Schlagwort-Archive: Deutschland

Deutsche Sitte und (Leit-)Kultur vor nicht einmal 50 Jahren

Da schau her!

So titelte die BILD-Zeitung im Februar 1968. Das ist nicht einmal 50 Jahre her.

CdxEjFHWAAA9Efo

Damals wäre eine „Integration“ sittsamer Moslems mit Sicherheit leichter gewesen. Es stellt sich nur die Frage, wer heute weiter entfernt ist von dieser deutschen Sitte und (Leit-)Kultur.

Jeder halbwegs konservative Geist wird zugeben müssen, dass – gemessen am Sittenbild der 60er Jahre – die meisten hiesigen Muslime deutscher sind, als viele Deutsche, die sich heute über die Sittenstrenge der Moslems aufregen.

Gastbeitrag: Saad muss mal was loswerden

Der folgende Text stammt von einem mir persönlich bekannten Bruder namens Saad. Er entfleuchte ihm spontan im Rahmen einer Auseinandersetzung zum Thema Diskriminierung in einer kleinen gemeinsamen WhatsApp-Gruppe. Mit seiner Erlaubnis publiziere ich ihn hier in leicht berichtigter Form.

«Ich muss jetzt mal etwas loswerden.

Ich finde es mittlerweile unerträglich, wie Muslime in der heutigen Zeit beleidigt durch die Straßen laufen und „Ausschau“ nach „Diskriminierungen“ halten, an Paranoia grenzend jeden schiefen Blick als „islamfeindlich“ und diskriminierend empfinden, sich (tief in Innern vielleicht sogar freuend) dann empört im Internet/ bei anderen „akhis“ ausweinen, dass diese Zeit ja sooo schlimm ist und man es als Muslim sooo schwer hat.

Ich kann das nicht mehr hören! Wir müssen den Muslimen in Deutschland/Europa von der Minbar aus auch mal ein bisschen Stolz und Würde einbläuen und sie ermahnen endlich diese Opferrolle zu verlassen, die sie – zwar niemals zugebend, aber scheinbar – genussvoll eingenommen haben!

Gastbeitrag: Saad muss mal was loswerden weiterlesen

Was eine deutsche Muhajira in Ägypten über die Flüchtlingskrise in Deutschland meint

von Yahya ibn Rainer

Unlängst, während eines kurzen Ägyptenaufenthaltes, empfing ich mit meiner Frau zusammen eine alte Bekannte. Die Schwester ist Schwäbin, vollzog bereits vor weit über 20 Jahren die Hijra nach Ägypten, lebte dort mit ihrem ägyptischen Ehemann und zog zwei Söhne groß. Heute ist sie leider Witwe und ihre beiden Söhne sind längst erwachsen. Trotzdem entschied sie sich in Ägypten zu bleiben, was gewiss auch daran liegt, dass man dort (auch unter einem al-Sisi) als Niqab-Trägerin mit weniger (bis gar keinen) gesellschaftlichen Diskriminierungen zu kämpfen hat.

Natürlich verfolgt sie auch in Ägypten die Nachrichten aus Deutschland, besonders auch solche über die momentane Flüchtlingskrise. Während hierzulande die meisten Leute klar Partei ergreifen – entweder für oder gegen Flüchtlinge – und sich aufgrund dessen mittlerweile sogar eine deutliche gesellschaftliche Spaltung vollzogen hat, hatte die Schwester (mit ein wenig Abstand vom Geschehen) eine erfreulich ausgeglichene Meinung. Sie meinte zu uns:

«Ich kann die Syrer, die sich jetzt auf den Weg nach Europa und vor allem nach Deutschland machen, vollkommen verstehen. Natürlich sorgen sie sich um ihre Zukunft, wollen in Sicherheit leben und wünschen sich eine gute Ausbildung für ihre Kinder. Ich würde an ihrer Stelle auch nach Deutschland gehen.

Aber ich kann ebenso auch die Deutschen verstehen, die sich gegen diese Massenzuwanderung wehren und nicht damit einverstanden sind. Syrer sind Fremde, mit einer anderen Kultur und einer anderen Religion. Stellt euch mal vor, es würden vergleichsweise Massen an Christen in ein muslimisches Land einwandert, das würde den Muslimen auch nicht gefallen.

Das ist einfach zu viel.»

Wie ihr seht, muss man nicht immer (nur eine) Partei ergreifen.

Sachsen/Dresden vor etwa 120 Jahren – Als Pegida noch “Deutsche Reformpartei” hieß

[…] Sachsen ist 1893 mit einem Anteil von 0,24% einer der deutschen Staaten mit dem geringsten Anteil an Juden, unter den großen Staaten sogar derjenige mit dem geringsten (zum Vergleich: Berlin hat einen jüdischen Bevölkerunganteil von 5%, Frankfurt am Main von 10%). Dennoch schneiden die Antisemiten unter der Firma “Deutsche Reformpartei” hier besonders stark bei den Reichstagswahlen ab und erobern die Mandate für die sechs Wahlkreise Bautzen-Kamenz-Bischofswerda, Dresden rechts der Elbe-Radeberg-Radeburg, Dresden links der Elbe, Dresden-Land links der Elbe-Dippoldiswalde, Meißen-Großenhain-Riesa und Pirna-Sebnitz. Mit weniger als einem Viertel Prozent Juden droht ja schließlich die “Verjudung” Sachsens und Deutschlands. […]

Quelle: Freisinnige Zeitung, HIER komplett lesen >>

Kurz gesagt: Eine schöne Sitte aus dem Morgenland

Eine schöne Sitte, die ich aus einigen muslimischen Ländern kenne und die hier in Deutschland vielleicht Eingang finden sollte:

In Ländern wie Ägypten gibt es bekannterweise recht viele arme Menschen. Was ich besonders bei armen Müttern dort sah und erlebte, war, dass sie nicht unnütz irgendwo am Straßenrand bettelten, sondern stattdessen eine kleine Gegenleistung boten.

So kaufen sie z.B. kleine Mengen an Süßigkeiten oder anderen Produkten (wie Taschentücher, Kugelschreiber usw) und bieten es an Bushaltestellen und Bahnhöfen den Fahrgästen an. Wenn sich jemand erbarmt und ihr etwas abkauft, dann erwirtschaftet die Frau einen kleinen Gewinn, den sie dann wieder reinvestiert.

Wenn sie den ganzen Tag so verfährt und genug Menschen ihr etwas abkaufen (was sie für gewöhnlich tun, da sie wissen, dass diese Form des Handels aus einer Notlage heraus passiert), dann kann sie mit einem winzigen Startkapital mitunter auch für mehrere Tage ihre Versorgung erwirtschaften und behält nebenbei auch ihren Stolz.

Die Mutter, die mir in Ägypten oder Deutschland einen Schokoriegel oder Tempotaschentücher verkauft und damit ein wenig Gewinn erwirtschaftet, ist mir tausendmal lieber als der zerlotterte westliche Punker, der mich halbtrunken nach ’nem Euro anschnorrt.

Zudem hat der Gesandte Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – den Handel gepriesen und seiner Ummah anempfohlen ihm nachzugehen.

Burkini vs. Badekarre: Die vergessene deutsche Schamhaftigkeit

von Yahya ibn Rainer am 07. Mai 2014

Die Lobby gegen den Islam und die Muslime in Deutschland ist groß und weit gefächert. Allein der Besuch von PI-News offenbart ein wahres Potpourri an unterschiedlichen weltanschaulichen Gesinnungen innerhalb dieses Milieus. Angeführt vom liberalen Geist mit neokonservativem Einschlag, schreiben, werben und kommentieren auf PI-News, Seit an Seit, Liberale, Sozialdemokraten, Nationaldemokraten, Erzkatholiken, Evangelikale, Nihilisten, Neurechte, Altrechte, missionierende Antitheisten uvm., allein nur um eines gemeinsamen Zieles wegen, nämlich zur Herabsetzung, Beleidigung, Widerlegung und Bekämpfung des Islams und der Muslime.

Burkini vs. Badekarre: Die vergessene deutsche Schamhaftigkeit weiterlesen

Die Rede des Andreas Abu Bakr Rieger auf einer Veranstaltung des türk. „İslam Devleti“ (Islamischen Staat) (1993)

Im Jahre 1993 hielt der Jurist, Publizist und Herausgeber der Islamischen Zeitung, Andreas Abu Bakr Rieger, eine Rede auf der gut besuchten Veranstaltung der türkischen Organisation „Anadolu Federal İslam Devleti“ (Freier Islamischer Staat Anatoliens), die später auch als „Hilafet Devleti“ (Kalifatstaat) Bekanntheit erlangte und 2001 vom Bundesinnenministerium in Deutschland verboten wurde.

Der Wortlaut dieser Rede war wie folgt:

Die Rede des Andreas Abu Bakr Rieger auf einer Veranstaltung des türk. „İslam Devleti“ (Islamischen Staat) (1993) weiterlesen

Wieso Maultaschen auch „Herrgottbscheißerle“ heißen

von Yahya ibn Rainer

Unter dem Namen Maultaschen kennt sie fast jeder, diese schwäbische Teigware mit fleischiger Füllung. Sie gelten als die deutsche Version der italienischen Ravioli und werden nicht nur in Mitteleuropa gern kredenzt. Die wenigsten wissen jedoch weshalb sie Maultaschen heißen und dass sie in ihrem Ursprungsland, dem Schwabenländle, auch „Herrgottbscheißerle“ genannt werden.

Maultaschen heißen sie nämlich nicht, weil sie so formvollendet ins geöffnete Kauwerkzeug passen, sondern weil sie aus dem Städtchen Maulbronn stammen. Dort gibt es seit 1138 ein christliches Zisterzienser-Kloster, welches maßgeblich Anteil hatte an der Erfindung dieser deutschen Spezialität.
Wieso Maultaschen auch „Herrgottbscheißerle“ heißen weiterlesen

Ich verachte euch dafür …

von Yahya ibn Rainer

Viele Libyer, Syrer, Iraker, Tunesier, Ägypter, Türken, Marokkaner usw. sind in den letzten Jahrzehnten nach Deutschland gekommen, weil die Lage in ihren Heimatländern durch die nationalistischen, sozialistischen und radikallaizistischen Tyrannen für praktizierende Muslime sehr schwer wurde. Zahlreiche Muslime erzählten mir von den Praktiken der Geheimdienste und Staatsagenten in ihren Ländern, die Moscheen überwachten, ihre Besucher (besonders zum Morgengebet) verzeichneten und diese manchmal auch persönlich unter Druck setzten.

Ich verachte euch dafür … weiterlesen

Als Salafit zu Gast bei einem Sufi-Sheikh (Teil 3)

von Yahya ibn Rainer

Der Sohbet-Raum der Mevlevi-Tekke war ein sehr gemütlich eingerichtetes großes Zimmer, mit vielen orientalischen Sitzkissen, einigen europäischen Sitzmöbeln und reichhaltigem Wandschmuck. Die meisten Wandbilder zeigten arabische Kalligraphien und in der Sitzecke, wo der Sheikh mit Jamal saß, hangen und lehnten zahlreiche Zupfinstrumente.

„Wie Ihr seht,  beschäftigen Wir uns hier auch mit Verbotenem, der Musik.“ sagte Sheikh Abdullah Halis zu mir, als ich mich gerade in der europäischen Sitzecke niederließ. Ich hatte bei diesem Satz eine gewisse Häme in seiner Stimme erwartet, denn er meinte eindeutig mich und wollte mit dem Satz wohl zum Ausdruck bringen, dass er nun wüsste wer ich sei, und ein Salafist hält nun einmal strikt am muslimischen Muszierverbot fest.

Aber er sagte es scheinbar ganz ohne Nebengedanken und ohne besondere Mimik, er meinte es anscheinend ernst. Er verzichtete auch darauf sich eines der zahlreichen Instrumente zu nehmen und die illustre Runde zu beschallen. Es folgten weitere Anekdoten, ein paar Witze und die Übersetzung bzw. Erläuterung einiger Kalligraphien, von denen die eine oder andere wohl schon recht alt war.

Nun ließen sich auch die beiden sufischen Hausdamen des Öfteren blicken. Sie kamen rein, gingen durch oder fragten kurz etwas. Dabei fiel mir auf, dass sie nie das Zimmer vorwärts wieder verließen, sondern immer rückwärts, vorgebeugt und mit der rechten Hand auf dem Herzen. Ob diese Geste dem Sheikh galt, uns – den Gästen – oder Teil einer speziellen osmanischen oder sufischen Tradition waren, das fragte ich leider nicht, aber es wirkte ungewohnt, ebenfalls wie die Ansprache mit „Ihr“.

Das Essen war scheinbar fast fertig und man erkundigte sich, wie viele Gäste denn zum Speisen bleiben würden. Der Amerikaner war anscheinend sowieso schon eingerechnet, dazu noch eine syrische Flüchtlingsfamilie – ein Mann mit seiner Frau und 3 kleinen Kindern – die Unterkunft in einer Gästewohnung der Tekke gefunden hatten. Auch Jamal und ich hatten uns entschieden, entgegen unseren vorherigen Planungen, der freundlichen Einladung des Sheikhs zu folgen und ihm an seiner Tafel Gesellschaft zu leisten. Zuvor jedoch trat die Gebetszeit ein.

Der Sheikh stand kurz auf und rief eine seiner Hausdamen herbei. Ich befürchtete schon, dass wir nun einen Frauen-Adhan zu hören bekommen sollten, aber stattdessen ging sie wieder von dannen und einige Sekunden später hörte man ein leises Knistern und Knacksen. Hier, in der Mevlevi-Tekke, wurde der Adhan nicht selbst ausgerufen, sondern von einem Tonband abgespielt. Es sei eine schon recht alte Aufnahme aus Syrien, extra von einem Meister des Gebetsrufes für diese Tariqat in den 60er Jahren aufgenommen und abgeschlossen mit einer ganz besonderen Dua von einem ganz besonderen Sufi-Sheikh.

Nach der Beendigung des Gebetsrufes verließ uns der Sheikh kurz, um sich für das Gebet zu waschen und neu zu kleiden und beim Verlassen des Zimmers machte er es den Sufi-Schwestern gleich, indem er den Türrahmen rückwärts durchschritt, sich dabei in unsere Richtung vorbeugte und dabei seine rechte Hand aufs Herz legte.

„Du hast ihm von Pierre Vogel erzählt!“ sagte Jamal zugleich in meine Richtung, „Das hat er mir sofort erzählt. Jetzt weiß er Bescheid!“. Das sollte mir recht sein.

Als Sheikh Abdullah Halis wieder kam und wir gemeinsam die Musalla betraten, die ich zuvor bereits mit dem Amerikaner besichtigt hatte, da stach mir wieder die hintere rechte Ecke des Raumes ins Auge. Der Musikwissenschaftler konnte zwar recht gut deutsch sprechen, aber was dieses kastenförmige Gebilde – mit zwei Türen darin – zu bedeuten hatte und wieso wir bei der ersten Besichtigung der Musalla ruhig sein sollten, das konnte mir der junge Mann nicht so recht erläutern. Nun aber, als wir für das Gebet ein zweites Mal die Musalla betraten, kam mir aus der Richtung dieses Kastens, der etwa die Ausmaße einer winzigen Sauna hatte und komplett mit Holz verkleidet war, ein lautes und monotones Singsang entgegen.

Es saß anscheinend jemand in diesem Kasten und machte lautstark Dhikr. „Allah-Allah-Allah-Allah-Allah-Allah-Allah-…“ hörte ich über lange Zeit hinweg, auch während wir unsere Sunnah-Gebete verrichteten. Es irritierte ein wenig, aber zum Pflichtgebet – dachte ich – wird er wohl aus seinem Kasten raus kommen und mit uns beten.

Pustekuchen. Als wir mit den Sunnah-Gebeten fertig waren, wurde die Iqama gesprochen und wir reihten uns ein zum Dhuhr-Gebet, den Mann in der Box jedoch juckte das recht wenig. Während wir also das Gebet in der Gemeinschaft verrichteten, rief er mit Inbrunst weiterhin seine Litaneien aus. Manchmal glaubte ich mir bekannte Worte zu verstehen, aber meistens hörte ich nur einsilbige Laute (u.a. HuHuHu u.ä.)

Hinten links in der Musalla standen 2 grüne Särge, die waren mir erst nach dem Gebet aufgefallen, als ich nach der Beendigung der Gebetseinheiten ein wenig Distanz zwischen mich und die anderen brachte, da sie mir unbekannte Riten und Formeln an das Pflichtgebet anschlossen. Diese offensichtliche Nichtteilnahme wurde zwar wahrgenommen, aber anscheinend nicht als Affront aufgefasst. Die Särge irritierten mich jedoch und ich nahm mir vor Jamal darauf anzusprechen, ebenso wie auf den Mann in der Box.

Nun waren auch die anderen fertig und wir erhoben uns um gemeinsam in den Speisesaal zu gehen, der Mann aus der Box jedoch kam nicht mit.

Die Särge, so versicherte mir Jamal, waren leer. Sie dienten ausschließlich dazu, an die verstorbenen Großsheikhs der Tariqat zu erinnern. Und der Mann in der Box unterzog sich einer ganz speziellen Sufi-Therapie. Es gehört wohl zur Praxis dieser Tariqat, dass sich der Schüler des Sheikh für 18 Tage in diese Box zurückzieht. Während dieser Zeit fastet er und beschäftigt sich ausschließlich mit gottesdienstlichen Handlungen, von denen die meisten – wie z.B. dieses Dhikr – vorgegeben sind. Niemand darf in dieser Zeit zu ihm in die Box kommen, er darf die Box nicht verlassen und man darf auch nicht auf irgendeine Weise kommunizieren.

Am Essenstisch dann gab es zwei große Überraschungen, eine gute und eine böse. Die gute: Es gab traumhaft leckeres syrisches Essen. Die beiden Schwestern hatten anscheinend unter der Anleitung der syrischen Flüchtlingsfrau ein mehr als reichhaltiges Mahl gezaubert und uns dann zu Tische kredenzt. Die böse Überraschung: Frauen und Männer haben zusammen gespeist. Männer auf der einen Seite und die Frauen genau gegenüber auf der anderen Seite des Tisches. Das war ich schon lange nicht mehr gewohnt. Ich konnte praktisch nirgends hinschauen, außer auf meinen Teller oder nach ganz rechts oder links. Man unterhielt sich ungeniert, schaute und lächelte sich gegenseitig an und ich fühlte mich wirklich sehr unwohl.

Nun hatte ich, weil der Sheikh sowieso schon so ein großes Mitteilungsbedürfnis hatte, nur selten die Möglichkeit das Wort zu ergreifen, und dann setzte man noch zwei mir völlig fremde Frauen ähnlichen Alters mit an den Tisch, was mich letztendlich komplett zum Schweigen brachte.

Dafür kam Jamal zu Wort und er brachte Pierre Vogel wieder in Gespräch. Ob man ihn nicht einmal in die Tekke einladen wolle. Man könnte mit ihm diskutieren, ihn auf einige bestimmte Themen ansprechen. Der Sheikh war ob dieser Idee doch ein wenig aus der Fassung. „Wir haben mit der Person Pierre Vogel ein kleines Problem“, sagte der Sheikh nur kurz und knapp, führte den Gedanken aber nicht weiter aus. Auch die beiden Damen fanden die Idee anscheinend gut. Man könne ihn ja dieses oder jenes fragen oder ihm die Chance geben einiges richtig zu stellen. Doch diese Vorstellung war dem Hausherrn anscheinend nicht ganz geheuer. Das Thema wurde totgeschwiegen.

Als dann alle emsig ihr Tellerchen gelehrt hatten und nichts mehr nachlegen wollten, da kam es zur nächsten sonderbaren Praxis dieses Ordens, es gab eine Art Tischgebet. Alle Tischgäste – außer dem pösen Salafisten – ballten nun, gemeinsam mit dem Tischherrn, ihre beiden Fäuste und drückten die Vorderseiten selbiger mit der Handfläche nach unten zeigend gegen die Tischkante, senkten den Kopf und sprachen im Chor irgendetwas, was sich nach einer Dua und anschließendem HuHuHuHaHa (oder so ähnlich) anhörte. Nun musste ich ein wenig schmunzeln und auch die syrischen Gäste, die das Ritual anscheinend kannten, schauten nach dem Vollzug ein wenig verschmitzt zu Boden.

Solcherlei Besonderheiten kamen etwas häufiger vor und jedes Mal nahm ich an diesen Ritualen bewusst nicht teil. Vor allem, weil ich die Rituale gar nicht kenne, aber als Salafit natürlich auch, weil ich auf die Schnelle nicht beurteilen konnte, ob es sich bei den Handlungen ggf. um Neuerungen in der Religion handelte. Ich bin weiß Gott kein Pedant in dieserlei Hinsicht und ich schelte gewiss nicht jede Handlung sofort als Bi’da, nur weil ich sie nicht kenne. Doch Vorsicht ist geboten und wenn es einen Grund gibt um den Sufismus zu tadeln, dann ist es das teils häufige Auftreten von Neuerungen, die sich in den letzten Jahrhunderten speziell im Tasawwuf herausgebildet haben.

Ich bin aber ebenfalls der festen Ansicht, dass die negative Klassifizierung einer Handlung mitunter auch vorschnell geschieht, besonders wenn die Handlung von Sufis ausgeht und die Klassifizierung von einem zeitgenössischen Salafi getätigt wird. Sicherlich finden wir hier Übertreibung auf beiden Seiten, ebenso wie ich auf beiden Seiten im Grundsatz auch eine gute Absicht unterstelle.

Ich hatte, als ich meinen Besuch in der Mevlevi-Tekke plante, mir zwei Szenarien ausgemalt: Ein Worst-Case-Szenario, in dem mich der Sheikh mit Zeter und Mordio und im hohen Bogen von seinem Hofe werfen und mir noch Flüche gegen mich und meine Glaubensgenossen nachrufen  würde. Und ein Best-Case-Szenario, in dem mich der Sheikh tief beeindrucken und meine kritische Haltung gegenüber dem zeitgenössischen Sufismus korrigieren würde.

Beides ist nicht eingetreten. Der Sheikh war sicherlich freundlich, gebildet und lebenserfahren, aber er zeugte in meiner Gegenwart nicht von einer speziellen Güte, die ihn als Meister und Lehrer einer wie auch immer gearteten Askese oder charakterlichen Vorbildlichkeit ausgezeichnet hätte. Wäre mir sein Titel – als Sufi-Sheikh mit besonderen Lehrbefugnissen – im voraus nicht bekannt gewesen, hätte ich ihn als einen ganz normalen deutschen Muslimbruder erlebt, wie Jamal und viele andere Muslimkonvertiten der ersten Generation, die zwar häufig einen anderen Weg als wir beschritten – allein schon weil sie andere Umstände hatten – aber trotzdem unsere Brüder sind und von denen wir auch profitieren können, weil sie Lebenserfahrung haben und natürliche Weisheit besitzen.

Das der zeitgenössische Sufismus in einer Krise steckt, das musste sogar der Sheikh mir gegenüber zugeben. Er hat vor kurzem seine Tariqat auflösen müssen, zwar nicht endgültig, aber vorübergehend. Er hatte das Gefühl, dass viele heutzutage den Tasawwuf für „eine spirituelle Hängematte“ hielten. Ernsthaft das Ziel erreichen, nämlich die Erlangung von Ikhlas (Aufrichtigkeit) in den gottesdienstlichen Handlungen, wollen anscheinend nur die Wenigsten. Der Spaßfaktor, das Verkleiden, das Singen, das Tanzen, die Meditation, das wirkt bei den Meisten eher als Ablenkung vom Alltagsstress oder von anderen psychischen Problemen. Aber hart arbeiten möchte längst keiner mehr, in diesem Jihaad an-Nafs, der der schwerste aller Kämpfe sein soll.

Ich würde den Sheikh wieder besuchen. Allein die Tatsache, dass er mir meine distanzierte Art nicht übel nahm und mich als Gast unvoreingenommen und freundlich behandelte, rechne ich ihm hoch an. Obwohl er wusste, dass ich ein „Salafist“ bin, hat er mich weder getadelt noch zurecht gewiesen. Sein Gerede vom „Krebsgeschwür“ des Salafismus – in einem Interview mit der Ortspresse – fand im Umgang mit mir keinen Nachhall.

Ich entschuldige mich an dieser Stelle dafür, dass ich nicht mehr Lob für ihn habe aufbringen können und hoffe ihn mit meinem Text nicht allzu sehr verletzt zu haben.

Als Salafit zu Gast bei einem Sufi-Sheikh (Teil 2)

von Yahya ibn Rainer

Es ist mir etwas aufgefallen, in den letzten knapp 8 Jahren als sogenannter Salafist. Alle reden über uns. Journalisten, Politiker, Islamwissenschaftler, PImaten, aber auch Funktionäre von Muslim- und Islamverbänden, Religionsbehörden oder Moscheevereinen. Speziell diese „Muslime“, die auf Anfrage der Presse oder Anraten örtlicher Politiker bzw. Behörden über den bösen Salafismus schwafeln, dass er nichts mit dem wahren Islam zu tun habe und seine Anhänger unwissend seien, diese „Muslime“, die sich für alles mögliche einsetzen, für die freiheitlich-demokratische Grundordnung, für das Grundgesetz, für den Wohlfahrtsstaat, für den interreligiösen Dialog, aber nicht für den Islam und die Muslime, alle Muslime.

Sie bilden Räte, organisieren Konferenzen, kooperieren mit staatlichen Einrichtungen, geben Expertisen, nur um Politik und Staat zufrieden zu stellen, um in Ruhe gelassen zu werden, aus Angst vor Repression, um den Aufenthaltsstatus zu behalten oder einfach nur um gelobt zu werden, von Ministern, Bürgermeistern und Behördenvorstehern. Doch was passiert, wenn diese Funktionäre in ihrer Moschee einem solchen Salafisten begegnen? Lassen sie ihren Worten Taten folgen? Nehmen sie sich den Bruder zur Seite? Geben sie Nasiha (einen Ratschlag)? Versuchen sie dieses angeblich falsche Islamverständnis zu korrigieren?

NEIN !!!

In all den 8 Jahren als irrgeleiteter, gefährlicher, bösartiger und unislamischer Salafist, ist noch kein Hodscha, kein Imam, kein Moscheevorstand, kein Muslimfunktionär und auch kein Sufi-Sheikh an mich herangetreten und hat versucht mich aus meinem angeblichen Irrtum zu erretten. Besonders hier in Hamburg, wo man mich vielerorts bestens kennt, als engagiertes Gemeindemitglied der ehemaligen Taiba-Moschee (bzw Al-Quds-Moschee), die nach vertraulichen Beratungen zwischen eben diesen Funktionären und der Staatsmacht einvernehmlich geschlossen und verboten wurde.

Ich komme in ihre Moscheen – und ich gehe in fast jede Moschee in Hamburg -, sie sehen mich, erkennen mich und grüßen mich (oder auch nicht), aber darüber hinaus kommt kein Sterbenswörtchen.

Warum ist das so? Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich: Der Sufi-Sheikh aus Trebbus sah ebenfalls keinerlei Veranlassung mich eines Besseren zu belehren. Der Bruder Jamal, den ich eigentlich in Trebbus besucht hatte, kündigte meinen Besuch im Mevlevi-Orden bereits einen Tag zuvor an, aber er verschwieg, dass ich ein sogenannter Salafist war. Das sollte ich dem Sheikh – wenn möglich – doch bitte selber irgendwie beibringen. Und so brachte mich Jamal in die Tekke, die nur etwa 1-2 km von seinem Hof entfernt lag, stellte mich dem Sheikh vor, trank noch einen Tee mit uns und fuhr dann allein wieder nach Hause.

Nun lag es also an mir, einen geeigneten Weg zu finden um dem Sheikh die Ankunft des Bösen, des Krebsgeschwürs, in seinem Hause zu offenbaren. Natürlich hatte ich mir zuvor einige Gedanken darüber gemacht wie ich auftreten möchte. Ich entschloss mich für meine natürliche und somit freundliche und respektvolle Art, wie ich jedem Muslim begegne, besonders wenn er das gesegnete Alter von 70 Jahren erreicht hat – wie Scheich Abdullah Halis al Mevlevi–Efendi -, das gehört sich einfach.

Ich war allerdings nicht der einzige Gast im Hause. Bei meiner Ankunft saß bereits ein anderer Mann beim Sheikh zu Tisch. Es war ein us-amerikanischer Musikwissenschaftler, der in Deutschland für ein Buch recherchierte. Sein Forschungsgebiet war orientalische Musik, speziell schiitische und sufische Stile. Sein Buch sollte vom Islam in Berlin handeln und hierzu gehörte auch ein Aufenthalt im Mevlevi-Orden zu Trebbus, das ja nur 125km südlich von Berlin liegt. Er hatte eine professionelle Videokamera dabei und sein Notizheftchen immer parat, denn der Sheikh hatte viel zu erzählen.

Ich habe hin und her überlegt, ob und inwieweit ich meine negativen Eindrücke vom Sheikh hier schildern soll. Ich kam während meines Aufenthaltes dort nicht wirklich oft zu Wort und konnte somit auch nicht darüber aufklären dass ich einen Blog betreibe und vorhabe dort über meinen Besuch zu berichten. Ich werde also an mich halten und meinen persönlichen Eindruck von der Person des Sheikhs nicht sonderlich ausführen, nur so viel sei gesagt: Nicht alles, was ich mir in positiver Erwartung von einem Meister des Tasawwuf erhofft habe, hat sich beim Treffen mit dem Sheikh erfüllt.

Aber es gab auch sehr viel Gutes was ich sah und hörte. Die Gegenwart des Wissenschaftlers war für den Sheikh ein Anlass viele Anekdoten aus seinem langen Leben zu berichten, osmanische Überlieferungen zu erzählen, Weisheiten aufzuzählen und zahlreiche Koranstellen zu rezitieren. Der Sheikh konnte fließend türkisch und – soweit ich das beurteilen konnte – auch sehr gut arabisch sprechen. Viele seiner Weisheiten und allgemeinen Ratschläge belegte er mit koranischen Beweisen, aus dem Kopf, erst auf arabisch, dann in gepflegter deutscher Übersetzung.

Etwas gewöhnungsbedürftig war für mich seine Angewohnheit, von sich selbst immer als „Wir“ zu sprechen und andere Personen mit „Ihr“ anzureden. Diese Angewohnheit teilte er auch mit den zwei Sufi-Schwestern, die in der Küche fleißig am Kochen waren und nur selten mal in den großen Speiseraum kamen. Und so fragte er mich nach einiger Zeit: „Und wie seid Ihr zum Islam gekommen?“

Nun sah ich meine Möglichkeit gekommen. Schnell erklärte ich, dass ich schon sehr jung mit dem Islam in Verbindung kam, jedoch die Praxis der Religion, für mich als Jugendlicher, zu streng wirkte, und da auch meine zahlreichen türkischen Freunde den Islam nicht ganz so streng nahmen und meinten, dass der Islam im Herzen ausreiche, da – so sagte ich – fand ich zwar den Islam ganz toll, bevorzugte jedoch eine normale deutsche Jugend, mit den üblichen kleinen und großen Sünden. Den Islam ernsthaft als Lebenskorrektiv in Erwägung – führte ich weiter aus – zog ich erst kurz nach meinem 30. Geburtstag, und dann im wahren Vollzug auch erst nach einem ausführlichem Telefongespräch mit Pierre Vogel.

Baaam! Da war es also raus. Ich versuchte ganz locker zu bleiben und tat so als würde ich den schrägen und leicht verdutzten Blick des Sheikhs nicht bemerken. Es gab einen kurzen Moment der Stille, worauf der Sheikh dann nach einiger Zeit den Amerikaner auf einmal bat, mich doch bitte mal über das Gelände zu führen, um mir die Stallungen, den Innenhof, den Hofladen, die Musalla und den Sohbet-Raum zu zeigen. Der Amerikaner wirkte ein wenig irritiert, immerhin war er selbst ein Gast im Haus, und als solcher wurde er jetzt auf einmal aufgefordert einem anderen Gast das Gehöft zu zeigen.

Der Musikwissenschaftler kam der Aufforderung trotzdem ohne Murren nach. Wir gingen also nach draußen und er zeigte mir alles, was er von seiner eigenen Besichtigung, wahrscheinlich nur wenige Stunden zuvor, selbst noch wusste.  Als letzte Station des Rundgangs kamen wir etwa 20 Minuten später im Sohbet-Raum an, wo auch Jamal wieder da war und mit dem Sheikh zusammen im Gespräch versunken saß.

Fortsetzung folgt …

Fundstück: Bischöfliche Mahnung bezüglich der Kleidung der Frauen und Jungfrauen (1925)

Für das heutige achso christliche Abendland wäre eine solche bischöfliche Mahnung ein wahrer Skandal und würde wohl für zahlreiche Kirchenaustritte sorgen.

Bischöfliche Mahnung
bezüglich der Kleidung der Frauen und
Jungfrauen

Beim Herannahen der wärmeren Jahreszeit sehe ich mich veranlaßt alle Frauen und Jungfrauen
zu bitten, aus Ehrfurcht vor Gott in dem Gotteshause stets mit bis zum Hals geschlossenen und nicht zu kurzen Aermeln versehenen Kleidern zu erscheinen. Weibliche Personen in freier Kleidung mögen der Kommunionbank fernbleiben, damit sie nicht von dem Priester bei Austeilung der hl. Kommunion übergangen werden müssen; ebenso wäre es unpassend, in solcher Kleidung den Beichtstuhl zu betreten. An die Mütter richte ich die Bitte, ihre Töchter so zu kleiden, wie es die christliche Schamhaftigkeit und Bescheidenheit verlangt.
Auch wird erwartet, daß bei Trauungen die Teilnehmerinnen am Brautzuge in einer Kleidung erscheinen, wie es die Heiligkeit der Handlung und des Gotteshauses verlangt.

Limburg, den 20. Mai 1925.

Augustinus,
Bischof von Limburg

[>>Hier das Original<<]

Als Salafit zu Gast bei einem Sufi-Sheikh (Teil 1)

von Yahya ibn Rainer

Ich machte mich am Samstag auf eine recht mühsame Reise in den Osten der Republik. Ziel dieser Reise war Trebbus, ein ehemaliges Dorf, das heute als Ortsteil zur Gemeinde Doberlug-Kirchhain gehört. In dieser brandenburgischen Idylle, etwa 30 km westlich von Finsterwalde und 125 km südlich von Berlin, lebt ein mir sehr nahestehender Bruder im Islam, der dort einen kleinen heruntergekommenen Bauernhof ersteigerte und diesen mühe- und liebevoll renovierte.

Jamal, so sein Name, ist wie ich ein deutscher Islamkonvertit, allerdings mit dem Unterschied, dass er bereits im Jahre 1975 konvertierte, also im gleichen Jahr als der kleine Jens das Licht der Welt erblickte. Damit gehört Jamal einer ganz anderen Generation von Konvertiten an als ich und viele andere in Deutschland.

Zu seiner Zeit gab es längst nicht so viele Muslime hierzulande und deutsche Konvertiten konnte man wohl an 3-4 Händen abzählen. Somit rückte man zusammen und organisierte sich. Viele heute bekannte Namen, wie Abdullah Bubenheim, Muhammad Siddiq, Abdul Karim und Fatima Grimm, Ahmad von Denffer usw. haben aus dieser frühen Zeit partizipiert und kennen sich von daher. Auch der Bruder Jamal erlebte diese frühe Phase der deutsch-muslimischen Gemeinde und kennt fast alle bekannten Namensträger dieser Zeit persönlich.

Ebenfalls ein Muslim aus dieser frühen Generation ist Abdullah Halis Dornbrach, der bereits in den 60er Jahren konvertierte und heute ein Sufi-Sheikh des Mevlevi-Ordens ist. Seine Sufi-Tekke befindet sich auch in Trebbus, ein ebenfalls renovierter, aber weitaus größerer Hofkomplex, mit Musalla, Sohbet-Raum, Laden und zahlreichen Gästewohnungen.

Jamal, der sich selbst als „Salafit“ (ohne s) versteht, lebte und arbeitete die meiste Zeit seines Lebens in arabischen und afrikanischen Ländern und erfüllte sich mit diesem Hof in der brandenburgischen Pampa einen kleinen Traum. Die Nähe zu einer muslimischen Gemeinde wollte er jedoch nicht missen, was auf dem Lande im Osten der Republik jedoch fast unvermeidbar ist. So kam ihm dieses größere muslimische Zentrum ganz recht, vor allem auch, weil es von einem Volksgenossen aus alten Tagen geführt und auch von vielen deutschen Muslimen frequentiert wurde. Vom Sufismus allerdings hatte er, nach eigenem Bekunden, zuvor noch nicht so viel gehört.

Nun gab dieser Sufi-Sheikh vor etwa 2 Jahren einmal ein Interview für die Lausitzer Rundschau, in dessen Rahmen er äußerte, dass Salafisten „ein Krebsgeschwür“ seien, die keine Ahnung vom Koran hätten usw.. Eine harte Äußerung, die einen Muslim, der von außen als „Salafist“ wahrgenommen und betitelt wird, natürlich nicht unberührt lässt. Also wollte ich meinen Besuch bei Jamal mit einem Besuch beim Mevlevi-Orden verbinden und diesen Sheikh einmal persönlich kennenlernen.

Nun muss ich einiges im vornherein unbedingt klarstellen. Heutzutage wissen ja alle möglichen Subjekte etwas über den sogenannten „Salafismus“ oder den „Wahhabismus“ zu erzählen. Journalisten – kurzerhand zu Islamexperten erklärt – , staatsalimentierte Vereine und behördliche Experten bilden die Deutungshoheit für diese Begrifflichkeiten. Sie alle wissen ganz genau was in den Köpfen dieser Muslime vor sich geht und kennen die Motive und Ziele eines jeden Individuums, das sie in dieses begriffliche Korsett einschnüren. Dabei wird natürlich fleißig dafür gesorgt, dass diese menschlichen Wesen (ja, wir haben Körper und Seele und haben Gefühle) nicht in die Lage versetzt werden öffentlich selbst Kunde darüber abzulegen, wie sie ihre Religion und deren Praxis auslegen und praktizieren (wollen).

Ein – besonders unter Muslimen – verbreitetes Vorurteil ist die kategorische Ablehnung des Sufismus unter allen „Salafisten/Wahhabiten“. Das ist freilich absoluter Humbug. Wie mich, gibt es zahlreiche andere Salafiten, die als grundlegend wichtige Wissenschaft im Islam, neben der ‚Aqida (Glaubenslehre) und dem Fiqh (Rechtslehre), auch die Wissenschaft der Herzen (Ulum al-Qulub) anerkennen und für notwendig halten. Denn der Glauben im Islam (Iman) wird bestätigt durch die Handlungen (‚Amal), welche durch die Rechtslehre (Fiqh) festgelegt werden, jedoch ist ein unabdingbarer Bestandteil einer jeden Handlung, neben der korrekten Ausführung, auch die Absicht (Niyya), und diese sollte dringend von Aufrichtigkeit (Ikhlas) begleitet werden.

So wie wir Muslime die ‚Aqida von unseren ‚Aqida-Gelehrten erlernen und den Fiqh von unseren Fiqh-Gelehrten, so werden wir von anderen Gelehrten an die Aufrichtigkeit herangeführt, quasi dazu erzogen. Und diese Wissenschaft, diese Wissenschaft der Herzen, welche maßgeblich für unsere Aufrichtigkeit ursächlich sind, nannte man schon relativ früh in der Islamischen Geschichte al-Tasawwuf (Sufismus).

Gleich den anderen Wissenschaften, bildeten sich auch hier verschiedene Schulen bzw. Wege, die jeweils versuchten, den Schülern eine spirituelle Tiefe angedeihen zu lassen, die es ihnen ermöglichen sollte ihrem HERRN (rabb) möglichst nahe zu sein, Ihn womöglich immer gegenwärtig zu spüren und somit den Handlungen die nötige Aufrichtigkeit zu verleihen.

Weder Imam Ahmad ibn Taymiyya, der als Inspirator und Grundleger des zeitgenössischen Salafi-Bewegung geltend gemacht wird, noch Imam Muhammad ibn ‚Abd al-Wahhab, der als Begründer des sogenannten „Wahhabismus“ gilt, haben den Sufismus kategorisch abgelehnt, vielmehr haben sie ihn hoch geschätzt und in ihren Rechtsgutachten seinen Nutzen gepriesen. (Hierzu zwei englischsprachige Beiträge: Shaykh Muhammad bin ‘Abd al-Wahhab and Sufism & Sufism and the Imams of the Salafi Movement: Introduction)

Ich bin also nicht in diese Sufi-Tekke gegangen, um mit dem dortigen Sheikh über Sinn und Unsinn des Sufismus zu streiten, sondern u.a. um zu schauen, welche Medizin dieser Führer und Meister einer Sufi-Tariqat aufzubringen in der Lage ist, wenn ein vom ihm sogenanntes „Krebsgeschwür“ bei ihm zu Gast am Tische sitzt. Wird er es als bösartig diagnostizieren, gar als invasiv, und wird es sofort und radikal operativ entfernen. Oder wird er durch Bestrahlung oder andere alternative Therapeutik versuchen es zurückzubilden? Oder wird er gar letztendlich erkennen, dass dieses „Geschwür“ gar nicht bösartig ist, sondern gutartig oder vielleicht sogar doch ein fester und normaler Bestandteil des Körpers?

Fortsetzung folgt …

Zitat: Taariq ibn Lahsan – „Kostenlose“ Schulen

„Eine nette Kennzahl zu den „kostenlosen“ Schulen in Deutschland: Laut offiziellen Zahlen des statistischen Bundesamtes kostete die Beschulung eines einzelnen Grundschülers in Hamburg im Jahr 2011 etwa 7500€. Das entspräche also 625€ pro Monat um einem Kind Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen! Zum Vergleich: Eine Hochschulausbildung an einer bösen, profitorientierten privaten Fachhochschule gibt es für unter 400€ pro Monat.“

(Taariq ibn Lahsan, radikalislamistischer Salafist, auf Facebook)