Fanboys: Die religiöse Willkür im dualen System

von Yahya ibn Rainer

Die Selbstermächtigung des Individuums durch Wissen hat seine Grenze, nämlich genau dort, wo die Fähigkeit des jeweiligen Individuums endet, sich bestimmtes Wissen anzueignen. Die komplette Selbstermächtigung erfordert jedoch nicht nur eine ganze Bandbreite an Wissensfeldern, sondern auch auf jedem einzelnen Gebiet dieser Bandbreite ein lückenloses Verständnis.

Was mir bei Jungsalafisten (besonders der Gattung IS-Fanboy) aufgefallen ist, bestätigt nicht nur meinen Zweifel daran, dass eine komplette Selbstermächtigung überhaupt möglich ist, sondern zeigt auch auf, dass die Ideologie dieser Heißsporne vor allem auf der demokratischen Auffassung basiert, dass Wissen und Nichtwissen politisch gleichberechtigt sind.

Der Fiqh scheint leicht, wenn er den Einfältigen in kleinen und vorgefertigten Häppchen kredenzt wird. Jedoch weiß man in den Kreisen der Rattenfänger um die niedere Auffassungsgabe ihrer Klientel. Also selektiert man ihnen Meinungen vor, die 1. in die eigene Ideologie passen und 2. über das duale System von halal und haram nicht hinausgehen. Hierbei pflegen die Einfältigen ausschließlich nach dem Dalil zu fragen, wenn ihnen nicht gefällt was sie lesen. Was ihnen wiederum vorzüglich in den fanatischen Kram passt, winken sie problemlos auch ohne Beweise durch.

Der Versuch, einem solchen einfältig-aufgeklärten und stallgemästeten IS-Demokraten die Matrizen rechtschaffender Taten zu erklären – wie z.B. den Ethos oder die Weisheit -, entlockt ihm bestenfalls die Mimik eines sabbernden Patrick Star oder im schlimmsten Fall die reflexartige Bid’ah-, Kuffr- oder Shirk-Rhetorik.

Die duale Welt von halal und haram ist ihnen genug an Wissen, oder besser ausgedrückt: Hiermit ist die Grenze der Auffassungsgabe erreicht. Ihre Handlungen erfahren keinen sittlichen Rahmen, und auch die Abwägung der eigenen Taten, geprägt von Weisheit und Empathie, überfordert zumeist ihren begrenzten Verstand.

Dabei lässt sich die Einfältigkeit dieses dualen Islamverständnisses recht leicht darstellen.
Wie rechtfertigt ein IS-Fanboy für gewöhnlich die Handlungsweisen seiner Idole? Wie reagiert er auf die Frage: Wieso haben sie das getan?

Er sagt: Es ist erlaubt!

Hierzu zeigt er vielleicht einen Gelehrtenspruch auf (oder eine ganze Palette davon) und im besten Fall einige Ahadith und Ayat. Damit ist für ihn die Sache gebongt.

Es ist erlaubt, also mache ich es. Dies ist das einfache und (auf ihrem Niveau) schlüssigste Argument.

Nun denn, Allah hat uns Männern in Seinem Buche auch erlaubt unsere Frauen zu schlagen. Wir kennen alle diese Ayah, die uns von Islamkritikern immer wieder um die Ohren gehauen wird. Wir dürfen unsere Frauen schlagen, es ist halal. Und? Ist es deshalb eine gute Tat? Wenn jetzt ein Muslim mit einer gewissen Gewaltaffinität jede ihm nur mögliche Gelegenheit nutzt, um seine Ehefrau mit Schlägen zu drangsalieren, nur weil es ihm erlaubt ist, ist das gut?

Nein, natürlich ist das nicht gut. Weder lehrt uns das unsere religiöse Ethik/Sitte, noch ist es mit der Weisheit und Empathie eines gesunden Verstandes vereinbar.

Und wer ist hier unser bestes Beispiel? Der Gesandte Allahs natürlich, Allah segne ihn und schenke ihm Heil; von dem uns überliefert wird, dass er nie auch nur eine einzige seiner Frauen geschlagen oder hart angegangen hat, obwohl er der Empfänger der Worte Allahs war und am besten wusste, dass es ihm erlaubt ist.

Zudem ist ebenfalls von ihm überliefert, Allah segne ihn und schenke ihm Heil, dass er Frauen davon abriet, Männer zu ehelichen, die dafür bekannt waren ihre Frauen zu schlagen, obwohl Allah es diesen Männern im Quran erlaubte.

Was lernen wir daraus?

Es gibt mehr als nur halal und haram. Unsere Taten erfordern Instanzen die darüber hinausgehen. Hier kommt der Charakter ins Spiel, das gute Verhalten. Das schwerste Gewicht, das am Tage des Gerichts in die Waage des Gläubigen gelegt wird, wird das gute Verhalten sein. Allah weiß, weshalb du ein bestimmtes islamisches Urteil bevorzugt hast, Er weiß, ob du dir diese Sondermeinung nur zur Rechtfertigung deiner Gelüste zu Eigen gemacht hast, weil sie so gut zur Ideologie deiner Sekte passt oder weil du einfach zu stolz warst, das mehrheitlich vorherrschende Urteil zu akzeptieren, das von Gelehrten stammt, die auch Einblick haben in die Umstände zu dieser Zeit und an diesem Ort.

Allah aufrichtig zu fürchten, bedeutet auch, die eigenen Taten regelmäßig zu hinterfragen und zu prüfen. Besonders wenn es um solche elementaren Dinge wie Leben und Tod geht. Und der Gottesehrfurcht ist es in aller Regel näher, in all seinen Taten auf Nummer sicher zu gehen.

Wa Allahu 3alem.

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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