Materialien zur Geschichte der Wahaby – 06 – Militärangelegenheiten der Wahaby (3/3)

Bei der Verbreitung ihres Glaubens haben die Wahaby die Grundregel aufgestellt, alle ihre Feinde zu töten, die sie bewaffnet finden, mögen es nun fremde Ketzer (z. B. Syrische, Mesopotamische, ober Ägyptische Soldaten, oder Landbauern), oder auch Araber sein, die dem Oberhaupt sich widersetzt, oder gegen dasselbe rebelliert haben. Die Befolgung dieser Regel (eine Nachahmung der ersten Verbreiter des Islam) macht eben den Namen der Wahaby so gefürchtet. Während des vierjährigen Krieges mit den Soldaten des Mohammed Aly Pascha ist nicht ein einziger Fall bekannt, dass die Wahaby jemals einem Türken Pardon gegeben hätten. Als Kerbela (oder Mesched Hossein) und Tayf genommen wurden, wurde die ganze männliche Bevölkerung niedergemetzelt; und in ersterer Stadt wurde Haret el Abasieh, oder das Quartier der Abassiden, bloß um dessen Willen verschont, weil Saud für das Andenken der Abassiden-Khalifen eine besondere Hochachtung hegte. Wenn Beduinenlager angegriffen werden, findet dasselbe statt: alle, die mit den Waffen in der Hand ergriffen werden, sind ohne Gnade Kinder des Todes. Diese wilde Gewohnheit hat den Wahaby einen fürchterlichen Fanatismus eingeflößt, der sie zum Schrecken ihrer Gegner macht. Insofern hat derselbe auch dazu beigetragen, die Verbreitung ihres Glaubens zu erleichtern.

Aber das Oberhaupt der Wahaby ist leicht zu bewegen, seinen Feinden sicheres Geleit zu gewähren, wenn sie sich willig übergeben; und dazu sind sie oft geneigt, indem man nie gehört hat, dass ihr Oberhaupt jemals sein Wort gebrochen habe. Hier muss man wiederum das Worthalten der Beduinen gegen einen Feind als einen edlen Zug in ihrem Charakter anerkennen. Der Ruf Sauds, dass er unverbrüchlich ein gegebenes Versprechen halte, wird selbst von seinen bittersten Feinden anerkannt und, seit dem Kriege mit Mohammed AIy Pascha, besonders von seinen Freunden, im Gegensatze zur Wortbrüchigkeit der Türken, hochgepriesen.

Wenn die bedrohten Araber sich dem Saud ergeben, ehe seine Rache sie erreichen kann, so gibt er ihnen gewöhnlich den aman ullah (oder Gottes Sicherheit), mit der Bedingung des halka, wodurch aus dem sichern Geleit alle Pferde, Kamele, Schilde, Feuergewehre, Lanzen, Schwerter und Kupfergefäße ausgeschlossen werden, die den Wahaby als Beute anheimfallen. Das übrige Eigentum bleibt, gleich den Eigentümern, unberührt.

Manchmal wird der aman ohne alle Bedingung gegeben, und dann erstreckt er sich auf Personen und Eigentum zugleich. Alle Anführer der Wahaby haben strengen Befehl, von einem Feinde jede angebotene Unterwerfung anzunehmen und den versprochenen aman unverletzlich zu halten.

Nachdem Saud einen rebellischen Stamm, oder eine Provinz wieder zum Gehorsam zurückgebracht hat, lässt er immer, bald nachdem der Frieden geschlossen worden ist, die Scheikhs der Rebellen zu sich kommen und sie ihren Aufenthalt in seiner eigenen Familie zu Derayeh, oder in einem benachbarten Distrikte nehmen, wo er sie reichlich mit Lebensmitteln versorgt. Auf diese Weise schwächte er ihren Einfluss unter ihrem eigenen Stamm und ersetzte sie durch Andere, aus solchen mächtigen Familien gewählt, welche ehedem mit den Scheikhs der unterworfenen Parteien in Uneinigkeit gelebt hatten, sodass er sich auf diese neuen Scheikhs besser verlassen zu können glaubte. So ist eine große Menge von Scheikhs aus allen Teilen Arabiens nach Derayeh, oder in die Provinz Nedschid gezogen worden. Sie sind keineswegs daselbst in enger Gefangenschaft, können aber aus dem ihnen angewiesenen Distrikte nicht entweichen. Ein Arabischer Scheikh ist allen Bewohnern der Wüste so gut bekannt, dass er kaum hoffen darf, nur einige Zeit unentdeckt zu bleiben.

Nach der Einnahme von Medinah hielt es Saud für nötig, in dieser Stadt eine beständige Garnison zu unterhalten, und dieses ist das einzige Beispiel dieser Art während seiner ganzen Regierung; denn er hielt es nie für ratsam, in irgendeinen, sich unterworfenen Distrikt eine Garnison zu legen, sondern verließ sich auf die Scheikhs, welche er über einen solchen Distrikt setzte, und auf den Schrecken seines eigenen Namens, um die Besiegten in Unterwürfigkeit zu erhalten; doch hat er auch seinen neuen Scheikhs in einigen Distrikten südlich von Mekka den Befehl gegeben, kleine Kastelle, oder Burgen zu bauen, um ihre Aufenthaltsorte verteidigen zu können. Zu Medinah, einem sehr wichtigen Punkte, hielt er eine Garnison von Arabern aus Nedschid und Jemen, die mit Feuergewehren bewaffnet waren, und bezahlte dem Manne monatlich, außer den Mehl-, und Butterrationen, sieben Spanische Dollars, weil er wusste, dass die Einwohner der Stadt gegen seine Religion und gegen ihn selbst feindselig gesinnt waren. Diese Soldaten sind Bewohner der Städte in Nedschid, sämtlich mit Feuergewehren versehen und bilden das auserlesenste Korps in der Armee der Wahaby. Ihnen werden die schwierigsten Unternehmungen anvertraut; und diese Truppen waren es auch, welche die Stadt Kerbela stürmten.

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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