Die Argumente al-Asma’is (gegen das Geben von Leihgaben und Spenden)

Der folgende Text stammt aus einem der zahlreichen Adab-Bücher des berühmten Literaten Abu Uthman Amr ibn Bahr al-Jahiz (159-255 n. H.). Er wurde von Walter W. Müller in die deutsche Sprache übertragen und 1967 - neben vielen anderen Übersetzungen - in seinem Buch "Arabische Geisteswelt - Ausgewählte und übersetzte Texte von al-Jahiz (777-869)" bei der Artemis Verlags-AG in Zürich publiziert.

Al-Asma’i pflegte Allah zu bitten, ihn davor zu bewahren, eine Anleihe aufnehmen zu müssen und um eine Spende bitten zu müssen. Aber Allah gewährte ihm so viele Wohltaten, dass er es war, von dem man Anleihen aufnahm und der um eine Spende gebeten wurde. Einmal geschah es, dass am gleichen Tag zwei Männer zu ihm kamen, von denen der eine ein Darlehen erbat, während der andere die Spende verlangte. Sie stürmten zusammen auf ihn ein, was ihn verdross und aufbrachte.

Da wandte er sich an den, der ein Darlehen wollte, und sagte zu ihm:

«Die Handlungen ändern sich so, wie sich die Lage ändert; jede Zeit hat ihre Planung, und jedes Ding hat sein Ausmaß, und, bei Allah, „man ist jeden Tag mit etwas beschäftigt [Q 55/29]“.

Einstmals pflegte ein Rechtsgelehrter, der an einem verlorenen Gegenstand vorbeikam, ihn hinter sich zu lassen, ohne ihn an sich zu nehmen, damit ein anderer durch die Verwahrung des Gefundenen auf die Probe gestellt werde, da zu jener Zeit der überwältigende Teil der Menschen ehrlich war und einen Fundgegenstand in Obhut nahm.

Nachdem sich aber die Menschen zum Schlechten gewandelt haben, ist nunmehr der Rechtsgelehrte verpflichtet, ihn zu hüten und zu verwahren und alles, was ihm an Mühen zufällt und an Unannehmlichkeiten widerfährt, geduldig zu ertragen.

Mir ist zu Ohren gekommen, dass ein Mann zu einem von seinen Freunden kam, um ihn zu bitten, ihm Geld zu leihen. Der aber ließ ihn an der Tür stehen und ging dann nur mit einem Schurz bekleidet zu ihm hinaus. Als ihn der andere fragte, was mit ihm los sei, antwortete er: „Ich bin zum Kampf und zur Prügelei, zum Streit und zum Geschrei gekommen!“ – „Weshalb?“ fragte der Mann. – „Dass du Geld von mir nehmen willst, zeigt, dass ich mit einer von den beiden Lagen zu rechnen habe: Entweder zu nimmst es ganz weg oder du hältst mich mit der Rückzahlung hin. Wenn du es als eine fromme Gabe und ein Geschenk nehmen wolltest, so müsstest du dir den so erlangten Besitz als Nachteil anrechnen, und es entstünde dir dadurch die Pflicht zur Dankbarkeit. Nimmst du es aber als Darlehen, so ist es bei Schulden und Darlehen üblich und gewöhnlich, das Geld zurückzuhalten oder den Gläubiger zu zwingen, es einzufordern.

Würde ich es von dir einfordern, dann brächte ich dich in Zorn, und wenn ich dich in Zorn brächte, würdest du mich unangenehme Dinge hören lassen. So würdest du die Aufschiebung der Rückzahlung, böse Worte, Verfeindung und Schlechtigkeit gegen mich zusammenbringen, wobei du der ungerecht Handelnde bist; und ich würde dann genauso zornig werden wie du.

Wenn du mich aber in deinen Zustand versetzt, tue ich das gleiche, was du tust … So gehe ich vielmehr in das Haus und komme zum Kampf gerüstet wieder heraus, damit ich dir heute schon im Voraus das antun kann, was ich sonst bis morgen aufsparen müsste. Du weißt ja auch, dass ein Schlag zur Warnung weniger anrichtet als ein Schlag aus Gehässigkeit und Übelwollen, so dass der Unterschied zwischen den beiden Arten von Schmerzen und Schmähungen sogar noch dir zugute kommt.“

Ferner geize ich zu sehr mit meiner Freundschaft zu dir und gehe zu sparsam mit meinem Glück an dir um, als dass ich sie einer Erschütterung aussetzen und dir zu ihrem Bruch verhelfen würde. Tadle mich nicht, wenn ich dich nur als einen von den Menschen deiner Zeit ansehe, und solltest du dich in deinem Inneren über sie erhaben und von ihrem Wandel weit entfernt dünken, so mute den Leuten nicht die Kenntnis des Verborgenen zu, weil du ihnen sonst Unrecht antun würdest.

Ein Darlehen muss noch immer zurückgezahlt und ein hinterlegter Betrag wohl verwahrt werden. Warum sagt man aber heute:

„Das ausgeliehene Pferd taugt am besten zum Galoppieren“, während man früher zu sagen pflegte: „Auf das geliehene Pferd muss man am besten aufpassen“? …

Da die Treuhänder und Bevollmächtigten die anvertrauten Güter aufzehren und die Notare und Bankiers auf ihnen weiden, muss man die Deposita verwahren und vergraben. Es ist besser, die Erde verschlingt sie, als dass sie schamlos Treubrüchige und falsche Geizhälse verzehren. All das steht im Einklang mit dem Ausspruch des Aktam bin Shaifi, der über diese Zeit gesagt hat: „Würde man etwas Geliehenes fragen, wohin es gehe, so würde es antworten: Ich bringe meinen Eigentümern Tadel ein!“

Heute verweigere ich es, Darlehen zu geben und Beträge zu hinterlegen, Geld zu entleihen und die Spende auszuhändigen, und ich verabscheue es, wenn meine Worte im Widerspruch zu meinen Taten stehen.

Was das Darlehen betrifft, so habe ich dir darüber schon das Nötige mitgeteilt, und was die Spende anbelangt, so ist nur das Schatzamt [bait al-mal] groß genug dafür. Gäbe ich dir auch nur einen einzigen Dirham, so würde ich zu meinem Vermögen ein Tor öffnen, das weder Berge noch Sandhaufen versperren könnten, selbst wenn ich es vermöchte, einen Damm davor zu errichten, der (so gewaltig) ist wie derjenige, der die Völker von Gog und Magog abhält.

Die Leute sperren ihre Mäuler vor denen auf, die Geld haben, und nur die Aussichtslosigkeit, etwas zu bekommen, hindert sie daran zuzuschnappen. Wenn sie aber einmal etwas geschmeckt haben, dann bleibt gar nichts, aber auch rein gar nichts übrig, das sie nicht verschlingen und verzehren.

Weißt du, was du deinem Shaikh antun willst? Du willst ihn bettelarm machen, und wenn du ihn arm gemacht hast, hast du ihn umgebracht. Aber dir ist doch die Strafe bekannt, die der Mord an einem Gläubigen nach sich zieht!»

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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