Interview: Ein ehemaliger Führungskader berichtet über die deutsche Naziszene und ihre Verbindungen zu Staat und Politik

Al-Adala.de: Assalamu alaykum Abduljabbar*, bitte stell dich mal kurz vor. Was ist deine Herkunft, wie alt bist du, wo lebst du heute und seit wann bist du Muslim?

Abduljabbar*: Wa alaykum Salam Yahya. Gerne. Ich bin 35 Jahre alt, bin „biodeutscher“ Herkunft, lebe im Westen Deutschlands und habe vor etwa 6 Jahren zum Islam gefunden.

Al-Adala.de: Jetzt war dein Weg zum Islam kein typischer, bzw. die Ausgangslage dieses Weges war etwas ungewöhnlich, denn du warst ja in politischen Zusammenhängen organisiert, die eher islamkritisch ausgerichtet sind (um es mal gelinde auszudrücken). Und ich rede hier nicht von PI-News, AfD und Pegida. Erkläre mal bitte in welchem politischen Milieu du unterwegs und wie du organisiert warst.

Abduljabbar*: Kurz gesagt, ich war etwa 11 Jahre meines Lebens in der nationalistischen Bewegung aktiv. Um genauer zu erklären, wie ich in dieser Zeit organisiert war, muss ich wohl etwas weiter ausholen, da es nicht die Nazibewegung als solche gibt. Das nationalistische Spektrum weltweit und vor allem in Deutschland ist enorm breit gefächert und besteht aus den unterschiedlichsten Gruppierungen. Dadurch hab ich natürlich auch innerhalb dieser Bewegung eine persönliche Entwicklung durchlaufen und war in verschiedenen Bereichen aktiv, die jedoch nicht direkt voneinander getrennt waren, sondern meist fließend ineinander übergingen.

Begonnen hat diese Entwicklung eigentlich dadurch, dass ich mich in meiner Jugend den heute kaum noch wahrnehmbaren, damals aber noch recht aktiven Nazi-Skinhead-Kreisen anschloss, mit denen man in der ländlichen Region in der ich aufwuchs, als Jugendlicher automatisch früher oder später in Kontakt kam. Ging es dort in der ersten Zeit hauptsächlich um Besuche von Feiern, Nazikonzerten oder -festivals in allen möglichen Ländern an den Wochenenden, kam für mich im Lauf der Jahre dann doch mehr und mehr der politische Aspekt ins Spiel. Da man durch die Konzerte und Festivals natürlich überall in Europa mit aktiven Nazigruppierungen in Kontakt kam, sank für mich dadurch langsam das Interesse an bloßen Musikveranstaltungen und ich bekam immer engeren Kontakt mit nationalistischen Parteien, bekannteren Einzelpersonen und den sogenannten „Freien Nationalisten“, also nationalistischen Gruppierungen, die sich aus verschiedensten Gründen keiner Partei anschlossen, sondern meist regional aktiv, aber überregional gut vernetzt waren und untereinander eng zusammen gearbeitet haben. So ging ich im Lauf der Zeit immer öfter zu politischen Veranstaltungen, Demonstrationen, Schulungen über den Nationalsozialismus, Rechtsschulungen von nationalistischen Rechtsanwälten und Polizisten, Wehrsportlagern von nationalistischen Soldaten, Seminaren von Holocausleugnern und Revisionisten, besuchte internationale Treffen von nationalsozialistischen Gruppierungen oder Gedenkveranstaltungen von Überlebenden der Waffen-SS.

Dadurch wurde ich natürlich auch ideologisch immer gefestigter und begann im Lauf der Zeit selbst Schulungen zu halten, hab zeitweise innerhalb der NPD mein Geld verdient, irgendwann meine erste freie Kameradschaft gegründet, Flugzettel gedruckt und verteilt, selbst Konzerte organisiert, wodurch wir uns auch zum Teil finanziert haben, hab selbst Demos organisiert, mit Polizeiführungen Gespräche geführt und bin auf verschiedenen Veranstaltungen und Demonstrationen als Redner aufgetreten.

Die von dir angesprochene Islamkritik spielte dabei allerdings noch eine vollkommen untergeordnete Rolle. AfD und Pegida gab es noch nicht, PI-News, Die Freiheit und ähnliches wurden von uns eher als bürgerliche und zionistische Spinner belächelt. Mit dem Islam hat sich damals eigentlich kein Mensch bei uns beschäftigt und wenn, dann eher intellektuellere Einzelpersonen und dann meist in einem eher positiven Kontext. Aber auch da selten detailliert, sondern eher als Randnotiz im Sinne von Palästina-Solidarität, Verkauf von T-Shirts mit Osama Bin Laden-Konterfei, revisionistische Veranstaltungen im Iran, Interviews mit dem tunesichen Krankenpfleger von Rudolf Hess, etc.

Was man natürlich durchaus aktiv als Feindbild wahrgenommen hat, waren die Muslime in Europa an sich. Jedoch nicht speziell deswegen weil sie Muslime waren, sondern weil sie in unseren Augen eben zum einen schlichtweg Mittel zum Zweck für einen Bevölkerungsaustausch und eine langsame Vernichtung der Deutschen waren, zum anderen weil für uns das Benehmen der meisten orientalischen Muslime in Deutschland das genaue Gegenteil jeglicher deutschen Tugend war. Wie gesagt, dabei hat jedoch kein Hahn danach gekräht, ob diese Leute jetzt Muslime waren oder nicht. Ein türkischer Alevite wäre uns genauso verhasst gewesen, wie ein türkischer Muslim, ein syrischer Jeside oder ein syrischer Christ. Es ging darum, dass wir sie als Fremdkörper wahrgenommen haben, nicht darum, ob sie Muslime waren. Dieses Phänomen kam meiner Ansicht nach erst in den letzten Jahren auf.

Al-Adala.de: Wir können davon ausgehen, dass du heute, als Muslim, mit dieser nationalsozialistischen Gesinnung gebrochen hast und deshalb von deinen ehemaligen „Kameraden“ als Verräter betrachtet wirst. Aus diesem Grund haben wir auch deinen Namen geändert und verzichten darauf deinen Wohnort zu nennen. Du erwähnst aber einleitend explizit, dass du im Westen Deutschlands lebst. Gibt es denn einen qualitativen Unterschied zwischen dem Westen und dem Osten Deutschlands was den Organisierungsgrad und die Narrenfreiheit nationalsozialistischer Zusammenschlüsse angeht?

Abduljabbar*: Selbstverständlich habe ich mich bereits Jahre bevor ich zum Islam fand von der nationalistischen Bewegung gelöst. Da gab es auch nicht wie in Büchern den einen Aha-Moment oder ein besonderes Erlebnis, durch das ich irgendwann plötzlich aufgewacht bin. Das war eher eine Entwicklung, die bereits 2-3 Jahre vor meinem endgültigen „Ausstieg“ begann und in der immer wieder Gedanken und einzelne Erlebnisse wie kleine Puzzlestücke dazu geführt haben, dass meine Parallelwelt, in der ich lebte, nach und nach zu bröckeln begann.

Nachdem ich mich irgendwann schließlich endgültig und offiziell vom Nationalsozialismus abwandte, trieb ich ein paar Jahre lang relativ orientierungslos vor mich hin. Man kann sagen, mir fehlte von heute auf morgen ein Lebenssinn, da der Nationalsozialismus viele Jahre meine Religion, meine Lebensordnung war und der Rassismus ein Teil von mir, den ich bereits seit meiner Kindheit beigebracht bekam. Dies wieder zu verlernen, ist eine sehr schwierige und langwierige Entwicklung. Ich erinnere mich, selbst Jahre später, als ich bereits Muslim war und mir damals bereits hundertprozentig sicher war, keinen Funken Rassismus mehr in mir zu tragen, kostete es mich anfänglich tatsächlich noch Überwindung mit einem farbigen Bruder mit den Händen vom gleichen Teller zu essen. Als ich das damals an mir bemerkt hab, war ich selber schockiert, wie tief diese Erziehung noch immer in mir steckte.

In den Jahren danach kam ich seit sehr langer Zeit eigentlich erstmal wieder richtig zum Nachdenken. Und zwar nicht über so banale Dinge, wie Eugenik, vermeintliche „Rassenunterschiede“ oder staatspolitische Fragen, sondern über die tatsächlich wichtigen Dinge wie dem Sinn des Lebens, der Entstehung der Welt oder der Frage nach einem Schöpfer. Dieses intensive Nachdenken, meine grundlegenden Fragen und vor allen Dingen die Selbstreflexion über meine eigenen (Un-)taten und die Schuld, die ich jahrelang auf mich geladen habe, haben mich schlussendlich zum Islam geführt, Alhamdulillah.

Natürlich galt ich nach dem Bekanntwerden meines Ausstiegs als „Volksverräter“. Dies war aber eine Sache, die mir durchaus von Anfang an bewusst war und die auch einer der Gründe war, warum meine Abkehr vom Nationalsozialismus nicht von heute auf morgen, sondern langsam und schrittweise geschah. Die Ächtung und Bedrohung von „Verrätern“ gehört natürlich in diesen Kreisen quasi zum guten Ton. Man muss wirklich begreifen, dass diese Bewegung weniger eine politische Strömung, als vielmehr eine sektenähnliche Scheinreligion ist, in der es natürlich wichtig ist, die eigenen Anhänger davon abzuhalten, ihren eigenen Verstand zu benutzen und aus der Reihe zu tanzen. So gibt es beispielsweise die eigentlich immer gleichen Standardbegründungen, die intern verkündet werden, wenn sich doch mal jemand aus den eigenen Reihen verabschiedet, wie etwa dass der-/diejenige in Wahrheit Jude gewesen wäre (ich glaube vor nichts haben Nazis mehr Angst als vor Juden), welcher die „nationale Bewegung“ infiltrieren und schädigen wollte, dass man für den Verfassungsschutz gearbeitet hätte und aufgeflogen wäre, dass man homosexuell wäre (was übrigens hinter den Kulissen nicht wenige Neonazis sind), Geld veruntreut hätte oder ähnliches.

Auch direkte oder indirekte Bedrohungen sind natürlich üblich, wobei man sagen muss, dass diese Kreise in der Regel nicht sonderlich mutig sind. Zumindest nicht mutig genug, jemandem offen oder gar als einzelner Angreifer Schaden zuzufügen. In der Realität sind dies meist eher hinterhältige Attacken, beispielsweise nachts in der Masse, Sachbeschädigungen, Brandstiftungen, oder dergleichen.

Wie du bemerkt hast, habe ich erwähnt, dass ich aus Westdeutschland stamme und hier auch primär aktiv war. Diese Erwähnung ist für mich unter anderem deswegen wichtig, weil es in der Tat sehr grundlegende Unterschiede zwischen der ost- und westdeutschen Naziszene gibt.

Man muss wissen, dass die ostdeutsche Naziszene ganz anders entstanden ist als die westdeutsche und sich in einem völlig anderen Entwicklungsstadium befindet. Wenn wir uns heute ostdeutsche Nazis ansehen, sehen wir meist die typischen Naziprimaten, wie sie oft in der Presse als Klischeenazis vorgeführt werden (siehe beispielsweise den Pöbel in Chemnitz). Man kann vielleicht sagen, dass sich die ostdeutsche Naziszene heute in etwa auf der Entwicklungsstufe befindet, in welchem sich die westdeutsche in den 80er und 90er Jahren befunden hat. Schaut man sich die Nazis im Osten an, sieht man meist prollige, oft alkoholabhängige, durch Kleidungsstil und Benehmen offen bekennend rassistische Asoziale. In etwa das Pendant zu der Naziskinbewegung Westdeutschlands vor 20 Jahren.

Das liegt unter anderem daran, dass im Nachkriegsdeutschland der unter sowjetischer Besatzung stehende Osten tatsächlich mehr oder weniger gründlich entnazifiziert wurde und rassistische Gruppierungen verfolgt und unterbunden wurden, so dass im Osten die Nazibewegung Anfang der 90er Jahre vollkommen neu aufgebaut werden musste.

In diesem Zusammenhang kann ich beispielsweise eine eingehende Beschäftigung mit der sogenannten NSU-Gruppierung empfehlen oder beispielsweise die Rolle des Massenkinderschänders Tino Brandt, der als Verfassungsschutzmitarbeiter maßgeblich die ostdeutsche Nazibewegung mit aufgebaut hat und für seine Dienste vom deutschen Staat nachweislich über 100.000 Euro „Gehalt“ bezogen hat.

Unter anderem dadurch, dass sie relativ jung ist, hinkt die ostdeutsche Naziszene in ihrer internen Entwicklung der westdeutschen um Jahrzehnte hinterher.

Im Westen Deutschlands gab es im Gegensatz zum Osten eine Entnazifizierung nur in den Schulbüchern, nie aber in der Realität. Im Nachkriegsdeutschland unter westlicher Besatzung waren die „ehemaligen“ Nazis nützlich im Kampf gegen die Kommunisten aus dem Osten. Die Richter des NS-Regimes wurden in der BRD wieder als Richter eingesetzt, die Polizisten als Polizisten, die Soldaten als Soldaten. Bereits in den ersten Nachkriegsjahren wurden massenweise Überzeugungstäter als „Mitläufer“ klassifiziert und konnten dadurch umgehend wieder im Staatsdienst eingesetzt werden, diesmal natürlich als geläuterte Demokraten. So kommt es auch, dass wir hier im Westen unglaublich viele teils offen bekennende Nationalsozialisten als Anwälte oder sogar direkt im Staatsdienst finden, wie etwa den Sänger der Neonaziband „Hassgesang“, welcher in Bayern trotz dem Wissen des Verfassungsschutzes als Richter arbeiten konnte. Besonders skurril finde ich auch die Tatsache, dass die Witwe des NS-Henkers Roland Freisler, unter dessen Vorsitz als Richter 2600 Todesurteile vollzogen wurden und der sowohl die Attentäter des 20. Juli hinrichten ließ, als auch den Mitgliedern der Weißen Rose den Kopf abschlagen ließ, Zeit ihres Lebens von der BRD Witwenrente für die Tätigkeit ihres Mannes erhielt.

Dadurch, dass die Naziszene im westdeutschen Nachkriegsdeutschland mehr oder weniger tun und lassen konnte was sie wollte, teilweise sogar direkt staatlich gefördert und finanziert wurde und NS-Täter als neue Musterdemokraten wichtige Ämter der BRD besetzen konnten, hat sich dieser Filz natürlich in der BRD ganz anders festgesetzt als in der DDR. Die nach außen hin geläuterten Überzeugungstäter von gestern haben ihr 12 Jahre lang eingeimpftes Gedankengut oft genug direkt an ihre Kinder weitergegeben, diese teilweise wieder an ihre Kinder und so sehen wir auch heute noch in den ländlichen Regionen Westdeutschlands ein durch und durch rassistisches Klima. Man hat oft den Eindruck, je südlicher man sich in Deutschland bewegt und je ländlicher es wird, umso hässlicher geht es hinter der Fassade zu. Dies ist vielleicht auch einer der Hauptunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Während in Ostdeutschland die Rassisten für jeden offen erkennbar ihre hässlichen Fratzen zeigen, läuft das im Westen viel mehr im Verborgenen ab.

Nazis sind hier oftmals für niemanden als Nazis erkennbar. Tragen keine Stiefel, T-Shirts mit ekligen Aufschriften und Glatze. Die meisten sehen auf den ersten Blick aus wie jeder von uns, stammen oftmals aus höheren Bildungsschichten und tragen ihren Rassismus nicht offen und plump vor, sondern sehr raffiniert, eloquent und auf vermeintlich rationalen Argumenten aufgebaut.

Die Nazistrukturen haben sich hier einfach ganz anders und viel länger entwickelt. Überzeugte Nazis befinden sich hier viel stärker in der Mitte der Gesellschaft, stehen oftmals direkt im Staatsdienst und verfolgen vor allen Dingen schon seit gut und gern 20 Jahren die Strategie, sich unauffällig in der Gesellschaft zu bewegen und diese von innen heraus zu beeinflussen.

So sind mir persönlich noch diverse nationalsozialistische Zeitsoldaten mit Zugang zu Schusswaffen in Erinnerung, rassistische Polizisten, die uns teilweise über Umwege privat finanziert oder anderweitig unterstützt haben, uns über Ermittlungen vorgewarnt haben, uns interne Akten zukommen ließen oder uns sogar bei Straftaten falsche Alibis verschafften.

Selbst die Polizeiführung großer Städte und persönliche politische Freunde eines westdeutschen Ministerpräsidenten haben uns hinter den Kulissen teilweise dermaßen massiv unterstützt, dass ohne deren persönliche Hilfe diverse nationalistische Veranstaltungen niemals möglich gewesen wären.

Offiziell existieren diese Dinge natürlich nicht. Dieselben, die einem als Nazi privat auf die Schultern klopfen und einen über Umwege unterstützen, präsentieren sich in der Öffentlichkeit oftmals als Musterdemokraten, ja selbst als Nazigegner. Ich denke, wenn man es nicht selbst erlebt hat, kann man sich dies gar nicht vorstellen.
Ab und an kommt dann mal kurz etwas an die Öffentlichkeit, wird dann aber sofort wieder unter den Teppich gekehrt.

Ich denke aber, selbst normale Bürger, die nicht wissen, wie es hinter den Kulissen zugeht, haben inzwischen bemerkt, dass auffällig häufig Ermittler, die in bekannten Nazifällen für Aufklärung sorgen sollten, plötzlich abgesetzt wurden und Zeugen, welche Klarheit über interne Nazistrukturen oder bekannte Mordfälle hätten beschaffen können, spurlos verschwanden, Selbstmord begingen oder völlig unerwartet, noch kurz zuvor kerngesund, verstarben.

Kurz gesagt, ich würde nicht behaupten, dass im Osten der Rassismus stärker vertreten ist als im Westen. Er ist dort schlichtweg leichter auf Anhieb zu erkennen.

Al-Adala.de: Du hast also tatsächlich selbst erlebt bzw. mitbekommen, wie Nazi-Organisationen klammheimlich von Polizeibeamten, anderen Staatsangestellten und bürgerlichen Politikern aktiv informiert und unterstützt wurden?

Abduljabbar*: Ja, mehrfach. Ich hatte beispielsweise einige Jahre eine Kameradschaft geleitet, die auch aus bürgerlichen Kreisen Geldspenden für Flugblätter, Plakate, Aufkleber, etc. erhielt. So eben auch von Polizeibeamten aus meiner Heimatstadt, die mich privat kannten.

Eine Zeit lang war ich auch in der NPD aktiv, in welcher die Zeitung „Deutsche Stimme“ vertrieben wurde. Hierfür konnte man ein Abonnement abschließen, so dass man die Zeitung dann jeden Monat automatisch ins Haus geliefert bekam. Wir hatten damals einige Abonnenten, darunter diverse Polizisten, mit denen wir vereinbart haben, dass wir ihnen die Monatszeitung persönlich vorbei bringen und auch das Geld hierfür persönlich erhielten, da diese nicht wollten, dass das Ganze nachverfolgbar über ihr Konto läuft.

Wir hatten im Bekanntenkreis auch einen Polizisten, der auf unsere Bitte hin im Dienst Abfragen über Mitglieder unserer Organisation machte, die er uns zukommen ließ, so dass wir genau wussten, was über uns vermerkt ist.

Ein paar andere Polizisten waren an den Wochenenden immer in unserer Stammkneipe darten, in welcher dann natürlich auch unsere Musik aufgelegt war. Einmal gab es einen Streit mit einem anderen Kneipenbesucher, der dabei von einem unserer Mitglieder vor der Kneipe sehr übel zugerichtet wurde. Anwohner müssen die Polizei angerufen haben, die mit einem Streifenwagen vorfuhr. Einer der Polizisten, der gerade privat mit uns feiern war, ging sofort zu seinen Kollegen und hat ihnen gesagt, dass sie wieder fahren könnten, da hier nur ein Betrunkener gestürzt wäre.

Bei einer anderen Gelegenheit haben wir eine Kneipe für eine Feier gemietet, aus der dann die ganze Nacht unsere Musik und „Sieg Heil“-Rufe durch die ganze Straße zu hören waren. Irgendwann kam eine Polizeistreife vorbei und hat dem Wirt gesagt, dass wir ein wenig langsamer machen sollten, da sich diverse Anwohner beschwert hätten.

Dinge wie diese waren für uns eigentlich ganz normal und alltäglich. Für uns war ganz klar, dass ein großer Teil normaler Polizisten mit uns sympathisierte, da wir im Prinzip das gemacht haben, was sie gerne gemacht hätten, aber nicht konnten. Aber auch bei anderen Gelegenheiten merkten wir, dass nicht nur gewöhnliche Streifenpolizisten auf unserer Seite sind.

Beispielsweise haben wir damals eng mit dem Polizeipräsidenten unserer Stadt zusammengearbeitet. Vor Konzerten, Veranstaltungen, Demonstrationen, etc. trafen wir uns vorher mit ihm im Polizeirevier auf Kaffee und Kuchen, besprachen was wir genau vorhaben und er organisierte uns den äußeren Rahmen, sorgte dafür dass an antifaschistische Organisationen im Vorfeld falsche Informationen gestreut wurden, hat uns vorab telefonisch auf dem Laufenden gehalten, was von gegnerischer Seite geplant ist und wie er das Problem lösen wird, hat Anfahrtswege für uns frei halten lassen, hat Straßenblockaden von Antifaschisten gewaltsam auflösen lassen und hat uns bei größeren Blockaden sogar Busse organisiert, mit denen wir unter Polizeischutz hineingebracht wurden. Ähnliches konnte ich auch in diversen anderen Städten beobachten.

Ohne diese Unterstützung wären viele unserer Veranstaltungen aufgrund von Gegenprotesten und Blockaden schon von vornherein gescheitert.

Derselbe ehemalige Polizeipräsident unserer Stadt ist heute Polizeipräsident des gesamten Regierungsbezirkes und wurde bei seiner Beförderung im Fernsehen als enger Freund des Ministerpräsidenten vorgestellt.

Al-Adala.de: Sind dir auch Bestrebungen innerhalb der Naziszene bekannt, mit bestimmten muslimischen Organisationen zu kooperieren? Ich persönlich erinnere mich vage an Berichte von Axel Reitz vom KDS (Kampfbund Deutscher Sozialisten), der den Schulterschluss mit türkischen Faschisten suchte und von Kooperationen der NPD mit dem Iranischen Regime und der Hizbut Tahrir. Ist dir darüber hinaus etwas bekannt?

Abduljabbar* : Nun, zu meiner Zeit war dies wie schon eingangs erwähnt, an sich noch nicht wirklich verbreitet. Es gab damals Verbindungen zwischen der NPD und dem Iran, es gab Kontakte zwischen verschiedenen Holocaustleugnern und dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadineschād, man hat den tunesischen Krankenpfleger von Rudolf Hess auf Veranstaltungen präsentiert und Interviews mit ihm geführt, nachdem er erklärte, dass Rudolf Hess im Gefängnis ermordet worden wäre, man hat Osama bin Laden oder Saddam Hussein gefeiert, aber darüber hinaus suchte man keinen wirklichen Kontakt zu Muslimen.

In den letzten Jahren hat sich dies aber scheinbar etwas geändert. Ein deutschsprachiger Prediger, zu dem ich recht guten Kontakt habe, hat mir vor nicht allzu langer Zeit erzählt, dass eine bekannte Neonazigruppierung Kontakt zu ihm aufbauen wollte und ihn zu ihren Veranstaltungen eingeladen hat, da sie eine gemeinsame Basis vermuteten. Natürlich hatte er daran kein Interesse.

Eine andere mir bekannte Neonazigruppierung ist vor einiger Zeit mal auf einer islamischen Veranstaltung aufgetaucht und hat sich unter die Geschwister gemischt, gefilmt und während der Veranstaltung und auch noch längere Zeit danach versucht, persönlichen Kontakt zu einem der Prediger der Veranstaltung aufzubauen und wollte gerne Interviews mit ihm führen.

Was ich persönlich ebenfalls sehr interessant finde, sind die engen Kontakte zwischen deutschen Neonazigruppierungen und Ministern des Assad-Regimes. So sind vor nicht allzu langer Zeit mehrere bekannte Neonazis nach Syrien gereist und haben sich dort mit Politikern getroffen. Daran knüpft nun wohl auch die AfD an, welche ja kürzlich auch recht öffentlichkeitswirksam Syrien bereist hat.

Al-Adala.de: Das war wirklich sehr aufschlussreich. Besten Dank für deine Bereitschaft zu diesem Interview und alles Gute für dich und deine Familie.

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* der Name wurde geändert

Das Interview führte Jens Yahya Ranft

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

3 Gedanken zu „Interview: Ein ehemaliger Führungskader berichtet über die deutsche Naziszene und ihre Verbindungen zu Staat und Politik

  1. As sellamu aleykum!Herzlichen willkommen in der Ummah mein Bruder.Möge Allah euch reichlich belohnen für dieses interview was sehr auffschlus reich und interessante ist.

  2. „Wenn wir uns heute ostdeutsche Nazis ansehen, sehen wir meist die typischen Naziprimaten, wie sie oft in der Presse als Klischeenazis vorgeführt werden (siehe beispielsweise den Pöbel in Chemnitz). … Schaut man sich die Nazis im Osten an, sieht man meist prollige, oft alkoholabhängige, durch Kleidungsstil und Benehmen offen bekennend rassistische Asoziale.“

    Vielen Dank für das Interview und die näheren Einblicke. Mit den Medien ist es ja so eine Sache, da wiegen die Beobachtungen eines Insiders schon schwerer. Befremdend und in mehrfacher Hinsicht bedauerlich, was der zitierte Aussteiger da schildert – für Besagte finden sich dazu an anderer Stelle weiterführende Hinweise:

    … „Letztgenannte [Nazis] im Kontext dieses threads zu erreichen, halte ich jedoch für wahrscheinlich und gehe davon aus, dass blindes Anfeinden nichts ändert. Und sollte auch nur eine/r zum Nachdenken angeregt werden, war es die Zeilen wert. …

    Denn abgesehen von der Belastung des gesellschaftlichen Klimas und der Sozialsysteme ist es doch ein Jammer, wenn begabte (junge) Menschen sich ihrer Perspektive berauben und derart ins Abseits manövrieren, beruflich wie persönlich. Welche Frau wünscht sich einen alkoholabhängigen, „asozialen“ Mann, welches Kind einen solchen Vater? Schade um jeden auch mittelbar Betroffenen! …

    Ein erster Schritt in Richtung Selbsterkenntnis und Resozialisierung könnte darin bestehen, sich der Gnade der späten Geburt bewusst zu werden, denn notorisch entrückt und arbeitsfern hätte man das Dasein im Dritten Reich wohl eher aus der Lagerperspektive erlebt, bestenfalls beim RAD (dienstverpflichtet) den Spaten geschwungen, statt Deutschlands Ansehen zu untergraben.“ …

    http://www.muslim-markt-forum.de/t824f2-Offener-Brief-eines-patriotischen-deutschen-Muslims-an-PEGIDA-12.html#msg4794

    [Sollte der Link unerwünscht sein, kann dieser editiert werden. Die Quelle des Zitats findet bei Bedarf jeder selbst.]

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