Buchauszug: Abu Hamid al-Ghazali – Was ist also vom Studium der spekulativen Theologie (Kalam) zu halten?

Imam al-Ghazali behandelte in seinem legendären Hauptwerk Ihya Ulum ad-Din nahezu alle Aspekte und Teilbereiche der Religion. Natürlich durfte da auch die Auseinandersetzung mit der Kalam-Wissenschaft (spekulative Theologie) nicht fehlen. Es folgt nun ein kurzer Auszug aus dieser Abhandlung aus der Übersetzung von Hans Bauer (1912).

Wenn du nun fragst: Was ist also vom Studium der spekulativen Theologie (Kalam) zu halten ?

Ist es zu verwerfen wie die Astrologie oder ist es etwas Indifferentes oder ein löbliches Werk, so wisse, dass es hierin Einseitigkeiten und Übertreibungen in verschiedener Hinsicht gibt.

Die einen erklären es für Neuerung und für schlechthin verboten.

«Wenn der Mensch mit allen Sünden, ausgenommen den Götzendienst, vor Allah komme, so sei es besser für ihn als komme er mit Kalam.»

Andere behaupten, dieses Studium sei Pflicht, entweder für die Gesamtheit {wenn einige das Pflicht auf sich nehmen entfällt die Pflicht für andere} oder für die einzelnen, und es sei das beste Werk, welches Allah am meisten nahebringe; denn der Kalam sei eine Rechtfertigung er monotheistischen Gotteslehre und eine Apologie der Religion Allahs.

Zu den ersteren gehören Imam Schafii, Malik, Ahmed ibn Hanbal, Sufjan al-Tauri und die alten Traditionisten {Hadithgelehrte} samt und besonders.

Abu Abd al-Ala (geb.170) erzählt:

«Ich hörte den seligen Schafii eines Tages sagen, nachdem er gerade einen Disput mit Hafs al-Fard gehabt hatte, einem mu´tazilitischen Kalam-Theologen : „Es ist besser für den Menschen, Allah finde ihn mit allen Sünden beladen, ausgenommen den Götzendienst , als dass er ihn finde mit Kalam-Wissenschaft.“
Ferner sagte er :“ Ich habe von Hafs einen Kalam gehört , den ich nicht wiedergeben kann.“
Ferner : „Ich habe von den Kalamleuten Dinge vernommen , die ich nie gedacht hätte.“
Ferner : „Dass der Mensch geprüft werde mit allem, was der erhabene Allah verboten hat , ausser Götzendienst, ist besser für ihn , als dass er Kalam-Spekulation treibe.“»

Karabisi (gest. 245) erzählt, dass dem Imam Schafii eine theologische Streitfrage vorgelegt wurde, da sagte er ganz grimmig :

«Frage darüber den Hafs und seine Kollegen, Allah möge sie zuschanden werden lassen!»

Als einmal Imam Schafii krank war und Hafs al-Fard ihn besuchte und fragte …

„Wer bin ich ?“

…, da antwortete Imam Schafii …

„Hafs al-Fard , möge Allah dir so lange seinen Schutz entziehen, bis du dich bekehrst von deinem Wege!“

Ein anderer Ausspruch von ihm lautet:

„Wenn die Leute wüssten, was Kalam für nichtsnutzige Einfälle stecken, würden sie davor fliehen wie vor Löwen.“

Ein weiterer :

„Wenn ich einen sagen höre : der Name ist entweder identisch mit dem benannten oder er ist nicht identisch, dann bin ich sicher , dass er zu den Kalamleuten gehört und keine Religion besitzt.“

Nach Za´farani tat Imam Schafii den Ausspruch:

„Wenn´s nach mir ginge, würden die Kalamleute mit dem Palmzweig gezüchtigt und durch alle Stämme und Lager geführt und dabei würde ausgerufen: Das ist die Strafe für Leute , die Schrift und Tradition beiseite lassen und sich auf Spekulation verlegen.“

Imam Ahmed ibn Hanbal sagte:

„Aus einem Anhänger des Kalams wird nie was Ordentliches; kaum hat einer zu spekulieren angefangen, so sitzt ein schleichendes Übel in seinem Herzen.“

Er ging in seiner Ablehnung gegen Kalam so weit , dass er sogar von Harit al-Muhasibi (gest.243), der doch ein frommer Asket war, nichts mehr wissen wollte, weil dieser ein Buch „Widerlegung der Irrlehrer“ geschrieben hatte.

„Wehe dir“

…, sagte er zu ihm, …

„zuerst legst du ihre Ketzereien dar und dann widerlegst du sie. Bist du nicht durch deine Schrift den Leuten Anlass, dass sie die Ketzerei lesen, über jene Einwürfe nachdenken und schliesslich zu Grübelei und Sondermeinungen geführt werden ?“

Ein weiterer Ausspruch von Imam Ahmed lautet:

„Die Kalam-Theologen sind Ketzer.“

Der selige Imam Malik sagte:

„Lässt nicht ein solcher, wenn zu ihm einer kommt, der ihm im Disputieren überlegen ist, jeden Tag seinen Glauben fahren um einen anderen anzunehmen?“

Er wollte damit sagen, dass die Meinungen der disputierenden Theologen sich widersprechen.

Ferner sagte er:

„Das Zeugnis der Neuerer und Vertreter von Sondermeinungen {Sekten} gilt nicht.“

…; unter letzteren verstand er, wie einer seiner Schüler erklärt, die Kalamleute, welcher Schule sie auch sonst angehören.

{Der Schüler Imam Azam Abu Hanifas} Imam Abu Yusuf sagte:

„Wer die Wissenschaft durch den Kalam sucht , wird Ketzer“

Hasan al Basri (gest.110) sagte:

„Streitet nicht mit den Leuten der Sondermeinungen {Sekten}, verkehrt nicht mit ihnen und hört nicht von ihnen“

Das ist die allgemeine Anschauung der alten Traditionisten (Hadithgelehrten). Ihre scharfen Äusserungen hierüber lassen sich gar nicht alle aufzählen.

Sie sagen: Die Genossen des Propheten, die doch die Sache besser verstanden und auch die Worte wirksamer zu setzen wussten als andere, haben nur deshalb sich des Kalams enthalten, weil sie wussten, was daraus für Unheil erwächst. Deshalb sagte der Prophet (Friede uns Sagen Allahs sei mit ihm):

„Die Tüftler soll der Henker holen, die Tüftler soll der Henker holen, Die Tüftler soll der Henker holen!“

Er meinte damit diejenigen, die sich in spitzfindige Untersuchungen vertiefen.

Sie argumentieren auch so :

Wenn der Kalam zur Religion gehörte, so hätte der Prophet (Friede uns Sagen Allahs sei mit ihm) es sich ganz besonders angelegen sein lassen , darüber Vorschriften zu geben, hätte seine Methoden dargelegt und den Kalam und seine Vertreter belobt. Hat er sie doch über die Reinigung unterwiesen und ihnen die Wissenschaft des Erbrechts anempfohlen. Und er lobte seine Gefährten und verbot ihnen über die Prädestination zu spekulieren, indem er sagte:

„Lasst die Prädestination !“

So hielten es denn auch die Gefährten , Allah habe sie sie selig! Über die Meister hinauszugehen, ist aber Überhebung und Unrecht, sie sind aber die Meister und das Vorbild, und wir die Nachfolger und Schüler.

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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