Bertrand de Jouvenel – »Ist das nicht Faschismus?«

Als ich vor etwa 8 Jahren erstmals die deutschsprachige Übersetzung des Buches Du Pouvoir. Histoire naturelle de sa croissance (1945)¹ las, war das für mich ein Moment, der mich bis heute politisch prägen sollte. Unter dem Eindruck des gerade beendeten zweiten Weltkrieges brachte der französische Journalist, Politologe und Wirtschaftswissenschaftler Bertrand de Jouvenel (gest. 1987) eine unglaublich messerscharfe Analyse der Umstände zu Papier, die seiner Ansicht nach zu dieser größten Katastrophe der Moderne führen konnten.

Was ich erst einige Jahre später erfuhr: Jouvenel war bis kurz vor Ende des Krieges selbst dem Faschismus recht zugeneigt. Als Journalist schrieb er unkritisch und teils bewundernd über den Faschismus in Italien, Portugal, Spanien und auch über den Nationalsozialismus in Deutschland. Im Jahr 1936 führte er sogar ein persönliches Interview mit Adolf Hitler, in dessen Verlauf Hitler ihm zu seiner „fabelhaften Rasse“ beglückwünschte; ein Fauxpas, den Hitler bereits im Jahr darauf bereuen sollte, denn da erfuhr er: Jouvenel hatte eine jüdische Mutter, war also praktisch Jude, oder gemäß der Ideologie der Nazis ein „jüdischer Mischling ersten Grades“ (sprich: „Halbjude“).

Es mag aus heutiger Sicht vielleicht irritieren, dass zur damaligen Zeit nicht alle Juden rundweg Antifaschisten waren, gerade auch wegen des offensichtlichen Antisemitismus der Nazis, aber man muss den Faschismus hier historisch betrachten und unterscheiden zwischen dem Faschismus vor und nach dem Holocaust, denn die Schoah ist heute untrennbar mit dem ihm verbunden, ein  Schandmal, das dieser jungen politischen Bewegung zuvor noch nicht anhaftete.

Fakt ist, dass Jouvenel bei weitem nicht der einzige europäische Jude war, der in der Vorkriegszeit mit dem (auch deutschen) Faschismus liebäugelte. Interessant ist in dieser Hinsicht auch die Biografie Preussisch, konservativ, jüdisch. Hans-Joachim Schoeps’ Leben und Werk. (Böhlau-Verlag, Köln 2019) von Micha Brumlik (interessanter NZZ-Artikel zum Buch).

Im Frühjahr 1939 bereiste Jouvenel als Journalist die Türkei, den Libanon, Syrien und Palästina und schrieb dort vielbeachtete Artikel für die rechten Wochenzeitungen Candide und Gringoire. Die Türkei befand sich zu diesem Zeitpunkt in der zweiten Phase des sogenannten Kemalismus. Mustafa Kemal Atatürk hatte 16 Jahre zuvor die Republik ausgerufen und bis zu seinem Ableben 1938 tiefgreifende Reformen durchgesetzt. Nun war der enge Weggefährte Atatürks, İsmet İnönü, an der Macht und führte das politische Programm seines Vorgängers weiter.

Der Historiker Dr. Daniël Knegt schrieb 2017 in seiner Dissertation Fascism, Liberalism and Europeanism in the Political Thought of Bertrand de Jouvenel and Alfred Fabre-Luce folgendes zu Jouvenels Aufenthalt in der kemalistischen Republik (aus dem Englischen):

»In der Türkei stellte Jouvenel seine Beobachtungen des hedonistischen und dekadenten Konstantinopel – „eine Art kranker Jahrmarkt, auf dem sich das ganze Fett der Nation versammelt“ – der neuen Hauptstadt Ankara gegenüber, in der ein raues Klima die Menschen hart arbeiten ließ. Die militaristische Atmosphäre Ankaras erinnerte ihn an Preußen unter dem „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. (1688-1740).

Jouvenel war überrascht, dass die Türkei sich diplomatisch mit den „zufriedenen Nationen“ Frankreich und Großbritannien verbündet hatte, während ihre politische Struktur, wie er meinte, eher dem Faschismus ähnelte:

„Ein Mann befiehlt, eine einzige Partei erzieht die Nation und verbreitet überall die Anweisungen des Führers. Die Rolle des Parlaments besteht darin, die Wünsche des Diktators zu registrieren, während die Presse sie erklären muss. Ist das nicht Faschismus?“

Aber die Türken versicherten ihm, dass dies nicht der Fall sei, denn die kemalistische Ideologie sei „fortschrittlich, nicht reaktionär“. Jouvenel schloss mit einem Zitat von Hippolyte Taine und verband die kemalistische, die mussolinische und die hitlerische Variante einer autoritären Regierung mit Taines Beschreibung des „Jakobinismus“ ab.«

Spätestens mit seinem eingangs erwähnten Du Pouvoir jedoch wandte sich Jouvenel endgültig von seiner unkritischen Haltung dem Faschismus gegenüber ab und bemühte sich um eine tiefgehende Analyse des Schreckens, den der deutsche Faschismus und seine Verbündeten über die Völker brachten. Hierbei analysierte er allerdings nicht die politische Ideologie der Täter, wie es viele Philosophen und Politologen in der Nachkriegszeit taten, sondern nahm sich die mächtigste und notwendigste Waffe aller autoritärer Regime vor, nämlich den Staat, und er legte dar, wie seine Gewalten – besonders in Republiken – ganz natürlich expandieren, weil sich die Bürger mit dem Staat identifizieren und ihm somit immer mehr Befugnisse zugestehen.

Mit dieser natürlichen Expansion der Staatsgewalt wird  nicht nur der mächtige Apparat erschaffen, den der aufstrebende Tyrann nur noch übernehmen muss, sondern dieser expandierende Staat besteht auch auf sein absolutes Gewaltmonopol, sein Ziel ist somit „die Zerstörung jeder Befehlsgewalt außerhalb des Staates. Es bedeutet völlige Unabhängigkeit eines jeden von familiären und sozialen Autoritäten; aber sie muß mit vollständiger Unterwerfung unter den Staat bezahlt werden. Es bedeutet die völlige Gleichheit aller Bürger um den Preis einer vollständigen Nivellierung vor der staatlichen Macht. Es bedeutet das Verschwinden aller Kräfte, die ihren Ursprung nicht im Staat haben, die Verneinung intermediärer Herrschaft. Es bedeutet in einem Wort die Atomisierung der Gesellschaft, die Zerschneidung aller besonderen gesellschaftlichen Bindungen zwischen den Menschen, deren einzige jetzt darin besteht, gemeinsam dem Staat zu dienen. Es bedeutet gleichermaßen extremen Individualismus und extreme Vergesellschaftung.“  (>>nachzulesen hier<<).

Der deutsche Wirtschaftsphilosoph Prof. Dr. Gerd Habermann kommentierte diese Analyse Jouvenels in seinem Buch Die Ethik der Umverteilung (2012) mit folgenden Worten:

»Nichts anderes habe die kommunistischen und faschistischen Parteien zum Siege geführt als die Möglichkeit, den modernen Menschen aus dieser Vereinsamung wieder hervortreten zu lassen (1941a, S. 184). Der moderne Mensch vermisse die alte Geborgenheit der Kleingemeinschaften der Familie oder des Stammes und dieser Mangel versetze ihn in eine Art Heimweh, die zur Quelle totalitärer Utopien und der Macht kollektivistischer Parteien werde.

Eine anonyme „Gesellschaft“ könne jedoch nicht Quelle der Geborgenheit werden; gegenseitige Liebe und Gemeinschaftsgeist ließe sich nicht durch Verwaltung organisieren; „die Gesellschaft“ sei nur die Summe aller unserer Beziehungen „nach Abzug derjenigen, die uns erfreuen“ (1963, S. 167).« (>>nachzulesen hier<<)

Somit schaffe der expandierende Staat nicht den notwendigen Apparat für das autoritäre Regime, sondern schafft auch die Sehnsucht des unabhängigen (sprich: atomisierten) Staatsbürgers nach der Geborgenheit der Gemeinschaft, die ihm nur noch Nationalgefühle und staatspolitische Utopien zu erfüllen mögen.

Wer mehr von und zu Bertrand de Jouvenel lesen möchte, der stöbere gern in diesem Blog, es gibt zahlreiche Buchauszüge (>>siehe hier<<).

 

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¹ Über die Staatsgewalt. Die Naturgeschichte ihres Wachstums. Rombach, Freiburg im Breisgau, 1972

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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