Die Rede des Papstes im Bundestag – Ich fand sie gut (Teil 2)

von Yahya ibn Rainer

Sämtliche Passagen aus der Papstrede entnahm ich aus dieser Quelle>>.  Einen kompletten Videomittschnitt der Papstrede gibt es u.a. hier>>.

Grundsätzlich war die Rede über weite Teile sehr anspruchsvoll, da Papst Benedikt sich im Bereich der Rechtsphilosophie bewegte. Mein Gebiet ist das nicht, und obwohl die europäische Philosophie durchaus interessante Gedankengänge und Persönlichkeiten aufweist, so übersteigt sie jedoch inhaltlich bei weitem meinen geistigen Horizont.

Also beschränke ich mich auf die wenigen Passagen die sich ausserhalb der Rechtsphilosophie bewegen. Das passiert z.B. gleich am Anfang seiner Rede, im zweiten Absatz, direkt im Anschluss an die Begrüßung:

„Lassen Sie mich meine Überlegungen über die Grundlagen des Rechts mit einer kleinen Geschichte aus der Heiligen Schrift beginnen. Im ersten Buch der Könige wird erzählt, daß Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem wichtigen Augenblick erbitten? Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernichtung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kön 3,9). „

Einem Muslim kommt bei diesem Bibelvers doch sofort dieser prägnante Teil der 110. Aya in Sure al-Imran in den Kopf:

„… Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche …“

Papst Benedikt ist ein äusserst intelligenter Mensch. Ich kann mir gut vorstellen, dass er absichtlich in die Tiefe der Philosophie abgesunken ist, um auf diesem Wege einige sehr direkte Wahrheiten zu plazieren, die in diesem Schwulst an Tiefsinnigkeit ganz gewiss an so manchem überforderten Zuhörer vorbeigegangen sind, ebenso wie einige Feinheiten in der Formulierung.

Das Gute und das Böse, oder das Rechte und das Verwerfliche, dass ist das A und O, der Anfang und das Ende für jeden Herrscher. Denn aus der weisen Abwägung dieser beiden Gegensätze resultiert die Gerechtigkeit. Und der Papst lässt es nicht aus zu erwähnen, wo der Herrscher das Fundament dieser Gerechtigkeit findet.

„Wie erkennen wir, was recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden? Die salomonische Bitte bleibt die entscheidende Frage, vor der der Politiker und die Politik auch heute stehen.
In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein. Aber daß in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muß sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen.“

Der Gläubige weiß was er von dieser Aussage zu halten hat. Es ist ein klares Bekenntnis, dass „die Mehrheit“ (in Parlament oder Schura) durchaus „ein genügendes Kriterium sein“ kann, aber „in den Grundfragen des Rechts […] nicht ausreicht“ und zwar „offenkundig“. Denn die Fundamente des Rechts, die die Hoheit über die Definition über Gut und Böse, über Rechtes und Verwerfliches haben, basieren auf der Orientierung … und damit meint Papst Benedikt die Religion. Und er drückt es zudem noch recht „preußisch“ aus, indem er sagt „seiner Orientierung“. Er billigt also jedem seine eigene Orientierung, sprich Religion und somit Rechtsfindung zu.

Gleich im Anschluss an dieses Bekenntnis wird er sehr deutlich. Ich wundere mich ehrlich gesagt, dass das folgende Zitat keine Wellen geschlagen hat. Ich kann es mir wirklich nur so erklären wie ich es anfangs schon vermutete, nämlich dass die Mehrzahl der Zuhörerschaft eventuell ein wenig überfordert war. Papst Benedikt begründet nämlich mit dem Zitat eines christlichen Theologen die Pflicht zur Bekämpfung von Rechtsordnungen mit „gottlosen Gesetzen“.

„Im 3. Jahrhundert hat der große Theologe Origenes den Widerstand der Christen gegen bestimmte geltende Rechtsordnungen so begründet: „Wenn jemand sich bei den Skythen befände, die gottlose Gesetze haben, und gezwungen wäre, bei ihnen zu leben …, dann würde er wohl sehr vernünftig handeln, wenn er im Namen des Gesetzes der Wahrheit, das bei den Skythen ja Gesetzwidrigkeit ist, zusammen mit Gleichgesinnten auch entgegen der bei jenen bestehenden Ordnung Vereinigungen bilden würde …“

Ein sogenannter „salafistischer“ Prediger würde auf ein solches Zitat hin als Hassprediger gelten und auf der Liste beobachtungswürdiger Personen beim Verfassungsschutz landen. Der Papst sagte es frei heraus … mitten im Deutschen Bundestag. Hut ab Herr Ratzinger!

Ich lasse es jetzt aber lieber unkommentiert, denn da liegt im wahrsten Sinne des Wortes „Sprengstoff“ drin.

Schlau wie er ist, der Papst, lenkt er die Aufmerksamkeit eventueller „Richtigversteher“ nach diesem bedeutungsschwageren ZItat auf die Nazi-Zeit. Denn das waren ja nun wirklich „gottlose“ Zeiten mit „gottlosen“ Gesetzen.

„Von dieser Überzeugung her haben die Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und gegen andere totalitäre Regime gehandelt und so dem Recht und der Menschheit als ganzer einen Dienst erwiesen.“

Das der aktive Widerstand, auch unter den Christen, zur damaligen Nazi-Zeit eher lau war und das Joseph Ratzinger ihm nicht angehörte, sondern er 1941 (im Rahmen zur Durchsetzung der Dienstpflicht) Mitglied der Hitler-Jugend wurde und ab 1943 als Flakhelfer in der Wehrmacht diente, dass soll hier aber nicht weiter thematisiert werden.

Mit Wohlwollen erfüllte mich auch seine Definition der Kultur Europas. Speziell aus dem Munde eines führenden Christen war es erfreulich zu hören, dass die Mär von der christlich-jüdischen Tradition nicht mehr ist als eine verkürzte Worthülse im angeheizten Kulturkampf gegen die Muslime. Denn auch hier findet der Papst wieder die richtige und feinsinnige Formulierung.

„Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas.“

Der „Gottesglauben Israels“. An vorschnelle PImaten und manch bräsigen Zionisten sei hier folgendes gesagt: Herr Ratzinger redet hier weder von den Nachfahren Israels, noch vom heutigen Staate Israel. In diesem Falle ist die Allgemeinbildung des Theisten, insbesondere des Muslims gefragt. Wer oder was ist Israel? Hinsichtlich der Bedeutung des Namens gibt es verschiedene Meinungen. Die Endung ‚el bzw il (wie das arabische ilah) steht für Gott, darüber herrscht allgemeiner Konsens. Wofür Isra steht, da gibt es unter christlichen und jüdischen Gelehrten verschiedene Ansichten. Einige meinen es bedeutet Gottesstreiter und andere deuten es als der Verstand, der Gott sieht. Unter islamischen Gelehrten herrscht die Meinung vor, dass Isra’il für Gottes Knecht steht, also die gleiche Bedeutung hat wie Abdullah.

Israel bzw Isra’il war der Beiname von Jakob, dem Sohn von Isaak, der wiederum der Sohn von Abraham -Allah schenke ihnen Heil- war. Er war ein Prophet des allmächtigen Gottes, wie sein Vater und Großvater und ebenso wie Moses und Jesus -Allah schenke ihnen Heil-. Sie alle hatten den gleichen „Gottesglauben“, nämlich den Monotheismus. Aber warum nennt der Papst es in seiner Rede nicht einfach Christentum? Vielleicht weil diese Bezeichnung das Judentum ausgrenzen würde? Aber dann könnte er auch den Kulturkampfbegriff der christlich-jüdischen Tradition pflegen und somit die Seele einiger seiner Schäfchen bauchpinseln. Jedoch muss auch Beachtung finden, dass er vorher den Gottesglauben Israels in „Jerusalem“ verortete. Dem liegt eine Weisheit inne, die ich dem Papst jetzt so nicht in den Mund legen möchte, die aber einleuchtet.

Jesus war keine Europäer! Moses natürlich auch nicht! Und ebenso wenig natürlich der letzte Prophet der Muslime, Muhammad -Allah segne ihn und schenke ihm Heil-. In dieser ganzen Diskussion, ob der Islam zu Europa oder Deutschland gehöre, wird die Herkunft von Christentum und Judentum ja komplett ausgeblendet. Als die ersten Christen nach Europa kamen, da gehörten sie ja auch nicht hier her. Und die ersten Juden ebenso wenig. Jeder Prophet aus Thora, Evangelium und Quran lebte und wirkte im Orient. Die Christen, die Juden, wie auch die Muslime haben in Jerusalem eine Heimat, Europa ist lediglich ihr Einzugsgebiet gewesen. Was sie aber alle für sich in Anspruch nehmen, dass ist der Gottesglauben Israels. Und somit schliesst der Papst mit dieser Formulierung den Islam nicht eindeutig aus der Kultur Europas aus, vielmehr gibt er zu bedenken, dass die europäische Kultur, in religiöser Hinsicht, ihre sämtlichen Einflüsse aus dem Orient bezog.

Abschliessen möchte ich mit einem Zitat des Papstes, welches jedoch nicht aus seiner Bundestagsrede stammt, sondern von seinem Treffen mit (vermeintlichen) Vertretern der Muslime Deutschlands, einen Tag darauf:

„Die Anwesenheit zahlreicher muslimischer Familien ist seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zunehmend ein Merkmal dieses Landes geworden. Allerdings wird es notwendig sein, beständig daran zu arbeiten, sich gegenseitig besser kennenzulernen und zu verstehen. Dies ist nicht nur für ein friedvolles Zusammenleben wichtig, sondern auch für den Beitrag, den jeder für den Aufbau des Gemeinwohls in dieser Gesellschaft zu leisten vermag.

Viele Muslime messen der religiösen Dimension des Lebens große Bedeutung bei. Das wird zuweilen als Provokation aufgefaßt in einer Gesellschaft, die dazu neigt, diesen Aspekt an den Rand zu drängen oder ihn höchstens im Bereich der privaten Entscheidungen des einzelnen gelten zu lassen.“

(Quelle)

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Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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