Buchauszug: Schmitz du Moulin – Zum Konflikt zwischen Armeniern und dem Osmanischen Reich (1894–1896)

In Ehrlichkeit hätte der Herr Hammerstein bekennen müssen, daß hier von einer Christenverfolgung absolut nicht die Rede sein kann, sondern dass es sich hier um eine durch englische und amerikanische Missionare unter dem Deckmantel des Christentums hervorgerufene Verhetzung unreifer Knaben und Mädchen handelte. Der Fanatismus, die Verfolgungssucht war ganz auf Seiten der Christen. Obschon die große Mehrzahl der Armenier gute Leute sind, so findet man darunter auch viele wirkliche Scheusale, die kein anderes Volk so lange ertragen hätte, wie das türkische.

Jeder, der Konstantinopel oder die Türkei auch nur oberflächlich kennt, weiß, daß das türkische Volk mehr als eine Ursache hatte, auf die armenischen Revolutionäre erbittert zu sein. Als diese nun mit Dynamitbomben zu werfen begannen, welche protestantische Lehrerinnen kleine Mädchen auf der Schule zu verfertigen lehrten, da stieg der Unwille aufs höchste. Es war nur ein Zeichen der äußersten Verachtung, daß man von den Waffen keinen Gebrauch machte, sondern sie einfach mit Knüppeln niederschlug. So gebrauchten auch die türkischen Soldaten gegen die griechischen Soldaten vielfach keine Waffen (auch die waren dafür zu erbärmlich), sondern schlugen sie mit Stöcken zu Boden. Jeder Moslim fühlt, dass er weit über dem griechischen, armenischen, bulgarischen u. s. w. Pöbel steht. Aber von den durch Herrn Hammerstein in Schutz genommenen armenischen Verbrechern schreibt Dr. Barth, ein Kenner der Türkei:

„Die drastische Volksrache der türkischen „Knüttelmänner“ war eine schwache Antwort auf den Bombenregen aus der Banque Ottomane, erschien daher begreiflich.“

Der stets ruhig und richtig urteilende Botschafter Deutschlands, Baron Saurma-Jelitsch, nahm keinen Anstoß, einem Vertreter der Presse zu äußern:

„Die Armenier, die Bomben geworfen haben, sind Desperados, verzweifelte Leute, zum Äußersten entschlossen. Sie verlangen für sich eine Autonomie, sie wollen politische Rollen spielen, und sie sind entschlossen, wenn man ihnen nicht in der Türkei die politischen Zügel überlässt, nachdem sie die wirtschaftlichen an sich gerissen, wenn Europa ihnen nicht zu ihren Forderungen verhilft, — (und es kann ihnen nicht dazu verhelfen!) — alle in der Türkei lebenden Christen, alle hiesigen Europäer ins Verderben zu reißen. Daß der Sultan gegen offenkundige Rebellen einschreitet, ist sein Recht und kann ihm nicht verwehrt werden, solange er der anerkannte Herr im Lande ist […] . Die Führer sind meist ehrgeizige junge Leute, die als Studenten in Genf von den anarchistischen Ideen angesteckt sind. […]

Selbst der armenische Patriarch versicherte de- und wehmütig jedem, der es hören wollte, die letzten Wirren seien lediglich das Werk einer elenden Clique gewesen, und die Armenier wünschten nichts sehnlicher, als in aller Ewigkeit unter dem wohltätigen Szepter des Sultans zu leben. […]

Und er war gut, der heilsame Schreck, den die „Knüttelmänner“ der heuchlerischen Völkerbeglückungsgesellschaft eingejagt hatten. Kein Volk, das auch nur einen Funken von Selbstgefühl und Lebenskraft besitzt, hätte solche Provokationen, wie die des Bombenattentates, ungeahndet gelassen, gleichviel, ob dabei Schuldlose untergingen oder nicht. Das war bedauerlich, aber kaum zu vermeiden. […]

Wie im Extrakabinett einer Jahrmarktsbude, so stoßen wir, wenn wir die Personen des armenischen Stückes Revue passieren lassen, auf eine ganze Kollektion von Galgengesichtern, — jene Individuen, von denen der Konstantinopeler Brief eines Berliner Blattes so scharf bemerkt : „Die Herren, die mit der Idee eines armenischen Sonderstaates zuerst vor die Welt getreten, waren Fremde, Ausländer, waren politische Emissäre fremder Mächte im Priester-, beziehungsweise Lehrerkleide, denen jedes Mittel und jede Gelegenheit gut genug erschien, um die Verwickelungen im Orient um eine zu vermehren und die famose orientalische Frage nicht einschlafen zu lassen.

Es waren mit fremden Gelde ausgerüstete Missionare im eigentlichen Armenien, und es waren Jugendlehrer in der Hauptstadt des türkischen Reiches selber, welche sich nicht entblödeten, auf ihrem ihnen vom Staate überlassenen Grunde eine Stätte zu errichten, wo unreifen Köpfen die Lehre vom Selbstbestimmungsrecht nicht nur, sondern auch der Hass gegen die Türken als Herren und als Moslims systematisch gepredigt wurde ! Und die hier auferzogenen Jünglinge, die ihr Vaterland nie gesehen, mit ihrem Volke nie in Berührung gekommen sind, wollen heute die „von der Nation getragenen Vorkämpfer“ für ein selbständiges Armenien sein. […]

Aber die Propaganda ist nur ein Mittel zum Zwecke, möglichst viel Unzufriedenheit zu säen, um dann im Trüben zu fischen. Auf jene aber fällt die Schuld, wenn wir wieder von Unruhen, Aufständen und Massacres hören werden, auf jene, wenn die Stimmung im Volke nach und nach zu Ungunsten aller nicht mosleminischen Elemente umschlägt. […]

Da sind sie alle, die teuren Seelsorger, die werten Lehrer der aus „Robert Kollege“ und ähnlichen Instituten hervorgegangenen, durch ausländische Pässe geschützten Herren, der einundzwanzigjährige Kanaille Garos mit dem „heiligen Lachen“, seines Blutsfreundes Hraut (achtundzwanzig Jahre alt), seines Sassuner Mörder-Kollegen Dumadian usw. Da sind sie, die schwarzröckigen Sendlinge des frommen Englands. „An ihren Werken sollt ihr sie erkennen!“

Seine Hochwürden Georges, der die Armenier von Bitlis unter allerhand Vorspiegelungen und Lügen ins Verderben hetzt! Da ist seine Hochwürden L., der Mordbrenner, der insgeheim sein Haus in Brand steckt und dann laut um Hülfe zetert, weil die Türken es ihm angezündet hätten; da ist der fromme Diener des Wortes, den die Türken am 23. Oktober in Silvas (Diarbekir) am Wickel fassen, worauf die Unruhen wie durch Zauberschlag aufhören ; da ist der zwar nicht englische, aber im englisch-bigotten Geiste erzogene Schullehrer Haumsch Abraham, der — wie sein Kollege Georges — gefährliche Lügen unter den Armeniern verbreitet u. s. w. Zwischen Lehrer und Schüler, wie man sieht, wenig Unterschied! […] Alle gleich noble Brüder.“

Daß also die Türken sich von armenischen Anarchisten und der von ihnen teilweise verhetzten Bevölkerung nicht ausmorden und vertreiben ließen, sondern sich zur Wehre setzten, das findet dieser Jesuit nun unrecht? Trotzdem er wissen könnte und, wenn er darüber schreiben will, wissen müsste, daß dieser Aufstand von einem denkbar niederträchtigsten Geheimbunde, der eine Drangsal für alle bessern Armenier war, mit Hilfe englischer und amerikanischer protestantischer Missionare und Schullehrer in Scene gesetzt war zur Verfolgung und Ausrottung der Moslims, daß alle Zuchtlosigkeit, aller Fanatismus, alle Verfolgungen von den Christen ausgingen! Die waren die Empörer, Mörder, trotzdem sie jede Freiheit hatten, trotzdem sie die Blutsauger der Türken sind, trotzdem sie alles in Händen haben und sicherlich besser stehen, als ihre Stammesgenossen in Russland.

Die meisten Armenier, alle katholischen, sind denn auch sehr gute türkische Patrioten, viele sprechen auch nur türkisch. Es waren nur die Auswüchse des gregorianischen Armeniertums unter anglo-protestantischer Ägide, die einen armenischen Idealstaat mit unbeschränkter Wucherfreiheit aufrichten wollten. Dann entblödet dieser Jesuit sich nicht, zu behaupten, daß die Armenier „zum Abfall vom Christentum gezwungen worden seien.“ Das ist absolut unmöglich, denn jeder Moslim kennt seinen Glauben und sucht ihn zu befolgen, und solcher Zwang ist ihm aufs strengste verboten.

(Muhammad Adil Schmitz du Moulin, Der Islam ©1904, Seite 97-102)

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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