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Buchauszug: Ibn Khaldun – Das Knechtische an der Landwirtschaft sind die Abgaben

«Als Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – eine Pflugschar in einem der Häuser seiner Anhänger (in Medina) sah, sprach er:

„Nie kam ein solches Gerät in jemandes Haus, ohne dass mit ihm (zugleich) Unterwürfigkeit einzog.“

Al-Bukhari bezog dies auf eine übertriebene Landwirtschaft und überschrieb dementsprechend das Kapitel mit „Warnungen vor den Folgen bei der (übertriebenen) Betätigung landwirtschaftlicher Gerätschaften bzw. der Überschreitung der vorgeschriebenen Grenzen“.

Der Grund – Allah weiß es am besten – ist wohl der, dass hieraus (der Landwirtschaft) Abgaben (an den Herrscher) resultieren, die (wiederum) dazu führen, dass man beherrscht wird und sich in der Gewalt (anderer) befindet. Derjenige, der Abgaben leisten muss, ist unterwürfig und in elender Lage, da er sich der Gewalt und Macht (eines anderen) beugen muss.

Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – sprach:

„Die (letzte) Stunde (der Welt) kommt nicht eher, bevor die Almosensteuer (Zakah) zu einer (willkürlichen) Abgabe geworden ist.“

Damit wies er auf einen (möglichen) tyrannischen Herrscher hin, der Gewalt gegen die Leute anwendet, der beherrschend und ungerecht ist, der die Rechte Allahs, des Erhabenen, die dieser gegenüber erworbenen Geldmengen besitzt, vergisst und der (schließlich) der Ansicht ist, dass alle (religiösen) Verpflichtungen (auch) Abgaben an die Herrscher und ihren Staat mit einschließen.»

(Ibn Khaldun / gest. 808 n.H., in al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Übersetzung leicht redigiert)

Schrecklich: Das modernistische muslimische Staats- und Schariaverständnis

von Yahya ibn Rainer

Was das moderne muslimische Staatsverständnis so schrecklich macht, ist der idealistische Perfektionsmus. Man möchte sich bei der öffentlichen Zwangsanwendung islamischer Urteile mittlerweile grundsätzlich an den strengsten Meinungen orientieren. Das allerdings führt zu einer Art Uniformierung und oberflächlicher Gleichförmigkeit, besonders was das äußere Erscheinungsbild und die Kleiderordnung angeht. Es wird kein Platz mehr gelassen für den Unterschied. Weder die Sünder, noch die Rechtschaffenden können noch durch Nuancen aus der Masse hervorstechen:

Die Schamlose und Unzüchtige trägt ebenso Niqab und wallenden Umhang wie die Rechtschaffende, und der sittenlose Räubersmann trägt einen großen Bart und tadelloses Beinkleid.

Der zeitgenössische islamische Perfektionist ernennt die Spanne an Rechtschaffenheit, die zwischen seiner eigenen Praxis und der Praxis der besten der Ummah (Sahaba, Salaf) besteht, zum strafbewährten Usus, dabei bilden die uns bekannten Berichte über die Besten der frühen Generationen mittlerweile eine Art Zwangskorsett, während die Berichte über ihre Schwächen und Verfehlungen nur wenig Verbreitung finden oder empört abgewiesen werden.

Dabei gab es unter den Zeitgenossen des Propheten auch solche die sündigten, nachlässig waren oder nicht in der Lage in allen Bereichen beispielhaft zu handeln.

Überlieferungen über diese Menschen haben jedoch keinen großen Nutzen für die Einladung zu einem vorbildlichen Lebenswandel, weshalb wir nur selten von ihnen hören. Aber es gibt sie. Es gereichte unseren Vorfahren zum Vorteil, dass sie auf den Straßen, in den Gassen und auf den Märkten die Menschen unterscheiden konnten.

Es gibt jedoch Muslime, die meinen, dass die Scharia erst etabliert sei, wenn vom Staat die Hadd-Strafen öffentlich vollzogen werden. Diese Sichtweise ist das Resultat einer latent etatistischen Gesinnung, denn sie impliziert, dass die Scharia ausschließlich einer »staatlichen« Etablierung bedarf.

Jedoch muss die Scharia zuallererst in den Köpfen der Menschen etabliert werden. Sie muss sich (unabhängig vom Staat) in den Gliedern der Gesellschaft als das manifestieren, was sie ist, nämlich ein Kompendium an Rechten und Pflichten für den Menschen und nicht ein staatlicher Zwangs- und Strafkatalog.

Wirklich „etabliert“ ist die Scharia also erst, wenn die Hadd-Strafen zwar existent sind, aber quasi keinerlei Anwendung mehr finden. Auf einem Staatsgebiet jedoch, in dem regelmäßig zahlreiche öffentliche Bestrafungen und Hinrichtungen stattfinden, kann irgendetwas nicht in Ordnung sein.

Man könnte vermuten, dass es sich um Gebiete handelt, in denen augenscheinlich nur der Staat „islamisch“ ist und er – samt Anhang – mit diesem Zustand so lange zufrieden ist, wie er die Delinquenten öffentlich entleiben kann.

Islam fängt beim Individuum an, nicht beim Staat

Nicht, dass man mich falsch versteht. Weder leugne ich, dass auch der Amir in all seinen Urteilen und Handlungen an die Scharia gebunden ist, noch dass die Hudud ein (wenn auch äußerst kleiner) Bestandteil dieser Scharia sind.

Ich möchte lediglich dem Gedanken dahingehend Ausdruck verleihen, dass allein der öffentliche Vollzug von Hudud-Strafen nicht als Indiz dafür anerkannt werden darf, dass die Scharia tatsächlich allumfassend etabliert wurde.

Es kann nämlich durchaus sein, dass ein Mensch durch eine Strafe entleibt wird, die im Kanon der islamischen Jurisprudenz eindeutig belegt ist, aber diese Anwendung von Gewalt muss nicht zwingend auf einem rechtmäßig erlangtem Gerichtsurteil beruhen.

In diesem Zusammenhang ist auch die folgende Aussage des Gesandten Allahs zu verstehen, Allah segne ihn und schenke ihm Heil, der sagte:

„Wehrt die Hadd-Strafen von den Muslimen ab, so gut ihr könnt. Wenn ihr für den Muslim einen Ausweg findet, lasst von ihm ab, denn dass sich der Richter bei einem Freispruch irrt, ist besser, als dass er sich hinsichtlich der Bestrafung irrt.“

(Al-Mustadrak ala al-Sahihayn, al-Hakim, sahih / übersetzt von Behzad Zibari und leicht redigiert von Yahya ibn Rainer)

Zudem kann doch kein aufrichtiger und objektiver Muslim einen Zweifel daran hegen, dass die Scharia auch (vor allem) außerhalb des Staatsapparates, also mitten in der Gesellschaft, eine Etablierung erfahren muss und dass diese Etablierung einen viel größeren gesellschaftlichen Nutzen hat, als die regelmäßige und zahlreiche Anwendung staatlicher Gewalt.

Ich bin manchmal erschrocken über die Härte und Gewaltaffinität mancher Muslime, die sich anscheinend freuen, wenn die Zahl öffentlicher Körper- und Todesstrafen steigt und sie womöglich sogar hochauflösend gefilmt werden.

Im Gegensatz dazu war der Gesandte Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – sogar geneigt die zweifache Selbstanzeige eines Unzüchtigen zu ignorieren, um die Hadd-Strafe nicht vollziehen zu müssen. Er – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – fand keinen Gefallen daran, wenn einem Dieb die Hand amputiert wurde, er wurde vielmehr blass und man sah Trauer in seinem Gesicht. Und als ihn die Sahaba fragten, weshalb er dann das Urteil fällte, da gab er zu verstehen, dass er als Richter keine andere Chance hätte das Urteil Allahs in Anwendung zu bringen, aber dass durchaus die Leute die Möglichkeit hätten, solche Vergehen nicht an einen hoheitlichen Richter zu delegieren; auch das ist Scharia.

Und Umar ibn al-Khattab – möge Allah mit ihm zufrieden sein – setzte den Vollzug der Hadd-Strafe für Diebstähle aus, weil er in einer Zeit der Dürre befürchtete, dass den Hungernden in großer Zahl die Hände amputiert werden müssten. Ich bin mir fast sicher, dass nicht wenige junge Hardliner unserer Epoche auf einen solchen weisen Führer umgehend den Takfir aussprechen würden, weil er angeblich nicht die Scharia vollständig implementiert hätte

Dabei gab es zahlreiche Gelehrte die auch solche Führer entschuldigten, die absichtlich (aber in guter Absicht) nicht vollständig mit Allahs Scharia richteten bzw. richten konnten. Wie z.B.  Imam Ibn Taymiyyah, den der ehrenwerte Bruder Behzad kürzlich für uns zitierte:

«Der abessinische König war nicht in der Lage, mit dem Gesetz des Quran zu urteilen, da dessen Volk dies nicht anerkennen und erlauben würde. Öfters möchte eine Person, die zwischen den Muslimen und Tataren als ein Richter oder Führer fungiert, gemäß ihrem Gerechtigkeitsinn handeln, doch sie ist nicht in der Lage, dies zu tun — vielmehr gibt es jemanden, der sie daran hindert.

Allah erlegt keiner Seele mehr auf, als sie tragen kann. ‚Umar Ibn ‚Abdulaziz wurde angefeindet und geschmäht aufgrund dem, was er an Gerechtigkeit walten ließ. Ferner wurde gesagt, dass dies der Grund war, warum er vergiftet worden ist.

Der abessinische König und seines Gleichen sind die Glücklichen im Paradies, selbst wenn sie das an Gesetzen des Islams nicht ausführten, wozu sie nicht in der Lage waren. Vielmehr urteilten sie nach den Urteilen, mit denen sie in der Lage waren, zu urteilen.»

— Imam Ibn Taymiyyah [Gest. 728 n.d.A.] رحمه الله.

Ein Scharia-Fetischismus, wie ihm heute (vor allem junge und unerfahrene) Perfektionisten frönen, war unseren weisen Vorfahren in dieser Form nicht bekannt. Sie beteten Allah an und nicht Seine Scharia.

Buchauszug: Ibn Khaldun – Bei der Beseitigung ungerechter Herrscher ist die Asabiya wichtiger als religiöser Eifer

«In dieses Kapitel gehören die Fälle von Rebellen aus dem gemeinen Volk und von den Rechtsgelehrten, die sich erhoben, um dem Übel zu begegnen. Denn viele religiöse Menschen, die sich dem Dienst an Allah widmen und auf den Pfaden der Religion wandeln, schicken sich an, sich gegen ungerechte Emire zu erheben und rufen in der Hoffnung auf Allahs Belohnung dazu auf, dem Übel zu begegnen, ihm zu entsagen und Gutes zu tun.

Zahlreich sind (gewöhnlich) ihre Gefolgsleute und Anhänger aus der breiten Masse, die dabei ihr Leben aufs Spiel setzen – und die meisten von ihnen kommen auf diese Weise unbelohnt und als Sünder um. Denn Allah, gepriesen sei er, hat sie hierzu nicht bestimmt! Er bewegt nur etwas, wo (ausreichend) Macht vorhanden ist.

Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – sagte:

«Wer von euch Übel erblicket, der soll ihm mit seiner Hand begegnen. Vermag er dies nicht, so tue er es mit seiner Zunge. Vermag er (auch) dieses nicht, so tue er es mit seinem Herzen.»

Herrscher und Staaten sind fest und stark gegründet. Ihre Grundlage kann nur durch starken Druck, der die Asabiya (Solidarität) von Stämmen und Sippen hinter sich weiß, erschüttert und zerstört werden, so wie wir es oben angeführt haben.

Auch die Propheten – Segen und Heil sei über sie – bedurften, wenn sie zu Allah aufriefen, der Sippen und Gruppen, wo sie doch (eigentlich) diejenigen sind, die die Unterstützung Allahs mit allem, was es gibt, hätten erhalten können, sofern Er gewollt hätte. Doch Er ließ vielmehr (selbst bei ihnen) die Dinge ihren üblichen Verlauf nehmen. Allah ist weise und allwissend.

Schlägt nun ein Mensch einen solchen Weg ein und folgt dabei der (religiösen) Wahrheit, lässt ihn die Isolierung von der Asabiya (selbst) dabei fehlgehen, und er kommt um.

Benutzt ein solcher Mensch (außerdem noch) die Religion, um die Führerschaft zu erlangen, geschieht es zu Recht, dass er daran gehindert wird und ihn der Untergang ereilt. Denn ein solches Unterfangen ist eine Sache Allahs, die nur mit Seinem Wohlgefallen und Seinem Beistand sowie durch aufrichtige Ergebenheit gegenüber Ihm und Wohlwollen gegenüber den Muslimen Erfolg hat. Kein Muslim wird Zweifel, kein Mensch mit Einsicht wird Argwohn daran hegen.»

(Ibn Khaldun / gest. 808 n.H., Buch der Beispiele – Die Einführung/al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Seite 114-115, Übersetzung leicht redigiert)

Buchauszug: Ibn Khaldun – Eine Kultur, ohne individuelles Streben nach Profit, eigenem Interesse und Vorteil, geht unter

«Wisse, daß Übergriffe auf das Vermögen der Menschen ihnen die Hoffnung nehmen, dieses zu erwerben und zu gewinnen. Denn die Leute gelangen dann zu der Ansicht, daß der Erwerb von Vermögen damit endet, daß es ihnen (wieder) entrissen wird. Und wenn ihre Hoffnungen, Vermögen erwerben und gewinnen zu können, dahin sind, bemühen sie sich auch nicht mehr darum.

In dem Maße, wie sich die Übergriffe häufen und ausweiten, lassen die Menschen in ihrem Streben, Vermögen zu erlangen, nach. Denn wenn so etwas häufig geschieht und alle Bereiche des Lebensunterhaltes betrifft, läßt man den Vermögenserwerb ganz und gar sein, da es keinerlei Hoffnung (auf Gewinn) mehr gibt. […]

Die menschliche Kultur, ihr Reichtum und das Gedeihen ihrer Märkte hängen nämlich von der fortwährenden Tätigkeit und dem ständigen Streben der Menschen für ihre eigenen Interessen und Vorteile ab.

Und wenn sich die Menschen nicht mehr um die Erwirtschaftung des Lebensunterhaltes kümmern und nichts mehr unternehmen, um Gewinne zu erzielen, florieren die Märkte nicht mehr, verschlechtern sich die Lebensverhältnisse und gehen die Menschen außer Landes, um ihren Lebensunterhalt anderenorts zu erwerben. Die Einwohnerzahl der Region geht zurück, ihre Wohnstätten veröden und ihre Städte verfallen.

Mit der Beeinträchtigung der menschlichen Kultur nehmen auch die Dynastie und der Herrscher Schaden, denn die Dynastie bildet die Form der menschlichen Kultur, die mit Notwendigkeit bei der Zerstörung ihrer Substanz ebenfalls zugrunde geht.»

(Ibn Khaldun, Buch der Beispiele – Die Einführung / al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Reclam-Verlag Leipzig ©1992, Seite 158)

Buchauszug: Ibn Khaldun – Die löblichen Eigenschaften eines Herrschers

«Einer löblichen Herrschaftsgewalt entspricht die Milde. Wenn der Herrscher jedoch Gewalt ausübt, rücksichtslos Strafen verteilt, auf der Suche nach den Schwächen der Menschen ist und deren Vergehen auflistet, werden die Menschen von Furcht und Demut ergriffen und suchen dem durch Lüge, List und Betrug zu entgehen. Dies wird für sie zu einem natürlichen Charakterzug, und ihre Auffassungen wie ihre Charaktereigenschaften werden verdorben.

Mitunter lassen sie den Herrscher auf den Schlachtfeldern im Stich und beteiligen sich nicht an Verteidigungsmaßnahmen. Mit dem moralischen Verfall der menschlichen Bestrebungen nimmt auch der militärische Schutz Schaden. Bisweilen verbinden sich die Menschen, um den Herrscher zu ermorden. Auf diese Weise wird die Dynastie zugrunde gerichtet und der Schutzwall zerstört. […]

Zu den löblichen Eigenschaften gehört es, den Menschen gegenüber gütig zu sein und sie zu verteidigen. In dieser Verteidigung kommt das wahre Wesen des Königtums zur Geltung. Güte und Wohltätigkeit gegen die Menschen gehören dazu, ebenso, Milde walten zu lassen und ihrem Leben Aufmerksamkeit zu widmen. Diese Dinge sind eine wichtige Grundlage, um die Liebe der Untertanen zu gewinnen.

Wisse, dass jemand, der vorsichtig und äußerst scharfsinnig ist, nur selten die Eigenschaft der Milde besitzt. Sie ist zumeist bei dem zu finden, der unachtsam und sorglos ist. Selten kommt sie bei einem scharfsinnigen Herrscher vor, weil der die Untertanen über ihr Leistungsvermögen hinaus beansprucht, da seine Einsicht über ihre geistigen Kräfte hinausreicht und er mit seinem Scharfsinn den Ausgang von Dingen schon zu ihrem Beginn überblickt. Die Menschen können daran zugrunde gehen.»

(Ibn Khaldun, Buch der Beispiele – Die Einführung/al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Reclam-Verlag Leipzig ©1992, Seite 136-138)

Der Gehorsam gegen den rechtmäßigen Amir ist kein Akt der absoluten Selbstaufgabe.

Der Gehorsam gegen den rechtmäßigen Amir, der uns vom Gesandten Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – höchstpersönlich auferlegt wurde, ist kein Akt der absoluten Selbstaufgabe.

Man muss sich als Bürger unter Islamischer Obrigkeit nicht auf Gedeih und Verderb und ohne jegliche Wahrung der eigenen Interessen dem alleinigen Willen des Imams unterwerfen.

Das Islamische Reich hatte von Anfang an einen föderalen Charakter und war nicht zentralistisch strukturiert wie viele heutige Nationalstaatsgebilde.

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Frühe gelehrte Staatsschelte: Was schrieb der Schüler Ibn Hanbals böses über die Staatsmacht?

von Yahya ibn Rainer

Das folgende Fundstück wurde ursprünglich um das Jahr 2008 auf der Internetseite des ORF (Österreichischer Rundfunk) publiziert. Später fand man Artikel zum gleichen Inhalt auf einigen wenigen anderen Medienplattformen. Verbreitung fand dieser Stoff jedoch damals vor allem in sogenannten „salafistischen“ Kreisen und so verschwanden nach und nach die Beiträge wieder aus dem Netz. Leider hatte ich damals – aus Angst vor Copyright-Verletzungen – nur eine kurze Einleitung des Textes kopiert und diese im Anschluss mit einem Hyperlink zum ORF-Beitrag versehen.

Nun wurde auch beim ORF der Beitrag gelöscht und meine Google-Suche ergab, dass es im gesamten Internet keinen einzigen Hinweis mehr auf diese Handschrift gibt.

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Auszug: S. Mohammad Ghazanfar & Abdul Azim Islahi – Staatseinkünfte zur Zeit al-Ghazalis (1058-1111)

„Bezugnehmend auf die Staatseinkünfte unter den Muslimen zu seiner Zeit (1058-1111 n. chr. Zeitr.), zählt al-Ghazali mehrere Quellen auf, jedoch kritisiert er einige Quellen als islamisch nicht gültig, und andere, die im Einklang mit der Scharia sind, sieht er nicht ausreichend ausgeschöpft.

Al-Ghazali erklärt,

„dass fast alle Einnahmen, die von den zeitgenössischen Fürsten erhoben werden, illegal sind, da sie nicht mit dem (islamischen) Kanon übereinstimmen, und dass fromme Muslime dementsprechend Zahlungen von Fürsten ablehnen und den Kontakt zu ihnen meiden sollen.“

[Kitab Nasihat al-Muluk, Seite 43]

[…] Es gab zahlreiche verschiedenartige Steuern, welche (neben den wenigen erlaubten) von den Muslimen eingesammelt wurden, einschließlich der Konfiskation von (privatem) Eigentum und Erhebung von Bestechungsgeldern – laut al-Ghazali allesamt unzulässige Einnahmequellen.

Tatsächlich erklärt al-Ghazali,

„die Staatsfinanz in unserer Zeit basiert in ihrer Gänze, oder zumindest zum größten Teil, auf verbotenen (haram) Quellen. Weshalb? Die erlaubten Quellen, wie die Almosenabgabe (zakah), freiwillige Wohlfahrt (sadaqat) sowie Kontribution (fai) und Requisition (ghanimah) im Feindesland sind nicht mehr existent. Die Schutzabgabe für religiöse Minderheiten (jizyah) ist bekannt, wird aber durch illegale Methoden eingetrieben. Stattdessen gibt es verschiedenste Arten von Steuern die von Muslimen erhoben werden, ihr Eigentum wird konfisziert, Bestechungsgelder sind verbreitet und viele weiteren Arten von Ungerechtigkeiten.“

[Ihya Ulum ad-Din, Band 2, Seite 139]“

(Prof. Dr. S. Mohammad Ghazanfar & Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, Economic Thought of al-Ghazali, Seite 38-39 / Übersetzt aus dem Englischen von Yahya ibn Rainer)

Auszug: Abdul Azim Islahi – Wieso Ibn Khaldun der Laissez-faire-Politik so sehr zugeneigt war

„Wenn wir ins Zeitalter des Ibn Khaldun (1332-1406 n. chr. Zeitr.) vorstoßen, bemerken wir eine deutliche Veränderung [der staatspolitischen] Situation [des Orients], vor allem in Nordafrika. Die Herrscher vergaßen den Sinn der Religion, Stabilität ging verloren und wurde ersetzt durch Anarchie; ein luxuriöser Lebensstil verdrängte das einfache Leben, und um all diese Symbole der Dekadenz und die Macht aufrecht erhalten zu können, wurden exzessiv Steuern auferlegt, was sich zu einem mächtigen Hemmnis für wirtschaftliche Aktivitäten entwickelte.

Die willkürliche Aneignung von Privateigentum durch die Regierung sorgte für eine Degeneration des Unternehmertums. Staatliche Handelshäuser schwächten den Geist des Wettbewerbs im Bürgertum. Wahrscheinlich waren genau dies die Gründe, weshalb Ibn Khaldun so sehr einer Laissez-faire-Politik zugeneigt war.“

(Prof. Dr. Abdul Azim Islahi – Contributions of Muslim Scholars to Economic Thought and Analysis, Seite 61, übersetzt aus dem Englischen von Yahya ibn Rainer)

Imam al-Ghazali: Von den Übeln des Disputierens und Mahnens

Der folgende Text ist ein Schreiben von Imam al-Ghazali – Allah sei ihm gnädig -, das von den Übeln des Disputierens (Diskutierens) und Mahnens handelt und erläutert, inwieweit daran verwerfliche Triebe teilhaben.

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen

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Buchauszug: Hermann Vámbéry – Muslime in Rußland (1875)

„Es ist jedenfalls höchst charakteristisch für den Islam, daß er selbst im Stadium seiner merklichen Schwäche den christlichen Missionsversuchen zu widerstehen vermag, denn wenn es der russischen Kirche bisjetzt gelingen konnte, unter den halb dem Schamanenthum und halb nur dem Islam angehorigen südsibirischen Türken einige Proselyten zu machen, so sind beim Gros der moslimisch-türkischen Nomaden bis zur Zeit alle Bestrebungen fruchtlos geblieben. […]

Was das Christenthum bisjetzt absorbiren konnte, das waren ausschliesslich Nichtmohammedaner, zumeist finn-ugrische Völkerschaften, als: Sürjenen, Votjaken, Tschuwaschen, Mordwinen, Wogulen u. s. w., Barbaren im strengsten Sinne des Wortes; gegenüber buddhistischen oder moslimischen Nomaden aber ist der russische Cultureinfluss ohne jegliche Wirkung geblieben.

Bei den sesshafben Befolgern der Lehre Mohammed’s ist selbstverständlich der bisherige Erfolg ein noch weit geringerer.

Der friedliche, nüchterne, arbeitsame und redliche Tatar an der Wolga und in der Krim, ist mehr als einem Reisenden aufgefallen, wenn er denselben mit seinem der Trunkenheit ergebenen, schmutzigen, trägen und betrügerischen christlichen Nachbar vergleichen wollte.

Die Regierung thut alles Mögliche, um den spröden Korper der mohammedanischen Opposition zu erweichen. Die so verschwindend geringe Anzahl der christlichen Tataren, deren Bekehrung noch aus der ersten Zeit der russischen Occupation sich datirt, ist gewaltsam zur numerischen Grösse von 40.000 hinaufgeschraubt worden, trotzdem es allgemein bekannt ist, dass die ans Doppelkreuz sich anklammernden Neophyten nicht aus der Reihe der Nogaier, sondern der heidnischen Tscheremissen, Tschuwaschen und anderer verkommenden, aussterbenden Nomadenstammen bestehen. […]

Die russische Volksmasse, mit welcher der Mohammedaner in Berührung steht, […] ist zu rauh , zu ungeschliffen, zu sehr den mannichfachsten Lastern ergeben, um imponiren und lehren zu können, […]

Es ist daher ganz natürlich, dass der strebsame nüchterne Tatare, ob Kaufmann oder Handwerker, seinem russischen Standesgenossen gegenüber sich immer für etwas Besseres halten muß und, da dieser Vorzug nur dem Glauben zugeschrieben wird, so klammert er sich an denselben um so fester, und so mußte denn auch jeder Bekehrungsversuch seines mächtigen Herrschers an ihm stets spurlos vorüberziehen.“

(Hermann Vámbéry – deutsch-ungarischer Orientalist und Turkologe – , Der Islam im 19. Jahrhundert. Leipzig 1875)

Auszug: Ferdinand A. Hoischen – Wer zur Wahl geht, …

„Demokratisch verfassten Staaten ist das Wählen angeboren, da es sich angeblich um die Herrschaft des Volkes über sich selbst handelt. Tatsächlich ist bereits die „Demokratie“ nur eine Abstraktion, die die Herrscher benutzen, um die Aufmerksamkeit ihrer Untertanen abzulenken. In dem Glauben, dass der Staat ihre Interessen wahrnehme und dass sie durch die Wahl dessen Richtung und Energien kontrollieren, identifizieren sich die meisten Männer und Frauen mit dem Staat und seiner Politik.

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Buchauszug: Ibn Hazm – Germanophilie im Omaijadenreich

„Von mir will ich dir erzählen, daß ich mich in meiner Jugend einmal in eine Sklavin von mir mit blondem Haar verliebt habe, und seit jener Zeit habe ich nie mehr an einer Schwarzhaarigen Gefallen gefunden, und wäre sie auch der Sonne gleich oder das Bild der Schönheit selbst gewesen. Seit jener Zeit finde ich diese Vorliebe in meinem tiefsten Wesen verankert, so daß meine Seele sich mit mir in nichts anderem findet und bestimmt nichts anderes gern hat. Ebenso ist es meinem Vater ergangen, und er blieb sich hierhin gleich, bis sein letztes Stündlein schlug.

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Buchauszug: Fritz Kern – Die traditionelle germanische Rechtsauffassung

Recht und Verfassung im Mittelalter, so heißt das kleine Büchlein des deutschen Historikers Prof. Dr. Fritz Kern (1884-1950), das sich mit der tradierten germanisch-abendländischen Rechtsauffassung beschäftigt bzw. selbige bemüht ist darzustellen. Für Leser mit Interesse für die Materie ist es eine wahre Fundgrube, auch wenn bei mangelndem Fachwissen das Lesen streckenweise recht schwer fällt. Leider ist das Urheberrecht an diesem Werk erst 2020 abgelaufen, sonst hätte ich einen uneditierten Netzfund gern aufbereitet und als PDF ins Angebot genommen.

Bevor ich zum eigentlichen Thema dieses Beitrages komme, möchte ich einiges im Voraus festhalten: Es ist wichtig zu wissen welche traditionelle Rechtsauffassung hier (auf germanischem Boden) über viele Jahrhunderte lang herrschte, bis den ersten Herrschern einfiel sich doch selbst zum Souverän über Recht und Gesetz zu machen. Herr Prof. Dr. Kern lässt bereits zu Beginn seiner Abhandlung keinen Zweifel daran, welche Eigenschaften das Recht nach tradiertem germanisch-abendländischen Befinden haben musste (im Gegensatz zu heute):

„Für uns hat [heute] das Recht, damit es gelte, nur eine einzige Eigenschaft nötig: die unmittelbare oder mittelbare Einsetzung durch den Staat. Dem mittelalterlichen Recht dagegen sind zwei andere Eigenschaften anstatt dieser einen wesentlich: es ist „altes“ Recht und es ist „gutes“ Recht. Dagegen kann es das Merkmal der Einsetzung durch den Staat entbehren. Ohne jene zwei Eigenschaften des Alters und des Gutseins, die, wie wir sehen werden, merkwürdigerweise eigentlich nur für eine einzige und einheitliche Eigenschaft gehalten wurden, ist Recht kein Recht, selbst wenn es vom Machthaber in aller Form eingesetzt sein sollte.“

Und auch zum Ursprung dieses alten und guten Rechts findet der Professor klare Worte:

„Nicht der Staat, sondern ‚Gott ist der Anfang alles Rechts‘. Das Recht ist ein Stück der Weltordnung; es ist unerschütterlich. Es kann gebeugt, gefälscht werden, aber dann stellt es sich selbst wieder her und zerschmettert zuletzt doch den Missetäter, der es antastete.“

und

„Gott ist der einzige Gesetzgeber im vollen und wahren Sinne des Worts.“

Das dieses göttliche Recht ewig gilt und bewahrt werden muss, dass versteht sich zwar von selbst, ist aber natürlich auch in der germanisch-abendländischen Tradition verankert.

„Das zeitlos Starre, Apriorische der Ethik, nicht das Werden, sondern das Soll beherrscht ihre Anschauung von menschlichen Dingen. Diese Grundform des gebildeten Denkens im Mittelalter verbindet sich leicht mit der germanischen volkstümlichen Gewohnheit, das Recht als alt und bleibend, als ruhend und in seiner Ruhe zu schützend anzunehmen. Germanische Volksüberlieferung und kirchlich-ethische Bildung vereinigen sich, um einen beharrenden, rein verteidigungshaften, nicht vorantreibenden, sondern in die Unveränderlichkeit des Zeitlosen zurückgezogenen Rechtsbegriff zu schaffen“

Und vollkommen nachvollziehbar und natürlich erscheint dann auch die Tatsache, dass dieses ewige, unveränderliche und göttliche Recht über allem steht – also der Souverän ist – und nicht der Herrscher.

„Man kann für die […] Bindung des mittelalterlichen Herrschers ans Recht drei Quellen namhaft machen, die germanische, schon von Tacitus bezeugte Gewohnheit, das stoische, durch die Kirchenväter überlieferte Naturrecht und den christlichen Gedanken, daß jede Regierung Gottes Stellvertreterin und Vollzugsorgan sei. Das Recht steht über allen Menschen, auch über dem Herrscher:
‚Nieman ist so here, so daz reht zware.“

Aufmerksam mitlesende Salafisten werden wahrscheinlich schon bemerkt haben worauf ich hinaus will: Diese tradierte Rechtsauffassung ist uns fundamentalistischen Radikalislamisten nicht fremd, denn sie scheint der unsrigen vollends zu gleichen. Doch waren die bisherigen kurzen Auszüge aus dem Büchlein ja nicht der Hauptgrund für diesen Beitrag, sie waren bloß wichtiges und erklärendes Beiwerk für den folgenden Auszug, der auch den Bezug zum Beitragstitel herstellt. Er berührt eine Thematik die in heutiger Zeit für viel böses Blut innerhalb der muslimischen Gemeinschaft sorgt. Es geht nämlich um den Herrscher, der nicht mit dem präexistenten Recht herrscht, sondern dieses gegen ein positives Recht (also menschgemachtes, sprich: Unrecht) ausgetauscht hat und wie mit diesem Herrscher umzugehen ist. Prof. Dr. Fritz Kern schreibt dazu folgendes:

„Da das (göttliche) Recht schlankweg, nicht positives [sprich: menschgemachtes] Recht war, machte es für seinen Gehalt und seine Gültigkeit nichts aus, ob die Staatsgewalt es kannte und anerkannte. Um so schlimmer für die Staatsgewalt, wenn sie das Recht verkannte! Es mochte also der Fall eintreten (und ist oft eingetreten), daß ein einzelner Volksgenosse das Recht erkannte oder zu erkennen glaubte, während die Staatsgewalt es angeblich oder in Wahrheit verkannte. Da aber die Staatsgewalt nur ist durch und für das Recht und nur Obrigkeit ist, insofern sie das Recht spendet und verwaltet, so hört die Obrigkeit, die sich an das Unrecht gebunden hat, auf, Obrigkeit zu sein, für den Mann, der sich an das Recht gebunden weiß. Das Recht ist der Souverän, und jene Obrigkeit Tyrannei, d.h. nichtig. Der Einzelne kämpft dann mit Fug und Recht gegen den angemaßten Träger der Staatsgewalt, der zu dem betreffenden besonderen Unrecht noch das allgemeine fügt, sich widerrechtlich als Obrigkeit aufzuführen, während doch der aufhört rex zu sein, der das Recht (rectum) nicht achtet.“

(Text in [eckigen Klammern] von mir)

Buchauszug: Ibn Khaldun – Ungerechtigkeit, ein Merkmal des Herrschertums

„Du musst nicht glauben, dass durch die Ungerechtigkeit (lediglich) das Vermögen oder der Besitz ohne Entschädigung und ohne Grund aus der Hand seines Besitzers genommen wird, wie das (allgemein) bekannt ist. Vielmehr ist die Ungerechtigkeit umfassender als das.

Jeder nämlich, der jemandes Besitz an sich nimmt, diesen zwingt, für sich zu arbeiten, eine ungerechte Forderung an ihn stellt oder ihm eine Pflicht auferlegt, die vom (Scharia-)Gesetz nicht auferlegt wird, der tut ihm Unrecht.

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