Die Geschichte von Zwangs-, Mehr- und Kinderehe im christlichen Abendland

von Yahya ibn Rainer

Wer kennt sie nicht, die Angriffe auf den Islam und seinen letzten Propheten – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – vonseiten christlicher und pseudochristlicher PImaten und PROleten, die sich gern als Retter des Abendlandes aufspielen. Besonderer Beliebtheit erfreut sich in diesem Milieu die Kritik an Zwangs-, Mehr- und Kinderehe, die sie samt und sonders speziell im Islam als angelegt wissen wollen. Das glorreiche christliche Abendland – für das sie seit geraumer Zeit auch die armen Juden in Haftung nehmen – ist für sie der moralische Gegenentwurf. So schmücken sich derart gesinnte „Abendlandsretter“ im Internet dann natürlich auch gern mit Namen von großen abendländischen Rittern und Fürsten, die entweder den Einfall der Mauren nach Mitteleuropa verhinderten (wie z.B. Karl Martell) oder an den (anfangs) erfolgreichen Kreuzzügen teilnahmen (wie z.B. Richard Löwenherz).

Nun muss man, wenn man sich mit diesem Thema befasst, bezüglich der islamischen Standpunkte Klarheit schaffen. Zwangsehen sind und waren schon immer im Islam verboten, wenngleich sie im Morgenland trotzdem stattfanden und -finden, illegalerweise. Die Mehrehe jedoch ist im Islam nicht nur erlaubt, sondern in manchen Fällen sogar empfohlen, unter der Voraussetzung allerdings, dass ausschließlich der Mann mehrere Frauen gleichzeitig ehelicht, aber nie mehr als vier an der Zahl und immer nur mit ihrem ausdrücklichen Einverständnis.

Die Kinderehe – die so natürlich nicht heißt, aber heutzutage genannt wird – ist im Islam nicht verboten, aber das ist sie ebenso wenig im Juden- und Christentum. Geläufig war sie allerdings eher im Mittelalter. In Staaten, wo man erst mit 18 Jahren als volljährig gilt, ist man praktisch bis kurz vor diesem Geburtstag noch ein Kind. Die Ehemündigkeit nach heutiger Gesetzgebung liegt in der BRD bei 16 Jahren, wenn der Ehepartner über 18 Jahre alt ist.

Mein Ansatz liegt allerdings nicht in der zeitgenössischen Bundesgesetzgebung, sondern in der Zeit der großen abendländischen Vorbilder wie Martell und Löwenherz. Ihre Sippen, die als so glorreich empfunden werden, möchte ich speziell auf diesem Gebiet unter die Lupe nehmen. Grundlage hierfür ist das Buch Der Alltag im Mittelalter der Historikerin Maike Vogt-Lüerssen.

Zeitlich bewegen wir uns mit den folgenden Auszügen tatsächlich im Mittelalter, das etwa ein halbes bis ganzes Jahrtausend hinter der Lebzeit des letzten Propheten des Islams liegt, dass sollte nicht außer Acht gelassen werden.

Als erstes sei dargelegt, was im abendländischen Mittelalter als Hochzeit galt. Die Historikerin Maike Vogt-Lüerssen schreibt dazu folgendes:

„Die Hochzeit selbst setzte sich aus folgenden Rechtsakten zusammen: aus der Trauung, der Heimführung, der Beschreitung des Ehebettes und der Darreichung der Morgengabe. […]

Die Trauung, die im allgemeinen am Morgen der Hochzeit vorgenommen wurde, war ein feierlicher, weltlicher, öffentlicher und durch Zeugen abgesicherter Rechtsakt. Die Verwandten traten in einem Kreis zusammen, in deren Mitte sich das junge Paar befand. Der Sippenälteste hatte das Brautpaar in der rechtmäßig vorgeschriebenen Weise zu befragen. Mit ihrem Jawort begab sich die Braut von der Muntgewalt ihres Vaters in die Muntgewalt ihres Gatten. Durch rechtsförmliche Handlungen wie z.B. durch einen Fußtritt oder durch das Ergreifen ihrer Hand machte der Bräutigam auch symbolisch deutlich, in wessen Munt sie sich von nun an befand. […]

Danach wurde die Braut in einem feierlichen Zug in das Haus ihres Mannes geführt (die Heimführung), in dem das Hochzeitsmahl stattfand und das Beilager unter Zeugen vollzogen wurde. Denn der Geschlechtsakt unter Zeugen ließ ihre Ehe erst rechtskräftig werden.“
[Kapitel 5, 1.1.]

 Das Wort Munt im obigen Auszug bedeutet soviel wie Vormundschaft. Auch hierauf geht Vogt-Lüerssen näher ein:

„Die im Mittelalter gebräuchlichste Eheform war die patriarchalische Muntehe.

Die Schließung einer Muntehe war ein reines Rechtsgeschäft zwischen zwei adligen Familien. Da die Frau als Geschäftspartnerin ausgeschlossen war, spielte ihr Wille keine Rolle. Sie stellte lediglich das Vertragsobjekt dar. Die Übergabe der Braut erfolgte gegen bare Zahlung des zwischen beiden Parteien ausgehandelten Kaufpreises.“
[ebenda]

Nachdem wir nun wissen, dass die Zwangsehe durchaus auch abendländisch ist, kommen wir zum Heiratsalter:

„Der kleine Prinz Heinrich Plantagenet († 1183), der ältere Bruder von Richard Löwenherz, wurde als Fünfjähriger mit der zweijährigen Margarete, einer Tochter des französischen Königs Ludwig VII., vermählt. Kaiser Heinrich IV. († 1106), bekannt durch seinen Gang nach Canossa, wurde als Vierjähriger mit Berta von Turin verlobt, die er sein Leben lang abgrundtief hassen sollte.“
[ebenda]

Wie romantisch. Und weiter …

„Mathilde († 1189), eine Schwester von Richard Löwenherz, wurde 1165 im Alter von neun Jahren mit dem 36-jährigen Heinrich dem Löwen verlobt. Drei Jahre später fand ihre Hochzeit statt. […]
Agnes, die einzige Tochter Kaiser Heinrichs IV., wurde als Sechs- oder Siebenjährige mit dem 29-jährigen Herzog Friedrich von Schwaben, dem Großvater Friedrich Barbarossas, vermählt.“
[ebenda]

Nicht befremdlich genug? Wie ist es hiermit?

„Maria, die Lieblingsschwester Kaiser Karls V. († 1558) wurde im Alter von einem Jahr sogar mit einem Ungeborenen verlobt, in der Hoffnung, daß ihre schwangere, zukünftige Schwiegermutter, Anna von Böhmen und Ungarn, 1506 einen Jungen gebäre. Was sie auch tat. 1515 vermählte man schließlich die 10-jährige Maria mit ihrem 9-jährigen Verlobten Ludwig II. († 1526).“[ebenda]

Wer sich nun am Worte „verlobt“ eine Ausrede zurechtlegt, der sollte folgendes wissen:

„Das Verlöbnis hatte damals weitaus größere rechtliche Wirkungen als heute. Es stellte einen Vertrag dar, dessen Verletzung eine schwere Buße nach sich zog. Denn die Verlobten schworen unter Eid zu heiraten!“
[ebenda]

Nun wollen wir auf die Mehrehe eingehen. Das Mittelalter kannte nämlich nicht nur die oben erwähnte Muntehe, sondern zugleich auch noch die Friedel- (Liebesehe) und die Krebsehe (Ehe mit Unfreien/Sklaven).

„Obwohl die Merowinger immer mehrere Ehefrauen besaßen, hatten sie nur eine Muntfrau. Die anderen Frauen waren durch Friedel- oder Kebsehen mit ihnen verbunden.“
[Kapitel 5, 1.4.]

Und nun kommen wir zu Karl dem Großen, dem Enkel des Karl Mantell und erster Kaiser des Römischen Reiches Deutscher Nation. Über ihn schreibt man bei Wikipedia folgendes:

„In verschiedenen Konzepten einer europäischen Identität, insbesondere in Vorstellungen von einem „christlichen Abendland“, wird bis heute eine identitätspolitisch geprägte Erinnerungskultur um seine Person gepflegt.“
[de.wikipedia.org/wiki/Karl_der_Gro%C3%9Fe]

Es wäre also recht interessant zu lesen, wie er es mit der Monogamie zu halten pflegte:

„Bei den Karolingern, dem Königsgeschlecht, das den Merowingern folgte, stellt Karl der Große († 814) ein interessantes „Eheobjekt“ dar.

Seine erste Ehe war eine Friedelehe, die er mit einer gewissen Himiltrud schloß. Aus dieser Beziehung stammte sein Sohn Pippin der Bucklige.

Die zweite Ehe war eine Muntehe, die er mit einer Tochter des Langobardenkönigs Desiderius einging. Ein Jahr später hatte er jedoch schon genug von ihr und verstieß sie, obwohl er dadurch, da es sich um eine Muntehe handelte, die Gefahr einer Fehde einging.

Die nächste Ehe, wieder eine Muntehe, führte er mit Hildegard, die aus einem fränkisch-alemannischen Geschlecht stammte. Aus dieser Verbindung gingen folgende Kinder hervor: Karl, Pippin, Ludwig und Lothar, Hruodtrud, Berhta und Gisla.

Nach dem Tod Hildegards ging Karl erneut eine Muntehe mit einer Fränkin namens Fastrada ein, die ihm die Töchter Theoderada und Hiltrud schenkte. Neben dieser Muntehe führte er noch eine Friedelehe, aus der seine Tochter Hruodhaid hervorging.

Nach Fastradas Tod heiratete er die Alemannin Luitgard, von der er keine Kinder hatte. Das war seine letzte Muntehe. Nach Luitgards Tod schloß Karl noch vier weitere Friedelehen.

Seine Friedelfrau Madelgard gebar ihm seine Tochter Ruothild, die Friedelfrau Gersuinda seine Tochter Adaltrud, die Friedelfrau Regina die zwei Söhne Drogo und Hug und die Friedelfrau Adallinde seinen Sohn Theoderich.

Seine Friedelsöhne Pippin der Bucklige, Theoderich, Drogo und Hug wurden nach seinem Tode ins Kloster gesteckt. Laut Einhard blieben seine Töchter alle unverheiratet. In den Geschichtsbüchern heißt es so schön, er konnte ohne ihre Gesellschaft am Hof nicht leben. Aber vielleicht ließen und lassen sich die Historiker durch den geistlichen Geschichtsschreiber Einhard irreführen.

Einhard nannte nur die Frauen, die mit Karl Muntehen eingegangen waren, „Ehefrauen“, allen anderen Gattinnen, die mit Karl in der Friedelehe lebten, bezeichnete er, wie es die Kirche propagierte, Konkubinen.“
[Kapitel 5, 1.4.]

Ich hoffe ich konnte einen kleinen Einblick in die Ehepraxis des Abendlandes verschaffen, wie sie ein halbes Jahrtausend nach dem Ableben des letzten Propheten des Islams üblich war.

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

6 Gedanken zu „Die Geschichte von Zwangs-, Mehr- und Kinderehe im christlichen Abendland

  1. Tja, hierin unterscheiden sich die westlichen Staaten halt von den islamisch geprägten; sie setzen das Wohl des Kindes über die Vorbilder und Vorschriften aus ihrer Religion. Da brauchen Sie nicht damit zu kommen, dass das im Mittelalter gang und gäbe war. Steinigung und der Galgen waren auch üblich. Das alles gibt es in islamisch geprägten Staaten.

    1. Der Unterschied liegt eben auch darin, dass Karl der Große ein Kaiser war und Mohammed ein Prophet. Wieviele bitte nehmen Karl den Großen als ein Vorbild? Ein König, der vom Papst zum Kaiser gekrönt wurde… Dies brachte dem Kaiser einfach nur politische Vorteile… Hat heute auf unser alltägliches Leben keine Auswirkungen. Aber euer Prophet hat bis heute eine Vorbildfunktion und somit haben seine Taten Auswirkungen auf das alltägliche Leben vieler Menschen. Für mich ein schwacher Vergleich.

  2. Was wollen Sie mit diesem Artikel sagen?
    Vor über tausend Jahren hat Karl der Große auch eine Kinderehen gehabt und deshalb dürfen wir Muslime das heute auch?

    1. Wie kommen Sie darauf? Welcher Teil meines Beitrages veranlasst Sie zu dieser Vermutung über meine Intention?

      Ich denke, dass meine Ausführungen verständlich genug formuliert sind, um den Text und seine Intention zu verstehen.

  3. Assalumalaikum,
    sehr gut und verständlich geschrieben,
    ich bin selbst in einigen Foren aktiv und selbst 2008 konvertiert. Was mir auffällt, wenn die Argumente der Retter des Abendlandes;) ausgehen, dass diese dann mit dem Totschlagargment Kinderehe um die Ecke kommen, obwohl jeder „normale“ erwachsene Mensch weiß, dass eine Heirat mit einem Kind ausgeschlossen ist, doch kommen diese vor. Ich habe schon gsucht und bin für mich zu keinem befriedigenden Ergebnis gekommen, was eine Ehe mit Mädchen U16 ausschließt. Haben Sie für mich eine Information, wie Fatwa o. ä. darüber.

    Vielen Dank für Ihre Mühe
    Salaam
    Amira

    PS: ich finde ihren Blog klasse:)

    1. Wa alaykum assalam wa rahmatullah

      Ich kann leider nicht mit Fatawa zum Thema dienen. Man muss einfach dieses Thema so behandeln wie viele andere Themen im Islam auch, man muss anerkennen, dass es in dieser Angelegenheit (erlaubtes Heiratsalter) eine anerkannte Meinungsverschiedenheit gibt.

      Was meine bisherige Lektüre zum Thema angeht, so habe ich den Eindruck erlangt, dass das exakte Alter erst in der Neuzeit eine solch wichtige Rolle spielt. Erst im Zeitalter der behördlichen Registrierung und Ausweispflicht, ist das tatsächliche numerische Alter so immens wichtig geworden. In früheren Zeiten wussten viele einfache Leute gar nicht genau, wann sie geboren wurden und wie alt genau sie sind. Und so beurteilte man die Heiratsfähigkeit der Jungen und Mädchen rein nach ihrem körperlichen und geistigen Entwicklungsstand. Das Mädchen wurde zur Frau, wenn ihre Monatsblutung eintrat und der Junge wurde zum Mann, wenn er sich fähig zeigte, Verantwortung zu übernehmen.

      Der Zeitpunkt der Erreichung einer körperlichen und geistigen Reife bei jungen Menschen unterscheidet sich von Ort zu Ort und soll auch in bestimmten Zeitepochen recht unterschiedlich gewesen sein. Eine nachträgliche Verurteilung früherer Praktiken ist ein beliebtes, aber überaus laienhaftes Vorgehen. Jede Epoche generiert ihr eigenes Gewohnheitsrecht (‚Urf). Vieles von dem, was heute üblich scheint, wird vielleicht in 100 Jahren ebenfalls als rückständig, schrecklich oder verurteilenswert gelten.

      Wichtig bei alledem ist, dass wir im Hier und Jetzt alles richtig machen. Sich dabei an die hier und jetzt geltenden Sitten zu halten, ist wahrscheinlich das Richtigste, sofern darin keine Sünde liegt.

      Wa Allahu 3alem

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