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Kurz gesagt: Kein religiöses Lob für neue Konvertiten

Ein Tipp für Geschwister die Umgang mit Konvertiten pflegen:

Das Schlimmste für die gesunde Entwicklung des Konvertiten ist das Lob seines Umfeldes. Konvertiten starten nicht selten mit Vollgas und erwecken in diesem frühen Stadium den Eindruck, als seien sie besonders gläubig und streng mit sich selbst.

Mit dem übermäßigen Loben jedoch werden Konvertiten häufig unter Druck gesetzt, was schlimme Folgen haben kann, besonders wenn sich mal ein Imantief ankündigt. Dann nämlich fangen nicht wenige Konvertiten mit dem heucheln an, um nicht die Erwartungshaltung ihres Umfeldes zu enttäuschen und um weiterhin den gleichen hohen Rang zu bekleiden.

Diese Heuchelei kann zu einer großen Belastung werden und im schlimmsten Fall kann es auch zu einem Abfall vom Islam kommen. (Ich kenne Beispiele)

Wer es der Heuchelei gestattet, sich fest in der religiösen Praxis einzunisten, der beginnt auch andere Muslime der Heuchelei zu bezichtigen. Jede Person, die nach außen eine vorbildliche Praxis zeigt wird quasi im negativen Sinne beneidet oder man projiziert den eigenen Zustand auf sie.

So lieb und nett der Lob einiger Muslime auch gemeint sein mag, er stiftet häufig mehr Schaden als Erfolg.

Nehmt euch nicht selbst als Maßstab

von Yahya ibn Rainer

Zu Beginn ist jeder still und reuig, weil er unwissend ist. Dann beginnt er den Islam zu praktizieren. Immer, wenn er nun etwas Neues lernt, fühlt er sich besser und sieht sich in der Lage, den anderen, die dieses Wissen noch nicht erlangten, ihre Unwissenheit zum Vorwurf zu machen. Dies geht immer und immer weiter so, bis man Werke von Gelehrten gelesen und Hadithe gelernt hat.

Ich denke, hier steckt ein gewaltiges Problem im Verständnis eines gottgefälligen Muslimlebens. Niemand hat von den Awwam (normalen Muslimen) zu erwarten, dass sie Hadithbücher auswendig lernen oder anderweitig Wissende in den diversen Wissenschaften der Religion werden.

Diese Auffassung einiger Brüder ist nicht selten der Ausdruck einer maßlosen Selbstgerechtigkeit, die den Muslim dazu verleitet, immer wieder sich selbst zum Maßstab zu machen.

So lange man es selbst nicht erlernt hat, ist man natürlich still, aber beherrscht man es (oder glaubt es zumindest), macht man allen anderen ihre Unwissenheit zum Vorwurf. Dieses Denken ist ein Hauptgrund für den Salafi-Burnout vieler junger Muslime, die den hohen Ansprüchen einiger Selbstdarsteller nicht mehr gerecht werden können.

Die Religion wurde kompliziert und schwer gemacht, weil sich die Awwam anmaßen, in wissenschaftlichen Kategorien denken und die religiöse Praxis der Asketen verbindlich machen zu müssen.

Aber die Religion Allahs ist leicht und wir machen die Güte eines Muslims nicht daran fest, wie viel er auswendig kann oder über den Pflichtteil hinaus öffentlich praktiziert. Wer durch solche Aussagen, wie «Lern du erstmal dies-und-das, bevor du dies-und-das sagst/tust!» besticht, sollte sich ernsthaft Gedanken über seinen Ikhlas – seine Aufrichtigkeit – machen, denn man macht nicht nur sich und seinen eigenen Zustand zum allgemeinen Maßstab, sondern man offenbart ihn auch in einer Weise, die man auch als Augendienerei (riya) oder kleiner Shirk (kleiner Götzendienst) bezeichnen könnte.

Mit solchen Personen, egal wie groß ihr religiöses Wissen ist, wird Allah der Hocherhabene das Höllenfeuer anfachen, denn sie lernten ihr Wissen nicht nur um es zu praktizieren und anderen beizubringen, sondern auch um es zur Schau zu stellen.

Diese Dunya verlangt von uns Arbeitsteilung, auch in religiösen Angelegenheiten. Einige wenige erlangen das spezifische religiöse Wissen und sind uns durch ihre Askese ein Vorbild, die anderen, die Awwam (einfachen Leute) sorgen für die Bestellung der Äcker, das Handwerk, reichhaltige Märkte, technischen Fortschritt, medizinische Versorgung usw. usf.

Die Muslime sollen die Schahada verinnerlichen, die 5 Gebete verrichten, die Almosenabgabe zahlen, im Ramadan fasten und die Hajj vollziehen. Es steht niemandem zu, ihnen einen Vorwurf daraus zu machen, dass sie ihre Zeit dafür aufbringen ihre Rizq (Versorgung) zu verdienen und (im Rahmen der Scharia) allzu große religiöse Belastung zu meiden.

Das Nachlassen in der Religion gehört genauso dazu, wie das Sich-verbessern. Wer sich übernimmt und sich zu schnell zu viel aufbürdet, muss es sich eingestehen und die Konsequenzen daraus ziehen. Er muss nachlassen, um sich und seinen Iman nicht zu gefährden, denn eine Überlastung führt zu einem Burnout, und dieser kann sich im schlimmsten Fall auch als endgültiger Vernichter des Imans herausstellen.

Jedoch wird ein solches Nachlassen leider nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern von den oben bereits beschriebenen Selbstdarstellern auch entsprechend kommentiert. Das Nachlassen wird vom direkten Umfeld als Vorwurf formuliert, anstatt es verständnisvoll zu begleiten.

Besonders in isolierten Gruppen kann sich ein solch „hochreligiöses“ Umfeld als zerstörerisch erweisen, weil Gruppenzwang und -dynamik einen Druck aufbauen, der in letzter Konsequenz nur noch durch einen kompletten „Ausstieg“ abgelassen werden kann.

So entstehen sogenannte „Aussteiger“, die sich vollends abspalten und häufig sogar eine Art Feindschaft zu denen entwickeln, die die Religion strenger auslegen und praktizieren können. Es wird ein Band zerrissen, das hätte erhalten bleiben müssen. Die einen werden jetzt als „die Radikalen“ bezeichnet und die anderen als „die Nachlassenden“, obwohl beide ihre Berechtigung haben.

Besonders die Konvertiten und Revertiten müssen sich dessen bewusst sein. So hoch deine Ambitionen auch sein mögen, du gehörst zu den Awwam, zu den ganz normalen Muslimen, zu deren Prüfung es in dieser Dunya gehört, finanziell unabhängig zu werden, um für sich selbst und den Unterhalt der Familie sorgen zu können. Nicht jeder muss ein Gelehrter werden, man kann auch durch ganz normale wirtschaftliche Tätigkeiten ein äußerst wichtiger und tragender Bestandteil der Ummah  sein.

Haltet Maß und zeigt Verständnis. Verachtet weder die Mit-sich-Strengen (Radikalen) noch die Mit-sich-Milden und macht dem jeweils Anderen nicht eure Praxis verbindlich.

Wa Allahu 3alem

Zitat: Abdelwahab Bouhdiba – Die Ausübung der Sexualität war ein Gebet

«Die Ausübung der Sexualität war ein Gebet, ein Sichschenken, ein Akt der Nächstenliebe, […] Den Sinn der Sexualität wiederzuentdecken bedeutet, den Sinn Gottes wiederzuendecken und umgekehrt. […] Diese offene Sexualität, die mit Blick auf die Erfüllung des Daseins voller Freude praktiziert wurde, wich nach und nach einer verschlossenen, lustfeindlichen, unterdrückten Sexualität […] Verstohlenes, heimlichtuerisches, heuchlerisches Verhalten nahm einen immer größeren Raum ein […] Die ganze Frische und Spontaneität wurden schließlich wie eine Dampfwalze plattgemacht. […]

Um diese Missstände zu überwinden, müssen wir um jeden Preis den Sinn der Sexualität, das heißt den Sinn des Dialogs mit unserem Partner und den Sinn des Glaubens neu entdecken, das heißt den Sinn des Dialogs mit Gott […] denn eine Sexualität, die angemessen praktiziert wird, ist gleichbedeutend mit gelebter Freiheit.»

(Abdelwahab Bouhdiba, La Sexualité en Islam, Seite 231-248, zitiert aus „Sex und die ZitadelleLiebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt“ von Shereen El Feki)

Muslimische Scham-Granaten: Selbstgefälliges Trollen im Netz

Ein interessantes Phänomen auf Facebook & Co, kennt ihr es?

Ihr teilt gerade ein Freizeiterlebnis oder führt eine freundschaftliche Unterhaltung, und auf einmal kommt dieser Beitrag/Kommentar:

»Überall auf der Welt werden unsere Brüder abgeschlachtet und unsere Schwestern vergewaltigt, und du …

… redest hier über Schokoladentorte,
… machst Fotos von Eisbechern,
… guckst Fussball
… usw usw usw.«

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„Salafisten“ – Die träge Masse …

von Yahya ibn Rainer

Für die Schlagzeile der Woche, zumindest für viele Muslime hierzulande, sorgte eine Initiative der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Mit ihrer kompetenten Hilfe (finanziell als auch organisatorisch) wurde das sogenannte Muslimische Forum Deutschland aus der Traufe gehoben, als Gegenentwurf zu den „konservativen Verbänden“, die nicht nur zahlreich sind, sondern untereinander auch ordentlich zerstritten.

Der demokratische Staat braucht für seine Gesellschaftsklempnerei nun einmal Mehrheiten und diese kann er mit den zumeist national und sektiererisch ausgerichteten Islamverbänden und -räten nicht erlangen. Der Ansprechpartner muss eine Mehrheit repräsentieren und in der Politik sieht man diese Mehrheit anscheinend bei denjenigen, die es mit der Religion Islam nicht ganz so ernst nehmen.

Was in unseren Kreisen eher als Kultur-, Namens- und Discomuslime bezeichnet wird, nennt man in der Politik „liberale Muslime“. Dabei ist der Begriff liberal im politischen Zusammenhang natürlich irreführend. Das Milieu, aus dem sich liberale Muslime rekrutieren ist politisch zumeist links, reformmarxistisch und auch nationalistisch geprägt.

Interessant ist, dass man sich zur Schaffung dieser Vertretungsmehrheit auch eines miesen Tricks bedient. Da die Wortschöpfung „liberale Muslime“ – ebenso wie der Kampfbegriff „Salafisten“ – keine muslimische Definition erlaubt, sondern sich ganz allein aus der staatlich-politischen Deutungshoheit ergibt, hat man kurzerhand auch sämtliche Aleviten, Jesiden und sogar orientalistische Christen in diesen liberalen Topf geworfen.

Nun ja, eines wird ihnen damit wohl sicher sein, eine geflissentlich staatshörige Mehrheit, politisch dem linken Mainstream genehm und ohne große religiöse Ambitionen.

Keine Schlagzeilen, aber zumindest eine kleine Verbreitung auf Facebook, erreichte diese Woche eine kleine Grafik, die ich spontan am Arbeitsplatz kreierte. Immer noch deutlich ergriffen vom Zahlenverständnis des fabulierenden KZ-Schiiten (ich berichtete davon am 18. April) nahm ich mir die Abonnentenzahl einiger Facebookseiten vor, die von „Salafisten“ oder „salafistischen Organisationen“ betrieben werden und verglich diese mit den Abonnentenzahlen solcher Facebookseiten, die von (nach eigener Aussage) nicht- oder anti-salafistischen Personen und Organisationen betrieben werden. Zudem fügte ich noch einige nichtmuslimische Facebookseiten als Referenz hinzu.

salafisten

Sinn und Zweck dieser spontanen Grafik kann man ja aus der Überschrift erahnen. „Salafisten“ sind nur eine kleine religiöse Randgruppe in Deutschland. Das hört und liest man andauernd. Der Bundesverfassungsschutz deckte diese Behauptung, als er im Oktober 2014 darüber aufklärte, dass es in ganz Deutschland gerade einmal 6.300 Salafisten gäbe.

Ich kenne persönlich recht viele „Salafisten“ die kein Facebook-Profil haben. Schätzen wir mal, dass von den 6.300 „Salafisten“ ganze 5.000 ein Facebook-Profil haben und jeder einzelne von ihnen hat die Facebookseite von Pierre Vogel abonniert. Wer sind dann die über 100.000 anderen Abonnenten? Wenn nur jeder 10. diese Seite abonnierte, weil er Pierre Vogel gut findet, dann sind das immer noch 10.000.

Wir müssen uns nicht lange mit diesen Zahlenspielen abmühen. Jeder sogenannte „Salafist“ kennt die Realität. Wir sind bedeutend mehr, als sich so einige liberale und Nichtmuslime in ihren kühnsten Träumen überhaupt vorstellen könnten. Aber wir sind nun einmal mehrheitlich nicht das, was Staatsknechte, Islamverbände und unqualifizierte Journalisten aus uns machen wollen, nämlich gefährliche Kriminelle und Terroristen.

Doch was bringt uns Quantität, wenn die Qualität zu wünschen übrig lässt. Denn noch viel mehr, als wir sogenannte Ungläubige, Neuerungsträger und Kollaborateure verabscheuen, verabscheuen wir uns gegenseitig.

Da wir schon beim Thema Facebook sind, können wir gern diese Plattform als Messlatte für unseren Zustand nehmen. Das Kommentar- und Diskussionsniveau unter Salafisten unterscheidet sich nicht großartig vom Niveau auf den Seiten von PEGIDA & Co. Die meisten Schimpfwörter, die „Salafisten“ kennen, beziehen sich auf andere Muslime und größtenteils ebenfalls auf sogenannte „Salafisten“.

Genau diese „Salafisten“ sind es, die den zahlreichen Predigern und Organisationen auf Facebook solch gewaltige Verbreitung verschaffen, aber in der realen Welt nichts erwähnenswertes auf die Beine stellen können.

Der Zentralrat der Muslime, der im Internet die Domain www.islam.de belegt und mit Aiman Mazyek an der Spitze von Politik und Medien als Vertreter der Muslime in Deutschland gefeiert wird, hat gerade einmal um die 10.000 Mitglieder.

Es bräuchte nur ein wenig Engagement, ein wenig Herzblut und ein wenig Abkehr vom Internetislam, und wir „Salafisten“ könnten mit anderen „Islamisten“ und „Fundamentalisten“ einen Rat aus der Traufe heben, der zahlenmäßig den anderen Räten und Verbänden zumindest ebenbürtig sein würde.

Gerade jetzt, wo Staat und Politik versuchen „muslimische“ Mehrheiten jenseits des Islams zu mobilisieren, könnte ein frischer radikaler Wind durchaus für Gleichgewicht sorgen.

Aber dazu sind wir „Salafisten“ zu egoistisch, zu selbstverliebt, über weite Teile auch viel zu ungebildet und vor allem auch zu geizig. Ohne es zu merken, hat die angeblich so rückständige Steinzeitideologie der Salafi-Bewegung in Deutschland die Errungenschaften der abendländischen Aufklärung in sich aufgenommen und die Geldbörse hat sich an den hiesigen Wohlfahrtsstaat gewöhnt. Niemand lässt sich was sagen, jeder weiß es besser, Hierarchien haben keine Chance und das Geld klebt geradezu am eigenen Körper.

Ein großer Rat der orthodoxen Muslime ist schnell gegründet, wenn man in der Lage ist die eigene (oft unwichtige) Meinung zurückzustellen und regelmäßig einen gewissen finanziellen Beitrag abdrückt. Aber wir bezahlen lieber auf Facebook mit Likes, die sind kostenlos, und glänzen im anonymen Netz mit gegoogeltem Wissen und geheuchelten Bekenntnissen.

So wird das nichts. Leider. Salafisten eben, die träge Masse …

3 mal Nicolás Gómez Dávila (XXXI)

„In einem Jahrhundert, in dem die öffentlichen Medien unbegrenzte Dummheiten unter die Leute bringen, wird der gebildete Mensch nicht an seinem Wissen erkannt, sondern an seinem Nichtwissen.“

„Die Resultate der modernen „Befreiung“ lassen uns mit Wehmut an die abgeschaffte „bürgerliche Heuchelei“ zurückdenken.“

„Die Moderne nennt „Wandel“ das immer schnellere Marschieren auf dem gleichen Weg in die gleiche Richtung.“

 

Buchauszug: José Ortega y Gasset – Die auserwählte Gruppe

„Wenn von auserwählten Gruppen die Rede ist, pflegt gewohnheitsmäßige Heuchelei den Sinn dieses Wortes zu verdrehen, indem sie tut, als sei ihr unbekannt, daß nicht der Anmaßende, der sich den anderen überlegen glaubt, der auserwählte Mensch ist, sondern jener , der mehr von sich fordert als die anderen, auch wenn er in seiner Person diese höheren Forderungen nicht zu erfüllen vermag.

Man kann die Menschheit einteilen — und diese Unterscheidung trifft etwas sehr Wesentliches — in solche, die viel von sich fordern und sich selbst mit Schwierigkeiten und Pflichten beladen, und andere, die nichts Besonderes von sich fordern, die sich begnügen, von einem Augenblick zum anderen zu bleiben, was sie schon sind, ohne Drang über sich hinaus — Bojen, die im Winde treiben.“

(José Ortega y Gasset, Der Aufstand der Massen, 1930, Seite 10)

Auszug: Lion Edler – Journalismus

Dies ist ein Auszug aus einem Artikel des freien Journalisten Lion Edler im Monatsmagazin eigentümlich frei:

Angesichts all dessen passt […] perfekt eine Szene aus Michael Klonovskys Roman „Land der Wunder„. Die Hauptfigur Johannes Schönbach trifft dort bei einem Boulevardblatt auf den Kollegen Reger. Klonovsky lässt Reger eine Journalismusschelte sprechen, die auch in den Stein sogenannter „Qualitätsmedien“ gemeißelt gehört:

„Journalismus ist die organisierte Zerstörung der geistigen Empfänglichkeit der dem Journalismus ausgesetzten Bevölkerung. Von nichts Ahnung haben und über alles mitreden, das ist Journalismus. Das bisschen Investigative, das bisschen Schweinereiaufdecken ist angesichts der Schweinerei, die der Journalismus insgesamt verkörpert, absolut nebensächlich.“

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