Archiv für den Monat: Oktober 2015

Buchauszug: Ibn Khaldun – Königtum und Kalifat

«Das eigentliche Wesen des Königtums besteht darin, dass es einen für die Menschen notwendigen Zusammenschluss darstellt und Herrschaft und Gewalt, die beide sichtbarer Ausdruck des Zornes und der Tierähnlichkeit (der menschlichen Natur) sind, bedingt. Deshalb weichen die Anordnungen des Inhabers des Königtums meistens von dem ab, was rechtens ist, und fügen den Geschöpfen, die unter seiner Herrschaft stehen, Schaden in ihren weltlichen Angelegenheiten zu. Denn meist veranlasst er sie durch seine Wünsche und Begierden zu Dingen, die nicht in ihrem Leistungsvermögen liegen.

Das wird je nach den unterschiedlichen Absichten bei ihren Vorgängern wie Nachfolgern verschieden sein. Deshalb aber fällt es schwer, ihm Gefolgschaft zu leisten. Ungehorsam kommt auf, der zu Unruhe und Totschlag führt. Daher ist es unerlässlich, das man auf bestimmte politische Grundregeln zurückgreift, denen das Volk zustimmt und deren gesetzlichen Vorschriften es sich unterwirft. So war es bei den Persern und anderen Völkern der Fall. Ermangelt es der Dynastie an einer solchen Politik, ist ihre Macht instabil und kommt ihre Vorherrschaft nicht voll zur Wirkung.

«Auch bei denen, die früher dahingegangen sind, ist Allah so verfahren.» [Koran 33. 38; 62]

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Sind Selbstmordattentate bzw. Märtyrer-Operationen ein Resultat der „salafistischen Ideologie“?

von Yahya ibn Rainer

Anschließend an meinen gestrigen Beitrag zum „Salafismus“-Schreireflex unter manchen Sufis, Asch’aris und Maturidis, wenn auf dieser Welt Terroranschläge und Gewaltexzesse stattfinden, möchte ich noch auf einen weiteren Umstand hinweisen.

Märtyrer-Operationen bzw. Selbstmordattentate werden von diversen muslimischen Gruppen befürwortet und durchgeführt. Leider wird jedoch häufig der Eindruck erweckt, als würde es sich hierbei um eine Form der Kriegsführung handeln, die speziell von „Salafisten“ mit Zustimmung belobigt wird.

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Buchauszug: Ibn Khaldun – Die löblichen Eigenschaften eines Herrschers

«Einer löblichen Herrschaftsgewalt entspricht die Milde. Wenn der Herrscher jedoch Gewalt ausübt, rücksichtslos Strafen verteilt, auf der Suche nach den Schwächen der Menschen ist und deren Vergehen auflistet, werden die Menschen von Furcht und Demut ergriffen und suchen dem durch Lüge, List und Betrug zu entgehen. Dies wird für sie zu einem natürlichen Charakterzug, und ihre Auffassungen wie ihre Charaktereigenschaften werden verdorben.

Mitunter lassen sie den Herrscher auf den Schlachtfeldern im Stich und beteiligen sich nicht an Verteidigungsmaßnahmen. Mit dem moralischen Verfall der menschlichen Bestrebungen nimmt auch der militärische Schutz Schaden. Bisweilen verbinden sich die Menschen, um den Herrscher zu ermorden. Auf diese Weise wird die Dynastie zugrunde gerichtet und der Schutzwall zerstört. […]

Zu den löblichen Eigenschaften gehört es, den Menschen gegenüber gütig zu sein und sie zu verteidigen. In dieser Verteidigung kommt das wahre Wesen des Königtums zur Geltung. Güte und Wohltätigkeit gegen die Menschen gehören dazu, ebenso, Milde walten zu lassen und ihrem Leben Aufmerksamkeit zu widmen. Diese Dinge sind eine wichtige Grundlage, um die Liebe der Untertanen zu gewinnen.

Wisse, dass jemand, der vorsichtig und äußerst scharfsinnig ist, nur selten die Eigenschaft der Milde besitzt. Sie ist zumeist bei dem zu finden, der unachtsam und sorglos ist. Selten kommt sie bei einem scharfsinnigen Herrscher vor, weil der die Untertanen über ihr Leistungsvermögen hinaus beansprucht, da seine Einsicht über ihre geistigen Kräfte hinausreicht und er mit seinem Scharfsinn den Ausgang von Dingen schon zu ihrem Beginn überblickt. Die Menschen können daran zugrunde gehen.»

(Ibn Khaldun, Buch der Beispiele – Die Einführung/al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Reclam-Verlag Leipzig ©1992, Seite 136-138)

Sind Terror und Gewalt ein Resultat der „salafistischen Ideologie“?

von Yahya ibn Rainer

Wenn der IS irgendwo medienwirksam seine Gegner enthauptet oder Al-Qaida in Paris Cartoonisten hinrichtet, dann sind sie alle fleißig dabei es dem sogenannten „Salafismus“ in die Schuhe zu schieben. Diese „Ideologie“ sei ja so gefährlich und vom Wesen her bereits gewaltaffin.

Wenn aber Palästinenser in al-Quds (Jerusalem) und Tall Abīb Yāfā (Tel Aviv) wahl- und zahllos jüdische Polizisten und Zivilisten messern, dann ist das Schweigen groß.

Liegt es vielleicht daran, dass Palästinenser, besonders solche bei Fatah und Hamas, Hanafiten sind, die der Asch’ari- bzw. Maturidi-Glaubensschule zuneigen?

Genauso ist es bei den Qassam-Brigaden der Hamas, die sich nach dem hanefitischen Sufi Izz ad-Din al-Qassam benannt haben, der als Sheikh in einer Madrassa des Qadariyya-Ordens den mystische Weg der Sufi-Tariqa lehrte. Wenn diese Qassam-Brigaden bei ihren Märtyrer-Operationen Zivilisten mit in den Tod rissen, dann war es still im Milieu der Hippie-Sufis und Heuchel-Hanefiten, kein Ton von der Gewalt aus den eigenen Reihen.

Und die Taliban? Wer hätte es gedacht? Keine „Salafisten“, sondern Hanefiten und Maturidis sinds. Die Führungsriegen der Taliban stehen in der Lehrtradition der Deobandi-Schulen, welche bekannt sind für ihre hanefitische Lehre und den gelebten und gelehrten Sufismus. Die Taliban haben übrigens schon Köpfe abgeschnitten, da haben die meisten heutigen IS-Kämpfer noch als Speisequark im Schaufenster gestanden.

Aber auch hier … Stille.

Buchauszug: Ibn Khaldun – Das Böse steht dem Charakter des Menschen besonders nahe

«Wisse, dass Allah – gepriesen sei er – in der Natur der Menschen das Gute wie das Böse verankert hat, so wie Er, der Erhabene, sagt:

„ … und (Wir) zeigten ihm die beiden Wege … „ [Koran 90. 10]

und ferner:

„ … und Er hat ihr (d. h. der Seele) ihre Sündhaftigkeit und ihre Gottesfurcht eingegeben.“ [Koran 91. 8]

Das Böse steht dem Charakter des Menschen besonders nahe, wenn man versäumt hat, auf seine Gewohnheiten achtzuhaben, und der Mensch nicht dazu erzogen worden ist, der Religion zu folgen. So verhält es sich bei der Masse der Menschen, mit Ausnahme derer, denen Allah Erfolg beschied.

Zu den Charaktereigenschaften des Bösen bei den Menschen zählen Ungerechtigkeit und Feindschaft untereinander. Denn wessen Auge auf das Hab und Gut des Nächsten fällt, dessen Hand streckt sich auch schon aus, um es zu ergreifen, es sei denn ein zügelndes Element hält ihn davor zurück, so wie es heißt:

„Ungerechtigkeit ist ein Wesenszug der Seelen. Wenn du einen tugendhaften Menschen findest, so gibt es einen Grund, warum er nicht ungerecht ist.“»

(Ibn Khaldun, Buch der Beispiele – Die Einführung/al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Reclam-Verlag Leipzig ©1992, Seite 76)

Eine Realität? Psychisch kranke Konvertiten.

von Yahya ibn Rainer

Mein palästinensischer Hausarzt, ein Doktor der Allgemeinmedizin, erklärte mir kürzlich, dass erschreckend viele Konvertiten teils krankhafte Komplexe, Phobien, Präferenzen (Neigungen) und Zwänge mit in den Islam nähmen und dort unter dem Vorwand der Religion teils exzessiv ausleben würden.

Besonders seien soziale Ängste und Persönlichkeitsstörungen auffällig, es würden häufig Minderwertigkeitskomplexe kompensiert und neue Identitäten (Persönlichkeiten) geschaffen.

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Mut, Würde und Anstand im digitalen Zeitalter vs. Dr. Alfons Proebstl, Boxvogel & Co

von Yahya ibn Rainer

Mut, Würde und Anstand haben im digitalen Zeitalter 3 Stufen.

Die niederste Stufe: Seine Meinung anonym, ohne Realnamen und Gesicht, im Netz zu publizieren.

Die Stufe des Gewöhnlichen: Mit seinem wirklichen Namen für die eigene Meinung einstehen, die man im Netz publiziert.

Die Stufe des wahren Mutes und ein Anzeichen für echte Würde und Anstand: Seine Meinung nicht nur im Netz zu publizieren, sondern auch zu leben und Auge in Auge dazu zu stehen.

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Aufstieg und Niedergang der Dawa Salafiyya in Deutschland?

von Yahya ibn Rainer

Als plötzlich – um 2006 herum – die Dawa Salafiyya in Deutschland groß wurde und Verbreitung fand, begannen auf einmal zahlreiche muslimische und neukonvertierte Jugendliche, sich in einem Ausmaß mit islamischem Wissen und seinem Usul zu beschäftigen, wie es zuvor in Deutschland nie üblich war.

Dieser Umstand überforderte nicht nur zahlreiche Eltern und muslimische Gemeindemitglieder, sondern zum Teil auch ungelernte und gelernte Imame in den Moscheen. Den (gewiss nicht immer, aber doch recht häufig) guten Argumenten dieser „Jungsalafisten“ konnte nur schwer spontan entgegnet werden, und so nahm die Bewegung schnell zu.

Seit kurzer Zeit, fast 10 Jahre später, scheint man in den etablierten Altherrenstrukturen der religiösen Ausländervereine ein wenig aktiver und offensiver geworden zu sein. Langsam erscheinen mehr und mehr Jugendliche und Erwachsene auf der Bildfläche, die sich an der (eigentlich verhassten) Dawa Salafiyya ein gutes Beispiel nehmen, indem sie sich intensiv mit Wissen und Usul beschäftigen und dieses in deutscher Sprache verbreiten.

Immer häufiger stoße ich in letzter Zeit auf Dawa, die sich zwar nicht direkt gegen die Salafiyya richtet, aber durchaus viele ihrer Botschaften und Urteile kritisch hinterfragt und gehbare Alternativen aufzeigt.

Die Dawa Salafiyya – und hier ganz besonders Pierre Vogel – hatte einen Stein ins Rollen gebracht und die Beschäftigung mit dem Islam wieder attraktiv gemacht. Jeder, der dies leugnet, ist entweder blind oder zu differenzierter Betrachtung nicht in der Lage. Pierre Vogel & Co haben den Islam unter Jugendlichen in Deutschland (wieder) erwachen lassen. Entweder wurden junge Muslime von ihm motiviert MIT IHM in der Dawa tätig zu sein, oder sie wurden motiviert sich wieder mit dem Islam zu beschäftigen um seine Methoden und Ansichten kritisch zu hinterfragen.  Beides ist meines Erachtens ein Gewinn, so lange es für den Islam geschieht.

Auch die Deutsche Sprache wurde durch Pierre Vogel & Co in der Dawa gestärkt und die etablierten Verbände und Vereine sahen sich gezwungen, ihre verkrusteten und altbackenen Strukturen aufzubrechen, um der hiesigen Verkehrs- und Kultursprache den Rang einzuräumen, den sie unzweifelhaft verdient hat. Nie wurde mehr muslimische Literatur in die Deutsche Sprache übersetzt oder in Deutscher Sprache verfasst, als in den letzten 10 Jahren der expandierenden Dawa Salafiyya.

Heute jedoch sehe ich einem Wandel entgegen, der mich sehr beunruhigt. Während ich nämlich unter „Salafiyya“-Kritikern einen qualitativen und quantitativen Sprung nach vorn wahrnehme, muss ich bei den sogenannten „Salafisten“ eine gewisse Degeneration feststellen. Nicht quantitativ, denn mehr werden wir auch weiterhin, aber auf jeden Fall qualitativ. Speziell bei den neuesten „Zugängen“ im „Salafi-Milieu“ stelle ich nicht selten ein äußerst oberflächliches Wissen und auch besorgniserregende ideologische Einflüsse fest. Manchmal fürchte ich, dass gewisse „Islamexperten“ und Soziologen nicht ganz Unrecht hatten, als sie den zeitgenössischen „Salafismus“ als eine neue Form der jugendlichen Subkultur bezeichneten, die vor allem darauf aus ist zu provozieren.

Besonders auffällig scheint mir dieses Phänomen bei der verhältnismäßig großen Zustimmung für den „Islamischen Staat“ zu sein. Neben sicherlich auch einigen älteren Anhängern, sind es in Deutschland aber vor allem äußerst junge und nicht selten auch relativ frische Muslime, die den „Produkten“ des IS erliegen. Hochwertig produzierte Kriegs- und Hinrichtungsvideos und markige Anasheed haben den Predigervideos von Pierre Vogel & Co schon längst den Rang abgelaufen.

Böse Zungen könnten jetzt behaupten, dass sich mit diesem Wandel im Grunde nur das wahre Gesicht des „Wahhabismus/Salafismus“ offenbart, aber wer ehrlich ist und Einblick hat, der kennt die tatsächlichen Gründe. Was letztendlich nämlich zu dieser Degeneration des Wissens und des Verhaltens führt, ist der staatlich und mediale geführte „Kampf gegen den Salafismus“.

Wo Moscheegemeinden nicht schon von sich aus solche Muslime ausgrenzten, die sie als „Salafisten“ oder „Wahhabiten“ verstanden, machten Staat und Presse ausreichend Druck. Viele, vor allem junge Muslime, sind auf diese Weise aus den Stätten verbannt worden, wo sie eigentlich qualifiziert hätten belehrt werden können. Und wo solche ausgegrenzten Muslime aufgenommen wurden oder eigene Vereine und Räumlichkeiten gründeten, wurde der staatliche und mediale Druck sogar noch auf die Spitze getrieben.

Dass ausgegrenzte „Salafisten“ damit aber nicht verschwinden, wird jedem wohl einleuchten. Anstatt also nun in einer Moscheegemeinde mit den Älteren und Gebildeten zu sitzen, hocken sie zu Hause vor dem PC und bekämpfen ihre Langeweile mit Videos, Anasheeds und zweifelhaften Texten und Vorträgen.

Die etablierten Verbände sollten sich ganz genau überlegen, ob sie in Zukunft weiterhin an der Seite des Staates und in Zusammenarbeit mit der Presse gegen Glaubensgeschwister feindlich vorgehen wollen. Zum einen ist es nicht die richtige Art und Weise, um innerhalb der muslimischen Gemeinde Meinungsunterschiede auszufechten, und zum anderen spielt man solchen jungen Muslimen damit quasi in die Hände, die den „Salafismus“ tatsächlich als jugendliche Subkultur missbrauchen, um gegen die familiären Strukturen und das Establishment zu rebellieren. Ausgrenzung wirkt in dieser Hinsicht eher als Verstärker, und wenn die Subkultur (wie im Fall des IS-Kults) vor allem auch tödliche Gewaltphantasien bedient und erzeugt, dann kann Ausgrenzung auch Gefahr für Leib und Leben bedeuten.

Buchauszug: Ibn Khaldun – Der Schaden durch Regierungsgesetze und staatlich regulierte Bildung

von Yahya ibn Rainer

Vor einiger Zeit schon brachte ich durch den Hinweis eines Bruders in Erfahrung, dass der „Islamische Staat“ den Schulzwang eingeführt hatte. Demnach ist jedes Kind bei Strafe dazu verpflichtet, von der 1. bis zur 9. Klasse eine Schule zu besuchen, die dem staatlichen „Amt für Bildung“ untersteht. Des Weiteren las ich heute auf einem IS-nahen Blog, dass auch sämtliche anerkannten Bildungsmittel ausschließlich vom „Islamischen Staat“ produziert und gedruckt werden dürfen.

Der „Islamische Staat“ bricht hier also mit einer langen Tradition der freien Bildung und des unabhängigen Wissenserwerbs. Diese Tradition begann unter der Führung des Gesandten Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – und fand seine Fortführung unter den darauf folgenden rechtgeleiteten Kalifen – möge Allah mit ihnen allen zufrieden sein – und zahlreichen weiteren Dynastien, durch alle goldenen Zeitalter und Zivilisationen der muslimischen Geschichte hindurch, bis zum Niedergang des Osmanischen Reiches.

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