Ein Blick auf die Konzepte von Staat und Daula

von Prof. Dr. Tamim Al-Barghouti

Dieser Artikel befasst sich mit dem Konzept der daula, was meist als „Staat“ übersetzt wird – eine ebenso irreführende Übersetzung wie die des Wortes ʾumma als „Nation“.

Der Begriff „Staat“ leitet sich vom lateinischen stare ‚stehen‘ ab. Das Wort beinhaltet hauptsächlich die Bedeutung der Festigkeit und Beständigkeit. «Der Duden definiert den Staat als „Gesamtheit der Institutionen, deren Zusammenleben das dauerhafte und geordnete Zusammenleben der in einem bestimmten abgegrenzten Territorium lebenden Menschen gewährleisten soll“.»¹ Dieser „statische Zustand des Staates“ ist einer der Hauptunterschiede zwischen dem Staat und dem Konzept der daula, in dessen Bedeutung hauptsächlich Dinge wie zeitlich begrenzte Dauer, Wandel und Rotation mitschwingen.

[¹ Im englischsprachigen Originaltext wird an dieser Stelle das Oxford English Dictionary  zitiert]

Daula bedeutet wörtlich so viel wie ‚Ablösung‘, ‚Wechsel‘, ‚Umschwung‘. Der Begriff leitet sich ab von dem Verb dāla, das sowohl in Bezug auf seine Buchstaben als auch in Bezug auf seine Bedeutung zwischen den Verben dāra (rotieren) und zāla (verschwinden/aufhören) anzusiedeln ist. Zeitliche Begrenzung und Sukzession sind somit wesentliche Nebenbedeutungen von daula. Alles, was von einem zum anderen weitergegeben wird, ist eine daula; auch der Begriff tadāwul ‚Geldumlauf‘ stammt von der gleichen Wortwurzel ab. Anders als beim europäischen Konzept des Staates, dessen Hauptmerkmal seine Beständigkeit ist, sind die zeitliche Begrenztheit und der Mangel an Beständigkeit die wesentlichen Kennzeichen der daula.

Die daula ist nichtterritorial; sie hängt in erster Linie zusammen mit der herrschenden Klasse, nicht so sehr mit dem Land, über das diese herrscht. Während es zwar eine umayyadische und eine abbasidische daula gab – deren Name sich auf das jeweilige Herrscherhaus bezog –, gab es im vorkolonialen arabischen Sprachgebrauch keine Begriffe wie Daulat aš-Šām (Staat Großsyrien) oder Daulat Miṣr (Staat Ägypten). Bis ins späte neunzehnte und frühe zwanzigste Jahrhundert war die wichtigste daula im Nahen Osten ad-Daula al-ʿUṯmāniya, also das Osmanische Reich.

Des Weiteren war die daula nicht notwendigerweise der Souverän. Jeder Statthalter, der über relativ große Autonomie gegenüber der Zentralregierung des Kalifats verfügte, konnte für sich beanspruchen, eine daula zu leiten. So gab es zum Beispiel innerhalb des abbasidischen und des osmanischen Reiches, die ihrerseits jeweils als daula bezeichnet werden, kleinere, nichtsouveräne politische Einheiten, wie etwa ad-Daula al-Ḥamdāniya – die Fürstentümer der Nachkommen Ḥamdāns in Aleppo und Mossul – oder die Daula aṭ-Ṭūlūniya, womit die Fürstentümer der Nachkommen von ʾAḥmad ibn Ṭūlūn in Ägypten gemeint waren.

Auch die Autorität eines Ministers und seiner Anhänger, die im Dienst eines übergeordneten Sultans oder Kalifen stehen, kann als daula bezeichnet werden, wie es der Fall bei Daulat Banī Barmāk war. Damit ist eine Periode gemeint, während derer die Nachkommen Barmāks, die dem Abbasiden-Kalifen Hārūn ar-Rašīd als Berater und Minister dienten, beträchtliche Autorität innehatten.

In gewisser Weise ist eine daula vor allem ein Mittel zum Zweck. Da die übergeordnete daula üblicherweise vom Imam (womit in diesem Fall der oberste Führer gemeint ist) geleitet wird, der nur dann Imam sein kann, wenn er sich dem Koran und dem darin von der ʾumma gezeichneten Bild unterordnet, bedeutet das Wort ʾumma, wie bereits erwähnt, auch ‚das Ziel‘, ‚der Sinn‘ und ‚der Zweck‘.

Anders als der Nationalstaat, der danach strebt, eine Gruppe von Menschen zu einer Nation zu machen, ist die daula im vorkolonialen arabisch-islamischen Sprachgebrauch eine Einrichtung, deren Legitimität sich daraus ableitet, dass sie der gesamten ʾumma dient.

Jeder, gegenüber dem der Staat rechenschaftspflichtig ist, untersteht der staatlichen Autorität. Dieses Monopol ermöglicht es modernen Staaten, die Souveränität, die ihnen von der Nation gewährt wird, gegen eben diese Nation einzusetzen. Dies soll durch Gewaltenteilung verhindert werden. Der Staatsapparat ist in Exekutive und Legislative aufgeteilt, die jeweils nur einen Teil der gewährten Souveränität innehaben. Bei der daula hingegen ist die Souveränität nicht auf das Staatsgebiet beschränkt. Die daula ist auch verantwortlich für Menschen, die außerhalb ihrer Grenzen leben und kann daher nicht behaupten, dass diese Leute ihr ihre souveränen Rechte überantwortet haben. Theoretisch schuldet die daula ihre Existenz der ʾumma, während die ʾumma der daula nichts schuldet.

Dies zu wissen mag hilfreich sein, um zu verstehen, warum in der arabischen Welt eher der ʾumma Loyalität entgegengebracht wird als den einzelnen Staaten der letzten zwei Jahrhunderte.

Auch lässt sich damit – zumindest teilweise – das Scheitern vieler arabischer Denker und Politiker erklären, einen kohärenten nationalistischen Diskurs zu entwickeln, mit den während des Kolonialismus gegründeten Staaten als Fokus der Loyalität. Solche Diskurse kollidierten stets mit der in der politischen Kultur der Region fest verwurzelten Vorstellung von der ʾumma.

Es bleibt die Frage: Warum wurden nicht mehr Anstrengungen unternommen, um das politische Potenzial solch einer politischen Kultur zu erforschen? Warum die Annahme akzeptieren, dass Verschiedenheit Minderwertigkeit bedeutet und danach streben, zu beweisen, wie ähnlich unsere Konzepte denen des anderen sind? In einer Welt voller Dinosaurier wird es unseren Vögeln nicht gut tun, wenn wir unser Leben damit verbringen, ihnen das Krabbeln beizubringen.

Dieser Artikel wurde erstmals am 27.09.2003 auf der Website TheDailyStar Lebanon in englischer Sprache publiziert. Der Autor ist Prof. Dr. Tamim al-Barghouti, ein palästinensischer Politikwissenschaftler, der vor allem als Kolumnist und arabischer Poet Bekanntheit erlangte.

Die Übersetzung wurde von Al-Adala.de finanziert und erfolgte durch Korrekturlesen-HH.
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5 Gedanken zu „Ein Blick auf die Konzepte von Staat und Daula

  1. وعليكم السلام

    Die Analyse des Wortes „dawlah“ ist korrekt. Das bedeutet nicht zwingend, dass die Übersetzung mit „Staat“ falsch ist, denn bei Übersetzungen kommt es drauf an, was der Autor intendiert, und in modernen Texten mit zeitgenössischem Bezug ist dies nunmal meist der Begriff des Staates im modernen Sinne (anders als z.B. bei Ibn Khaldun).

    Was anderes ist die Übersetzung von „Staat“ mit „dawlah“ (DE->AR), das mag man kritisieren, wobei aber die Frage ist, ob es nicht ein bisschen zu spät dafür ist, und wenn nicht, was die Alternative wäre, die keine „irreführende“ Etymologie aufweist.

    Andere Frage: Steht in dem englischen Artikel wirklich „Duden“? Andernfalls ergibt sich wiederum die Frage, wo die Rede des zitierten Autors beginnt und endet.

  2. Assalamu alaykum wa rahmatullah

    Zu diesem Thema Dawlah / Staat beginne ich derzeit eine etwas umfangreichere und wissenschaftlichere Lektüre. Vielleicht interessiert auch dich das Werk, ich habe es kürzlich auf Facebook ein wenig vorgestellt:

    https://www.facebook.com/JensYahyaRanft/photos/a.1862454223987033.1073741828.1862319320667190/2038349039730883/?type=3&theater

    Was die Nennung des Dudens in der Übersetzung angeht, so hat al-Barghouti in seinem englischsprachigen Originaltext tatsächlich das Oxford English Dictionary als Quelle genannt. Die Übersetzerin jedoch hat in der Onlineversion des Oxford English Dictionary nicht den selben Eintrag finden können, wie der Professor ihn in seinem Text nennt (vermutlich weil er eine ältere Buchversion nutzte).

    Damit es für den deutschen Leser nachvollziehbarer wird, haben wir uns dann
    letztendlich dazu entschlossen, den deutschen Dudeneintrag zum deutschen Wort Staat zu bemühen.

    Aber stimmt, ich habe diese Änderung im Text nicht kenntlich gemacht. Das werde ich umgehend nachholen.

    BarakAllahu fiek

  3. Ah, jetzt wird einiges klarer. Ich hätte es an der Stelle der Übersetzerin beim Originaltext belassen, auch wenn er sich in heutigen Ausgaben des OED nicht mehr finden lässt. Aber ansonsten scheint sie, auch wenn ich das Original nicht kenne, gute Arbeit geleistet zu haben, anders als bei vielen Übersetzungen hat man beim Lesen durch den Stil nicht das Gefühl, dass es eine Übersetzung ist.

    1. Die Übersetzerin hat mir in ihrer Übersetzung verschiedene Versionen angeboten, einmal die Übersetzung des Originals, einmal den aktuellen INternet-Eintrag des OED zu Staat und eben diese Duden-Version, für die ich mich dann letztendlich entschlossen habe.

      Der Originaltext ist übrigens im Infokästchen (unter der Übersetzung) verlinkt, ebenso die Facebookseite der Übersetzerin.

      Hier aber noch einmal beide beide URLs:

      http://www.dailystar.com.lb/Culture/Art/2003/Sep-27/111700-looking-at-the-concepts-of-state-and-dawla.ashx#ixzz2wGufzeJF

      https://www.facebook.com/pg/korrekturlesen.hh/about/?ref=page_internal

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