H. H. Frank über den Sufismus (4. Teil)

„Der Verbreitung, scheint es, leistete in Persien wenigstens die Einführung der einfachen, einheitlichen Grundlehren und die politische Bedeutung des Islams eine gute Vorbereitung, so wie einst griechische Sprache und das imperium romanum dem Christentum! Die orientalischen Autoren sind erstaunt, wie die Derwischlehren um die ersten Zeiten des Islam auf einmal da waren, plötzlich überall gleichsam aus dem Boden sproßten und geben den Versuch nicht auf, jene Lehren aus dem Islam ableiten zu wollen.

Weit gefehlt; ebensowenig wie das Christentum aus dem römischen Staatsgedanken abzuleiten ist. Wohl aber fand es darin den Nährboden der Universalität.

Dieser Gott ward stärker als die kleineren Nationalgötter; er überwand sie, denn er war ja die Gottheit überhaupt. Nun, so lagen die Keime der Sufilehre wohl schon überall und man wird nicht fehl gehen, wenn man für deren Verbreitung durch Wandermönche ganze lange Jahrhunderte in Anspruch nimmt.

Es war ja keine auf Dogmen gegründete, mit irgend welchen Prätensionen auftretende, frech Annahme, Aufnahme, Glauben fordernde Lehre, sondern ein haben, ein genießen eines Zustandes – wie? Auf welchen Wege? Wo ihn finden, erreichen, mit Absicht herstellen können?

Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir diesen Wanderjahren einer uralten Lehre als Motiv die Flucht vor der Askese unterlegen. Land, Leute sehen, in Sturm, Regen, Sonnenschein über Eisgefilde und glühenden Wüstensand: Erfahrungen sammeln; nicht einfach mit Brüten, Starren den Geist töten. Das trieb die Wandermönche fort; daher der Ausdruck ssalik „der wandernde“ auch madchsub „der angezogene“, der magisch fortgezogene genannt.

Diese Wandermönche können leichtlich durch die alten Kulturstätten und Ursitze alter Bildung durchs nördliche China, Indien, Chaldäa, Mesoptamien, über das Jordanland bis Ägypten gekommen sein; und als älteste und gründlichste Versuchsdeutung einer typischen Seelenregung muß hier wohl endlich die sedes materiae jener dunklen Sage „uralter mystischer Weisheit“ angesprochen werden.

Eine dunkle Sage, die durch die Griechen an den Rand des Abendlandes gekommen, wie der Traum einer Völkerseele seine zitternden Wellen bis in den fernen Westen entsandte. Arisch war die Sache. Im Jordanland traf sie auf Semiten. Die können arisch nicht denken. Sie Sache mußte umgestaltet werden. Die Semiten, besonders der Araber hat nicht die innere Ruhe zu spekulieren, nur drei größere Philosophen hat das sonst gedankenreiche arabische Semitentum hervorgebracht (Al Farabi, Al Kindi und Al-Gasali).

In der Abstraktion spielen im Arabischen Zusammensetzungen wie „Sohn der Kraft“, „Vater des Neids“, „Tochter des Sturmes“, „Mutter des Lichtes“, noch heut eine große Rolle. Daß man einen Löwen etwa mit „Sohn der Kraft“, die Elektrizität in der Telegraphenleitung mit „Vater der Schnelligkeit“ oder „Sohn des Blitzes“ oder ähnlich wiedergäbe, geht dem arabischen Semiten so natürlich ein, wie etwa im Sudan die arabische Bezeichnung der alten spanischen Piaster als „Vater der Kanone“, „Vater der Adler“ wegen einiger auf diesen Münzen auffallenden Emblemen des Münzbildes.

Diese Wortform ersetzt dem Semiten von jeher das Kompositum, oft auch: Abstrakta und für moderne Dinge, Neuerfindungen etc., wo wir uns mit lateinisch-griechischen Kunstausdrücken (Phonograph, Mikroskop, Telepathie usw.) helfen, greift der Semit zu jenem patronymischen Ausdrücken.

Prallte jene arische Lehre wirklich auf semitische Geister, so konnten sie sich kaum anders als mit Patronymiken helfen. Ittihad und tauhid sind nun selber arabische Formen und als solche selbstredend in späterer Zeit von gelehrten, in arabischer Sprache schreibenden Persern an Stelle und als Übersetzung indischer Kunstaudrücke angenommen worden. Allein die ihnen zu Grunde liegenden Ideen flüchteten sich semitisch in Ausdrücke wie „des Menschen Sohn“, „Gottes Sohn“, „Ich und der Vater sind eins“.

Muhammad kannte seine Semiten, mit krasser Strenge verbannte er die Patronymika weil er deren konkrete Nebenbedeutung fürchtete. Er trat ja sechs Jahrhundert nach Christus auf. Wie entsetzlich hatten die griechischen Synoden inzwischen mit „Christi Lehre, dem Gottessohn“ gewirtschaftet.

„Gott hat nicht gezeugt und wird nicht geboren“ (Koran, Sure 112 V. 3 lam jalid welamjulad), „Wie kann Allah einen Sohn haben“, „Es ist Lästerung“ prägt Muhammad den Seinen ein.

Mißverstandene, semitisch ganz entsprechend gedachte arische Weisheit! Welch entsetzliche Folgen! Welch rotes Meer von Blut, welch Tor der Tränen, diese semitischen Patronymika! Diese gemütlichen Familienbezeichnungen, diese Allüren aus der Menschen-Kinderstube, aus dem Elternhause, das wir im feindlichen Leben, wenn Vater und Mutter längst tot sind, so schmerzlich vermissen! Ein Moralgenie welterschütternder Größe mußte darum am Kreuze verbluten! „Er hat Gott gelästert“ sprach der Hohepriester und zerriß sein Gewand.

Wegen jenes Verschmelzens – mit Gott – (wie man meint) hat man die Derwischlehre (den Sufismus) im Abendlandland einfach einen Pantheismus genannt. Und in der Tat sind besonders in dem berühmten Lehrgedicht Mesnewi vom Scheich Dschelal ed Din Rumi zahlreiche Stellen, die solcher Meinung Vorschub leisten. Ja, ganze Gedanken erinnern in einzelnen Redewendungen an Parallelstellen unserer mittelalterlichen Religionsmystiker, eines Angelus Silesius und anderer. Aber damit scheint doch die Suche so einfach nicht ausgeschöpft.

Wie wir sahen, wird der Lehrplan des Sufi in drei Abteilungen zerlegt. Aber von der Sache selber war noch gar nicht materiell die Rede. Wie kommt denn der Sufi je auf den Gedanken, ein Sufi mit Bewußtsein werden zu wollen? Und nimmt er daran tätigen Anteil?“

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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