Buchauszug: Ludwig Ferdinand Clauss – Wie das Abendland über das Morgenland urteilt (1957)

„Man bringt seine eigenen „Kategorien“ mit, fertige Auffassungsformen, paßt das Andere in sie hinein und schreibt ihm vor, wie es zu sein hat. Man erteilt Zensuren nach jenen Werteordnungen, die jeweils zu Hause gelten (nämlich zu Hause bei uns) und kommt zu Ergebnissen, die – ob in Zahlen oder nicht – immer das eine besagen, daß jene komischen Leute dumm genug sind, anders als wir zu sein, und daß es eigentlich Zeit wird, ihnen beizubringen, wie sie eigentlich sein müßten.

Ob es hierzu einer Wissenschaft bedarf? Machte das nicht Karl May viel hübscher? Er blieb in der Villa Shatterhand zu Hause in Radebeul, bekämpfte dort Sklavenhändler, befreite Unglückliche und wußte über das Morgenland alles viel besser, als es die Leute dortselbst jemals gewußt haben. So seltsam es klingt, es besteht ein Zusammenhang der Art- und Zeitbedingtheit zwischen den Völkerbildern, auch Völkerseelenbildern, die einem Karl May vorschwebten, und der Völkerpsychologie vom soeben beschrieben Typus. Und das ist kein Zufall, denn beides ist vollendetes Abendland: gegenüber sein, zum Gegenstande machen und diesen „bearbeiten“ mit dem Werkzeug, das man hat: den mitgebrachten eigenen Auffassungsformen.

Gemacht und gehärtet sind diese im Feuer vermeintlicher Überlegenheit, die darin liegt, daß man sich stärker „durchzivilisiert“ fühlt im Sinne der Mechanei eines industriellen Zeitalters. Das Organ für echte Kultur, die den Menschen für voll nimmt (nicht als „Arbeitskraft“), das zu Goethes Zeit noch lebte, ist abgestorben: der Mensch des Abendlandes, auch wenn er zu forschen vermeint, sieht Gegenstände, er macht den Menschen zur Sache, die weder selten noch sonderlich kostbar sei (Jules Monnerot) und die nicht anders „interessiert“ als unter dem Gesichtspunkt, wie sie sich einem Gesamtplan der Weltnutzung jeweils am passendsten einfüge. Um den Menschen so zu sehen und dafür zu erforschen, hierzu bedarf es freilich einer Psychologie, die anders verfährt als jene, die ein Goethe noch suchte.“

(Prof. Dr. phil. Ludwig Ferdinand Clauß, Die Seele des Andern – Wege zum Verstehen im Abend- und Morgenlande, Seite 45)

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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