Buchauszug: Ibn Khaldun – Gutes und schlechtes Volkstum bzw. Stammestum (asabiya)

«Die asabiya stellt für die islamische Gemeinschaft eine Notwendigkeit dar. Durch sie wird Wirklichkeit, was Allah die Gemeinschaft (zu) tun heißt. Im Sahih steht:

«Allah schickt keinen Propheten, der nicht Rückhalt durch seine Stammesgenossen besitzt.»

Nun finden wir aber auch, daß der Gesetzgeber (d. h. der Prophet Muhammad) die asabiya mißbilligte und forderte, sie zu verwerfen und ihr den Rücken zuzukehren. Er sprach:

«Allah nahm die Überheblichkeit des vorislamischen Heidentums und dessen Stolz auf die Ahnen von euch. Ihr seid die Söhne Adams, und Adam ward aus Staub gemacht.»

Allah, der Erhabene, sprach:

«Als der Vornehmste gilt bei Allah derjenige von euch, der am frömmsten ist.» [Koran 49. 13]

Wir müssen ferner feststellen, daß Muhammad auch das Königtum und dessen Vertreter mißbilligte. Er tadelte an ihnen, wie sehr sie sich in Streitigkeiten verstrickten, wie maßlos sie in ihrer Verschwendung waren und daß sie vom Pfade Allahs abwichen. Hingegen mahnte er zur Eintracht im Glauben und warnte vor Zwist und Sonderbündelei.

Wisse, daß nach Ansicht des Gesetzgebers (d.h. des Propheten Muhammad) das gesamte Diesseits und seine Verhältnisse nur ein Beförderungsmittel zum Jenseits sind. Wer dieses Mittels verlustig geht, gelangt nicht (dorthin). Wenn nun Muhammad bestimmte Handlungen der Menschen untersagte, mißbilligte oder davon abriet, so lag es nicht in seiner Absicht, daß diese ganz und gar unterlassen bzw. mit Stumpf und Stiel ausgerottet und die Kräfte, aus denen sie entstehen, geschwächt würden. Vielmehr beabsichtigte er, diese im Interesse der (religiösen) Wahrheit so weit wie möglich zu kanalisieren, so daß alle Absichten rechtens werden und das Ziel nur eines ist. So sprach Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – :

«Wer zu Allah und seinem Gesandten aufbricht, der bricht zu Allah und seinem Gesandten auf. Wer zum Erwerb irdischer Güter oder zur Ehelichung einer Frau aufbricht, bricht (eben nur) dorthin auf, wohin er aufbricht.»

Muhammad mißbilligte den Zorn nicht mit der Absicht, ihn bei den Menschen auszurotten. Denn wenn der Mensch nicht mehr die Kraft des Zornes besäße, würde ihm die Fähigkeit, der (religiösen) Wahrheit zum Sieg zu verhelfen, verlorengehen und gäbe es keinen Heiligen Krieg und keine Lobpreisung des Wortes Allahs mehr. Er mißbilligte vielmehr den Zorn, der sich für den Teufel und für tadelnswerte Ziele einsetzt. Ein solcher Zorn ist zu tadeln. Handelt es sich um einen Zorn in und für Allah, so ist er zu rühmen. Dieser Zorn gehörte zu den guten Eigenschaften Muhammads – Allah segne ihn und schenke ihm Heil -.

Wenn Muhammad in eben dieser Weise die Begierden mißbilligte; lag es auch nicht in seiner Absicht, diese gänzlich aufzuheben, denn wer kein Begehren verspürt, verliert an Wahrhaftigkeit. Er wollte vielmehr die Begierden so lenken, daß sie für nützliche Dinge frei werden, auf daß der Mensch ein Knecht (Allahs) werde, der in Gehorsam zu den göttlichen Geboten handelt.

Ebenso ist es, wenn der Gesetzgeber die asabiya mißbilligte und sprach:

«Weder eure Blutsverwandtschaft noch eure Kinder werden euch (dereinst etwas) nützen.» [Koran 60. 3]

Dies ist gemeint, wenn die asabiya auf etwas Nichtiges und damit Zusammenhängendes ausgerichtet ist, wie es in der vorislamischen Zeit der Fall war, und wenn sie jemanden stolz und überlegen werden läßt. Denn dies entspricht nicht den Handlungsweisen weiser Leute und ist für das Jenseits, d.h. die Ewigkeit, von keinem Nutzen.

Was jedoch die ‘asabiya anbelangt, die im Bunde mit der (religiösen) Wahrheit steht und für die Erfüllung des Gebotes Allahs (wirkt), so ist sie eine erstrebenswerte Sache. Gäbe es sie nicht, gäbe es auch die religiösen Gesetze nicht mehr, da diese nur über die asabiya Bestand haben, wie wir vorhin festgestellt haben.

(Ibn Khaldun, Buch der Beispiele – Die Einführung / al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Reclam-Verlag Leipzig ©1992, Seite 145-147)

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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