Auszug: Ibn Khaldun – Einleitende Bemerkungen zur menschlichen Kultur

Der folgende Auszug stammt aus der berühmten Muqaddima, der Einführung in das mehrbändige Geschichtswerk des muslimischen Universalgelehrten Ibn Khaldun (1332-1406). Diese einleitenden Bemerkungen zur menschlichen Kultur lassen jeden Leser aufhorchen, der sich für Soziologie und Volkswirtschaft begeistern kann. Besonders die Kenner von Adam Smith und seiner Darlegung der menschlichen Arbeitsteilung, werden hier überraschende Parallelen vorfinden.

Einleitende Bemerkungen zur menschlichen Kultur im allgemeinen

Zu allererst muß festgestellt werden, daß der menschliche Zusammenschluß notwendig ist. Die Philosophen geben dem mit ihrer Aussage, daß der Mensch von Natur aus gesellschaftlich sei, Ausdruck. Das heißt, daß für ihn der Zusammenschluß, den sie mit dem Terminus <Stadt> umreißen, unumgänglich ist. Das ist auch der Sinn des Wortes ‘umran – menschliche Kultur. Die Erklärung ist darin zu suchen, daß Allah – gepriesen sei er – den Menschen schuf und ihn so gestaltete, daß dieser ohne Lebensmittel nicht leben und existieren kann. Er führte ihn dazu, durch seinen natürlichen Trieb nach diesen Lebensmitteln zu suchen, und stattete ihn mit der Kraft aus, diese zu erlangen. Doch ist die Kraft eines einzelnen Menschen nicht imstande, seinen Bedarf an allem zu decken, und sie reicht für ihn als Lebenssubstanz nicht aus.

Selbst wenn wir eine kleinstmögliche Menge annehmen z. B. Nahrung aus Weizen für einen Tag – so kommt der Mensch nur mit Hilfe vieler Arbeitsgänge, wie Mahlen, Kneten und Backen, zu ihr. Jede dieser drei Tätigkeiten erfordert jedoch Hilfsmittel und Werkzeuge, die nur durch verschiedene Handwerke, wie das des Schmiedes, Tischlers und Töpfers, entstehen können. Angenommen, er äße alles in Form unverarbeiteter Körner, so würde er, um zu diesen zu kommen, anderer, noch zahlreicherer Tätigkeiten bedürfen, nämlich des Säens, Erntens sowie Dreschens, das die Körner von den Spelzen der Ähren trennt. Jede dieser Tätigkeiten erfordert noch um ein Vielfaches mehr als die erstgenannten zahlreiche Werkzeuge und umfangreiche handwerkliche Fertigkeiten. Es ist unmöglich, daß die Kraft eines einzelnen für dies alles oder selbst einen Teil dessen ausreicht. Ein Zusammenschluß der vielen Kräfte seiner Artgenossen ist deshalb unumgänglich, um Nahrung für ihn selbst und für sie zu erlangen. Durch das Zusammenwirken wird dem Bedarf der Menschen nach Lebensmitteln (dabei) um ein Vielfaches mehr Genüge geleistet, als Menschen eigentlich vorhanden sind.

Des Weiteren braucht ein jeglicher auch die Hilfe seiner Artgenossen zur Verteidigung seiner selbst. Als nämlich Allah – gepriesen sei er – die Naturen aller Lebewesen formte und die Kräfte unter ihnen aufteilte, startete er viele wilde Tiere mit vollkommenerer Kraft aus als den Menschen. Die Kraft des Pferdes ist beispielsweise erheblich großer als die des Menschen, ebenso die des Esels und des Stieres. Die Kraft des Löwen und des Elefanten ist sogar um ein Vielfaches größer als seine Kraft. Da Feindschaft bei einem Lebewesen in dessen Natur liegt, versah Allah – gepriesen sei er – jedes von ihnen mit einem Organ, das der Verteidigung seiner selbst gegen Feindseligkeiten durch andere dient. Dem Menschen verlieh er statt all dessen die Fähigkeit zu denken sowie die Hand. Unterstützt vom Denken, bereitet die Hand den menschlichen Fertigkeiten den Weg. Durch die Fertigkeiten gelangt der Mensch zu den Werkzeugen, die ihm das ersetzen, was die Raubtiere zur Verteidigung besitzen. Das sind z. B. Lanzen, die die Hörner zum Stoßen ersetzen, Schwerter anstelle von Krallen, um Wunden beizufügen, Schilde anstelle harter Haut sowie weiteres, das Galen in seinem Buch «De usu partium» erwähnt. Die Kraft des einzelnen Menschen kann nicht der Kraft eines der Tiere, insbesondere der Raubtiere, widerstehen. Er ist unfähig, sich allein gegen sie zu verteidigen. Auch reicht seine Kraft nicht aus, sich all der Werkzeuge zur Verteidigung zu bedienen.

Aus alledem wird es für ihn unumgänglich, daß er und seine Artgenossen sich gegenseitig unterstützen. Ohne dieses Zusammenwirken kommt er nicht zu Nahrung und Lebensmitteln und kann sein Leben sich nicht vollziehen. Denn Allah, der Erhabene, startete ihn mit dem Bedarf nach Lebensmitteln aus. Mangels Waffen kann sich der Mensch auch nicht selbst verteidigen. Er würde so zur Beute wilder Lebewesen werden. Sein Leben fände vorzeitig ein Ende, und die Gattung Mensch würde zu existieren aufhören. Durch das Zusammenwirken erlangt er jedoch für sich Lebensmittel zur Ernährung und Waffen zur Verteidigung. So erfüllt sich die Weisheit Allahs, daß er fortexistiert und daß seine Gattung bewahrt wird.

Folglich ist dieser Zusammenschluß für die menschliche Gattung notwendig. Anderenfalls wäre die Existenz der Menschen und Allahs Wunsch, die Erde durch die Menschen zu besiedeln und sie als seine Stellvertreter zu bestimmen, nicht vollkommen. Das ist der Sinn des Wortes ‘umran – menschliche Kultur, den wir zum Gegenstand dieser Wissenschaft machten. Mit dieser Erörterung soll gewissermaßen der Gegenstand dieser Wissenschaftsdisziplin nachgewiesen werden, die einen solchen wie den geschilderten besitzt. Das ist für den Vertreter einer wissenschaftlichen Disziplin nicht unbedingt verbindlich, da in der Kunst der Logik festgelegt ist, daß es dem Vertreter einer Wissenschaft nicht obliegen muß, den Gegenstand dieser Wissenschaft selbst nachzuweisen. Zum anderen wird dies von den Logikern auch nicht verboten. Der Nachweis des Gegenstandes ist folglich ein freiwilliger Beitrag. Allah gibt in seiner Gnade Erfolg.

Wenn, wie wir erklärt haben, ein solcher Zusammenschluß der Menschen zustande gekommen und durch sie die menschliche Kultur auf der Welt Wirklichkeit geworden ist, so bedürfen sie unbedingt eines zügelnden Elementes, das sie voneinander fernhält, da in ihrer animalischen Natur Feindschaft und Tyrannei liegen. Des Weiteren sind die für die Menschen zur Verteidigung gegen Feindseligkeiten wilder Tiere angefertigten Waffen nicht geeignet, Gegnerschaft untereinander abzuwehren, da diese Waffen bei allen Menschen vorhanden sind. Folglich ist etwas anderes unumgänglich, das die Feindseligkeiten der Menschen untereinander abwehrt. Dies muß von ihnen selbst kommen, da alle anderen Lebewesen in ihrer Verstandeskraft und Eingebung dazu nicht fähig sind. So muß jenes zügelnde Element einer von ihnen sein, der ihnen überlegen ist, Autorität und eine starke Hand besitzt, so daß keiner den anderen angreifen kann. Das ist der Sinn des Wortes mulk – Herrschaft. Für dich wird hierbei offensichtlich, daß sie eine naturgegebene Eigenart des Menschen ist, die für die Menschen unumgänglich ist.

Bei einigen wilden Tieren, so den Bienen und Heuschrecken, soll es, wie die Philosophen berichten, derartiges auch geben, da man bei ihnen Prinzipien wie Herrschaft, Unterwerfung und Folgsamkeit gegenüber einem Führer von ihnen, der sich durch seine Natur und körperliche Beschaffenheit auszeichnet, feststellen konnte. Jedoch kommt das bei nichtmenschlichen Lebewesen durch Instinkt und göttliche Führung, nicht durch die Fähigkeit zum Denken und zweckmäßigen Lenken.

«Er hat einem jeden Ding seine kreatürliche Art gegeben und hierauf rechtgeleitet.»
[Koran 20. 50]

(Ibn Khaldun, Buch der Beispiele – Die Einführung/al-Muqaddima, übersetzt von Mathias Pätzold, Seite 51-54)

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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