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Buchauszug: Ibn Khaldun – Sind die Schwarzen die verfluchten Nachkommen von Ham ibn Nuh (alayhi salam)

«Einige Genealogen, die keine Ahnung von der Natur (solcher) Dinge haben, meinten, dass die Schwarzen die Kinder von Ham, dem Sohn von Noah, seien, die infolge der Verfluchung Hams durch Noah mit schwarzer Hautfarbe gezeichnet worden wären. Sie wähnten ferner, dass dieser Fluch dann in Hams Hautfarbe sowie darin, dass Allah dessen Nachkommen zu Sklaven werden ließ, sichtbar geworden wäre.

Was sie hierüber berichten, gehört zu den Phantastereien von Geschichtenerzählern. Die Flüche Noahs gegen seinen Sohn Ham sind in der Thora festgehalten, und es findet sich in ihr keinerlei Hinweis auf schwarze Hautfarbe. Noah verfluchte ihn, auf dass Hams Kinder zu Sklaven seiner Brüder, aber niemandes sonst würden. In der These über die Abstammung der Schwarzen von Ham spiegelt sich das Nichtwissen um die Natur von Wärme und Kälte sowie um deren Einflüsse auf die Luft und die Lebewesen, die diese Umgebung hervorbringt.»

(Ibn Khaldun / gest. 808 n.H., in al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Übersetzung leicht redigiert)

Weihnachten: Mitfeiern oder nicht?

von Yahya ibn Rainer

“Alle Jahre wieder, kommt das Christuskind.” Die sogenannte Weihnachtszeit der Christen ist für manche von uns hier in Deutschland eine Prüfung. Speziell zu dieser Zeit lese ich vermehrt über Meinungsverschiedenheiten zwischen den hiesigen Muslimen. Darf man Weihnachten (mit-)feiern? Darf man den Christen zu diesem ihrem Feste gratulieren oder zumindest den “Frohe Weihnacht”-Wunsch erwidern?

Was machen wir Muslime an diesen 3 Tagen? Muslime als Minderheit unter Christen, das war im Laufe der muslimischen Geschichte eher die Ausnahme als die Regel, und so ist es für hier lebende Türken, Araber, Afghanen, Pakistaner usw eine neue Situation, die sich ähnlich schwer gestaltet wie für uns konvertierte Muslime. Man sucht also den richtigen Weg zwischen Ablehnung auf der einen Seite und dem Güteerweisen und redlichem Umgang auf der anderen Seite, denn beides ist uns im Umgang mit den Nichtmuslimen auferlegt.

Im Wissen darüber, dass es vor uns Muslimen – hier in Deutschland – bereits ein anderes Schriftvolk gab, das als Minderheit unter den Christen lebte und das die christliche Lehre ebenso ablehnte wie wir, veranlasste mich dazu, ein wenig zu recherchieren. Die Juden, die in Deutschland und ganz Europa schon seit knapp 2000 Jahren als Minderheit angesiedelt sind und die die Dreifaltigkeitlehre, Gottessohnschaft und Vergöttlichung von Jesus dem Messias -Allah segne ihn und schenke ihm Heil- mit aller Entschiedenheit ablehnen, haben extra einen Brauch eingeführt, den sie speziell zum Zeitpunkt der christlichen “Heiligen Nacht” praktizier(t)en.

Sie nennen ihn die Nitl-Nacht (vom lat. natalis “zur Geburt gehörig”), in der sie sich mit Absicht vom Studium ihrer Schrift (der Thora) fernhalten, um sich zu ermahnen wie es wäre, wenn sie der christlichen Lehre folgen würden. Denn ein maßgeblicher Teil der christlichen Lehre ist ja, dass die Verbindlichkeit vieler Gebote und Verbote der Thora durch den angeblichen Kreuztod Jesu -Allah segne ihn und schenke ihm Heil- aufgehoben wurde, da er die Sünden, die durch die Übertretung dieser Gesetze entstehen würden, auf sich genommen hat.

Zu diesem jüdischen Brauch möchte ich gern aus dem Brief eines bekannten deutschen Rabbiners zitieren, den er irgendwann zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasste:

Es dämmert … die Weihnachtsglocken tönen durch die christliche Welt. Es sind die einzigen Signale des christlichen Kultus, die auch in jüdische Häuser dringen. Denn in der Nitlnacht ruht das Studium des Gesetzes.

Für ein paar Abendstunden vergegenwärtigt sich das jüdische Volk, wie arm es ohne Thora wäre. Wie bettelarm und hilflos, wenn jene Anschauung im Rechte wäre, die im Christentum die Überwindung der jüdischen Gesetzlehre sieht und nicht die fragmentarische Weltansicht einer tausend-jährigen Übergangszeit, die auf Umwegen – langsam aber sicher – an den Fuß des Moriaberges führt.

Darum – wenn die Weihnachtsglocken tönen – horcht Jissroél nachdenklich auf – legt sein Kostbarstes bei Seite und wartet, bis sie ausgeklungen. Gäbe es Gott, daß sie nicht umsonst über die Erde klingen, und mögen sie mit mächtigem Schall das Gewissen der Völker wecken!

Selig sind, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie sollen gesättigt werden. So heißt es in der Bergpredigt. Das Recht und die Liebe – es ist endlich Zeit, das aus den toten Worten, lebendige Taten werden. Was nützt es, wenn für nichtigen Zweck die nationale Ehre geschützt, die nationale Wehrkraft vermehrt, der nationale Wohlstand gefördert wird – wenn Millionen ungesättigt nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, wenn das Alphabet jeder Menschengesittung, das Recht und die Liebe, noch immer gelehrt – vergeblich gelehrt werden muß. Hat man denn schon vergessen, daß der feierliche Schall der Weihnachtsglocken dem Geburtstag eines jüdischen Kindes gilt! – In der Nitlnacht ruht das Studium der Thora. Ausnahmsweise, nach althergebrachtem Brauch.

Dieser Brauch ist ein sinniger Brauch. Wenn sich die Enthaltsamkeit vom Lernen nur auf die Stunden einer – dieser erstreckt.
Jedoch dieser Brauch verliert jeden vernünftigen Grund, wenn die Enthaltsamkeit vom Lernen, bereits in der vorhergehenden Nacht geübt, in der folgenden Nacht fortgesetzt werden sollte – wenn auch in den übrigen Nächten des Jahres das Studium des Gesetzes ruht.

Zu den Perlen, um die uns die Vernachlässigung der Thora bringt, zählt auch die sinnige Muße der Nitlnacht. Darum klingen die Weihnachtsglocken vorwurfsvoll in so manches jüdisches Haus. O, daß sie auch uns zur Besinnung brächten!

(Aus Rabbiner Dr. Raphael BREUER „Unter seinem Banner” (1908) S.186-187 >>)

Wer diesen Brief aufmerksam liest und versteht, der erkennt die feinsinnige Mahnung, die der Rabbiner an seine Glaubensgenossen richtet. Eine Mahnung, die so ähnlich auch bei vielen Muslimen heute angebracht ist. Der Aufruf, in der Nitlnacht nicht die Thora zu studieren, ist bei genauerer Betrachtung eher eine Ermahnung, es an den anderen Tagen des Jahres (wieder) vermehrt zu tun. Und auch die Kritik an der christlichen Lehre ist höflich verpackt und mit Weisheit geschrieben.

Und vor allen Dingen: Es gibt eine klare Aussage, nämlich dass das Einzige vom “christlichen Ritus”, was “auch in jüdische Häuser” dringt, die Töne der “Weihnachtsglocken” sind. Und so ist es auch eine Mahnung an uns Muslime, denn die Juden leben bereits seit vielen Jahrhunderten als Minderheit unter den Christen und erdachten sich einzig aus dem Grunde einen Brauch, um den christlichen Ritus und die Besinnung darauf aus den jüdischen Häusern fern zu halten und eine eigene Besinnung und Ermahnung daraus zu ziehen.

Die muslimische Minderheit in diesem Lande ist gerade einmal 2-3 Generationen – sprich 50 Jahre – hier daheim und verspürt zum Teil anscheinend schon jetzt ein unbändiges Bedürfnis am christlichen Ritus, anstatt sich selbst am eigenen Ritus zu ermahnen.

Wenn es hierzulande tatsächlich eine christlich-jüdische Tradition gibt, dann nur, weil beide Seiten die ihrigen pflegten, und zum Pflegen gehört auch das Reinhalten. Der institutionelle (und somit auch politische) Antisemitismus kam, mit seiner volkszornigen und tödlichen Wucht, erst mit der sogenannten jüdischen Emanzipation und dem damit verbundenen Versuch auf, das Judentum in die christliche Mehrheitsgesellschaft zu integrieren, was einerseits zur Verwässerung der jüdischen Lehre führte und anderseits zu erkennbaren Einflüssen jüdischen Lebens in der christlichen Alltagskultur. Früher nannte man das in gewissen Kreisen “Verjudung”.

Und auch heute werden die ersten kritischen Stimmen laut, die einerseits von einer “Islamisierung” sprechen und anderseits die Befürchtung hegen, dass durch sogenannte “Integrationsbemühungen” die Islamische Lehre verwässert wird. Beide Seiten haben Recht. Die Gesellschaft muss sich vom Ideal der Gleichheit und Verschmelzung seiner Gruppen verabschieden. Man muss Fremdes wieder ablehnen und diskriminieren dürfen, wenn auch nicht (staats-)politisch, sondern privat. Vielfalt definiert sich durch Unterschiedlichkeit und Religion ist fundamental. Multikulti ist das falsche Konzept in dieser Sphäre.

Die 3. Frage des “Kritikers”

3. Warum steht nach islamischem Recht auf Apostasie (Abfall vom Glauben, Austritt aus dem Islam) die Todesstrafe?

Mein Versuch einer Antwort:

Es handelt sich hier um eine rein theologische Frage, welche auch nur rein theologisch beantwortet werden kann. Diese Antwort wird den „Kritiker“ mit höchster Wahrscheinlich wohl nicht befriedigen, da er ja mit dem Hintergrund fragt „warum“ es im islamischen Recht so praktiziert wird. Die einzige Antwort darauf kann nur sein, „Weil es so in den islamischen Quellen gefordert wird!“.

Die Quellen zur Herleitung von Urteilen im islamischen Recht sind in erster Linie der Quran und die Sunnah. Weitere Quellen sind in den 4 verschiedenen islamischen Rechtsschulen unterschiedlich geregelt. In der hanbalitischen Rechtsschule kommt als dritte Quelle noch der Ijma‘ (Übereinstimmung der Rechtsgelehrten) hinzu, der Qiyas (Analogieschluss) ist nicht verbindlich, wird aber in Ausnahmen akzeptiert. Die schafiitische Rechtsschule gleicht in der Quellenabfolge der hanbalitischen, mit dem Unterschied, dass der Qiyas als verbindlich gilt. Die hanefitische Rechtsschule kennt neben den Quellen Quran, Sunnah, Ijma‘ und Qiyas noch Istihsan („das Fürguthalten“) und Ra’y (die freie ‚quellenunabhängige‘ Meinungsäusserung), welche aber heute wohl nicht mehr oder nur selten Anwendung finden. Die malikitische Rechtsschule kennt wohl die meisten Quellen in der Herleitung von Urteilen. Hier sind zu nennen Quran, Sunnah, Ijma‘, Qiyas, Sunnat al-Ashaab (Sunnah der Prophetengefährten), Sunnatu-t-Tabi’in (Sunnah der Nachfolgegeneration der Prophetengefährten), Sunnah Ahl al-Madina (Sunnah der Bewohner von Medina zur Lebenszeit von Imam Malik) und al-Masalih al-Mursala (die Dinge die Nutzen bringen).

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Du sollst nicht töten? (1. Teil)

von Yahya ibn Rainer

Ich möchte hier auf eine große Fehlinterpretation hinweisen, der viele von den heutigen Christen leider erlegen sind. Insbesondere diejenigen Christen, welche nur wenig Wissen über ihre Religion haben. (Was leider die meisten sind)

Wie wir alle wissen, ist die Bibel ein Buch, welches mehrere male in eine andere Sprache übersetzt wurde. Die deutsche Bibel wurde z.B. aus dem Lateinischen übersetzt. Die lateinische Bibel wiederum aus dem Griechischen, Aramäischen und Hebräischen. Bei diesen Übersetzungen sind ganz gewiß Fehler passiert, die aber von vielen heutigen Christen schlichtweg ignoriert werden.

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Halacha – Die jüdische „Scharia“

von Yahya ibn Rainer

Es ist schon interessant, wie in der aktuellen Islam-Debatte immer wieder die Scharia ins Spiel gebracht wird. Die Scharia wird als Gefahr für das christliche Abendland definiert, und das aus dem Grunde, weil der praktizierende Muslim dieses göttliche Recht als das höchste Gesetz bezeichnet.

Aber was ist mit der Halacha? Die Halacha ist sozusagen die „Scharia“ der praktizierenden Juden und sie wird, ebenso wie die islamische Scharia, aus ihren heiligen Schriften hergeleitet.

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Die Bücher der Juden: Die Heilige Schrift und der Talmud

Die Bibel (d.h. christlich gesehen: das Alte Testament) umfasst nach jüdischer Tradition 24 Bücher in 3 Abteilungen.

A. Die Thora

  • Bereschlit (Genesis, 1. Buch Mose)
  • Schemot   (Exodus, 2. Buch Mose)
  • Wajikra     (Levitius, 3. Buch Mose)
  • Bemidbar (Numeri, 4. Buch Mose)
  • Debarim   (Deuteronomium, 5. Buch Mose)

B. Die Prophetischen Bücher (Nebim):

  • Die vier geschichtlichen Prophetenbücher: Josua, Richter, Samuel, Könige. Diese werdenauch „frühere Propheten“ genannt, denn nach jüdischer Tradition sind sie von Propheten verfasst;
  • die vier eigentlichen oder „späteren Propheten“: Jesaja, Jeremia, Ezechiel und das Buch der zwölf „kleinen Propheten“.

C. Die übrigen Schriften (Ketubim):

  • die drei poetischen Schriften: Psalmen, Sprüche, Hiob;
  • die fünf Rollen (Megillot): Hoheslied, Ruth, Klagelieder, Prediger, Esther:
  • die drei geschichtlichen Schriften: Daniel, Esra, Nehemia (und Chronik).

Die Sepuaginta und der Talmud bieten ein anderes Einteilungsprinzip, aber das hier dargelegte ist in fast allen jüdischen Bibelausgaben üblich. Die fünf „Rollen“ haben die Reihenfolge der Feste, an denen sie in der Synagoge gelesen werden. Den Schwerpunkt der Bibel bildet die Thora, die ursprünglich allein Heilige Schrift war. Die übrigen Teile haben eine spätere Entstehungszeit und sind im Laufe einer langen Überlieferungsgeschichte hinzugerechnet worden. Das wird an einer Spaltung deutlich: Als um 400 v. Chr. infolge der jüdischen Selbstbesinnung nach dem babylonischen Exil die Samaritaner endgültig von der Jerusalemer Tradition ausgeschlossen wurden und ihren eigenen Tempel auf dem Garizim errichteten, besaßen sie lediglich die Thora. Sie legen diese bis heute allein ihrem Gottesdienst zugrunde.

Nach orthodoxer Tradition ist die Thora dem Mose von Gott unmittelbar geoffenbart, gewissermaßen diktiert worden, die übrigen Verfasser seien vom Geiste Gottes erfüllt gewesen. Gewiss werden in der jüdischen Theologie die Forschungen der historisch-kritischen Bibelwissenschaft anerkannt. Aber für den gläubigen Juden hat das keine Bedeutung. Aus der Thora sind dem zerstreutem Volke die Kräfte der Beharrung zugewachsen. Die Thorarolle wurde darum als heiligste Reliquie des Judentums in der Synagoge dauernd verehrt und in zum Teil kostbaren Schreinen aufbewahrt. Die biblische Weisung bedurfte allerdings erneuter Auslegung, als Jahrhunderte seit ihrer Entstehung vergangen waren und das jüdische Leben sich in der Fremde wandeln musste. Diese Denkarbeit haben die Rabbinen geleistet und im Talmud niedergelegt.

Es ging darum, dem Wort der Heiligen Schrift jene Elastizität zu verleihen, die nötig war, um unter der neuen, vom Ursprung völlig verschiedenen politischen und sozialen Situation nicht ohne geistliches Geleit zu sein. Es ging darum, das biblische Wort durch eine zeitgemäße Auslegung in seiner grundsätzlichen und unaufhörlichen Gültigkeit jeweils neu zu gewinnen.

Der Talmud („Das Lernen“) ist ein gewaltiges Sammelwerk, dessen Ursprünge in Palästina und Babylon liegen. Er enthält einmal die Mischna („Das weiderholt Gelernte“) und zum anderen die Gelehrtendiskussionen über diese Mischna, also gewissermaßen geistliche Protokolle, die sog. Gemara („Lernstoff“, „Vervollständigung“). Die Mischna umfasst eine von Rabbi Jehuda Hanassi veranstaltete Sammlung von Lehrsätzen des mündlich überlieferten „Gesetzes“. Zwar gab es schon vor ihm Mischna, vermutlich bereits zur Zei Jesu. Aber es bestand die Gefahr, dass durch verschiedene Interpretationen der Thora die geistliche Einheit des Judentums bedroht wurde. Um dieser Gefahr zu begegnen, verfasste Rabbi Jehuda unter Benutzung aller vorhandenen Sammlungen seine Mischna (um 200 n. Chr.). Er wollte damit in religiösen und gesetzlichen Fragen eine Norm bieten. Indem er die verschiedenen Meinungen der Thoralehrer jeweils zitierte, gegeneinander abgrenzte und sie seiner Meinung gegenüberstellte, schuf er ein unentbehrliches Kompendium, das bald die vorläufigen Sammlungen verdrängte. Er hat das religionsgesetzliche Material gesichtet und zum System von sechs „Ordnungen“ zusammengestellt, die das Gerüst der Mischna bilden.

Die Titel der Mischna-Ordnungen (Seradim) lauten:

  1. Seraim = Gesetze über Grund und Boden
  2. Moed = Über die Feste
  3. Naschim = Ehegesetze
  4. Nesikin = Über Zivil- und Strafrecht
  5. Kodaschin = Über Tempelkult und Speisegesetze
  6. Taharot = Über levitische Unreinheit

Jede „Ordnung“ (seder) besteht aus einer Anzahl (7-12) Traktate, die Traktate zerfallen wieder in Kapitel, die Kapitel in Paragraphen oder Lehrsätze. Die einzelnen Kapitel sind nach ihren Anfangswörtern benannt, wie auch die Bücher der Thora (und päpstlichen Enzykliken). Die in der Mischna erwähnten Lehrer werden Tannaim (die „Lernenden“) genannt. Der zweite Bestandteil des Talmud, die G e m a r a, umfaßt die erläuternden und kritischen Erörterungen über die Mischna, wie sie in den Lehrhäusern Palästinas und Babylons stattgefunden haben. Die theologischen Protokolle umfassen aber auch allerlei anderes, das in den Diskussionen vorgebracht wurde. Sie können einen Eindruck vermitteln, wie die Gesetzeslehrer Meinungen ausgetauscht, einander belehrt, korrigiert und widerlegt haben. So spiegelt sich auch die Skala der menschlichen Gefühle in diesem religionsgeschichtlich einzigartigen Dokument, da die verschiedenartigsten Probleme gelegentlich ins Gespräch gerieten und beurkundet worden sind: Geschichtliches und Anekdotisches, Wunderberichte, Legenden, Parabeln, Sprichwörter; daneben astronomische, geographische und naturwissenschaftliche Mitteilungen, mathematische Lehrsätze und medizinische Ratschläge. Die gewaltigen Stoffmassen sind sehr unübersichtlich, so daß man in der Lektüre nur mühsam vorankommt. […]

Entsprechend den zwei Zentren, in denen nach Abschluss der Mischnaredaktion jüdische Gelehrsamkeit gepflegt wurde, gibt es einen palästinensischen und einen babylonischen Talmud („Jeruschalmi“ und „Babli“). Der Babylonische Talmud hat etwa den dreifachen Umfang des palästinensischen. Der Grund dafür dürfte in der Tatsache liegen, dass der babylonische Talmud ein Jahrhundert nach dem palästinensischen abgeschlossen wurde und somit Zeit zur Verfügung stand, das überlieferte Material zu erweitern und zu vertiefen. Darum hat auch der babylonische Talmud die größere Verbreitung gefunden. Etwa ein jahrtausend lang hat man an dem Werk gearbeitet. Seine ältesten Bestandteile gehen ins 6. Jahrhundert v. Chr. zurück, die abschließende Redaktion erfolgte im 5. nachchristlichen Jahrhundert.

(Quelle: Judentumskunde – Eine Einführung / zweite erweiterte Auflage 1960 / Hans-Jochen Gamm / Ner-Tamid-Verlag)

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Die jüdischen Glaubensgrundsätze (Aqida)

von Yahya ibn Rainer

Wer sich etwas genauer mit den Judentum befasst, der wird früher oder später auf diesen Namen stoßen: Abū ‘Imrān Mūsā ibn ‘Ubaidallāh Maimūn al-Qurtubī auch bekannt unter den Namen Mosche ben Maimon, aber gewiss am bekanntesten unter der latinisierten Form seines Namens Moses Maimonides und unter den Juden bekannt unter dem Kürzel RaMbaM (Rabbi Mosche ben Maimon).

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