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Die Geschichte des mekkanischen Zuhälters

Der bekannte hanbalitische Gelehrte Ibn al-Jawzi (gest. 597 n. H.) schrieb in seiner Zusammenfassung Ahbar an-Nisa (Erzählungen über die Frauen) folgendes:

«Berichte über Kuppler [Zuhälter – Anm. d. Verf.] hat der Historiker al-Mada’ini [gest. 225 n. H. – Anm. d. Verf.] mitgeteilt. Er überlieferte beispielsweise folgende Geschichte:

In Mekka lebte vor einiger Zeit ein schamloser Kerl von niederer Gesinnung, der skrupellos und auf die unverschämteste Weise Frauen an Männer verkuppelte. Er gehörte zum Stamm Quraish, sein Name soll nicht erwähnt werden. Die Einwohner von Mekka beklagten sich bald über das Treiben dieses Mannes bei ihrem Statthalter, der ihn daraufhin … »

Hier stoppen wir vorerst die Erzählung und fragen uns: Was hat der Statthalter zu Mekka wohl mit diesem Zuhälter, seinen Dirnen und den Freiern machen lassen, die nahe der heiligsten Stätte des Islams gewerbsmäßig Unzucht bewerkstelligten und betrieben? Wie geht diese Geschichte wohl weiter?

Nicht wenige werden auf Anhieb wohl Vermutungen dahingehend anstellen, dass im damaligen (vermutlich umayyadischen) Kalifat die Dirnen und Freier erst einmal samt und sonders der schariarechtlichen Haddstrafe ausgeliefert und somit entweder der Auspeitschung oder Steinigung anheimfallen würden. Dem gewerbsmäßigen Zuhälter dürfte es wohl nicht viel besser ergehen.

Ahbar an nisa allerdings ist kein normatives Werk, dient also nicht dazu die Normen einer muslimischen Ordnung darzulegen, sondern es gibt in seinen historischen Berichten und Anekdoten vielmehr die Diskrepanz zwischen dem normativen Ideal und den tatsächlichen Realitäten wieder.

Während also zeitgenössische Romantiker „das Kalifat“ als scharia-perfekten Law-and-Order-Staat träumen, können wir in historischen Schilderungen und Anekdoten zahlreicher Historiker und Gelehrter nachlesen, wie ganz anders es im Kalifat sein konnte.

Nur ein kleines Beispiel ist hier der Ausgang dieser historischen Schilderung von al-Mada’ini, die Ibn al-Jawzi in seinem Werk zum Besten gibt. Ihr dürft euch wundern.

«Die Einwohner von Mekka beklagten sich bald  über das Treiben dieses Mannes bei ihrem Statthalter, der ihn daraufhin nach Arafat verbannte. In Arafat nahm sich der Kuppler eine Wohnung. Nach Mekka wagte er sich jedoch nur noch verkleidet, um seine zahlreichen Kunden – Männer und Frauen – zu treffen.

Bei solchen Treffen sagte er zu ihnen: „Warum kommt ihr nicht mehr zu mir, was hält euch fern?“ Sie antworteten: „Die weite Entfernung! Was nützt es uns denn, wenn du weit weg in Arafat wohnst?“ Er entgegnete darauf: „Nehmt euch doch für zwei Dirham einen Esel! Keinem Menschen kommt das verdächtig vor, ihr könnt euch ganz sicher fühlen! Macht euch einen schönen Spaziergang! Ihr erhaltet von mir die Gelegenheit zu einem Treffen und kommt so zu eurem Vergnügen!“ Da sprachen die Leute: „Das ist ein guter Gedanke! Wir müssen wahrlich bekennen, daß du da völlig im Recht ist!“

Bald zogen die Leute in Scharen hinaus nach Arafat. Der Zustrom der Menschen dorthin nahm bald überhand. Der schlechte Einfluß auf die Einwohner von Mekka, insbesondere auf die Jugendlichen, wurde immer sichtbarer, und erregte die moralischen Bedenken der ehrenhaften Bürger.

Aber auch die anderen Kuppler und gemeine Leute in Mekka sahen die Abwanderung ihrer Kunden nach Arafat mit dem größten Unbehagen. Sie führten deshalb erneut Klage bei ihrem Statthalter, der diesmal den Kuppler steckbrieflich suchen ließ. Sehr bald konnte man seiner habhaft werden.

Er wurde zum Statthalter gebracht, der ihn zur Rede stellte: „Du Feind Allahs! Da habe ich dich aus der Stadt Allahs – groß und erhaben ist Er! – ausgestoßen und dich bestraft. Trotzdem unterstehst du dich, an der erhabensten Kultstätte dein verruchtes Gewerbe weiter zu betreiben, ja es in noch größerem Ausmaß auszuüben! Ohne Scham und ohne ein mahnendes Gewissen machst du dir ein Geschäft, die Leute miteinander zu verkuppeln!“

Der Kuppler erwiderte darauf: „Allah möge dem Statthalter Glück verleihen! Aber die Leute, die mich beschuldigen, lügen und sagen überhaupt nicht die Wahrheit, weil sie mir nicht gut gesinnt sind und mich beneiden!“

Voller Empörung wiesen das die Mekkaner zurück und sprachen zum Statthalter: „Es ist ganz und gar deine Angelegenheit, wem du mehr Glauben schenkst: dem Kuppler oder uns ehrbaren Bürgern. Aber erlaube uns, daß wir einen Beweis für die Richtigkeit unserer Klage erbringen. Gestatte uns, daß wir eine Dirne auf einen Esel der Gauner und Spitzbuben setzen und ihn in Richtung Arafat in Trab bringen. Wenn dieser Esel, wie er es gewohnt ist, diese Dirne in das Haus des Kupplers in Arafat bringt, dann soll das der Beweis für die Richtigkeit unserer Aussagen sein! Wenn der Esel sich aber anders verhält, so soll der Kuppler sein Recht haben!“

„Sehr gut“, sagte der Statthalter, „darin liegt der Schlüssel der Wahrheit“

Ohne zu zögern befahl er, daß ihm ein Spitzbubenesel gebracht würde. Er ließ eine Dirne aufsitzen und brachte den Esel Richtung Arafat in Trab. Tatsächlich verhielt sich der Esel so, wie es die ehrbaren Mekkaner gesagt hatten, und lief direkt zum Haus des Kupplers.

Damit war der Beweis für die Berechtigung der Beschwerde gegen den Kuppler erbracht. Der Statthalter befahl, den Kuppler auf der Stelle auspeitschen zu lassen. Als dieser dann dem Auspeitscher übergeben wurde und ihm gegenüberstand, begann er laut zu weinen.

Da fragte ihn der Statthalter verwundert: „Was bringt dich denn, du Feind Allahs, zum Weinen?“ Da gab der Kuppler die folgende Antwort: „Bei Allah! Allah schenke dem Statthalter Glück! Ich habe überhaupt keine Angst vor den Schlägen. Angst habe ich nur davor, daß die Leute im Irak über uns lachen und spotten werden. Sie werden nämlich sagen, daß die Mekkaner dem Zeugnis eines Esels Glauben schenken und es als beweiskräftig ansahen!“

Da lachte der Statthalter und erließ dem gerissenen Kuppler die Strafe.»

(Ibn al-Jawzi, Über die Frauen / Ahbar an-Nisa, übersetzt von Dieter Bellmann, Verlag C.H. Beck, Seite 292ff.)

Die Vorstellung von freier Marktwirtschaft im frühen Islam – Das vor-islamische Mekka und sein Hinterland (2. Teil)

Der folgende Text stammt von Suleyman Dost, einem türkischstämmigen Doktoranten des Fachbereichs »Nah-östliche Sprachen und Zivilisationen« an der University of Chicago (hier ein Auszug aus seiner Dissertation), und wurde von mir (Yahya ibn Rainer) in die deutsche Sprache übertragen. Das englischsprachige Original ist »HIER« zu finden.

Das vor-islamische Mekka und sein Hinterland: Ein deutliches Beispiel für einen freien Markt

Der Boden, der eine Weltreligion gebar, Mekka, war auch außergewöhnlich fruchtbar in einer anderen Hinsicht, denn im 6. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung war es ein Hauptknotenpunkt der Handelsrouten auf der arabischen Halbinsel, welche vom heutigen Syrien, im Norden, bis nach Jemen und Abessinien (Äthiopien) im Süden reichte. In der Tat ist es so, dass die unvergleichlich rasche Expansion der frühen islamischen politischen Ordnung am wesentlichsten durch die Existenz dessen erläutert werden kann, was von fast allen Autoren als „the Meccan trade“ (der mekkanische Handel) bezeichnet wird. Dies wird besonders prägnant von dem Historiker M. A. Shaban zum Ausdruck gebracht, der sagt:

„Zu versuchen eine Abhandlung über die Aktivitäten Mohameds in Mekka und Arabien zu verfassen, ohne dabei den Handel zu berücksichtigen, würde einer Studie zum heutigen Kuwait und Saudi-Arabien gleichkommen, ohne dabei Bezug auf den Ölreichtum zu nehmen.“ [1]

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Buchauszug: Ludwig Ferdinand Clauß – Von Abendland, Nationalismus und Spenglers Fellachen

„Der Bereich der Mechanei wird noch heute aus Gewohnheit „das Abendland“ genannt, obschon der Sinn dieses Wortes gerade am Geiste der Mechanei erlosch. Abendland ist seinem Begriffe nach als Gegensatz zum Morgenlande gedacht: oriens – occidens ist ein Begriffspaar, dessen Glieder nicht voneinander lösbar sind. Der Sichtpunkt, von dem aus sie gesetzt sind, ist Rom: erst das antike, dann aber das christliche Rom, das sich selbst als den Mittelpunkt der Christenheit sieht. Durch den Einbruch des Islams in den Mittelmeerbereich und die Aufspaltung der Mittelmeerwelt in Ost und West war Rom gezwungen, Anlehnung nach Norden, nämlich an das damalige Frankenreich zu gewinnen, eine Entwicklung, die zu einem Gemeinschaftsbewußtsein des „christlichen Abendlandes“ geführt hat, dessen Christlichkeit von diesem Begriffe nicht abzutrennen ist. Das Abendland setzt sich darin bewußt vom Morgenlande ab, dessen Inbegriff erst Byzanz und – seit der Kreuzzugspropaganda – mehr und mehr die Welt des Islams war.

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Gedicht: Eduard Schulte – So ehrt der Islam wahren Ruhm

Aus dem Gedicht Bems Tod von Eduard Schulte (1823-1870)

— Als der Verrath das Heldenschwert
Ihm rang aus festgeballten Händen,
Hat er gen Mekka sich gelehrt,
Denn zur Türkei mußt‘ er sich wenden;
Da hat er unter’m Halbmond Schutz,
Beim Sultan Menschlichkeit gefunden,
Da hat er denn im festen Trutz
Den Turban um sein Haupt gewunden! —

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