen nicht grundsätzlich als verwerflich zu betrachten, denn der Wunsch Reichtum und Eigentum zu erwerben ist Teil der menschlichen Natur und ein Mittel um ein höheres Maß an materiellem Wohlergehen zu erreichen. Al-Ghazali erkennt diese Form der „Maximierung“ als menschliche Wesensart an, indem er sagt,

„Ein Mann liebt es den Wohlstand zu vermehren und seinen Besitz aller Arten von Eigentum zu vergrößern. Wenn er zwei Täler von Gold hätte, würde er gern auch ein drittes haben.“

Dann erwähnt er einen klaren Grund für dieses Verhalten; er sagt,

„Ein Mann hat hohe Ambitionen. Er denkt immer daran, dass der momentan vorhandene Reichtum nicht ausreichen oder vernichtet werden könnte, und für diesen Fall benötigt er deshalb mehr. Er versucht also diese Ängste durch weitere Anhäufung zu überwinden. Jedoch werden diese Befürchtungen niemals enden – auch wenn er alle Besitztümer der Welt hat.“

Al-Ghazali scheint damit (allgemein) menschlich-materialistische Tendenzen zu beschreiben, wie sie in jeder Gesellschaft vorhanden sind, ob nun in seiner (damalig) eigenen oder jeder zeitgenössischen Industriegesellschaft. Er erkennt somit nicht nur das Begehren des Menschen an, Reichtum und Besitztum zu vermehren, sondern auch sein Bedürfnis sich achtsam auf die unbekannte Zukunft einzustellen.

5. (Ver-)Teilung und Gleichheit von Wohlstand

Al-Ghazali nimmt eine kritische Meinung zu allen Mitteln ein, die eine Gleichheit von Einkommen und Wohlstand in einer Gesellschaft erzwingen. Ebenso kritisiert er diejenigen die darauf bestehen, dass alle Menschen allgemein ein bestimmtes Existenzminimum zum Leben brauchen – ein solcher Ansatz wäre lediglich für jene Menschen geeignet, die fromm sind und ausschließlich das Jenseits begehren; es kann aber kein Rezept für eine Gesellschaft als Ganzes sein. Wäre dies ein allgemeingültiges Konzept, dann bietet es den Herrschern nämlich einen guten Grund zu Tyrannen und Dieben zu werden und den Menschen unter Zwang all jenes Abzunehmen, was ihrer Ansicht nach übrig und über den Bedürfnissen der Menschen ist. Darüber hinaus wird es zu einem Problem für den Staat, nicht nur in Bezug auf die Einziehung (Eintreibung) dieses „Überschusses“, sondern auch bezüglich der angemessenen Verteilung an diejenigen, über deren Bedürftigkeit ja auch noch geurteilt werden müsste.

Als Alternative, meint al-Ghazali, muss der Geist der islamischen Brüderlichkeit zu einem voluntaristischen (freiwilligen) Teilen des Reichtums leiten. Auch hier spricht al-Ghazali von drei Arten des Teilens und er ordnet sie im Hinblick auf ihre Erwünschtheit entsprechend der Scharia. Die unterste Stufe ist, wenn eine Person ihren Bruder als Helfer oder Diener betrachten kann und sie macht es sich ebenfalls zur Aufgabe, ihrem Not leidenden Bruder zu helfen, ohne zu erwarten um Hilfe gebeten zu werden.

Eine höhere Ebene ist, seinen Bruder wie sich selbst zu betrachten und es ihm zu erlauben Anteil am (eigenen) Eigentum zu haben, als ob auch er der Besitzer des selbigen sei.

Der höchste Rang ist es, den Bedürfnissen des Bruders einen größeren Vorzug einzuräumen als den eigenen. Laut al-Ghazali ist diese höchste Stufe des voluntaristischen (freiwilligen) Teilens und Gebens ein Kennzeichen des wahren islamischen Verhaltens.

Und er zitiert den quranischen Vers 42:38

„[…] und diejenigen, die […], ihre Angelegenheiten durch Beratung untereinander regeln und von dem ausgeben, womit Wir sie versorgt haben, […]“

, den er als Verweis auf die frühen Muslime interpretiert, die ihr Eigentum untereinander und miteinander teilten, manchmal sogar ohne zu unterscheiden was wem gehört, wie beim Reiten auf Tieren. Somit ist also klar, dass, soweit es das (Auf-)Teilen von Reichtum angeht, al-Ghazali es bevorzugt diese Handlung auf voluntaristischer (freiwilliger) Basis beruhen zu lassen, als Teil einer schariabedingten moralischen Verpflichtung und Neigung, anstatt durch autoritäre Vorschriften des Staates – obwohl diese letztere Vorgehensweise nicht vollkommen ausgeschlossen wird, für den Fall das es die Umstände erfordern, wie wir später entdecken werden.

(Prof. Dr. S. Mohammad Ghazanfar & Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Economic Thought of Al-Ghazali (Ökonomische Lehre des Al-Ghazali), Seite 11-12)