Eine kleine Richtigstellung zu meinem Beitrag „Circles of Responsibility – Erst ich, dann die Ummah“

von Yahya ibn Rainer

Nachdem ich meinen Beitrag „Circles of Responsibility – Erst ich, dann die Ummah“ hier und auf ahlu-sunnah.com/blog publiziert hatte, gab es einige kritische Stimmen, die meinen Artikel dahingehend tadelten, dass er Glauben und Weltliches (Finanzielles) in nicht erlaubter Weise mische.

Die Grafik, die ich für den Beitrag benutzte …

circles

… und die ich im Rahmen eines Seminars mit Sheikh Haitham al-Haddad das erste Mal zu sehen bekam, bezog sich tatsächlich nur auf die Verantwortlichkeit für den Glauben. Der Beweis, den der Sheikh für dieses Urteil nannte, war die Aya 6 in Sure at-Tahrim(66) im edlen Quran (ungefähre Bedeutung):

«O die ihr glaubt, bewahrt euch selbst und eure Angehörigen vor einem Feuer, dessen Brennstoff Menschen und Steine sind, …»

Da es eine Regel im Ahkam al-Quran ist, dass Allah subhanahu wa ta’ala die Prioritäten immer in richtiger Reihenfolge nennt, haben die Gelehrten aus dieser Aya das Urteil abgeleitet, dass man in erster Linie, also an erster Stelle, für sein eigenes Seelenheil verantwortlich ist und erst sich selbst vor dem Feuer bewahren muss.

Ich jedoch bezog diese Grafik in meinem damaligen Beitrag ebenfalls auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Angelegenheiten, ohne dazu einen schlüssigen Beweis geliefert zu haben. Dies möchte ich mit diesem Beitrag nachholen.

Der Beweis, dass auch (und besonders) in wirtschaftlicher/gesellschaftlicher Hinsicht das Prinzip gilt, dass man in gewisser Weise egoistisch handeln soll, bevor man an andere denkt, ergibt sich aus einem Sahih-Hadith, den Ibn Kathir in seinem Tafsir zur Aya 219 in Sure al-Baqara (2) bemüht.

«Und sie fragen dich, was sie ausgeben sollen. Sag: „Den Überschuss“. So macht Allah euch die Zeichen klar, auf daß ihr nachdenken möget, […]»

Der Hadith zur Erklärung dieser Aya ist folgender:

Ibn Jarir überlieferte, dass Abu Hurayrah sagte, dass ein Mann sagte: „Oh Gesandter Allahs! Ich habe einen Dinar (eine Silbermünze).“
Der Prophet sagte: «أَنْفِقْهُ عَلى نَفْسِك» («Gib es für dich selbst aus.»)

Er (der Mann) sagte: „Ich habe einen weiteren Dinar.“
Er (der Prophet) sagte: «أَنْفِقْهُ عَلى أَهْلِك» («Gib es für deine Frau aus.»)

Er (der Mann) sagte: „Ich habe einen weiteren Dinar.“
Er (der Prophet) sagte: «أَنْفِقْهُ عَلى وَلَدِك» («Gib es deinen Nachkommen.»)

Er (der Mann) sagte: „Ich habe einen weiteren Dinar“
Er (der Prophet) sagte: «فَأَنْتَ أَبْصَر» («Hierüber hast du selbst das beste Wissen.» (was bedeutet, dass er selbst am besten wissen muss, wo und an wen er es geben/spenden sollte))

Ich finde, dass dieser Hadith recht gut veranschaulicht, welche Prioritäten ein Muslim haben sollte, wenn er seinen finanziellen Überschuss  – also alles was er nicht zur Erfüllung seiner Pflichten (sprich: Unterkunft, Versorgung & Bildung der engeren Familie / Zakat, Hajj & Jihaad / Geschäftskapital usw) gebraucht – ausgibt.

Ebenfalls im Sahih-Werk von Muslim findet sich dieser Hadith, der den oberen in gewisser Weise stützt:

„Von dem Geld, das du auf dem Wege Allahs ausgibst, von dem Geld, das du für die Befreiung eines Sklaven ausgibst, von dem Geld, das du ausgibst als Sadaqa für die Armen, und von dem Geld, das du ausgibst für deine Familie, ist der höchste Lohn von dem Betrag zu erwarten, den du für deine Familie ausgegeben hast.“

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

6 Gedanken zu „Eine kleine Richtigstellung zu meinem Beitrag „Circles of Responsibility – Erst ich, dann die Ummah“

  1. Egoismus als reiner Begriff beschreibt Menschen, die aus niederen Trieben heraus (nafs) an sich denken.

    Doch was unsere Religion meint, ist dass man ja nicht seine eigene Seele vernachlässigen kann, weil man anderen hilft.

    Letzendlich hilft man sich nur deshalb erst selbst, um anderen möglichst gut helfen zu können.

    Dass das islamische Konzept von “Ich dann du“ nicht mit dem negativ konnotierten Egoismusbegriff beschrieben werden sollte, kann man anhand dutzender Beweise untermauern, die ich mangels Zeit nicht liefern werde. Auf Nachfrage aber gerne.

    Und das mit dem Überschuss:

    Ich habe 10.000 netto Gehalt, weil ich erfolgreicher Anwalt oder Arzt bin.

    Nach Abzug von allem bleiben 4000 euro.

    Soll ich die jetzt alle spenden?

    Das wäre ja der Überschuss. Das sind immerhin 40%

    1. Salam Aleykum,

      ich schreibe gerade eine Hausarbeit über den Begriff der Selbstliebe im Islam. Sie würden mir sehr helfen, wenn Sie mir einige der angedeutetenden Beweise für das „Ich dann DU“-Konzept, wie sie es nennen, zukommen lassen würden. Nur wenn es Ihre Zeit erlaubt, fühlen Sie sich nicht verpflichtet.

      Mit freundlichen Grüßen

      Ronja Tuncer

  2. Heute haben die Menschen viel mehr Einnahmen als früher, nie wurde so viel gewirtschaftet.

    Man kann also nicht unbedingt von der “Von der Hand in den Mund“-Situation früherer Zeiten auf heute übertragen.

    Bevor man also das nächste Smartphone kauft, sollte man überlegen, dass für 300 Euro in Palästina eine ganze Familie 1-2 Monate leben kann.

    Wir sind reicher als je zuvor

    1. Das Wort „Egoismus“ ist in dieser Hinsicht tatsächlich provokant. Speziell in der Umgangssprache hat sich die rein negative Bedeutung des Begriffs durchgesetzt. Ich habe mich absichtlich für diese Bezeichnung entschieden, da nach meinem Dafürhalten eine Überspitzung des Sachverhaltes durchaus angemessen ist.

      Ich meine natürlich NICHT den selbstsüchtigen Egoismus, dem niederträchtige Raffgier zu eigen ist, sondern denjenigen, der vor den Altruismus das Wohlergehen des Ichs stellt. Der Wikipedia-Eintrag zum Begriff „Egoismus“ beschreibt das recht gut. ich zitiere:

      «„Egoismus“ wird meistens abwertend als Synonym für rücksichtsloses Verhalten verwendet und als „unanständig“ beurteilt. Der Begriff beschreibt dann die Haltung, ausschließlich äußerliche persönliche Interessen zu verfolgen ohne Rücksichtnahme auf die Belange oder sogar zu Lasten anderer. Egoismus wird in diesem Zusammenhang als Gegenteil von Altruismus und Solidarität kritisiert, was allerdings nur dann zutrifft, wenn bei der Beurteilung des Handelns der innere Nutzen gar nicht in Betracht gezogen wird.

      Umgekehrt existiert die Auffassung, dass Altruismus erst durch das Erlangen des eigenen Wohls möglich ist, etwa analog zu der Regel, die bei Rettungseinsätzen gilt, dass der Eigenschutz die erste Maßnahme der Ersten Hilfe ist, oder wie bei dem bekannten Bibelzitat: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mk 12,31 EU)

      Die negative Sicht auf den Egoismus als Egomanie steht im Kontrast zu einer positiven Wertung eines „gesunden“ Egoismus, die im Ethischen Egoismus philosophisch ausgearbeitet ist. Eine wertungsfreie Auffassung ist die faktische Behauptung des Psychologischen Egoismus, dass alle Menschen de facto egoistisch handelten. Ebenfalls wertfrei ist das wirtschaftswissenschaftliche Modell des Homo oeconomicus.

      Unter dem Begriff „Reziproker Altruismus“ wird versucht, das Zusammenspiel zwischen egoistischem Verhalten und Altruismus zu erörtern, wobei davon ausgegangen wird, dass egoistisches Verhalten altruistisch sein kann.»

      https://de.wikipedia.org/wiki/Egoismus

  3. Aber ist das nicht fahrlässig? Viele werden diese Überspitzung nicht verstehen und fangen an zu glauben, ihre Selbstsucht wäre islamisch legitim.

    Auch sonst ist das ganze dann doch nicht so leicht:

    (4) Narrated Abu Huraira: A man came to the Prophet. The Prophet sent a messenger to his wives (to bring something for that man to eat) but they said that they had nothing except water. Then Allah’s Apostle said, „Who will take this (person) or entertain him as a guest?“ An Ansar man said, „I.“ So he took him to his wife and said to her, „Entertain generously the guest of Allah’s Apostle “ She said, „We have got nothing except the meals of my children.“ He said, „Prepare your meal, light your lamp and let your children sleep if they ask for supper.“ So she prepared her meal, lighted her lamp and made her children sleep, and then stood up pretending to mend her lamp, but she put it off. Then both of them pretended to be eating, but they really went to bed hungry. In the morning the Ansari went to Allah’s Apostle who said, „Tonight Allah laughed or wondered at your action.“ Then Allah revealed: „But give them (emigrants) preference over themselves even though they were in need of that And whosoever is saved from the covetousness Such are they who will be successful.“

    http://www.searchtruth.com/searchHadith.php?keyword=pretend&translator=1&search=1&book=&start=0&records_display=10&search_word=all

    Hier lobt Allah Menschen, die selbst Mangel leiden.

    Nochmal auf Deutsch:

    “…sondern stellen die Auswanderer vor sich selbst, auch wenn sie unter Entbehrung leiden. Wer vor Habgier geschützt ist, das sind die wahrhaften Gewinner.“ (Sure 59, 9)

    Wäre es also unislamisch, anderen zu helfen, ehe man sich selbst hilft, würde Allah nicht so wohlwollend über obige Handlung reden.

    Man kann also im Allgemeinen sagen, dass man nur solange an sich selber denkt, wie niemand jemandes Hilfe braucht.

    Wenn man nicht genug für sich und andere hat, muss man gemäß obigem Hadith selbst verzichten – wenn man denn einen hohen Rang bei Allah einnehmen will.

    Eogismus ist schließlich denkbar stumpfsinnig, die elendsten Geschöpfe sind schließlich eogistisch.

    Doch um einen höheren Zweck wegen bewusst sich zu benachteiligen, schaffen nur die mit wahrem Charakter und wahrer Taqwa.

    Aus diesem Grund betonen Muslime klassischerweise Altruismus.

    Du kannst dir sicher sein, dass du so schnell keinen Hadith, Imam, Sultan etc. finden wirst, der so nüchtern Eogismus im islamischen Sinne hervorhebt …

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