Muslime in ernsthaften Glaubenskrisen

von Yahya ibn Rainer

Mich erreichen in letzter Zeit leider vermehrt Berichte und Nachrichten von Muslimen die sich in ernsthaften Glaubenskrisen befinden. Ausgelöst werden diese u.a. durch plötzliche/drastische Imantiefs, hartnäckige Zweifel und auch durch schlechte Erfahrungen im persönlichen Umgang mit äußerlich rechtschaffend wirkenden Glaubensgeschwistern.

Imantiefs gehören zum Glauben eines jeden Muslims. Der Iman steigt und sinkt,  der Muslim merkt das und muss lernen damit umzugehen. Ebenfalls sind Zweifel an allgemein anerkannten und sogar fundamentalen Lehren des Islams keine Seltenheit, auch und speziell bei Gelehrten und Intellektuellen.

Was jedoch besonders schlimm dieser Tage scheint, ist das erbärmliche Benehmen vieler Muslime, die äußerlich die Zeichen einer vorbildlichen muslimischen Lebensführung darbieten.

Egal ob es sich um Muslime in den sozialen Netzwerken handelt, die durch Profilbilder und religiös motivierte Postings einen gewissen Anschein pflegen, oder Geschwister, die möglichst streng und tadellos das äußere Erscheinungsbild gestalten; beide Gattungen bergen heutzutage leider einen erschreckend hohen Anteil an äußerst fragwürdigen Charakterzügen in sich.

Ein häufiger Fehler, den (scheinbar besonders fromme) Muslime hierzulande gern begehen, ist das ständige öffentliche Beschweren über diejenigen Glaubensgeschwister, die anscheinend nicht dermaßen vorbildlich und tadellos den Islam praktizieren können wie sie, und das ruppige Zurechtweisen selbiger.

Meine Erfahrung in den letzten fast 10 Jahren als Muslim ist, dass es speziell für diese „ruppigen Frommen“ eine geradezu existentielle Prüfung wird, wenn der Iman einmal sinkt oder gewisse Zweifel den Verstand herausfordern. Denn den eigenen hohen Anforderungen nicht mehr gerecht zu werden, wegen denen man zuvor zahlreiche Muslime tadelte, ist wie ein zusätzliches schweres Gewicht am Fuß, wenn man hinabsteigt in die Sphären der Schwäche und Zweifel.

Manche können sich noch in die Heuchelei retten, das äußere Bild wahren, aber gerade diese Form der Lebenspraxis ist alles andere als förderlich für eine Wiederzunahme des Glaubens und eine Ausräumung der Zweifel. Vielmehr setzt sich der Wesenszug der Heuchelei im Charakter fest und wird Teil der eigenen Persönlichkeit. Dies merken einige und sehen teilweise keinen anderen Ausweg mehr als die Abtrünnigkeit.

Ich habe so viele Muslime (Revertiten und Konvertiten) kommen und gehen sehen. Die längsten Bärte, die größten Hijaabs, die strengsten Auffassungen … und einige Wochen, Monate oder Jahre später komplett raus aus der Religion.

Fürchtet Allah, meine lieben Geschwister, seid gutmütig zu denen, die sich nicht in der Lage sehen den Islam dermaßen streng auszulegen wie ihr es derzeit könnt, denn nur Allah weiß, ob Er euch mit dem Islam bis zu eurem Lebensende ehren wird, oder ob Er euch von eurem hohen Ross stößt.

Und an diejenigen gerichtet, die gerade ein Glaubenstief plagt oder ein großer Zweifel: Lasst euch nicht von oben herab, von irgendwelchen scheinbar Frommen, die Religion schwer machen. Die Sünde und der Zweifel gehören zur Ummah und Allah ist barmherzig und vergebend.

„Er liebt eine Sünde, die dich vor Ihm demütig werden lässt, mehr als ein Gottesdienst, der dich vor Ihm selbstgefällig werden lässt. Es ist besser für dich, dass du die Nacht schlafend verbringst, und den Morgen bereuend erreichst, als dass du die Nacht betend verbringst, und den Morgen selbstbewundernd erreichst, denn die Taten eines jemanden, der sich selbst bewundert, steigen nicht empor. Es ist besser für dich, dass du lachst, während du [deine Sünden] erkennst, als dass du weinst, während du selbstgefällig bist.

Das Ächzen eines Sünders ist besser als der Gesang eines selbstgefälligen Lobpreisenden. Es mag sein, dass Allah ihn mittels dieser Sünde eine Heilung kosten lässt, mit der eine verheerende Krankheit in ihm geheilt wird, von der du auch heimgesucht bist, ohne es zu wissen.“

— Imam Ibn al Qayyim [Gest. 751 n.d.A] رحمه الله.
(Besten Dank an Bruder Behzad Zibari)

Bitte verliert niemals die Hoffnung.

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

6 Gedanken zu „Muslime in ernsthaften Glaubenskrisen

  1. Passend dazu:

    Einige der Sahaba beschwerten sich über Waswas, wodurch sie belästigt wurden. Daher kamen einige der Gefährten des Gesandten Allahs (Allahs Frieden und Segen seien auf ihm) zum Propheten (Allahs Frieden und Segen seien auf ihm) und sagten zu ihm: „Wir finden bei uns selbst Gedanken, die zu schrecklich sind, um sie auszusprechen.“ Er sagte: „Habt ihr tatsächlich solche Gedanken?“ Sie antworteten: „Ja.“ Er sagte: „Dies ist ein klares Zeichen des Glaubens.“ (Muslim, 132, aus dem Hadith von Abu Huraira)

  2. السلام عليكم

    Gott segne dich für diesen wichtigen und nützlichen Text.

    Ergänzend möchte ich anmerken, dass zwischen dem inneren Zweifel, dem man persönlich zustimmt oder ein Existenzrecht einräumt, und dem Zweifel, der lediglich ein plagender Anflug ist, den man zurückzudrängen bestrebt ist, unterschieden werden muss. Letzterer ist harmlos, gehört zu den sogenannten Einflüsterungen (waswasah) und ist eine normale Prüfung. Der andere macht den Ergebungsstatus (°islâm) ungültig, wenn er sich auf eine der Grundwahrheiten bezieht (z.B. ob der Ehrwürdige Koran von Gott ist).

    والله أعلم

  3. Asalamu w3aleykum

    Es gibt noch einen anderen Hadhit, ich weiss aber leider nicht mehr wo ich den Hadhit gelesen habe.

    Ich erinnere mich aber das es ungefähr um folgendes ging :

    Die Sahaba oder ein Sahabi radi ´Allahu a3nhum, gingen zum Propheten a3leyhi salatu wah salam und sagten Ihm a3leyhi salatu wah salam das die Christen Ihnen gesagt hätten das sie überhaupt kein WasWasah haben ( im Gebet, im Gottesdienst ect.) und Sie wuderten sich deswegen, daraufhin soll unser Prophet Muhammad a3leyhi salatu wah salam sinngemäß geanwortetet haben ´´ Was soll denn der Sheytan l3an´Allahu feeh noch in einem zerstörten Haus einflüstern ? „

    Wäre schön wenn jemand den Hadith posten könnte.

    Jazak Allahu Chairan für den Artikel und an mich und alle anderen
    LA TAQNATU MIN RAHMATILAH und wie meine Mutter immer zu sagen pflegte RAHMAT REBI WASi3A.

  4. As-Salamu Alaykum wa Rrahmetullahi wa Barakatuh,

    Masha Allah Bruder dieser Beitrag hat mich zum nachdenken gebracht JazzakAllahu Khair.

    Ich wollte dir aber noch sagen, dass wir Muslime über unsere Glaubensgeschwister gut denken müssen.

    Jeder Sohn Adams ist ein Sünder, doch der Beste von euch ist Derjenige, der sich Allah reumütig zuwendet.

    ,,Der Mensch ist (ja) schwach erschaffen.“ {4:28}

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