Der Gehorsam gegen den rechtmäßigen Amir ist kein Akt der absoluten Selbstaufgabe.

Der Gehorsam gegen den rechtmäßigen Amir, der uns vom Gesandten Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – höchstpersönlich auferlegt wurde, ist kein Akt der absoluten Selbstaufgabe.

Man muss sich als Bürger unter Islamischer Obrigkeit nicht auf Gedeih und Verderb und ohne jegliche Wahrung der eigenen Interessen dem alleinigen Willen des Imams unterwerfen.

Das Islamische Reich hatte von Anfang an einen föderalen Charakter und war nicht zentralistisch strukturiert wie viele heutige Nationalstaatsgebilde.

Jeder Stamm, der dem Reich freiwillig beitrat oder erobert wurde, ging individuell in Verhandlungen mit dem Propheten/Kalifen ein. In diesen Verhandlungen vertrat der Sheikh die Interessen seines Stammes, die innerhalb des Stammes wiederum unter den Zweigen, Sippen und Familien des Stammes ausgehandelt wurden.

Es gab z.B. christliche Gebiete/Stämme, die von der Jizya befreit wurden. Auch waren die Ansprüche aus dem Bait al-Mal in den Gebieten verschieden hoch angesetzt.

Diese Form der absoluten Unterwerfung und des Stillschweigens, wie sie heute von vielen modernen „Islamisten“ propagiert wird, war nie existent. Die Stämme gingen immer sehr offensiv mit ihren ureigenen Interessen in die Verhandlungen und der Amir war ebenso abhängig von der Zufriedenheit der Stämme, wie sie von ihm.

Eine absolute Unterwerfung wurde stets nur unter das göttliche Gesetz der Scharia gefordert, ansonsten gab es weitesgehende Selbstverwaltung unter der Obhut eines hoheitlichen Gouverneurs.

Natürlich gingen die Stammesfürsten immer mit der Absicht in solche Verhandlungen, ein möglichst hohe Unabhängigkeit und Selbstbestimmung auszuhandeln, und wenn ihnen etwas nicht schmeckte, dann baten sie um Audienz und standen ihren Mann.

Wenn ich mir anschaue, mit welcher Selbstaufgabe sich heute Muslime nach einem Joch unter der absoluten Herrschaft eines Befehlshabers sehnen und jedwede herrschaftliche Willensentscheidung kritiklos mit dem Argument hinnehmen „der Kalif darf das“, dann komme ich nicht umhin den zeitgenössischen Muslimen ihre Tyrannen zu gönnen.

 

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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