Johann Ludwig Burckhardt alias Sheikh Ibrahim über die Wahaby

von Yahya ibn Rainer

buchtitelwahabyIch habe da ein wirklich wunderbares Fundstück aufgetan. Ein älteres Schriftwerk, übertragen aus der englischen Sprache, herausgegeben im Jahre 1831 zu Weimar. Der Buchtitel lautet „Bemerkungen über die Beduinen und Wahaby, gesammelt während seinen Reisen im Morgenland von dem verstorbenen Johann Ludwig Burckhardt“.

Zugegeben, der Buchtitel hat es in sich, von der Länge her, aber insbesondere auch vom Inhalt. Speziell für uns konvertierte Muslime ist die doch recht enorme Divergenz der historischen Schilderungen bezüglich dem Imam Ibn ‚Abd al-Wahhab sehr verwirrend. Anhänger und Feinde seiner Wirkungsgeschichte liefern sich schlimme Wortgefechte und man bekommt das Gefühl, dass nicht immer die Wahrheit mit im Spiel ist. Dass man mit diesem Werk eine Abhandlung in Händen hält, die vom Verfasser nur knapp 22 Jahre nach dem Ableben dieses islamischen Führers niedergeschrieben wurde, macht sie praktisch zu einen Zeitzeugnis dieser bewegten Epoche des Orients.

Jedoch gibt es noch einen weiteren Umstand, der die Schilderungen von Johann Ludwig Burckhardt, zumindest für mich persönlich, als glaubhaft gelten lässt. Denn dieser junge Mann, mit seiner aristokratischen Abstammung, seinem hervorstechendem Intellekt und bewundernswertem Mut, hat in kürzester Zeit nicht nur die arabische Sprache und islamische Religion erlernt, sondern bereiste fast das gesamte Morgenland und machte, für abendländische Verhältnisse, sensationelle Entdeckungen.

Geboren wurde er 1784 in Lausanne, im französischen Teil der Schweiz, von wo er allerdings im zarten Alter von fünf Jahren mit seinen Eltern vor dem Grande Terreur der Französische Revolution flüchten musste. Exil fand er mit seiner Familie in Deutschland, wo er später auch in Göttingen und Leipzig studierte. Aufgrund seiner aristokratischen Herkunft und seines natürlichen Adels, war an eine berufliche Existenz in der alten Heimat, der französisch revolutionierten Schweiz, nicht zu denken, und so entschied er sich, im Alter von nur 22 Jahren, nach England überzusiedeln.

In London soll Johann Ludwig Burckhardt zwei sehr erfolglose und entbehrungsreiche Jahre verbracht haben, bevor er mit einem neuen Ziel der African Association beitrat. Dort ließ er sich nämlich mit der Aufgabe betrauen, im inneren Afrikas den Fluss Niger zu erforschen. Eine heikle und lebensgefährliche Expedition, die schon einige vor ihm mit dem Tode bezahlen mussten.

Knapp drei Jahre bereitete sich Burckhardt an der Universität zu Cambridge auf seine Abenteuer vor. Er erlernte die arabische Sprache, härtete sich körperlich ab und erlangte Grundwissen in den Bereichen Astronomie, Medizin, Chemie und Mineralogie. 1809 machte er sich dann auf den Weg, als Leiter der Expedition, die er ganz allein verwirklichen wollte. Getarnt als indischer Händler namens Sheikh Ibrahim ibn Abdullah machte er sich von Aleppo aus auf den Weg den Orient und Afrika zu erforschen.

Von diesem Moment an, bis zu seinem Ableben im Oktober 1817, machte Johann Ludwig Burckhardt einen großen Wandel durch. Er verfeinerte seine Arabischkenntnisse und verinnerlichte die islamische Glaubenslehre. Auf seinen Wegen durch den Nahen Osten entdeckte er für das Abendland die antike Felsenstadt Petra wieder (die Araber hatten Wissen von ihr, mieden sie aber wegen dem offensichtlichen Götzenkult der dort allgegenwärtig ist) und im Süden Ägyptens den Tempel von Abu Simbel.

burckhardtIrgendwann, während dieser Reisen, nahm er den Islam an und konnte sogar, drei Jahre vor seinem Tode, 1814 noch die große Pilgerfahrt nach Mekka verrichten. Er verfasste insgesamt 350 Bände mit Informationen und Forschungsergebnissen, die er testamentarisch an die Cambridge Universität vermachte. Ebenfalls verfügte er in seinem Testament, dass er nach islamischem Ritus auf einem muslimischen Friedhof begraben werden möchte. Als er am 15. Oktober 1817 in Kairo an den Folgen einer Ruhrerkrankung starb, wurde er dementsprechend auf einem Kairoer Friedhof islamisch bestattet. Noch heute ist sein Grab erhalten und wird sogar häufig von Muslimen und Nichtmuslimen besucht.

Der Text, den ich aus dem oben genannten Buch extrahiert habe, stammt also nicht nur von einem europäischen Abenteurer, sondern letzten Endes von einem Muslim, der in den letzten 8 Jahren seines Lebens wahrscheinlich mehr vom Orient gesehen hat, als jeder von uns in seinem bisherigen und weiteren Leben. Dieser Bericht Ibrahims, so sein islamischer Name, „über die Wahaby“ wird wohl beiden Parteien nicht uneingeschränkt schmecken, weder den Anhängern, noch den Feinden des Ibn ‚Abd al-Wahhab. Ich erhebe allerdings auch nicht den Anspruch, mit diesem Bericht die letztgültige Wahrheit ans Licht gebracht zu haben, es ist eben nur ein weiterer und ggf. neutralerer Blickwinkel auf die Geschichte.

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