Ein deutsch-französischer Islamkonvertit beschreibt im Jahre 1904 die Gegensätze zwischen Europa und dem Orient

„Noch viele andere Gegensätze bestehen zwischen dem Orient und Europa.

Bei den Orientalen ist der Bart ein Zeichen der Würde, in Europa ein Merkmal der Vernachlässigung.

Im Orient schneidet man Brot u. s. w. von sich ab, in Europa zu sich her.

Im Orient winkt man mit der Hand nach unten, in Europa nach oben.

Im Orient ist es Gebrauch, den Kopf zu rasieren; in Europa gilt das als Strafe.

Die Höflichkeit im Orient erfordert es, sich zuerst nach der Gesundheit zu erkundigen. Die Instruktion des Czaren für seinen ersten Gesandten bei Soliman dem Grolsen forderte, sich nicht eher nach der Gesundheit des Sultans zu erkundigen, als bis der Sultan nach der Gesundheit des Czaren gefragt habe. Die orientalische Diplomatie und Geschichte ist reich an Vorfällen, die sich um diesen Punkt drehen.

Manches Ding, woran die Leute nicht gewöhnt sind, erscheint ihnen lächerlich. Einen Teil des Körpers zu entblössen, um zu grüssen, scheint jedem Orientalen eine lächerliche Manier, und doch ist das Hutabnehmen, wenn man in ein Zimmer tritt, fast eben so wesentlich notwendig in Europa, als es die Nachfrage bei Begrüssungen im Orient sind.

Im Orient tritt man mit entblössten Pulsen in’s Zimmer, in Europa mit entblösstem Kopfe.

Im Orient tragen die Männer Nacken und Arme entblösst, in Europa die Frauen.

Im Orient kleiden sich die Männer in helle Farben und die Frauen beim Ausgehen in dunkle, in Europa gerade umgekehrt.

In Europa blickt die gesittete Dame schüchtern und verschämt; im Orient der gebildete Mann.

In Europa kann eine Dame einen Herrn nicht besuchen, wohl in der Türkei. Dort kann ein Herr eine Dame nicht besuchen, wohl in Europa.

In Europa wird der Arme, der um ein Almosen bittet, ins Gefängnis gesetzt; im Orient hat er ein Recht auf Almosen.

In Europa dankt der, der ein Almosen empfängt, im Orient ist der Geber zu Dank verpflichtet.

In Europa grüsst der Niedere zuerst, im Orient der Höhere, und der Niedere dankt.

In Europa hat der Arme keinen Zutritt zum Hause des Reichen; im Orient erhebt auch der Reiche sich in Ehrerbietung beim Empfang des Armen.

Dort tragen die Damen (ausser denen jetzt á la franca) immer Beinkleider und die Herren zuweilen Unterröcke.

In Europa ist eine rote Mütze das Zeichen der Frechheit; im Orient der Hut.

In Europa ist die Zimmerdecke weiss, und die Wände sind gemalt; im Orient sind die Wände weiss, und die Decke ist gemalt.

In der Türkei gibt es Abstufungen des gesellschaftlichen Ranges ohne Vorrechte; in Europa gibt es Vorrechte ohne entsprechende gesellschaftliche Unterschiede.

In Europa überwiegen gesellschaftliche Formen und Etikette die häuslichen Bande; im Orient überwiegt die Etikette der Verwandtschaft die der Gesellschaft.

In Europa wendet sich der Schullehrer zur wirksamen Unterstützung der Schulzucht an das Ansehen des Vaters; im Orient muss der Vater sich an die höhere Autorität und Verantwortlichkeit des Schullehrers wenden.

In Europa wird ein Junge dadurch bestraft, dass man ihn zur Kirche sendet; im Orient wird ein Schüler durch Ausschliessung aus der Moschee bestraft.

Orientalische Kinder betragen sich wie Männer europäische Männer wie Kinder.

In Europa erkundigen sich die Herrschaften nach den Dienstboten, in der Türkei die Dienstboten nach den Herrschaften (da sie keinen bestimmten Lohn, sondern nur gelegentliche Greschenke erhalten).

In Europa hält man das Tanzen für ein artiges Vergnügen; im Orient für ein unanständiges Geschäft.

In Europa leben die Wirte auf Kosten der Gäste; im Orient die Gäste auf Kosten der Wirte.

In Europa ist Gastwirtschaft ein Geschäft; im Orient eine Ehre.

In der Türkei beschränkt die Religion die Auferlegung bürgerlicher Abgaben ; in Europa legt die Regierung der Religion halber Steuer auf.

In Europa müssen alle ohne Unterschied Soldat werden; in der Türkei nur die Moslims.

In Europa verspottet man die Juden und macht sie doch der Militärehre teilhaftig; in der Türkei sind sie unbelästigt, und frei von Militärpflicht.

In Europa bekümmert sich der Staat um alle Religionsangelegenheiten; in der Türkei sind die verschiedenen Religionen in ihrer Innern Verwaltung absolut frei.

Der Orientale wundert sich, wie bei getrennten Meinungen die Regierung gehandhabt werden kann der Europäer begreift nicht, wie eine Unabhängigkeit ohne Opposition bestehen kann.

In Europa zwingt man die Christen, Soldat zu werden ; in der Türkei schliesst man sie davon aus.

In der Türkei kann Unruhe entstehen ohne Unzufriedenheit; in Europa besteht Unzufriedenheit ohne Unruhe.

Von einem Europäer wird die türkische Gerichtsverwaltung für mangelhaft gehalten; ein Türke hält die europäischen Grundsätze des Gesetzes für ungerecht.

Ein Europäer wird in der Türkei das Eigentum gegen die Gewalt ungesichert halten; ein Türke hält das Eigentum in Europa ungesichert gegen das Gesetz.

Der erstere wird sich wundern, wie das Gesetz ohne Advokaten gehandhabt werden kann, der Letztere, wie man mit Advokaten die Gerechtigkeit erhalten kann.

Der erstere wird erschreckt werden durch das Fehlen einer Volksvertretung gegen die Zentralregierung, den Letzteren wird das Fehlen einer Kontrolle über die Ortsverwaltung erschrecken.

Die Europäer können keine Unabänderlichkeit der Staatsgrundsätze als mit der Wohlfahrt verträglich finden; die Türken können nicht begreifen, dass das Gute und Rechte der Abänderung fähig ist.

Der Europäer wird den Türken für unglücklich halten, weil er keine öffentlichen Vergnügen hat; der Türke hält den für einen unglücklichen Menschen, der Vergnügungen ausserhalb des Hauses bedarf.

Der Europäer wird den Türken für einen geschmacklosen Menschen halten, weil er keine Gemälde hat; der Türke sieht den Europäer für gefühllos an, weil er die Natur nicht achtet.

In Europa muss man erst vorgestellt sein, oder es gibt keine Grastfreundschaft ; im Orient ist es gegen allen Anstand, den Fremden nach Namen und Herkunft zu fragen, bevor er bewirtet ist. (Die Bewirtung besteht zuerst meist in Kaffee und Süssigkeiten).

Dem Türken graut vor Liederlichkeit und unehelichen Kindern, dem Europäer vor der Mehrehe.

Der Europäer läutet dreimal am Tage zum Gebete und wenige hören es; der Türke liebt das Läuten nicht, er ruft fünfmal zum Gebete und fast alle hören es.

Die Europäer haben viel Lärm in der Kirche und wenige beten; die Türken haben Ruhe in der Kirche und alle beten.

Alle Christen verehren Bild er, Statuen, schämen sich aber, öffentlich zu beten, und nennen den Muselman, der an allen Orten zu Gott betet, einen Ungläubigen.

Die Europäer nennen sich nach Christus und folgen seiner Lehre nicht; die Muselmanen folgen
seiner Lehre und nennen sich nur Grläubige.

Den Türken widert die hochmütige Behandlung der Untergebenen in Europa an; den Europäer empört der Sklavenhandel.

Die Europäer ahnen nicht einmal , welche grosse Freude sie verlieren durch die schroffen Grenzen, die sie zwischen den verschiedenen Graden der Gesellschaft ziehen, während sie sich der politischen Gleichheit rühmen; sie bedenken nicht, wie sehr sie ihrem eignen Gemüte und Charakter schaden durch die Herabsetzung derer, die beständig um sie sind.

Sie werden sich gegenseitig religiös, fanatisch schelten, — moralisch ausschweifend, — unsauber in Kleidung, unglücklich in der Entwicklung ihrer Sympathien und ihres Geschmackes, — politischer
Freiheit verschiedentlich entbehrend. — Jeder wird den Anderen für die gute Gesellschaft ungeeignet halten.

Der Europäer wird den Türken für prunkhaft und hochmütig erklären, der Türke den Europäer für albern und gemein.“

(Muhammad Adil Schmitz du Moulin, Islambul d.h. die Stadt des Glaubens, 1904, S. 128-134)

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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