Mein „Salafismus“, eine identitäre Bewegung!

von Yahya ibn Rainer

Identität, was ist das?

Anscheinend etwas schlechtes, denn wenn man sich auf die Suche nach ihr macht, könnte man beim pösen Salafismus landen. So zumindest wollen es uns zwei staatsalimentierte „Experten“ weismachen.

Der deutsch-ägyptische Islam- und Politikwissenschaftler, ehemalige Mitarbeiter beim Middle East Media Research Institute (MEMRI) und derzeit Angestellte im Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration von Nordrhein-Westfalen, Wael El-Gayar, sowie Katrin Strunk, Mitarbeiterin des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes, haben gemeinsam ein Buch herausgegeben, dass, etwas verkürzt sicherlich, diese Botschaft transportiert.

Integration versus Salafismus – Identitätsfindung muslimischer Jugendlicher in Deutschland. Analysen • Methoden der Prävention • Praxisbeispiele heißt das Pamphlet, dass in Zusammenarbeit mit Mouhanad Khorchide und zahlreichen weiteren staatsabhängigen Demagogen verfasst wurde. Dabei ist der Titel schon ausreichend um das Werk zu klassifizieren. Es stellt Integration und Salafismus als Gegensätze dar und es möchte anscheinend Methoden zur Prävention bieten, damit man eine Identitätssuche muslimischer Jugendlicher verhindern kann.

Dieser Ansatz ist nicht neu. Seit geraumer Zeit lese ich in den Medien diesem Zusammenhang heraus. Den Menschen scheint im hiesigen egalitären Wahn ihre Identität abhanden gekommen zu sein und viele machen sich anscheinend aus diesem Grunde auf die Suche nach ihr. So schreibt z.B. der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz auf seiner Website zum Thema Salafismus folgendes:

„Vor allem junge Menschen in Krisenlagen, die auf der Suche nach Identität, Orientierung und Anerkennung sind, können sich von salafistischer Propaganda angesprochen fühlen. Sie bietet auf die komplexen Fragen des täglichen Lebens vereinfachende Antworten.“
(Quelle)

Aber nicht nur muslimische Jugendliche vermissen ihre Identität, nämlich auch zahlreiche Nichtmuslime und vor allem auch Herangewachsene/Erwachsene.

Jetzt müssen sich die Verfasser des Werkes also fragen lassen: Was ist denn so schlimm an identitären Jugendlichen, Erwachsenen, Muslimen und Nichtmuslimen? Wem stehen sie im Weg? Warum schmeißt der Staat Geld aus dem Fenster um Zivilversager mit dem Erstellen von Analysen und Präventionen zu beschäftigen?

Im Beitext zum Buch lesen wir u.a. dieses:

„Die Suche nach Identität und Orientierung gestaltet sich für junge Menschen in einer unübersichtlichen pluralistischen Gesellschaft mitunter schwierig.“

Bravo, die wahre Schuldige ist gefunden, nämliche die pluralistische Gesellschaft. Eine Gesellschaft also, in der die Menschen nach eigenem Gutdünken verschieden sind und diese Unterschiedlichkeit pflegen. Und was ist die Lösung?

„Zivilgesellschaftliche Angebote haben daher die Aufgabe, junge Menschen für die Demokratie zu gewinnen und sie zu motivieren, an der Gesellschaft teilzuhaben.“

Auf gut deutsch: Nichts mit eigenem Gutdünken und Unterschiede pflegen. Anpassung, Gleichwerdung und die Annahme genormter und erwünschter Ansichten sollen im demokratisch-egalitären Betrieb uns zu eigen werden.

Aber warum bietet eigentlich gerade der Salafismus eine Befriedigung auf der Suche nach Identität? Die Medien verbreiten doch eher dieses Bild der Gleichförmigkeit. Die Frauen kleiden sich alle nahezu gleich und auch die Männer, egal welcher Abstammung sie auch sind, haben alle arabische Namen und kleiden sich allesamt wie Wüstensöhne. In islamophoben Kreisen spricht man gar von einem neuen Faschismus bzw. Kommunismus. Alle sind Brüder, alle sind gleich, ja sogar eine verpflichtende identische Zahnpflegetechnik soll es geben.

Das alles ist, gelinde gesagt, Humbug. Außenstehende werden das nicht nachvollziehen können, aber hauptberufliche Salafisten wie ich schlackern in regelmäßigen Abständen förmlich mit den Ohren, wenn sie die Fabeln übermotivierter oder gänzlich unwissender Journalisten zu lesen bekommen. Nur wirklich sehr sehr selten wird man in Zeiten von Medienkonzentration, Outsourcing und Arbeitsverdichtung in den Redaktionen der Mainstreammedien positiv von einem Artikel überrascht.

So passierte es mir das letzte Mal im Juni 2013. Unter dem Titel Radikalislamismus – Die große Ohnmacht gegenüber den Salafisten schrieb damals ein Till-R. Stoldt in DER WELT erstaunlich wahres über die identitäre Bewegung namens Salafismus.

„Unbestritten haben Bund und Land die Verfolgung der Salafisten seit 2011 massiv intensiviert. Doch gerade das verdeutlicht ihre Ohnmacht. Denn das Wachstum der religiösen Extremisten konnten sie nicht stoppen. Zudem wächst die Szene inzwischen nicht mehr durch Zuwanderung, sondern durch erfolgreiche Mission im Inland – trotz aller Repression und Observation. Gesteigert wird diese Ohnmacht durch den vom Verfassungsschutz beobachteten „Trend zur Eindeutschung“ unter Salafisten. Über 50 Prozent sind deutsche Staatsbürger, die meisten sind hierzulande aufgewachsen, ihre Hauptsprache ist Deutsch.

Die Kehrseite dieses hohen Maßes an Integration: Die Mehrheit der Extremisten kann nicht abgeschoben werden, zudem sind Salafisten oft bestens vertraut mit hiesigen Örtlichkeiten und Umgangsformen, aber auch mit dem deutschen Recht.“

Hier wird man einer Realität gewahr, die man in staatlichen und medialen Kreisen gern vertuschen möchte. Wir sind nämlich nicht nur integriert, sondern wir sind in den meisten Fällen auch deutsch, nicht selten von der Abstammung her, häufiger von der Staatsangehörigkeit und fast immer gemessen an Sprache und Bildungsniveau. Wir haben es hier nicht mehrheitlich mit Ghetto-Kanaken zu tun, die findet man eher bei Schiiten und Aleviten, nein, in unserem Milieu geht es sauber zu. Wir sprechen deutsch, verhalten uns sitten- und gesetzeskonform und wir achten und fördern die Identitäten unserer Leute.

In diesem Zusammenhang sei z.B. ein Artikel von Joe Bradford zur Lektüre empfohlen. Joe Bradford ist solch ein konvertierter Salafist, der in Saudi Arabien studierte und arbeitete. Auf seinem Blog gibt es einen Eintrag mit dem Titel What’s in a name? or Why you don’t have to and shouldn’t change your name in Islam, den ich persönlich sehr anschaulich finde, weshalb ich mir die Mühe machte und einen großen Teil in die deutsche Sprache übersetzte.

„[…] Ich wurde nach meinem Vater und Großvater benannt. Ich erinnere mich daran, dass ich aufwuchs mit Stolz auf diese Tatsache, dass ich nach ihnen benannt wurde und was diese Namen für großartige Bedeutungen hatten. Joe kommt von Joseph und bedeutet „Er (Gott) fügt hinzu“ und Willis bedeutet „Sohn der Bestimmung“.

Ich erinnere mich daran, dass ich am Tage, als ich den Islam annahm, von einer Gruppe Leute angesprochen wurde, viele von ihnen beharrten darauf, dass ich meinen Namen ändern sollte. Allerdings habe ich meinen Namen Joe noch für etwa ein Jahr nach meiner Annahme des Islams behalten. Eines Tages jedoch bestand jemand darauf, dass ich nun endlich einen „guten muslimischen Namen“ bräuchte und nach einigem Nachsinnen und weil ich meinte nicht allzu viel Groll bei meinem Vater dadurch zu erzeugen (immerhin ließen sich meine Eltern scheiden als ich noch jung war), hielt ich es doch für eine recht gute Idee.

Es gingen nun einige Jahre ins Land und der Wechsel meines Namens änderte eigentlich gar nichts an mir selbst, allerdings hatte er den Charakter einer Art Selbstleugnung. Es war eher ein Akt des Trotzes, ein Verzicht, der im Grunde dafür sorgte, dass ich nicht mehr war für wen man mich hielt. So blieb es eine lange Zeit, ohne einen Ton aus der muslimischen Gemeinde oder eine Anregung diese Sache zu überdenken.

Während dieser gesamten Zeit wurde ich weiser und reifer und schließlich ging ich nach Übersee um in der Heiligen Stadt Medina zu studieren.

Dort in Medina studierte ich unter einem prominenten Gelehrten und dieser pflegte mich ständig mit dem Namen „Joe“ zu rufen. Einmal tat er das in der Klasse und jemand sagte „sein Namen ist Hud“, er jedoch erwiderte „Ja, aber Joe ist er von seinen Eltern genannt worden.“

Ein anderes mal passierte das gleiche. Nach dem Unterricht nahm er mich beiseite und sagte „Joe, …“, worauf ich ihn unterbrach und sagte „Hud“.

Er lächelte und sagte: „Deine Eltern nannten dich Joe und ich an deiner Stelle würde es hassen, etwas Gutes, was sie dir gaben, auszutauschen.“ Und er sagte weiter: „Denke an Allahs Aussage in Sure Yusuf (123:68):

„Als sie hineingingen, wie ihr Vater ihnen befohlen hatte, konnte es ihnen vor Allah nichts nützen. Es war lediglich ein Bedürfnis in der Seele Yaqubs, das er damit erfüllte.“

Er sagte: „Siehe, wie er etwas tat was nicht unbedingt notwendig war, und sein einziges Ziel war es ein persönliches Bedürfnis zu erfüllen. Allah befiehlt uns, unsere Eltern in jedem Fall zu respektieren, die einzige Ausnahme im Gehorsam ihnen gegenüber ist der Götzendienst, wenn sie uns ihn befehlen würden, und selbst in diesem Fall müssten wir sie weiterhin respektieren und gut behandeln. Selbst wenn sie deine Entscheidung akzeptieren, dass du einen anderen Namen benutzt, behalte deinen originalen Namen aus Respekt vor ihnen, aus Respekt vor ihrer Entscheidung. Du wirst dafür belohnt werden.“

Kurz darauf sah ich meinen Vater, er kam uns den Sommer besuchen. Als wir auf dem Flughafen waren, schaute er auf eine Wand und musste anfangen zu lachen. Ich sah ebenfalls hin und dort war ein Schild mit dem Kopf einer Kuh zu sehen mit der Aufschrift „Hood’s Ice Cream“. Er sah mich an und lächelte zustimmend. Nicht zu vergleichen mit der Reaktion meiner Mutter, die sich sehr aufregte als ich ihr erzählte, dass ich meinen Namen geändert hatte. Auch wenn sie und mein Vater ein schwieriges Verhältnis hatten, der Name, den sie mir gemeinsam gaben, war noch sehr wichtig für sie.

Ich kann mich daran erinnern, dass ich mal einem Freund von dem Ratschlag des Gelehrten erzählte, der mir daraufhin berichtete, dass sein eigener Vater ihn boykottierte, nachdem er nach seiner Annahme des Islams ebenfalls seinen Namen änderte. „Welch eine Religion ist denn das, die dir sagt das du den Namen ändern musst den dir dein Vater gab?“ meinte er.

Die Worte des Gelehrten blieben mir ein Denkanstoß, aber die Weisheit dahinter wurde mir erst klar, als mein Vater starb. Sein Name war ja ebenfalls „Joe“. Ich begann über meine eigenen Kinder nachzudenken und fragte mich, ob ich es mögen würde, wenn sie die Namen ändern würden die ich ihnen gab.

Nachdem mein Vater starb, zog ich nach Riyadh um dort bei einer Bank zu arbeiten. Ich trug dort Anzug und Krawatte und ich machte es zu einer Voraussetzung, dass mich jeder Joe zu nennen hatte. Einige nahmen Anstoß daran, anderen war es gleichgültig. Ich traf einmal einen Gelehrten, der dem höchsten Rat der Gelehrten in Saudi-Arabien angehörte. Er fragte mich nach meinem Namen, nach seiner Bedeutung und wo ich ihn her habe.

Nach meiner Antwort sagte er: „Ich schätze es, dass du deine Kultur, deinen Kleidungsstil und deinen Namen erhalten hast. Es ist vollkommen widersprüchlich, dass wir einerseits sagen das der Islam eine universale Religion sei und anderseits die Leute arabische Namen wählen, arabisch essen und sich arabisch zu kleiden beginnen. Sicherlich haben wir Kleidungsvorschriften, aber diese regeln lediglich wie wir etwas tragen und nicht was wir zu tragen haben. Bleibe du selbst, so bist du das bestmögliche Beispiel, so erreichst du mehr für den Islam. Beide, Muslime und Angehörige anderer Glaubensrichtungen, sollten wissen, dass wir Leute des Wissens haben können die mit Namen Joe heißen, denn das ist die universelle Natur des Islams. […]

Möge Allah uns alle zum Respekt leiten für unsere Eltern, unsere Kultur und die Bedürfnisse unserer Leute. Amen.“

Das ist identitär, das ist mein Salafismus, denn Identität ist woher du kommst und was du daraus machst und beides ist deine Sache.

Also sucht weiter nach Identität und lasst euch nicht vom dreiviertelsozialistischen Repressionsapparat des hiesigen Staates einschüchtern.

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Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

10 Gedanken zu „Mein „Salafismus“, eine identitäre Bewegung!

  1. Sie beschreiben ihn als super, den besten Bondfilm und schönen Actionfilm.
    Einige Kunden sind mit der Brutalität und dem
    Tempo zufrieden, andere haben gemischte Gefühle dazu. Die Spannung und der
    Thrill wechseln sich mit ruhigeren Szenen ab. Der Film
    „James Bond Casino Royale“ gehört scheinbar zu einer Filmreihe mit mehreren Filmen. Der Handlungsbogen wird im Nachfolger Ein Quantum Trost
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