Buchauszug: Ludwig Ferdinand Clauß – Von Wüsten- und Waldgängern (Die Geborgenheit in der Preisgegebenheit)

Die Wege zur Rechtleitung sind bekanntermaßen recht unterschiedlich. Die einen hören erstmals einen Gebetsruf, andere lesen durch Zufall in einer Koranübersetzung, andere wiederum haben einen Traum oder kommen gar erst durch islamkritische oder -feindliche Betätigungen zur leitenden Einsicht.

Für den deutschen Psychologen, Philosophen und Anthropologen Prof. Dr. phil. Ludwig Ferdinand Clauß (1892-1974) jedoch schien die Wüste eine prägnante Rolle gespielt zu haben, als er im Rahmen einer 1927 beginnenden Forschungsreise im Nahen Osten den Islam annahm. Welchen Eindruck die morgenländische Wüste in ihm auslöste und wie er das abendländische Gegenstück dazu, nämlich den Wald, betrachtete, das könnt ihr hier lesen:

„Die Bedeutung des Waldes für den Gottesmann, der ihn aufsucht, stimmt also in einem Punkte überein mit dem, was die Wüste für den Wüstengänger, den Eremiten, ist: der Ort, wohin er sich vom Umgang mit den Menschen zurückzieht, um Gott zu begegnen. Soweit stimmt die sprachliche Gleichung des abendländischen Dichters: Wüste wie Wald.

Und dennoch ist, sobald man nunmehr sprachlich ins einzelne geht, alles ganz anders. Der Wald ist dem Waldgänger eine schützende Hülle; wer sie verläßt, kehrt ins Ungeschützte zurück: «thó forlét he waldes hleo» [aus dem Heliand, Anm. d. Verf.]. Das Wort hleo ist dasselbe wie das Seemannswort für Windschutz: Lee. Man hüllt sich in Wald ein, man wickelt sich darein wie in eine bergende Decke.

Wer wird dergleichen je von der Wüste sagen wollen, sofern er die Wüste kennt? Gewiß, auch sie birgt, aber – ganz anders.

Der Wald hat Möglichkeiten, die einander widersprechen; er wird, wenn man entsprechend mit ihm umgeht, sogar gemütlich. Unsere Sprache erlaubt es, ihn klein und niedlich zu sehen, indem sie „Wäldchen“ sagt. Auch der kleine Mann kann sein Wäldchen beim Hause haben. – Und nun die Gegenprobe. Es widerspräche sich selbst und wirkte lächerlich, wollte man in irgendeinem entsprechenden Sinne von einem Wüstchen reden. Das Groß- und Weitsein, das Ins-Unbegrenzte-Greifen liegt schon im Begriffe der Wüste. Auch das Unverhüllte. Bergwüste sieht aus wie die Welt am Schöpfungstage, als es noch keinen hüllenden Bewuchs gab. Sie gewährt das Erlebnis der Preisgegebenheit, die durch nichts zu bannen ist als durch die unbedingte Hingabe.

Hier ist das vom Propheten Muhammad gestaltete Grunderlebnis des Islams: das Menschsein vor dem unsichtbaren Antlitz einer Macht, der gegenüber der Mensch das bare Nichts ist, ihr ohne jede Bedingung preisgegeben. Es gibt nur die eine Rettung, sich der Macht ohne jede Bedingung zu unterwerfen. Das Sein vor Gott wird in ein Sein zu Gott verwandelt: das preisgegebene Nichts birgt sich in jener Macht, die alles ist. Geborgenheit in der Preisgegebenheit.

Es ist das äußerste Gegenteil zu jener Haltung des modernen Menschen, die sich im Existenzialismus bewußt wird: der abendländische Mensch der Gegenwart erlebt sein Dasein als „ins Nichts gehalten“.

Das Wort Islam bedeutet genau die andere Haltung, wo das Nichts in die allesseiende Macht gehalten und in ihr entnichtet wird. Das ist „Weisheit der Wüste“.

Ich sehe keine ihr entsprechende Weisheit des Waldes, die das Abendland entwickelt hätte. (Indische Weisheit hat mit dem Walde zu tun, doch der indische Wald und der indische Mensch sind anders.)

Ein Denker des Abendlandes, Ernst Jünger, hat für unsere Zeit die Möglichkeit einer Seinsform aufgewiesen, die er den Waldgänger nennt (Ernst Jünger, Der Waldgang, Frankfurt a. M. 1950), er stellt sich neben den Arbeiter und den unbekannten Soldaten. Sie entsteht durch Ablehnung einer Gewaltherrschaft und Wahrung der Freiheit in einer unfreien Welt. Der Wald, um den es da geht, ist nicht sichtbar und greifbar wie eine wirkliche Landschaft, sondern etwas Gedachtes: eine Abstraktion.

Wie wäre es anders möglich in einer Welt, wo der Wald ein Forst ist, in dem sich niemand verliert, oder gar ein Park: kein sinweldi wie der Wald des Helianddichters. Im Forst kann sich niemand bergen. Jener Waldgang, von dem Ernst Jünger sagt, daß darin der Mensch sich selbst begegne „in seiner unaufgeteilten und unzerstörbaren Substanz“, vollzieht sich in einer Welt, die niemals Wüste hatte und auch den Wald verlor. Kürzer gesagt: es ist ein Waldgang ohne Wald.

(Prof. Dr. phil. Ludwig Ferdinand Clauß, Die Weltstunde des Islams, © 1963, Seite 124-125)

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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