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Ich bin Muslim, der Islam ist perfekt, ich nicht …

von Yahya ibn Rainer

Das ist wirklich ein sehr schöner Spruch, der hier im Netz seine Verbreitung findet.

»Ich bin Muslim, der Islam ist perfekt, ich nicht.
Wenn ich Fehler mache, dann gebt mir die Schuld, nicht dem Islam.«

Leider weiß ich nicht, welchen Urheber diese Weisheit hat, aber mit dem Inhalt kann sich sicherlich jeder Muslim anfreunden. Mich motivierte dieser Sinnspruch zu einer weiterführenden Überlegung.

Es müsste für einen Muslim eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, dass der Islam perfekt (also frei von Mängeln und Fehlern) ist, immerhin kommt er – unserer festen Überzeugung nach – vom Schöpfer, Lenker und Erhalter des gesamten Universums. Doch schadet es nicht, den Muslim von Zeit zu Zeit wieder daran zu erinnern, denn wie wir ja aus dem obigen Sprüchlein wissen, ist der Muslim nicht perfekt, denn er ist fehlbar.

Wenn diese beiden Einsichten klar sind, dann können wir die Substantive Islam und Muslim richtig einordnen. Es fehlt aber noch etwas wichtiges, quasi eine Auslassung im Text, denn der Muslim, wenn er einen Fehler macht, ist nicht allein dadurch entschuldigt, dass er nicht perfekt ist. Zum Muslimsein gehört nämlich noch die Eigenschaft, die eigenen Fehler möglichst einzusehen, zu bereuen und sich zu bemühen sie abzustellen.

Um es kurz zu sagen: Der Muslim ist zwar nicht perfekt, sollte aber nach Perfektion streben. Sein Ideal soll der bestmögliche Zustand sein, mit so wenig Fehlern wie möglich.

Unter dieser Prämisse kann man auch die attributiven Adjektivierungen dieser Substantive betrachten und verstehen. Wenn wir also etwas als »islamisch« bezeichnen, dann statten wir es mit den göttlichen Attributen des Islams aus (perfekt, frei von Mängeln und Fehlern), und bezeichnen wir etwas als »muslimisch«, dann kann es nicht perfekt sein, da es mit den menschlichen Attributen eines Muslims ausgestattet ist, also mit Fehlbarkeit.

Leider zeigt der zeitgenössische Sprachgebrauch, besonders auch unter abendländischen Muslimen, keine solche Unterscheidung. Dabei handelt es sich doch um eine gewaltige Aussage, einen Menschen, eine menschliche Institution oder ein menschliches Machwerk als islamisch zu bezeichnen. Gebietet es nicht die Zurückhaltung und Bescheidenheit, die eigene Person und das eigene Werk mit den menschlichen Attributen des Muslims auszustatten?

Man soll mich nicht falsch verstehen. Das Adjektiv islamisch hat ganz sicher seine Berechtigung, nämlich immer dann, wenn wir ein Ideal umschreiben, welches uns anzustreben empfohlen ist. So sind wir angehalten, dass islamische Gebet zu verrichten, aber unser Gebet, wenn wir es verrichtet haben, ist und bleibt das Gebet eines Muslims, niemals perfekt. Die Tugenden, die Allah – der Hocherhabene – und Sein Gesandter – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – uns auferlegten, sind unzweifelhaft islamische Tugenden, aber im Resultat, wenn wir versuchen sie bestmöglich in der Lebenspraxis umzusetzen, sind sie bestenfalls ein Schatten dessen, was wirklich islamisch ist.

Und aus dieser Perspektive schaue ich auf unsere Sprachpraxis, wenn ich die Machwerke der Muslime betrachte. Wir kennen islamische Vereine, islamische Parteien, islamische Schulen, islamische Kindergärten, islamische Gelehrte und eine islamische Nation. Und wir haben in Deutschland sogar eine Islamische Zeitung und im Nahen Osten einen Islamischen Staat.

Verspürten die Muslime auch in der Vormoderne schon den Drang, ihre fehlbaren Handlungen und Werke als islamisch, also quasi unfehlbar zu bezeichnen? Man vergleiche mal die Literatur der Vormoderne mit der Literatur des heutigen Zeitalters, egal ob im Abend- oder Morgenland. Die Adjektive islamisch, islamic, islamiyya  usw. finden sich, wenn überhaupt, nur ganz selten, während sie heute allgegenwärtig sind.

Wie will man unter diesen sprachlichen Voraussetzungen von einem Unwissenden oder Nichtmuslim verlangen, die obige Weisheit ernst zu nehmen?

Buchauszug: Schmitz du Moulin – Ein großer Kontrast zwischen dem Abend- und Morgenlande (1904)

„Für die Europäer, muss es wohl das Auffallendste, ihnen Unerklärlichste sein, dass unter den Muselmanen weder ein Unterschied der Farbe noch des Ranges, der Klasse, der Stellung irgend einen Unterschied des Gefühles oder gar eine Abneigung unter den Menschen erzeugt. Das steht vollkommen im Gegensatze zu der allgemeinen Erfahrung bei den europäischen Nationen, die dabei aber den Mund so voll nehmen, so viel von Menschenliebe und Freiheit reden. Selbst ein Volk wie die Mänder, die seit Jahrhunderten niedergetreten waren, zeigen, sobald sie, wie in Amerika aufatmen dürfen, einen denkbar fanatischen Rassenhass. […]

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Buchauszug: Leopold Weiss – Ein Muslim muss mit erhobenem Haupt leben

„Um die Wiederherstellung des Islam zu erreichen, müssen sich die Muslime, bevor sie irgendwelche Reformschritte gehen, völlig von der Verteidigungshaltung für ihre Religion befreien. Ein Muslim muss mit erhobenem Haupt leben. Er muss realisieren, dass er verschieden ist und sich von dem Rest der Welt unterscheidet; er muss lernen, auf seinen Unterschied stolz zu sein. Er sollte danach streben, diesen Unterschied als eine kostbare Eigenschaft zu bewahren und diesen der Welt kühn zu verkünden – anstatt sich dafür zu entschuldigen und andere Kulturkreise zu assimilieren.

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Buchauszug: José Ortega y Gasset – Die Einteilung der Gesellschaft in Masse und Elite

Das Dilemma, in dem wir heute stecken, nämlich das sich einfache Leute für Gelehrte und Führer halten und sich anmaßen Urteile und Gesetze zu erlassen, bezieht sich nicht nur auf die Politik, sondern macht auch den zeitgenössischen Muslimen sehr zu schaffen.

Das Buch „La rebelión de las masas“ (1930), des großen spanischen Denkers José Ortega y Gasset, deckt auf grandiose und genialistische Weise die Ursachen dieses sozialen Wandels auf. Jeder Muslim, der dieses Buch aufmerksam liest, kann die Diagnosen Ortega y Gassets fast 1 zu 1 auf die religiösen Wissenschaften beziehen und wie sie zum Spielball unwissender Streithähne geworden sind.

Hier ein Auszug zum Thema „Einteilung der Gesellschaft in Masse und Elite“:

«Die Einteilung der Gesellschaft in Masse und Elite ist […] keine Einteilung nach sozialen, sondern nach menschlichen Kategorien; sie braucht nicht mit der Rangordnung der höheren und niederen Klassen zusammenzufallen. Es ist klar, daß man in den höheren Klassen, wenn sie es gerade geworden sind und solange sie es in Wahrheit sind, mit mehr Wahrscheinlichkeit Menschen findet, welche den „großen Wagen“ erwählt haben, während sich die niederen normalerweise aus undifferenzierten Individuen zusammensetzen werden.

Aber streng genommen gibt es in jeder sozialen Klasse eine echte Masse und eine echte Elite. Wie wir später sehen werden, ist die Vorherrschaft der Masse und des Gewöhnlichen, selbst in den Gruppen von exklusiver Tradition, ein Merkmal unserer Zeit.

So macht sich im geistigen Leben, das seinem innersten Wesen nach spezielle Gaben fordert und voraussetzt, der zunehmende Triumph der unqualifizierten, unqualifizierbaren und durch ihre besondere Anlage gerade nicht qualifizierten Pseudointellektuellen geltend.»

(José Ortega y Gasset, Der Aufstand der Massen, 1930, Seite 10-11)

Wo ist der orthodoxe Muslim politisch zu verorten? Egalitär vs. Elitär

von Yahya ibn Rainer

Ich möchte diesen Artikel mit einer wahren Begebenheit beginnen: Es ist knapp 2 Jahre her, da saß der Vorstand eines Moschee-Vereins im Büro mit einigen Gästen beisammen. Man unterhielt sich gemeinsam und unter ihnen befanden sich auch zwei deutschstämmige Muslime. Irgendwann kam man auf die Jahiliyya, die vorislamische Zeit, zu sprechen. Bei diesem Gespräch stellte sich heraus, dass der eine Deutsche, vor seiner Konversion, ein hoher Funktionär der FAP war, einer ultranationalistischen Partei, die von 1979 bis 1995 existierte, dann jedoch verboten wurde. Der andere deutschstämmige Muslim war in seiner vorislamischen Zeit Mitglied in der DKP, einer kommunistischen Partei.

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