Buchauszug: Herman Heinrich Frank – Die Sittlichkeit der Frauen (1901)

Ja, es ist ein trauriges Kapitel: das Los der jungen Frauenzimmer, sie sich, eben den Kinderjahren entwachsen und den Eltern zur Last, in dienende Stellung, in fremde Häuser, in die famosen Fabriken der Großstädte begeben müssen, so daß nur ein in Vorurteilen befangener die abendländische Gestaltung der Dinge dem System des Orients vorziehen möchte.

Hier ein Eingeständnis, eine volle Anerkennung natürlicher Bedürfnisse; dort eine verlogene Scheinsittlichkeit mit vielem Schmutz, der sich nicht nur in den Winkeln verkriecht, sondern sich mehr und mehr auf die Straße, in die Öffentlichkeit drängt und, wird’s zu arg, mit einigen polizeilichen Zwangsmaßregeln bedacht wird, die leider, wie wir täglich sehen, nie den Baum an der Wurzel treffen, sondern nur seine Zweige auf der einen Seite kappen.

Indem der Orient das Übel voraussieht, begegnet er ihm vorzeitig. Dies in beiderlei Punkten: die Haltung der Frau und deren Anstandsregeln sind radikal. Der Orientale schämt sich sich des Eindrucks, den ihm die schöne Frau, die Frau überhaupt macht, er fürchtet sich davor, er verschleiert sie vor den Blicken eines jeden fremden Mannes. Können wir Europäer dagegen die größere Freiheit der Frau, des jungen Mädchens, verbunden mit einer größeren Dressur und Beherrschung wirklich preisen? und hat die Orientalin wirklich Veranlassung, die Europäerin um ihre Freiheit und die unverschämte Jagd der Männerwelt auf jedes schöne Gesicht auf der Straße und im Salon zu beneiden?

Sind wir etwa erstaunt, daß dem in Europa reisenden Orientalen das europäische System weder praktisch noch sittlich erscheint?

Und das zweite ist eine möglichst allgemeine und möglichst frühe Verheiratung. Man wird im Orient in einer ganzen großen Stadt weder das Institut der alternden Junggesellen noch der hysterischen Jungfrauen finden. Der Orientale kann sich gar nicht denken, daß aus solchen Verhältnissen anderes als Unfug, im günstigsten Falle eine ungesunde Verkümmerung entstehen könnte.

(Herman Heinrich Frank, Das Abendland und das Morgenland – Eine Zwischenreichbetrachtung von Herman Frank, ©1901, Seite 77)

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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