Die Akte Polkes

von Yahya ibn Rainer

Wir schreiben das Jahr 1937. Genau genommen, Februar 1937

Seit der Machtergreifung Adolf Hitlers und seiner NSDAP im Januar 1933, ist vieles passiert im Deutschen Reiche. Am 27.02.1933 gab es den Reichtagsbrand, am 20.03.1933 wurde die Errichtung des ersten Konzentrationslagers (Dachau) begonnen, am 24.03.1933 tritt das Ermächtigungsgesetz in Kraft, im April 1933 starteten die ersten Aktionen der SA gegen Juden und (von wenigen Ausnahmen abgesehen) werden alle jüdischen Beamten aus dem Staatsdienst entlassen und jüdische Ärzte bekommen ein Zulassungsverbot. Im Mai 1933 kommt es zur Bücherverbrennung und im September 1933 werden sämtliche Juden aus den kulturellen Berufen ausgeschlossen. Im September 1935 wird die Rassentrennung an den Schulen durchgesetzt und die Nürnberger Rassengesetze werden im Reichstag einstimmig beschlossen. Im Januar des Jahres 1937, und somit kurz vor dem obigen Datum, werden sogar alle Beamte aus dem Staatsdienst entlassen, die einen jüdischen Ehepartner haben.

Genau so stellte sich zum damaligen Zeitpunkt die Realität für Juden im Deutschen Reiche dar. Es ist wichtig das alles zu wissen, bevor man die wirkliche Tragweite des folgenden Ereignisses richtig einzuschätzen weiß. Denn genau zu dieser Zeit entsendete die Hagana, der militärische Arm der damaligen zionistischen Jewish Agency, aus Palästina einen Vertreter für direkte Verhandlungen mit dem SD (Sicherheitsdienst) der SS. Keine Verhandlungen etwa zum Wohle der unterdrückten und gepeinigten deutschen Juden dieser Zeit, kein Versuch ihre Lage zu verbessern oder ähnliches. Nein! Der Vertreter der Hagana besuchte die Reichshauptstadt Berlin um den Nazis eine Zusammenarbeit anzubieten.

Feivel Polkes war der Name des zionistischen Unterhändlers und er bekam einen Termin bei keinem anderen als Adolf Eichmann. Das Gespräch zwischen Eichmann und Polkes wurde in einem Bericht von Eichmanns damaligen Vorgesetzten und Chef des Sicherheitsdienstes der SS, Franz Alfred Six (von ihm am Ende mehr), festgehalten. Dieser Bericht wurde kurz nach Beendigung des 2. Weltkrieges von der us-amerikanischen Armee in den SS-Akten sichergestellt.

Im Anhang dieses Beitrags befindet sich eine PDF-Datei, auf der ein Mikrofilmabgriff (T. 175, R 411, EAP 173 b-1614/61) des Dokumentes aus dem Bestand in Fort Alexandria (USA) zu finden ist. Es handelt sich um die Geheime Kommando-Sache 981/37 der Abteilung II 112 des RSHA, die dem Chef der Sicherheitspolizei (erkennbar durch den Stempel „C vorlegen“), Reinhard Tristan Eugen Heydrich, zur Kenntnis gegeben wurde. Heydrich hatte sie mit „H“ abgezeichnet. Er hat sie also genehmigt und wohl auch gelesen, wie die Randnotizen auf Seite 4 belegen.

Hier einige Auszüge aus dem Bericht:

[Six über Polkes]
In politischer Hinsicht ist Polkes Nationalsozialist. Aus dieser Einstellung heraus ist er Gegner aller jüdischer Bestrebungen, die sich gegen die Errichtung eines Judenstaates in Palästina wenden. Als Hagana-Mann bekämpft er sowohl den Kommunismus, als auch alle araberfreundlichen Bestrebungen. […]

Als sein Ziel, also als das der Hagana, bezeichnete er die möglichst baldige Erreichung der jüdischen Majorität in Palästina. Er arbeite aus diesem Grund, soweit es zur Erreichung dieses Zieles nötig sei, sowohl mit als auch gegen Intelligence Service , Sûreté générale, England und Italien. Auch für Deutschland erklärte er sich bereit, Dienste in Form von Nachrichten zu leisten, soweit sie nicht seinen politischen Zielen entgegenstünden. Er würde u.a. die deutschen außenpolitischen Interessen im vorderen Orient tatkräftig unterstützen, würde sich dafür verwenden, dem Deutschen Reiche Erdölquellen in die Hand zu spielen, ohne dabei englische Interessensphären zu berühren, wenn die deutschen Devisenverordnungen für die nach Palästina auswandernden Juden gelockert würden. […]

[Resultat der Verhandlung]
Auf die Reichsvertretung der Juden in Deutschland wird ein Druck dahingehend ausgeübt, daß sie die aus Deutschland auswandernden Juden verpflichten, ausschließlich nach Palästina, nicht aber in irgendein anderes Land zu gehen. Eine solche Maßnahme liegt durchaus im deutschen Interesse und wird bereits durch Maßnahmen der Gestapo vorbereitet.

P.S.: Wie bereits angekündigt, hier einige Interessante Informationen zum Vorgesetzten Eichmanns, der diesen Bericht verfasst hatte: Seit 1937 war Franz Alfred Six Chef des Sicherheitsdienstes der SS und ab 1939 SS-Standartenführer. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er 1947 in Nürnberg zu 20 Jahren Haft verurteilt, jedoch bereits nach fünf Jahren vorzeitig entlassen. Seit 1952 arbeitete Six für den BND, ab 1961 war er Manager bei Porsche.

[PDF] Mikrofilmabgriff (T. 175, R 411, EAP 173 b-1614/61) – Polkes

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Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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