Materialien zur Geschichte der Wahaby – 01 – Einleitung (4/4)

Im Herbst 1815 wurden zwei Abgeordnete von dem Oberhaupt der Wahaby in diese Stadt gesendet, und einer derselben war ein vollkommen gelehrter Wahaby. Mohammed Aly Pascha wünschte, dass sie den ersten Gelehrten in Kairo eine Erklärung ihrer Lehrsätze geben möchten, und sie hatten demgemäß wiederholte Zusammenkünfte mit ihnen. Die Wahaby hatten es bei diesem Colloquium[1] am besten, weil sie jeden Satz mit einer Stelle aus dem Koran und dem Hadith, oder der Tradition bewiesen, was sie alles auswendig wussten, und was deshalb als unverletzliche Autorität galt. Die Ulama erklärten, dass sie im Glauben der Wahaby keine Ketzerei finden könnten; und da sie diese Erklärung gewissermaßen gegen sich selbst geben mussten, so ist sie umso weniger verdächtig. Es war auch ein Buch nach Kairo gekommen, welches verschiedene, von Abb el Wahab geschriebene Aufsätze über religiöse Gegenstände enthielt. Viele Ulama hatten es gelesen und erklärten einmütig, dass, wenn die Meinungen der Wahaby von solcher Beschaffenheit wären, sie alle diesem Glauben angehörten.

Da der fanatische Pöbel einer neuen Sekte selten den wahren Sinn des Stifters der Sekte zu erfassen vermag, so trat auch hier der Fall ein, dass der größere Teil der Anhänger des Abd el Wahab solche Dinge der neuen Lehre für Hauptsachen ansah, die nur Nebensachen waren, und dadurch Veranlassung gab, dass die Feinde der Sekte von der angeblichen neuen Religion sehr falsche Vorstellungen sich machten. Nächst dem Kriege, welchen die Wahaby den Heiligen erklärten, war ihr Fanatismus hauptsächlich gegen Kleiderluxus und gegen das Tabakrauchen gerichtet. Die reiche türkische Tracht stimmt wenig mit den Vorschriften der Sunna überein, in welchen Seide, so wie auch Gold und Silber ausdrücklich verboten sind, und nur letzteres in kleiner Quantität erlaubt wird. Die Wahaby betrachten die prächtigen Röcke der türkischen Pilger mit Verachtung; und da sie wissen, dass der Prophet gleich ihnen einen Abbaya getragen und luxuriösen Schmuck verboten hat, so halten sie es für ebenso notwendig, seine Kleidertracht beizubehalten, als seinen moralischen Vorschriften zu folgen. An der Tracht konnte man in Arabien die Wahaby sogleich erkennen. Ein Araber, welcher nicht diesem Glauben beigetreten war, hatte zuverlässig irgendein Stück seiner Kleidung aus Seide: entweder hatte sein Kopftuch einen seidenen Einschlag, oder sein Rock war mit Seide genäht. Was das Tabakrauchen anlangt, so ist es eine ganz bekannte Sache, dass viele türkische Ulama in ihren Schriften dasselbe mehrmals als eine verbotene Gewohnheit erklärt haben. Eine der vier orthodoxen Sekten der Muselmänner, die Malikis, hat es für gehässig erklärt. Eine große Menge Ulama in jedem Teile der Türkei, enthält sich des Tabakrauchens aus religiösen Grundsätzen.

Das Oberhaupt der Wahaby wünschte auch das Rauchen betäubender Pflanzen zu verhindern, was im Morgenlande gebräuchlich, aber direkt gegen den Koran ist, konnte es aber nicht gut verhindern, so lange die Tabakspfeifen noch geduldet wurden. Er musste zugleich die Bemerkung gemacht haben, dass seine Anhänger, indem sie durch Versagung des Tabakrauchens ein so großes Opfer gebracht hatten, natürlich umso bitterere Feinde aller derer werden mussten, welche noch immer diesem Luxus huldigten und ihrem Glauben nicht beigetreten waren.

Dieses Verbot des Tabakrauchens ist eins der Hauptmittel geworden, die Gemüter der Wahaby gegen die Türken zu entflammen: es ist das Losungswort der Proselyten[2], aber unter allen Vorschriften, welche die Reformatoren aufstellen, haben sich die Araber dieser mit dem größten Widerwillen gefügt. Eine andere verbotene Handlung ist das Beten über dem Rosenkranze, was bei den Muselmännern allgemein gewöhnlich, obschon nicht durch ein Gesetz angeordnet ist. Die Wahaby erklärten diese Gewohnheit als nicht zu rechtfertigen und schafften sie ab. Man hat behauptet, dass sie auch das Kaffeetrinken abgeschafft hätten; davon ist aber nicht das Geringste wahr, denn sie haben ihn immer im unmäßigen Grade genossen.

Es steht sehr zu bezweifeln, ob Abd el Wahab, als er Reform zu Derayeh predigte, im Geringsten daran dachte, eine neue Dynastie mit der Regierung über die in Arabien gemachten Proselyten zu gründen. Weder die Stärke seiner eigenen Familie, noch diejenige seiner Verwandten kann ihm zu einem solchen Unternehmen Veranlassung gegeben haben, und der Gedanke daran scheint erst bei Abb el Azyz, dem Sohne Mohammed Ibn Sauds, entstanden zu sein.

Es lässt sich nicht leugnen, dass Abd el Wahab mit seinen neuen Lehrsätzen den Arabern ein segenbringendes Geschenk gemacht habe; auch war die Regierungsform, welche später daraus hervorging, den Interessen und dem Wohlstande der ganzen arabischen Nation nicht nachteilig. Ob die allgemein angenommene Lehre als die orthodoxe zu betrachten, oder ob die Religion der Wahaby die achte Mohammedanische Religion zu nennen sei, ist im Ganzen eine Sache von geringem Belang, aber es war von großer Wichtigkeit, jene ungläubige Gleichgültigkeit zu unterdrücken, die durch ganz Arabien und einen großen Teil der Türkei sich verbreitet hatte und auf die Moral einer Nation eine nachteiligere Wirkung ausübte, als selbst das entschiedene Bekenntnis einer falschen Religion. Das Verdienst der Wahaby besteht deshalb, meiner Meinung nach, nicht bloß darin, dass sie die bestehende Religion reinigten, sondern dass sie die Araber anhielten, pünktlich die positiven Vorschriften einer genannten Religion zu beobachten; denn obschon die Beduinen zu allen Zeiten ehrfurchtsvoll die Gottheit verehrten, so dürften doch die deistischen Grundsätze allein nicht ausreichend sein, einer, so wilden und unfügsamen Nation die praktische Übung der Sittlichkeit und Gerechtigkeit zu lehren.

Der Wunsch, die Araber in den Zustand zurückzuführen, in welchem sie sich zur Zeit des Gründers ihrer Nation befanden, bewog natürlich den Abd el Wahab und seine Nachfolger, auch ihren politischen Zustand zu verändern, sobald sie wahrnahmen, dass sich ihre Proselyten vermehrten. Mohammed, und nach ihm die Khalifen, waren sowohl die geistlichen, als die weltlichen Oberhäupter ihrer Nation, und das Gesetzbuch der Muselmänner spricht auf jeder Seite die Notwendigkeit eines Oberhauptes in religiösen und weltlichen Angelegenheiten aus. Nedschid, welches der Hauptsitz der Macht der Wahaby wurde, war in eine Menge kleiner Gebiete, Städte und Dörfer geteilt, welche voneinander gänzlich unabhängig und beständig im Kriege miteinander begriffen waren. Kein anderes Gesetz, als dasjenige des Stärkeren, galt im offenen Lande, wie in den Mauern der Städte, und persönliche Sicherheit musste immer um den Preis des Eigentums der Individuen erkauft werden. Außerdem verwandelte die wilde Freiheit der benachbarten Beduinenstämme, ihre endlosen Kriege und Raubzüge die Landschaft Nedschid und die umliegende Gegend in einen Schauplatz beständiger Unordnung und Blutvergießens. Nur erst nach vielen harten Kämpfen gelang es dem Abd el Azyz, seine Religion über ganz Nedschid zu verbreiten, und jetzt erst, wo er nicht mehr der Häuptling eines Stammes, sondern einer ganzen Provinz war, ergriff er die oberste Gewalt und assimilierte seine Autorität derjenigen, welche von den ersten Nachfolgern Mohammeds ausgeübt worden war.

Seine Landsleute zu unterjochen, würde ein fruchtloses Unternehmen gewesen sein. Er ließ sie im Genuss ihrer Freiheit, nötigte sie aber, in Frieden zu leben, das Eigentum zu achten und den Bestimmungen des Gesetzes Folge zu leisten.

So wurde denn mit dem Fortschritte der Zeit das Oberhaupt der Wahaby Regent vom größeren Teile Arabiens. Seine Regierung war frei, weil sie sich auf das System eines Beduinenstaates gründete. Er war das Oberhaupt aller Scheikhs der einzelnen Stämme und leitete ihre politischen Angelegenheiten, während alle Araber innerhalb ihrer Stämme völlig unabhängig und in Freiheit blieben, nur jetzt gehalten waren, den strengen Sinn des Gesetzes zu beobachten, und sich Strafen aussetzten, wenn sie dagegen handelten. Sonst erkannte ein Araber kein anderes Gesetz, als seinen eigenen Willen an, und durch das Oberhaupt der Wahaby wurde er gezwungen, den alten muselmännischen Gesetzen gehorsam zu sein. Diese legten ihm auf, Zehnten, oder Tribut an das allgemeine Oberhaupt zu entrichten und immer bereit zu sein, ihn bei jeder Unternehmung gegen Ketzer, ober Ungläubige zu begleiten. Im Falle eines Zwistes unter Nachbarn war es nicht mehr erlaubt, zu den Waffen zu greifen, und ein Tribunal wurde niedergesetzt, was alle dergleichen Streitigkeiten zu entscheiden hatte. Das Hauptstreben der Oberhäupter der Wahaby war deshalb auf Tribut, Militairkonskription[3], inneren Frieden und strenge Verwaltung der Rechtspflege gerichtet. Es war ihnen vollständig gelungen, diese Maßregeln in Ausführung zu bringen, und dieselben schienen festen Grund gewonnen zu haben, als die Anstrengungen Mohammed Alys und sein Geld mehr noch, als die Tapferkeit seiner Truppen die Macht der Wahaby schwächten und sie in den Zustand zurückführten, in welchem sie sich mehrere Jahre vorher befunden hatten. Ich will jetzt mehrere einzelne Umstände erwähnen, welche auf diese interessante Regierung Bezug haben. Sie gründen sich auf die richtigsten Angaben, die ich von vielen gut unterrichteten Personen in Hedschaz zu sammeln Gelegenheit hatte.

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[1] auch: wissenschaftliches Gespräch

[2] Abgeworbene Gläubige aus anderen Konfessionen

[3] auch: Militärdienst

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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