Auszug: Völkermord in Ruanda (1994) – Muslime als Lebensretter & Identität als Muslim

Heute wurde in Ruanda und weltweit dem Völkermord von 1994 gedacht. Innerhalb von weniger als 4 Monaten verloren in Ruanda zwischen 800.000 und 1.000.000 Menschen durch Massaker von sogenannten Todesschwadronen ihr Leben. In annähernd 100 Tagen töteten Angehörige der Hutu-Mehrheit etwa 75 Prozent der in Ruanda lebenden Tutsi-Minderheit sowie moderate Hutu.

Heute gilt der Genozid von Ruanda als eines der schlimmsten Verbrechen aller Zeiten.

Zu diesem Thema möchte ich heute gern zwei Auszüge aus einem Arbeitspapier des Instituts für Ethnologie und Afrikastudien der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz zitieren. Der Name des Arbeitspapiers Nr. 74 lautet Muslime in Ruanda – Von Marginalisierung zu Integration und wurde vom Ethnologen und Politikwissenschaftler Rainer Klüsener verfasst.

Der 1. Auszug ist identisch mit dem Kapitel 4.2.2 namens Muslime als Lebensretter (ab Seite 62) und der 2. Auszug entspricht dem Kapitel 4.3.1 namens Identität als Muslim (ab Seite 65).

4.2.2 Muslime als Lebensretter

Als bessere Überlebensstrategie erwies sich im Nachhinein der Versuch, bei Freunden, Verwandten oder auch bei völlig Unbekannten Verstecke zu suchen. Insbesondere Ruandas Muslime öffneten dabei Tausenden von verzweifelten Verfolgten ihre Türen und schützten oftmals erfolgreich Flüchtlinge vor den Mordbanden. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Verfolgten Hutu oder Tutsi, Muslime oder Christen waren. Dieser Tatbestand wird auch von Sheikh Saleh Habimana, dem Mufti von Ruanda, bestätigt: „The roofs of Muslim houses were full of non-Muslims hiding. Muslims are not answerable before God for the blood of innocent people“ (Wax 2002). Dies wird auch durch viele Zeugenaussagen von Überlebenden bestätigt, von denen nur einige hier exemplarisch für viele andere aufgeführt sind:

Beatha Uwazaninka verdankt ihr Leben dem beherzten Auftreten von Yahaya Nsengiyumva, einem Muslim aus Nyamirambo:

„The interahamwe killer was chasing me down the alley. I was going to die any second. I banged on the door of the yard. It opened almost immediately. He took me by the hand and stood in his doorway and told the killer to leave. He said that the Koran says: ‚If you save one life, it is like saving the whole world.“

Während des gesamten Genozids versteckte Yahaya Nsengiyumva über dreißig Menschen auf seinem Grundstück (Kigali Memorial Centre 2004: 30).

Yahya Kayiranga, der zu Beginn der Massaker zusammen mit seiner Mutter aus Kigali floh, wurde auf der Flucht von einer muslimischen Familie in Gitarama versteckt. Die ihnen unbekannte Familie sorgte für die beiden bis zum Ende des Genozids. „We were helped by a family we did not know,“ erinnert sich der heute 27-jährige beeindruckt. Sein Vater und sein Onkel, die in Kigali blieben wurden ermordet (Goering 2002).

Mudhi Byumvuhore, erhielt von einem Freund den Hinweis, dass sein Name auf einer der vorbereiteten Todeslisten stand und dass er somit zu den ersten Opfern des Genozids gehören sollte. Mudhi, der Mitglied in der PDI gewesen war, ging im Vorfeld des Genozids auf Oppositionskurs, hatte den Arusha-Friedensprozess befürwortet und sich für eine Machtteilung mit der RPF ausgesprochen. In der Gewissheit des baldigen Erscheinens der Milizen in seinem Haus, entschloss er sich, Hilfe bei seinen Freunden in Nyamirambo, einem muslimisch geprägten Stadtteil von Kigali, zu suchen.

„Meine muslimischen Freunde haben mich bei sich versteckt und wenn sie nicht so mutig gewesen wären, würde ich heute nicht mehr leben. Nachdem ich jeweils einige Tage in einem Versteck verbracht hatte, wurde ich in ein neues Versteck gebracht. Die Menschen, die mich versorgten, sollten nicht allzu lange einer Gefahr ausgesetzt sein. Damals war es lebensbedrohlich, wenn man Flüchtlinge versteckte. Glücklicherweise fanden sich immer schnell andere Familien, die mich in ihrem Haus versteckten. Das Gefährlichste war jeweils der Weg von einem Versteck ins andere. Wir mussten dabei viele Straßensperren umgehen und überall konnten Milizen auf uns lauern. Wir sahen viele Tote am Wegesrand und ich weiß, dass ich ohne die Hilfe von so vielen Menschen auch unter den Toten gewesen wäre. Die Muslime haben aber zusammengehalten und so mich und viele andere auch vor dem sicheren Tod bewahrt“ (Interview mit Mudhi Byumvuhore, 05.10.2004).

Ungewöhnlich ist sicherlich der Fall der damals 10-jährigen Marie-Grâce, die sich zunächst, nachdem bereits ihre ganze Familie umgebracht wurde, in ein Flüchtlingslager retten konnte. Doch auch hier waren die Menschen vor ihren Verfolgern nicht sicher. Die weiteren Ereignisse werden von Marie-Grâce wie folgt geschildert:

„Als die Milizen begannen, die Leute aus unserem Lager zu töten, haben einige Hutu uns geholfen zu fliehen, vor allem uns, den Kindern. Ein Nachbar unserer Familie hat mich mitgenommen und bei sich versteckt. Aber da die Familie, die mich versteckte, auch bedroht wurde, hat man mich zu einem früheren Kuhhirten meiner Eltern geschickt. Dort verbrachte ich einige Tage, aber das Leben dort war sehr schwierig. Es gab nicht genug zu essen, also hat man mich zu einer verwandten Familie geschickt, die Mohammedaner waren. … In dieser moslemischen Familie fehlte es nicht an Essen, aber ich hatte große Angst, weil sie mich zu ihrer Religion bekehren wollten. Doch die Zeit ist schnell vergangen, ich habe dort einen Monat gelebt. Und als die Inkotanyi Kigali einnahmen, hat Radio Rwanda verkündet, dass wir fliehen und das Land verlassen müssen, und so hat mich die moslemische Familie nach Bukavu mitgenommen“ (Marie-Grâce 1994: 57f.).

[…] Nachdem im vorangegangenen Kapitel das Verhalten von Muslimen während des Genozids aufgezeigt wurde, schließt daran zwangläufig die Frage nach den Ursachen für ein solches Verhalten an. Wieso haben Muslime es im Gegensatz zu vielen ihrer Landsleute verstanden, sich der Gewalt zu entziehen und sich nicht durch die Propaganda manipulieren zu lassen?

4.3.1 Identität als Muslim

Erste Hinweise auf die Beantwortung dieser Frage finden sich bei Prunier, der feststellt:

„There are many testimonies to the protection members of the Muslim community gave each other and their refusal to divide themselves ethnically. This solidarity comes from the fact that ‚being Muslim‘ in Rwanda, … , is not simply a choice dictated by religion; it is a global identity choice“ (Prunier 1995: 253).

Quinn und Quinn argumentieren ähnlich, indem sie behaupten, dass „for many African Muslims, their religious identity is more important than their national identity“ (Quinn / Quinn 2004: 5). Beide Aussagen beinhalten, dass sich Muslime in erster Linie über ihre Religion identifizieren und weniger über ihre Nationalität oder im Falle Ruandas über ihre Ethnie. Dort basierte diese Eigenidentifikation als „Muslim“ zunächst auf der Tatsache, dass Einwanderer den Kern der muslimischen Gemeinde bildeten. Diese sahen sich nicht als Ruander an und auch ihre Nachkommen fühlten sich zunächst nicht als solche. Verstärkt wurde diese Einstellung noch dadurch, dass Muslime auch von der restlichen ruandischen Bevölkerung, den politischen Entscheidungsträgern und den Kirchen als Fremde oder Immigranten angesehen wurden. „Because we were Muslims we weren’t considered Rwandese“, bestätigt auch Sheikh Saleh (Goering 2002). Diese Fremdzuschreibung hatte aber auch zur Folge, dass Tutsi-Muslime während des Genozids in den Augen vieler Täter nicht zur Zielgruppe der Milizen gehörten, da diese von ihnen primär als Muslime angesehen wurden. Dies eröffnete vielen Muslimen einen größeren Spielraum bei der Rettung von Verfolgten, da sie diese verstecken konnten, ohne dass sie damit rechnen mussten, selbst verfolgt zu werden.

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Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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