Örtliches Brauchtum als Orientierungspunkt für den eigenen Kleidungsstil

von Yahya ibn Rainer

Themen wie Brauchtum, Sitte, Namensgebung, Ernährung und auch Kleidungsstil, sind besonders für Konvertiten, aber auch für in der Diaspora lebende Muslime ein wichtiges Thema mit teils großen Wissensdefiziten oder Vorurteilen.

Was ist erlaubt, anempfohlen oder sogar eine Pflicht? Und was ist verpönt oder verboten? Muss ich meine Kultur ablegen, mein Brauchtum und meine Sitte, wenn ich Muslim werde? Und inwiefern und inwieweit muss man sich von den Nichtmuslimen unterscheiden, wenn man unter ihnen als religiöse Minderheit lebt?

Bereits im April 2014 publizierte ich zu diesem Thema einen Beitrag mit dem Namen „Arabischer Name, arabisches Essen und arabische Kleidung – Ist das Islam?“; hier auf diesem Blog erschien er unter dem Titel „Ist die Namensänderung bei Islamkonvertiten eine Unsitte?“.

Nun möchte ich noch einige kurze Gelehrtenaussprüche zum Gegenstand kredenzen, die mir freundlicherweise von den Brüdern Behzad Zibari, Ibn Jalil und Taariq ibn Lahsan zur Verfügung gestellt bzw. übersetzt wurden.

Der Hanbali-Gelehrte Imam Mansur Ibn Yunus al Buhuti [Gest. 1015 n.H.] schrieb:

«Es ist verpönt, sich entgegen dem Brauch der Leute eines Landes oder in etwas zu kleiden, worüber sich lustig gemacht wird, da dies eine Art der Zurschaustellung ist.»

Entnommen aus [كشاف القناع عن متن الإقناع]

Der Hanbali-Gelehrte Imam Abu al Wafa‘ Ibn ‚Aqil al Hanbali [Gest. 513 n.H.] schrieb:

«Es ziemt sich nicht, den Bräuchen der Menschen zuwider zu handeln, aus Rücksichtnahme ihnen gegenüber und für die Vereinigung ihrer Herzen, außer hinsichtlich verbotenen Handlungen, deren Umsetzung zu einem Brauch geworden ist […]»

Entnommen aus [مطالب أولي النهى]

Und Imam Ibn Hajar al ‚Asqalani [Gest. 852 n.H.] schrieb:

«Die Rücksichtnahme auf den Kleidungsbrauch einer Zeit gehört zur Ritterlichkeit, solange es sich nicht um etwas Sündhaftes handelt. Das Zuwiderhandeln gegen den Kleidungsbrauch ist eine Art der Zurschaustellung [الشهرة].»

Entnommen aus Fath Al Bari

Imam Ibn Taymiyyah sagte über die Gefährten:

«Als sie die Länder erobert hatten, verzehrte jeder von ihnen die Nahrung seiner Heimat und trug die Kleidung seiner Heimat, ohne jedoch die Nahrung und Kleidung von Medinah zu meinen.»

Entnommen aus [غذاء الألباب في شرح منظومة الآداب]

 und des Weiteren schrieb Imam Ibn Taymiyyah:

«Wenn der Muslim sich in einem Kriegsgebiet befindet oder in einem anderen Land des Unglaubens, das kein Kriegsgebiet ist, wird ihm nicht anbefohlen, sich vom äußerem Erscheinungsbild (der dortigen Bevölkerung) zu unterscheiden, wegen den Nachteilen, die sich daraus ergeben könnten. Vielmehr könnte es [sogar] für eine Person empfohlen oder eine Pflicht sein, sich ihrem äußerlichen Erscheinungsbild anzugleichen, falls darin ein religiöser Vorteil liegt, wie z.B. die Einladung zum Glauben.»

Ein herzlicher Dank - für Übersetzung und Unterstützung - geht raus an die Brüder der avantgardistischen Telegram-Gruppe "Denkfabrik RÖG" (Religion, Ökonomie & Gesellschaft).

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

6 thoughts on “Örtliches Brauchtum als Orientierungspunkt für den eigenen Kleidungsstil

  1. Man sollte anmerken, dass die Awrah bedeckt sein muss.

    So kann man eben nicht hautenge Jeans tragen, nur weil es hierzulande Brauch ist.

    Auch sollte man nicht vergessen: Damals im Mittelalter trug man fast überall auf der Welt eher weite Kleidung. Von Portugal bis nach Japan.

    Heute würden die Gelehrten demnach zurückhaltend sein bei solchen Aussagen.

    Die Kleidung des 21. jhdt. ist somit selbst nach den Maßstäben der Kuffar aller vergangenen Jahrhunderte eine Zumutung.

    Das ist rein ästhetisch gemeint.

    1. Man muss sicherlich unterscheiden zwischen reinem Kleidungsstil (was Stoffart, Schnitt, Muster und Farbgebung angeht) und der Menge an Kleidung mit der man sich kleidet.

      Dass es mittlerweile zum Brauch wird, sich möglichst freizügig zu kleiden, gehört sicherlich nicht zu den nachahmenswerten Kleidungsitten. Ich denke, dass es u.a. genau das ist, was Imam Abu al Wafa‘ Ibn ‚Aqil al Hanbali meinte, als er schrieb:

      «[…] außer hinsichtlich verbotenen Handlungen, deren Umsetzung zu einem Brauch geworden ist […]»

      Der arabische Begriff `Urf (für Brauchtum) teilt sich mit dem Begriff ma’ruf (Gutes) die selbe Wortwurzel. Wir müssten also von einem „guten Brauch“ sprechen, wenn wir ihn in der Rechtslehre als Quelle gebrauchen müssen/wollen.

      Die Zeiten jedoch, in denen sich auch deutsche Frauen noch sittsam kleideten, sind gar nicht allzu lange her, so dass wir durchaus auch auf den etwas älteren Brauch zurückgreifen können, um nicht unnötig fremd zu wirken.

      Was Niqab/Burqa angeht, so hat sich Sheikh Salih al-Maghamsi einmal dazu geäußert. Auch recht aufschlussreich.

      https://www.youtube.com/watch?v=zdxdqMRddrU

    1. Können Sie meinen Kommentar nicht lesen oder wollen Sie ihn nicht. Nicht, dass es einen Unterschied machen würde. Ich habe einen Kommentar hinterlassen, in deutscher Sprache. Ob Sie ihn lesen oder nicht, bleibt Ihnen überlassen.

      Ich hoffe das war genug Beachtung.

  2. Ich denke ich muss mich entschuldigen. Ich hatte nicht gedacht, dass Ihre Antwort mir gegolten hat. Die Reihenfolge hat mich sicher auch irritiert.

    Ansonsten hätte ich auf meine Frage eher eine einfache Antwort erwartet. Wie ein einfaches Ja oder ein einfaches Nein. Und dann halt die Begründung, wenn die Antwort nein gewesen wäre.

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